DRAGON - Söhne von Atlantis – Atlantisforschung

DRAGON - Söhne von Atlantis

Ein persönlich gehaltener Rückblick auf die erste deutschsprachige Fantasy-Serie

Abb. 1 Das Cover des ersten Hefts der im Fantasy-Fandom mithin legendär gewordenen DRAGON-Serie, mit der die Geschichte der modernen deutschsprachigen Fantasy-Literatur begann
Abb. 1 Das Cover des ersten Hefts der im Fantasy-Fandom mithin legendär gewordenen DRAGON-Serie, mit der die Geschichte der modernen deutschsprachigen Fantasy-Literatur begann

(bb) Mit der von 1973 bis 1975 im Erich Pabel Verlag erschienenen Heftroman-Serie "DRAGON - Söhne von Atlantis" verbindet der Verfasser sehr intensive Jugenderinnerungen. Nicht nur, dass er durch sie schon sehr früh mit Atlantis als literarischem Sujet in Berührung kam; wie auch für viele andere Leser/innen stieß die Lektüre der DRAGON-Hefte für ihn zudem auch die Tür zu einem bis dahin im deutschsprachigen Raum noch fast unbekannten Genre der phantastischen Literatur auf: der Fantasy.

Dazu heißt es bei dragon-fantasy.net: "Die DRAGON-Serie war ein literarisches Experiment, wie es zuvor niemand im deutschen Sprachraum gewagt hatte. Während in den Vereinigten Staaten und in verschiedenen europäischen Ländern der Begriff »Fantasy« sich schon als Bezeichnung für eine Literaturgattung durchgesetzt hatte, kannte man in Mitteleuropa praktisch noch nichts aus dieser Richtung. Die DRAGON-Serie öffnete der Literaturgattung den Zugang zum deutschsprachigen Markt." [1]

Für den Verfasser, der durch die Fernsehserie Raumpatrouille Orion zum Science Fiction Fan geworden und zu dieser Zeit ein eifriger Leser der Perry Rhodan Romanhefte und -Comix war, gestaltete sich der Einstieg in diese neue 'Welt der Phantastik' vor allem aus zwei Gründen recht leicht. Zum einen gehörten zum Autorenteam von DRAGON mehrere seiner Lieblingsautoren aus dem 'Perry Rhodan Universum' - namentlich: Clark Darlton, William Voltz, Ernst Vlcek, Hans Kneifel und H. G. Ewers; zum anderen war das Konzept für die Serie, das der Verlagslektor und Redakteur Günter M. Schelwokat Anfang der 1970er Jahre entwickelte, durchaus auf die Bedürfnisse von Leser/innen aus der Science Fiction-'Gemeinde' zugeschnitten:

Abb. 2 Das Cover des dritten Hefts der DRAGON-Serie, in dem der Untergang des Inselkontinents behandelt wird
Abb. 2 Das Cover des dritten Hefts der DRAGON-Serie, in dem der Untergang des Inselkontinents behandelt wird

Ausgangspunkt ist der irdische Inselkontinent Atlantis, ein galaktisches Handelszentrum, das von vielen verschiedenartigen Sternenvölkern besucht wird. Auf ihr lebt der Titelheld Dragon, ein Sohn des Raumfahrers Alchaymod Dragon und einer Erdenfrau, der in der Metropole Muon als Energiewissenschaftler arbeitet. Das Unheil beginnt, als der Balamiter Cnossos, Angehöriger einer Rasse von Gestaltwandlern aus einen anderen Universum, auf Atlantis erscheint. Um seinen Plan eines massenhaften Exodus seines Volkes von dessen sterbender Heimatwelt auf die Erde in die Tat umzusetzen, bringt er die Verantwortlichen auf Atlantis dazu, eine 'Dimensionsbrücke' zu konstruieren. Dragon schöpft Verdacht, kann aber die Inbetriebnahme des unausgereiften Geräts nicht verhindern, die einen Kataklysmus hervorruft, der Atlantis bis auf eine kleine Restinsel im Norden vernichtet und die Erde verwüstet. "Für die Sternenvölker, die die galaktische Zivilisation bilden, ist die Erde damit abgeschrieben - sie wird im Laufe der nächsten Jahrtausende nicht mehr angeflogen, denn sie gilt als völlig zerstört." [2]

