Der Koka-Strauch – Atlantisforschung

Der Koka-Strauch

Erythroxylum coca Lam. und E. novogranatense (D. Morris) Hieron. - Zur präkolumbischen interkontinentalen Verbreitung cocainhaltiger Substanzen

von Dominique Görlitz


Inhaltsverzeichnis

Botanische Systematik des Koka-Strauches

  • Rosidae, Malpighiales, Erythroxylaceae (Rotholzgewächse)


Formen und Unterarten

Gegenwärtig sind etwa 300 Arten dieser Gattung bekannt. Davon haben nur zwei Arten für die Gewinnung genussgeeigneter Kokablätter eine wirtschaftliche Bedeutung. Das sind die neuweltlichen Spezies Erythroxylum coca und Erythroxylum novogranatense. Die am weitesten verbreitete Art ist Erythroxylum coca (Abb. 1), von der es zwei Varietäten gibt:

  • Erythroxylum coca var. coca: beheimatet in den feuchten Bergregionen von Ecuador bis Bolivien; bevorzugt auf Höhenlagen zwischen 500 und 1.500 m
  • Erythroxylum coca var. ipadu: ansässig im Regenwald des Amazonasbeckens

Die Art Erythroxylum novogranatense besiedelt die trockenheißen Gebiete des nördlicheren Süd­amerikas sowie der nördlichen Küsten Perus und kommt bis ins südliche Mittelamerika vor (Rätsch 2004, 242ff).


Biologie

Abb. 1 Erythroxylum coca
Abb. 1 Erythroxylum coca

Der Gattungsname Erythroxylum bezieht sich auf das charakteristisch rotfarbene Holz und die rote Rinde dieser Gewächse. Der ursprüngliche Name Koka geht auf das Aymara-Wort "Khoka" zurück, das in der Sprache dieses altamerikanischen Indianerstammes einfach "Baum" bedeutet. Rätsch (2004, 242) schlägt vor, die Pflanze als Koka-Pflanze zu bezeichnen und mit „k“ zu schreiben. Wenn es aber um die als Droge benutzten Blätter und nicht um die Pflanze geht, befürwortet er, die alte Schreibweise mit „c“, also Coca, zu benutzen.

Die Arten der Gattung Erythroxylum sind überwiegend dichtbuschige, schlanke Bäume oder ausgebreitete Sträucher bis zu fünf Meter Höhe (Schulz 1907, 2). Die kultivierten Arten sind Sträucher von ein bis zu drei Metern Höhe und bilden Cocain nur in größeren Mengen, wenn man sie regelmäßig aberntet und nicht völlig auswachsen lässt (Rätsch 2004, 244).

Die Blätter sind eiförmig-zugespitzt bis lanzettförmig und von dunkelgrüner Farbe. Ihre charakteristischen Nerven verbinden sich zum Blattrand hin. Kennzeichnend sind die Schuppen­blätter an der Basis junger Zweige, deren Farbe und Gestalt für die großdisjunkten Vorkommen von Bedeutung sind (Schulz 1907, 12). Nach Rätsch (2004, 244f) kann man den echten Koka-Strauch leicht mit den anderen Arten der Gattung verwechseln. Am sichersten ist die botanische Bestimmung durch das Kauen der getrockneten Blätter mit einer alkalischen Substanz. Wird die Mundschleimhaut betäubt, kann es sich nur um eine der beiden cocainhaltigen Arten oder ihrer Varietäten handeln. Ein guter Koka-Strauch liefert jährlich bei drei Ernten bis zu 300 g frische Blätter, was einer Menge von ca. 130 g Trockengewicht entspricht. Die Blüten sind unscheinbar, zwittrig und weiß-cremefarben. Die Staubblätter sind am Grunde miteinander verwachsen. Sie werden durch Insekten bestäubt. Nach der Befruchtung entwickeln sich einsamige, länglich-eiförmige Steinfrüchte, die vornehmlich durch Vögel ausgebreitet werden. Sie sind für die Vögel ungiftig, weil sie die Kerne unverdaut wieder ausscheiden (Schulz 1907, 10).

Die Hauptalkaloide der beiden neuweltlichen Kultur- und Schamanenpflanzen Erythroxylum coca und E. novogranatense sind das Cocain und Cuscohygrin. Sie gehören in die Gruppe der Tropanal- und Ecgoninalkaloide, und gehen auf die beiden Aminosäuren Prolin und Ornithin zurück. Auch Acetat ist bei der Bildung beteiligt. Ihre evolutionsbiologische Funktion liegt im Schutz der Pflanzen gegen Fraßfeinde. Viele Vertreter der Gattung enthalten noch eine Reihe weiterer Alkaloide und Inhaltstoffe (Rätsch 2004, 244f).


Natürliche Verbreitung

Die Erythroxylaceae bilden eine pantropische Familie, bei denen die zahlreichen Arten der Gattung Erythroxylum alle vier Erdteile bevölkern. Aus der rezenten Verbreitung kann abgeleitet werden, dass sich mit dem Amazonasbecken und Madagaskar zwei große Radiationszentren herausgebildet haben. Beide Gebiete zeigen in der Ausgestaltung der Arten manche Analogien. Dennoch lässt sich eine Abhängigkeit von beiden nicht nachweisen (Schulz 1907, 11f; Rätsch 2004, 242f).

In der Neuen Welt befinden sich die meisten Arten, die ausschließlich Pflanzen mit gestreiften und fimbriaten Stipeln zeigen. Besonders auffällig sind hier auch die großkelchigen Arten vertreten. Eigentümlicherweise besitzen die Festländer der Alten Welt nur eine geringe Anzahl von Arten. Die wenigen Arten des tropischen Afrikas stehen zu denen Amerikas in keiner Beziehung, sondern sind eher mit denen Madagaskars oder Asiens verwandt (Schulz 1907, 11f). Damit stellen die Vertreter der Gattung Erythroxylum ein gutes Beispiel für eine großdisjunkte, südhemisphärische Ausbreitung von Amerika über Afrika, Madagaskar, Südostasien bis einschließlich Australien dar (Vgl. Abb. 4), die vermutlich auf geologische Prozesse im Zuge der Platten­tektonik zurückzuführen ist (Potratz 1985).


Domestikation, Nutzung und anthropogene Ausbreitung

Die Nutzung und Kultivierung des Koka-Strauches hat eine sehr alte Geschichte auf dem amerikanischen Kontinent. Die Pflanze wird von Beginn an von den andinen Völkern sehr vielseitig genutzt. Im trockenen Tiefland von Peru fand man in zahlreichen präkolumbischen Gräbern Reste von Kokablättern, Kalk und mit dem Cocagebrauch assoziierte Gegenstände, die auf ein Alter von mindestens 5.000 Jahren datiert wurden (Hastorf 1987; Martin 1969). Im Hochland der Anden sind archäologische Funde extrem selten, was vor allem am schlechten Erhaltungszustand des botanischen Materials und den stümperhaften Ausgrabungsmethoden der vergangenen Jahrzehnte liegt (Rätsch 2004, 242).

Coca hat in vielen präkolumbischen Kulturen eine äußerst wichtige Funktion als ökonomisches Handelsgut, Medizin, Aphrodisiakum, Heilmittel und rituelles Rauschmittel. Die andinen Zivilisationen wären ohne Coca nicht denkbar (Mortimer 1974, 429). In den letzten Jahren wurden vor allem von der Regierung in Bolivien unter dem Präsidenten Evo Morales enorme Anstrengungen unternommen, um eine internationale Legalisierung der Coca-Produktion zu erreichen. Allerdings setzte sich in den Diskussionen immer wieder die „moralische Dichotomie“ des „guten Coca“ und des „bösen Cocains“ durch (Cabieses 1985; Henman 1990). Eigene Erfahrung mit den bolivianischen Behörden offenbaren immer wieder Schwierigkeiten im seriösen Umgang mit der Coca-Frage, weil man sich allzu schnell auf die imageschädigenden Diskussionen über die Coca-Nutzung, vor allem im altertümlichen Ägypten, einlässt. Dabei besteht vor allem die Befürchtung, dass bereits die frühen Kulturen außerhalb der Neuen Welt den berauschenden Wirkungen der Droge Cocain verfallen waren (persönliche Kontakte und Verhandlungen mit bolivianischen Behörden beim Bau der ABORA III 2005).