Der "Weltuntergang ist jedoch", wie es von Schelwokat in einem frühen Treatment festgelegt wurde, "nicht allumfassend. Viele Erdbewohner und auch etliche auf der Erde weilende Besucher von den Sternen überleben die Katastrophe, zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen und über alle restlichen Kontinente und pflanzen sich fort. Die Nachkommen der Überlebenden, Menschen und Fremdwesen gleichermaßen, fallen, da sie mit den verfügbaren Mitteln keine technische Zivilisation mehr aufbauen können, schnell in die Primitivität zurück und vergessen ihr stolzes Erbe. Auf dieser in die Primitivität zurückgefallenen Welt sind selbstverständlich jene Menschen, die noch geistige oder technische Fragmente des alten Erbes bewahrt haben und diese zu verwenden wissen, im Vorteil. Sie werden als Priester, Magier oder Weise verehrt und üben teils einen guten, teils einen verderblichen Einfluß auf ihre Mitmenschen aus." [3]

Abb. 3 Das Cover von Heft Nr. 51, in dem der Kurz-Zyklus um 'Neu-Atlantis' begann.
Abb. 3 Das Cover von Heft Nr. 51, in dem der Kurz-Zyklus um 'Neu-Atlantis' begann.

Zu den Überlebenden des Infernos gehört - wie sollte es anders sein - auch Dragon, der rechtzeitig von Atlantis nach Kleinasien fliehen kann und dort die Katastrophe in einer Kälteschlafzelle übersteht. Fast fast zwei Jahrtausende ruht er dort in seiner verschütteten Gruft, bis Bewohner des kleinen Stadtkönigreiches Urgor den Schrein finden und ausgraben. Für den noch immer im Kälteschlaf liegenden Dragon, den sie für einen Gott halten, errichten sie sogar einen Tempel.

Schließlich wird der 'Schlafende Gott' von Amee, einer Tochter des Königs Alac von Urgor, geweckt (seiner späteren Ehefrau und Mutter ihres gemeinsamen Sohnes Atlantor), da ihre Stadt sich einer unheimlichen Bedrohung ausgesetzt sieht. Dahinter steckt kein anderer als der ebenso bösartige wie langlebige Balamiter Cnossos, der den Untergang von Atlantis ebenfalls überlebt hat. Seither versucht der Gestaltwandler, der unter den Menschen dieser barbarischen Ära als »Gott der vielen Namen« bekannt ist, die Herrschaft über die Erde an sich zu reißen: "Der Konflikt dieser zwei Protagonisten bestimmt [längere Zeit; bb] das Geschehen der DRAGON-Serie. In einem fantasievoll geschilderten Kleinasien des fiktiven Jahres 15.000 vor Christi Geburt kämpfen sie in einer barbarischen Welt voller Ungeheuer und kleiner, sich bekriegender Königtümer und Reiche gegeneinander. Bekannte Inseln und Regionen tauchen in altertümlichen »Verkleidungen« auf - aus Kreta wird so beispielsweise die sogenannte Schlangeninsel." [4]

Wirklich faszinierend wurde DRAGON, wie der Verfasser meint, abgesehen von den drei brillanten - vom unvergesslichen William Voltz verfassten - Einstiegsheften, erst nachdem der balamitische Fiesling aus dem Verkehr gezogen war. Die Autoren hatten sich 'warm geschrieben', es gab neue, interessante, bisweilen transdimensionale Schauplätze sowie Charaktere (z.B. Ubali und Danila), und als Fan der Serie fühlte man sich in Dragons prähistorischer Fantasy-Welt inzwischen voll und ganz zuhause, zumal schließlich auch Atlantis - bzw. das, was von der vormaligen Großinsel übrig geblieben war - sowie seine, nun alles andere als liebenswerten, Bewohner wieder eine Rolle spielten. Und dann kam mit Heft 55 (Abb. 4) urplötzlich das 'Aus': In einer kurzen redaktionellen Mitteilung wurde den Leser/innen erklärt, dass DRAGON - Söhne von Atlantis leider nicht fortgesetzt werden könne.