Als die Spanier Peru eroberten, erregte der Koka-Strauch sofort die Aufmerksamkeit der Konquistadoren. Alle Schriftsteller, die sich mit der Geschichte dieser Länder befassten, berichteten von den wunderbaren Wirkungen dieses Gewächses. Clusius (1605), der ein in spanischer Sprache verfasstes Werk des Arztes Nikolaus Monardes aus Sevilla als erster ins Lateinische übertrug (Simplicium Medicamentorum Historia), machte die Koka-Pflanze erstmals in Mitteleuropa bekannt. In seinem Werk „Exoticorum libri decem“ wird berichtet, „dass die Indianer die an der Sonne getrockneten Coca-Blätter vom frühen Morgen bis zum Abend fortwährend im Munde kauen, ohne dieselben zu verzehren. Dies geschieht teils aus Genusssucht, teils aber auch, um Hunger und Durst zu unterdrücken und um die gewaltigen Anstrengungen, namentlich auf Reisen, zu bestehen. Damit sich die trockenen Blätter nicht schnell zwischen den Zähnen zerreiben, werden sie mit ungelöschtem Kalk, der aus Canchylien-Schalen gewonnen wird, und etwas Asche gemischt und in Form von Kügelchen in den Mund gebracht“ (Schulz 1907, 14f).

Die Coca-Blätter dienen großen Teilen der süd- und mittelamerikanischen Bevölkerung bis heute als tägliches narkotisches Genussmittel. Das ist auch auf die Tatsache zurückzu­führen, dass die Blätter neben Cocain einen relativ hohen Nährwert besitzen (pro 100 g = 305 cal). Die spanischen Eroberer versuchten, die Coca-Nutzung unter den Einheimischen zu unterbinden. Jedoch entfielen die stimulierenden Wirkungen des beim Kauen der Coca-Blätter freigesetzten Cocains und infolge dessen sank auch die Arbeitsleistung der Indianer. Deshalb haben die spanischen Eroberer das Coca-Kauen wieder erlaubt. Die Indianer kauen Coca-Blätter bis heute.

Obwohl sich die Coca-Pflanze als Droge in Europa spät durchsetzte, finden wir die erste Erwähnung sehr früh bei Amerigo Vespucci im Jahre 1499. Die ersten Pflanzen erreichten Europa um 1569. Im Jahr 1859 hat der deutsche Chemiker Albert Niemann aus den Blättern das Alkaloid Cocain isoliert (Rätsch 2004, 243). Am Ende des 19. Jahrhunderts begann man, in Amerika und England auch die Blätter zu rauchen. Diese Coca-Blätter nannte man „Peruanischen Tabak“ (Lindequist 1993, 90). Der Anbau des Koka-Strauches verbreitete sich in viele Teile der Welt, wie z.B. auf die Seychellen, nach Ostafrika und Indien (Potratz 1985).

Es wurde somit angenommen, dass das Alkaloid Cocain erst nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus Ausbreitung und Anwendung fand. Umso rätselhafter war die Entdeckung von Cocainkonzentrationen in altägyptischen Mumien, in denen man bereits Tabak und dessen Hauptalkaloid Nikotin nachweisen konnte (Balabanova et al. 1997). [1]


Die Cocain-Kontroverse

Der Fakt, dass man in ägyptischen Mumien auch Cocain gefunden hatte, liefert einen weiteren Hinweis für einen möglichen transozeanischen Kulturpflanzenaustausch. Die Entdeckung macht das ganze Problem noch viel komplexer: „Das Vorkommen von Tabak im Alten Ägypten könnte man ja noch mit einheimischen, bisher unbekannten Tabakarten zu erklären versuchen, doch bei Cocain ist das nicht möglich“ (Collins 2005, 132).

Bei Untersuchungen der Mumie von Henut Taui im Jahr 1992 wurde das Alkaloid Cocain nachgewiesen. Es wurden Haarproben von Henut Taui entnommen, wobei sich herausstellte, dass die Proben auch Nikotin enthielten (Balabanova et al. 1992). Beide Alkaloide (Nikotin und Cocain) weisen in die Neue Welt. Als Cocainquellen kommen nach dem heutigen Stand des Wissens nur die beiden neuweltlichen Pflanzen Erythroxylum coca und Erythroxylum novogranatense in Betracht. Jedoch gab die Entdeckung mehrerer Tropanalalkaloide in der südostafrikanischen Art Erythroxylum zambesiacum N. Robson Anlass zu Spekulationen über eine mögliche cocainhaltige Pflanze in Südafrika. Diese Art kommt im Sambesi-Becken sowie im südöstlichen Afrika vor. Sie ist mit der westafrikanischen Art E. manii verwandt und gehört in die Sektion Melanocladus (Schulz 1907, 12f; Yahia et al. 1987). Es sind dort keinerlei Hinweise für eine lokale Nutzung der Art überliefert. Auch die Literatur erwähnt keine Anwendung der Borke oder Blätter durch die einheimische Bevölkerung im südlichen Afrika (Yahia et al. 1987).