Abb. 4 ...und so sieht das Cover der letzten Ausgabe (Nr. 55) der DRAGON-Hefte aus, in dem die Serie zu einem höchst provisorischen Abschluss gebracht wurde.
Abb. 4 ...und so sieht das Cover der letzten Ausgabe (Nr. 55) der DRAGON-Hefte aus, in dem die Serie zu einem höchst provisorischen Abschluss gebracht wurde.

Jenes sang- und klanglose Absetzen der Serie war damals geradezu ein Schock für den nichts Böses ahnenden Verfasser dieser Besprechung [5], denn gerade der seinerzeitige Handlungsverlauf erschien ihm besonders spannend und gelungen - und welcher pubertierende Jungleser und Fan interessiert sich schon für strategische oder kaufmännische Erwägungen eines Verlags? Genau in diesem Bereich scheint aber das Problem gelegen zu haben, denn die DRAGON-Serie hatte sich nach beachtlichen Anfangsresultaten [6] anscheinend keineswegs zu einem kommerziellen Erfolg gemausert. Woran dies trotz des damals stetig ansteigenden Interesses an Fantasy-Literatur lag, lässst sich nicht genau feststellen.

DRAGON-Mitautor Hubert Straßl alias Hugh Walker erklärte dazu in einem Interview: "... DRAGON hätte etwas mehr Zeit gebraucht, aber es gab vielleicht auch zu viele kleine Zyklen mit Nebenfiguren (Ubali etwa) von oft drei Bänden. Bei vierzehntägiger Erscheinungsweise kamen da [für die Leser/innen; bb] lange Wartezeiten zusammen" [7] Sicherlich hat Hugh Walker recht, wenn er feststellt, dass die Serie sich bei einer längeren Laufzeit besser hätte etablieren können, aber - trotz der aus Sicht der Leser/innen zweifellos undankbaren - vierzehntäglichen Erweinungsweise lag der kommerzielle Fehlschlag wohl kaum an den Mini-Zyklen, in welche die Handlung der Romanhefte untergliedert war. Diese Gliederung war nach Meinung des Verfassers nämlich weitaus eher mit dem suboptimalen Erscheinungs-Turnus vereinbar als ein durchgehender, quälend in die Länge gezogener Handlungsablauf.

Einer der wesentlichen Gründe für das vermeintliche kommerzielle 'Debakel' [8] dürfte vielmehr gewesen sein, dass DRAGON als Science Fantasy (angereichert durch Elemente aus dem Horror-Genre) letztlich weder den Geschmack des durchschnittlichen Science Fiction-Konsumenten traf, noch mit einer im Grundsatz rationalen Weltsicht und lediglich mit einer kleinen Prise 'Übernatürlichem' gewürzt, den Wünschen puristischer Sword and Sorcery Fans oder auch den Liebhabern der epischen High Fantasy gerecht wurde. So sehr 'eingefleischte' DRAGON-Anhänger, wie der Verfasser, ihren kultivierten Atlanter-Helden und seine abenteuerlichen Erlebnisse in einer barbarischen Welt der Vorzeit schätzten, erwies sich die Serie als ein Nischen-Produkt, das sich am wachsenden Markt für Fantasy-Literatur nicht dauerhaft durchsetzen konnte.

Abb. 5 Hier das Cover einer der auch in bibliophiler Hinsicht höchst anspruchsvoll gestalteten Buchausgaben von Dragon aus der im Weltbild-Verlag erschienenen Sammler-Edition
Abb. 5 Hier das Cover einer der auch in bibliophiler Hinsicht höchst anspruchsvoll gestalteten Buchausgaben von Dragon aus der im Weltbild-Verlag erschienenen Sammler-Edition

Jedenfalls blieb dem Verfasser nach dem Auslaufen der Serie zunächst nichts anderes übrig, als sich mit den ab 1974 erschienenen Taschenbüchern der Reihe Terra Fantasy zu trösten, die, wie es bei der Wikipedia heißt, "der Versuch Pabels" war, "den Misserfolg von Dragon – Söhne von Atlantis auf dem Fantasy-Markt zu konterkarieren." [9] Das war zwar nur sehr bedingt ein Ersatz für Dragons schmerzlich vermisste Abenteuer, aber immerhin: Zum einen konnte man im Rahmen dieser Reihe den phänomenalen Magira-Zyklus von DRAGON-Autor Hugh Walker [10] kennen lernen; zum anderen wurden die Leser/innen dort nach und nach mit den Werken vieler herausragender Autorinnen und Autoren der angelsächsischen Fantasy-Literaturszene vertraut gemacht. So zum Beispiel: Robert E. Howard, Andre Norton, Leigh Brackett, Michael Moorcock, John Jakes und Catherine Lucile Moore.

Einige Bände dieser ausgezeichneten Taschenbuchreihe hat der Verfasser noch heute in seiner Bibliothek, aber das Thema 'Fantasy im Heftformat' war für ihn spätestens 1980 erledigt, als der Pabel-Moewig Verlag mit der Herausgabe der DRAGON-Nachfolgeserie "Mythor" begann, deren 'weichgespülter' und - in krassem Gegensatz zu den knallbunten Frontcovers der Hefte - farbloser Titelheld sich bar jeden Charismas durch eine gänzlich uninspirierte 'middle of the road'-Fantasywelt hindurchwurstelte. Dass es diese Serie geschafft hat, auf immerhin 192 veröffentlichte Hefte zu kommen [11], ist aber dennoch kein Wunder: Das ganze Projekt war so konsequent mainstreamorientiert durchgestylt, dass es als 'Massenware' eine weitaus breiter gestreute Zielgruppe von Fantasy-Freunden erreichte als DRAGON. Den Charme und die einzigartige Atmosphäre seines Vorgängers vermochte dieses Retorten-Erzeugnis zu keiner Zeit auch nur annähernd zu erreichen, was die Verlagskaufleute bei Pabel-Moewig allerdings kaum gestört haben dürfte...

Für den Verfasser traten zu dieser Zeit allerdings gänzlich andere Themen in den Vordergrund seiner Interessen, und obwohl er dann und wann noch zur Zerstreuung in einzelnen 'Schätzchen' aus seinem zuvor angesammelten Fundus aus SF- und Fantasy-Romanen schmökerte, kümmerte er sich fast zwei Jahrzente lang im allgemeinen nicht mehr darum, was sich im Bereich der Neuerscheinungen in Sachen phantastische Literatur tat.

Abb. 6 Hubert Straßl alias Hugh Walker, fürsorglicher 'Adoptivvater' von Dragon (Foto: Emmerich Books & Media)
Abb. 6 Hubert Straßl alias Hugh Walker, fürsorglicher 'Adoptivvater' von Dragon (Foto: Emmerich Books & Media)

So bekam er zunächst auch gar nicht mit, dass der Weltbild-Verlag im April 1999 mit der Publikation einer DRAGON Sammler-Edition begonnen hatte. Spiritus rector dieses Projekts, mit dem eine neue Generation von Leser/innen die Chance erhielt, die erste deutsche Fantasy-Serie auch 'aus erster Hand' kennen und schätzen zu lernen, war Hugh Walker. (Abb. 6) Walker - es ist wohl keine unziemliche Übertreibung, ihn als Großmeister der deutschsprachigen Fantasy zu bezeichnen - hatte diese, auch in bibliophiler Hinsicht ausgesprochen anspruchsvoll gestaltete Edition, bei welcher jeweils der Inhalt von drei Heften in einem Buch zusammengefasst wurde, nicht einfach als 'Aufguss' der Originalserie vorgestellt, sondern u.a. auch konzeptionell umgestaltet.