Vergleichbar zu Nicotiana africana stellt sich damit die Frage, ob Erythroxylum zambesiacum als Quelle einer möglichen Cocainkontamination in ägyptischen Mumien anzusehen ist.


Der Chemismus der Erythroxylum-Arten liefert neue Erkenntnisse

Wie das Studium der großdisjunkten Verbreitung der Gattung zeigt, besitzen nur zwei von den mehr als 300 Erythroxylum-Arten die Fähigkeit, Cocain in physiologisch hohen Konzentrationen zu produzieren (Rätsch 2004, 242ff). Sie kommen ausschließlich in einer begrenzten Region der Neuen Welt vor und haben mit denen des tropischen Afrikas und Madagaskars keine nähere Verwandtschaft. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich, dass sich die Cocain produzierenden Arten erst nach der Abtrennung Afrikas aus den neuweltlichen Stammarten herausdifferenziert haben. Das ist ein typisches Phänomen in der Vegetationsgeographie und wird als Vikarianz bezeichnet (Fukarek et al. 2000, 21). Es beschreibt diese Syntheseleistung als das Ergebnis lokaler Weiterentwicklungen innerhalb der Sektion Archerythroxylum. Das jegliche Fehlen von Cocain bei allen anderen Erythroxylum-Taxa sowohl in Afrika als auch in Madagaskar, Asien und Australien (Yahia et al. 1987) unterstreicht, dass sich die Fähigkeit zur Cocainsynthese vermutlich erst nach der Trennung der Landbrücken zwischen Südamerika und der Antarktis entwickelte.

Die Feldstudien von Plowman & Rivier (1983) dokumentieren, dass die aus den höheren Anden stammenden Coca-Pflanzen innerhalb der Varietät Erythroxylum coca var. coca eine höhere Cocainproduktion aufweisen als die Vertreter der Subspezies Erythroxylum coca var. idapu, die in niederen Regionen des Amazonasbeckens vorkommen. Die gemessenen Konzentrationen belegen die Standortunterschiede: Die die Höhenlagen der Anden bewohnende Unterart E. coca var. coca besitzt 0,23 bis 0,96 mg Cocain (Mittel 0,63 mg) auf 100 g Trockenmasse und die das niedere Amazonasbecken besiedelnde Varietät E. coca var. idapu weist nur 0,11 bis 0,41 mg Cocain (Mittel 0,25 mg) auf 100 g Trockenmasse auf.

Bereits Schulz (1907, 13) erwähnt, dass es im Amazonasbecken noch einige andere Arten mit deutlich geringeren Cocainkonzentrationen gibt. In der Studie von Plowman & Rivier (1983) wurde Cocain in den Blättern von 13 der 29 untersuchten Wildarten in der Neotropis nachgewiesen. Die Konzentrationen lagen zwischen 0,0003 bis 0,3 mg pro 100 g Trockenmasse. Im Vergleich dazu weisen die kultivierten Arten E. coca var. coca Konzentration zwischen 0,23 bis 0,96 mg und E. novogranatense var. truxillense zwischen 0,42 bis 1,02 mg pro 100 g Trockenmasse auf.