Dazu schrieb er im Vorwort zum ersten Band dieser Edition: "Wir haben [...] beschlossen, in dieser Buchausgabe die Serie so zu präsentieren, wie sie ursprünglich geplant war, und die drei Romane, die in den 70er Jahren den Beginn der Heftserie markierten, erst in Band 7 zu veröffentlichen. Griff nach Atlantis, Meister der Dimensionen und Untergang von Atlantis werden als Erinnerungen in die laufende Geschichte eingefügt. In diesem Band sind die Romane »Der Schrein des schlafenden Gottes«, »Maratha - Die Seherin« und »König der Vampire« - alle von Hans Kneifel - zusammengefaßt." [12]

Der Verfasser findet Hugh Walkers konzeptionellen 'Spagat' zwischen Werktreue in Hinsicht auf das Ur-Konzept der Serie einerseits und andererseits deren publizierter Originalfassung im Grundsatz nachvollziehbar und im Ergebnis zwar unnötig, aber durchaus akzeptabel. Allerdings erachtet er Walkers Begründung für diese Umgestaltung keineswegs als wirklich stichaltig und zwingend. Dieser erklärte nämlich zum Problem der Spannungen oder Verwerfungen bezüglich SF und Fantasy in der Entwicklungsgeschichte der Serie:

Abb. 7 SF-Elemente, z.B. Relikte der atlantischen Hochtechnologie, wie in Heft Nr. 28, "Der Götterwagen", gehörten zum Konzept der 'ersten deutschen Fantasy-Serie'
Abb. 7 SF-Elemente, z.B. Relikte der atlantischen Hochtechnologie, wie in Heft Nr. 28, "Der Götterwagen", gehörten zum Konzept der 'ersten deutschen Fantasy-Serie'

"Vielleicht wäre der Kontrast - hier klare SF, danach schlagartiges Eintauchen in die mystisch-magische Fantasy - ganz reizvoll gewesen, aber das Treatment enthielt die folgende unglückliche Anweisung: >Der 2000-Jahre-Sprung zurück ins technisierte und zivilisierte Atlantis bedeutet natürlich eine Romananlage, die eher SF- als Fantasy-orientiert ist. Dennoch hat der Autor es in der Hand, das SF-Element zu überspielen, indem er technische Schilderungen oder Erklärungen so gut wie gar nicht bringt, sondern sein Augenmerk verstärkt auf phantastisch anmutende Aktionen oder Geschehnisse richtet und nur das an technischen Elementen einbaut, das der Leser zum Verständnis unbedingt benötigt.<

Das Ergebnis von Willi Voltz’ Bemühungen, ein rustikales Raumfahrer-Atlantis, war weder für SF-Leser noch für Fantasy-Leser besonders verdaulich. Schlimmer noch, mit dieser SF-Vorgabe im Kopf fiel es den Autoren oft schwer, den Helden glaubhaft in jenem mystisch-magischen Rahmen zu schildern und den für die Fantasy so notwendigen Sense of Wonder zu schaffen, diese Atmosphäre des Märchenhaften, Geheimnisvollen." [13]

Hugh Walker, damals immerhin ein ausgewiesener Repräsentant 'reiner' Fantasy-Literatur, irrte hier nach Ansicht des Verfassers gleich in mehrerer Hinsicht: Zum einen war die DRAGON-Serie von Anfang an als Science Fantasy, also als Mischform zweier Subgenres der phantastischen Literatur angelegt, die viele 'Puristen' beider Lager wohl als grundsätzlich inkompatibel betrachten, während Freunde der Science Fantasy dies naturgemäß völlig anders sehen.

Zwar ist kaum anzunehmen, dass es Günter M. Schelwokats Absicht war, diese ganz spezielle Mischform phantastischer Literatur nach Deutschland zu 'verpflanzen', aber wenn man sich den Entstehungsprozess, die Gegebenheiten und Umstände von Genese und Entwicklung der Serie (Verlagsstrategie, Autoren, damalige Leser/innen-Gemeinde der utopischen Heftromane und TBs von Pabel / Moewig usw.) betrachtet, dann konnte DRAGON hinsichtlich all dieser Faktoren gar nichts anderes werden als Science Fantasy.

Abb. 8 Das Cover des 2001 im Moewig verlag erschienenen 'Nachzügler'-Romans zur Dragon Serie, der von Hugh Walker verfasst wurde
Abb. 8 Das Cover des 2001 im Moewig verlag erschienenen 'Nachzügler'-Romans zur Dragon Serie, der von Hugh Walker verfasst wurde

Dass die "Romananlage" dabei ganz unzweifelhaft "eher SF- als Fantasy-orientiert" war, dürfte es den Autoren - die ja mit Aushahme von Hugh Walker allesamt im Bereich der Science Fiction beheimatet waren - eher erleichtert als erschwert haben, sich einen individuellen Zugang zu diesem, für sie neuen Genre zu erarbeiten. Aus Sicht von Lesern wie dem Verfasser war das Ergebnis jedenfalls alles andere als "schwer verdaulich", sondern sogar höchst bekömmlich, und keinesfalls kam bei ihm der Eindruck auf, dass sich die Autoren (nach der bei solchen Projekten üblichen Eingewöhnungsphase) schwer damit taten, ein glaubhaftes und stimmungsvolles Gesamtbild zu erzeugen. Zudem mag es Hugh Walkers - und einem unter Fans weit verbreiteten - Verständnis von Fantasy entsprechen, besagter 'Sense of Wonder' habe sich in dieser Literaturgattung zwangsläufig aus einer "mystisch-magischen" Grundtendenz zu ergeben, aber zumindest für die Science Fantasy gilt dies keineswegs.

Als Leser hatte man jedenfalls durchaus den Eindruck, dass sich die Autoren mit gehörigem Enthusiasmus in dieses Experiment stürzten und sich durch die Tatsache, dass sie - was den deutschsprachigen Raum betrifft - in Sachen Fantasy als 'literarische Pfadfinder' agierten, keineswegs beeindruckt oder gar durch Schelwokats Vorgaben 'gehandicapt' fühlten. Leider können wir die meisten von ihnen heute nicht mehr dazu befragen, aber zumindest Hans Kneifel hat einen kurzen Hinweis darauf hinterlassen, was die (meisten?) DRAGON-Autoren damals empfanden: "Wir alle bewegten uns, wenn auch mit großer Begeisterung, auf literarischem Neuland [...] Irgendwie wurde es uns damals überhaupt nicht bewusst, dass wir im deutschsprachigen Raum und im Heftbereich den ersten Meilenstein setzten." [14]

Wäre es nach dem Verfasser - und vermutlich auch nach anderen, vom literarischen Modell Science Fantasy begeisterten, 'Dragonianern der ersten Generation' - gegangen, so hätte eine derartige Überarbeitung des Materials der Serie für die DRAGON Sammler-Edition gar nicht sein müssen. Diesbezüglich erscheint es zudem durchaus bemerkenswert, ja geradezu paradox, dass Hugh Walker, der bei dieser Gelegenheit auch einen neuen Abschluss für das Epos entwickelte, sich dabei selber wieder zur Science Fiction hin bewegte [15], was ihm dann offenbar von Fantasy-Puristen angekreidet wurde. [16] Alles in allem muss man jedoch feststellen, dass Walker einmal mehr ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, indem er DRAGON erfolgreich 'aus der Versenkung' holte und dauerhaft im Buchandel etablierte.

(Abb. 9) Das Frontcover der leider niemals als gedrucktes Buch erschienenen Ausgabe von Hugh Walkers bis dato letztem Dragon-Band "Das Geistermeer von Oros"
(Abb. 9) Das Frontcover der leider niemals als gedrucktes Buch erschienenen Ausgabe von Hugh Walkers bis dato letztem Dragon-Band "Das Geistermeer von Oros"

Aufgrund dieses Erfolges des Dragon-Revivals im Buchformat kamen die Dragon-Fans der ersten und zweiten Generation im Jahr 2001 sogar in den Genuss neuer Stories der eigentlich nach wie vor unvollendeten Geschichte des letzten Überlebenden von Atlantis. Zu verdanken war auch dies wieder Hugh Walker, der damals für die Buchreihe Moewig Fantastic zwei weitere Dragon-Romane verfasste. Leider erschien nur einer davon, "Krieger des Namenlosen" [17] in einer Print-Ausgabe. Der zweite 'Nachzügler'-Band von Hugh Walker mit dem Titel "Das Geistermeer von Oros" [18], der "die Geschichte vor allem deshalb" abrundet, "weil Dragon auf die Welt seines alten Widersachers Cnossos kommt" [19], erschien dann, da die Reihe "wegen Verkaufs der Verlagssparte im Oktober 2001 plötzlich eingestellt" wurde, leider 'nur' noch als eBook. [20] Es gehört übrigens zu den Kuriositäten des Online-Buchhandels, dass dieses nie als Hardcover publizierte Werk noch heute im Web als "Gebundene Ausgabe" zum Kauf angeboten wird.

Ob die Geschichte Dragons damit wirklich schon 'endgültig' fertig geschrieben ist, wagt der Verfasser zu bezweifeln - und dabei lässt er sich als bekennender Fan keineswegs nur vom 'Prinzip Hoffnung' leiten. DRAGON - Söhne von Atlantis ist immerhin unter Freunden der Fantasy-Literatur eine Legende, und auch wenn angesichts der heutigen Verhältnisse auf dem Büchermarkt (und dem für Romanhefte) wohl kaum davon auszugehen ist, dass es eine Fortführung seiner Abenteuer 'in Serie' geben wird, erscheint es ihm keineswegs ausgeschlossen, dass auch in Zukunft weitere Einzelveröffentlichungen aus dem 'Dragon-Universum' erscheinen.

Durchaus denkbar wäre z.B. - sofern der Verlag mitspielt - eine Fan-Publikation im Sinne eines 'Tribute to Dragon' als Anthologie mit Kurzgeschichten von Profi-Autoren und talentierten Amateuren, die ihr Faible für diese Serie vereint. Als eBook ließe sich so etwas ja ohne größeren Kostenaufwand realisieren. Womöglich mag sich sogar Hugh Walker als 'Geburtshelfer' eines solchen Projekts betätigen. DRAGON war zwar ursprünglich nicht sein 'Baby', aber er hat sich im Lauf der Zeit als derart liebevoller und fürsorglicher, ja geradezu hingebungsvoller 'Adoptiv-Vater' des zeitlosen Atlanter-Sprößlings erwiesen, dass ihm der Verfasser so etwas ohne weiteres zutrauen möchte.



Anmerkungen und Quellen

Vorwiegend verwendetes Material:

Fußnoten:

  1. Quelle: o.A., "DRAGON - Die Söhne von Atlantis (Hintergrund)", bei: dragon-fantasy.net (abgerufen: 20. März 2015)
  2. Quelle: ebd.
  3. Quelle: Günter M. Schelwokat; zit. nach: o.A., "DRAGON - Die Söhne von Atlantis (Hintergrund)", bei: dragon-fantasy.net
  4. Quelle: o.A., "DRAGON - Die Söhne von Atlantis (Hintergrund)", bei: dragon-fantasy.net
  5. Anmerkung: 'Getoppt' wurde dieses unschöne Erlebnis für ihn übrigens im selben Jahr (1975) durch die noch abruptere - ebenfalls mitten in einem Handlungszyklus und zudem ohne jede Mitteilung (!) an die treuen Leser/innen und Fans erfolgte - Einstellung der Serie "Perry - Unser Mann im All", die seit Ende der 1960er Jahre sein absolutes Lieblings-Comic war.
  6. Anmerkung: Hans Kneifel bemerkte jedenfalls in einer Rückschau: "Diese erste deutsche Fantasy-Heftreihe hatte schon nach wenigen Nummern den gewünschten Erfolg" (Quelle)
  7. Quelle: Quelle: Hugh Walker, in Online Zauberspiegel, unter: ... Hugh Walker über Dragon, Mythor, Magira und Terra Fantasy (abgerufen: 21. März 2015)
  8. Anmerkung: Die Annahme eines 'Scheiterns am Markt' oder eines völligen kommerziellen Fehlschlags von DRAGON ist mit einiger Vorsicht zu betrachten. In einem Artikel von Hugh Walker mit dem Titel "Dragon –Erinnerungen und was sonst noch übrig ist" (in: Hans Kneifel und Roman Sander, "Dragons Welt", Weltbild Verlag ohne Jahresangabe) - in welchem er übrigens auch bemerkte: "Meines Erachtens hängt es nur bedingt mit dem Inhalt zusammen, dass die Serie es dann doch nur bis Band 55 geschafft hat..." - stellte der 'DRAGON-Veteran' zu dieser Frage fest: "Wir haben nie erfahren, welche roten, oder nicht genug schwarzen Zahlen die Verlagsleitung veranlassten, Dragon im April so abrupt einzustellen". (Quelle)
  9. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter "Hubert Straßl", Abschnitt: Terra Fantasy
  10. Anmerkung: Hugh Walker war auch der Herausgeber der TB-Reihe Terra Fantasy.
  11. Anmerkung: Eine weitere, von Hubert Haensel verfasste Mythor-Story mit dem Titel "Nykerien erwacht" erschien nach Absetzung der Serie extern in der Ausgabe Nr. 37 des Magira-Jahrbuchs beim Ersten Deutschen Fantasy Club (EDFC).
  12. Quelle: Hugh Walker, Vorwort zu »Der Schrein des schlafenden Gottes«; zit. nach: dragon-fantasy.net
  13. Quelle: ebd.
  14. Quelle: Hans Kneifel, nach: nico, "Rückkehr nach Atlantis (Inhalt und Rezension), bei Grimoires.de
  15. Er selber notierte dazu im Vorwort der Buchausgabe von "Rückkehr nach Atlantis": "Der Science-Fiction Rahmen der Serie ist einfach nicht wegzuleugnen und hat, nachträglich betrachtet, durchaus seinen Reiz. Da dies nun einmal vorgegeben ist, ist man an eine gewisse Logik gebunden..." (Quelle)
  16. Siehe z.B.: nico, "Rückkehr nach Atlantis (Inhalt und Rezension), bei: Grimoires.de
  17. Siehe: Hugh Walker, "DRAGON: Krieger des Namenlosen", Moewig Verlag (Reihe Moewig Fantastic, Band 5), 2001, ISBN 3-8118-7510-8
  18. Siehe: Hugh Walker, "DRAGON: Das Geistermeer von Oros", Moewig Verlag (Reihe Moewig Fantastic, Band 8) als eBook, November 2001
  19. Quelle: Hugh Walker, in Online Zauberspiegel, unter: ... Hugh Walker über Dragon, Mythor, Magira und Terra Fantasy
  20. Quelle: Perrypedia, unter: Moewig Fantastic

Bild-Quellen:

1-4) Romanhefte-Info - Informationen über deutschsprachige Romanhefte und Romanheftserien, unter: Dragon - Söhne von Atlantis (Bild-Bearbeitungen durch Atlantisforschung.de)
5) Weltbild-Verlag / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
6) Emmerich Books & Media, unter: Hugh Walker aka Hubert Straßl (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
7) Romanhefte-Info - Informationen über deutschsprachige Romanhefte und Romanheftserien, unter: Dragon - Söhne von Atlantis (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
8) Pabel Moewig Verlag / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
9) ebd.