Keinerlei Cocainspuren wurden in den beiden ausgewählten Arten der Paläotropis gemessen (Plowman & Rivier 1983). Auch Evans (1981) berichtet mit großer Überzeugung, dass die altweltlichen Arten dieser Gattung keinerlei Cocain enthalten. Jedoch besitzen eine gewisse Anzahl altweltlicher Erythroxylum-Arten Cocain verwandte Tropanalalkaloide (Evans 1981; Hegnauer 1981). Cinnamoylcocain wurde in Erythroxylum monogynum Roxb. nachgewiesen, die ihren Verbreitungsschwerpunkt im südlichen Indien und auf Sri Lanka besitzt (Chopra & Ghosh 1938).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt ein Forscherteam der University of Nottingham bei der Untersuchung des Chemismus südafrikanischer Erythroxylum-Arten. Sie hat gezeigt, dass in der afrikanischen Art Erythroxylum zambesiacum die größte Anzahl verschiedener Alkaloide vorhanden ist. Generell ähnelt die Alkaloidmischung der von Erythroxylum monogynum (Sektion Sethia, Südindien). Jedoch ist die Bandbreite der Alkaloide und Inhaltsstoffe von Erythroxylum zambesiacum wesentlich umfassender, insbesondere in der Präsenz von Nor-Tropanalalkaloiden sowie in dem Vorhandensein von organischen und phenylacetischen Säuren. Man entdeckte sogar ein völlig neues Nor-Tropanal, das als 3-(3,4,5-trimethoxybenzoyloxy)­nortropan identifiziert worden ist. Es konnte jedoch auch in dieser Studie kein Cocain in den altweltlichen Taxa nachgewiesen werden (Yahia et al. 1987).

Die Proben der Alkaloidstudie durch Yahia et al. (1987) repräsentieren sieben der von Schulz (1907) ausgewiesenen Sektionen der Gattung Erythroxylum. Sie decken die prinzipiellen geographischen Verbreitungsareale auf der Welt ab. Die Verbreitungsmuster der Säuren sind ein besonderer Hinweis auf die vier Sektionen, die vom südöstlichen Afrika abstammen und dort zu einer Diversifikation der Gattung führten. Die Verteilungsmuster und das Vorhandensein von TmbA (3,4,5-trimethoxybenzoic acid), TmcA (3,4,5-trimethoxycinnamic acid), organischen Säuren und benzolischen Säuren innerhalb der Paläotropis unterscheiden sich klar von den Vertretern der Neotropis.

Insbesondere die neuweltliche Art Erythroxylum coca als Vertreter der Sektion Archerythroxylum weist nach Yahia et al. (1987) keinerlei Ester oder Säuren in der Wurzelborke auf. Die Studie über die Alkaloide von Erythroxylum zambesiacum liefert damit keine Hinweise auf eine nähere Verwandtschaft im Chemismus beider Sektionen. Gleiches gilt für die australische Art Erythroxylum australe F. Muell. (Sektion Coelocarpus). Diese chemischen Untersuchungen bestätigen damit nicht nur die morphologischen Beo­bachtungen von Schulz (1907), dass die wenigen Arten des tropischen Afrikas keine näheren verwandtschaftlichen Beziehungen mit denen Amerikas haben, sondern bekräftigen auch die Hypothese, dass die Cocainsynthese der andinen Arten das Resultat eines Vikarianzprozesses ist.

Wie schon am Beispiel der Nicotiana-Arten durch völkerkundliche Betrachtungen herausgearbeitet [2], ist die Entdeckung einer hypothetischen, cocainhaltigen Pflanze im südlichen Afrika höchst unwahrscheinlich, um den Ursprung des Cocains im Alten Ägypten zu erklären. Alle Erythroxylum-Arten in Afrika wurden nie kultiviert. Sie fallen der selben kulturellen Bedeutungs­losigkeit zum Opfer, wie es den wilden Verwandten in Südamerika ergeht. Nur die beiden cocainhaltigen, kultivierten Arten in der Neuen Welt wurden von den Ureinwohnern in Pflege genommen und danach durch den Menschen über große Gebiete innerhalb Amerikas ausgebreitet. Diese Schlussfolgerung hat eine große Bedeutung für die Beurteilung einer möglichen transatlantischen Einfuhr des Cocains für die Mumifizierung im frühen Ägypten. Afrikanisten und Völkerkundler stimmen überein, dass die Coca-Pflanzen oder deren Alkaloide erst in der Neuzeit mit den Europäern Einzug ins südliche Afrika genommen haben (Cremer 2007; Rätsch 2004).

Die Untersuchungen zum Chemismus der Erythroxylum-Arten lassen gegenwärtig den Schluss zu, dass sich der Besatz an verwandten Tropanalalkaloiden sowie organischen Säuren innerhalb der Erythroxylum-Taxa als systematisches Merkmal anwenden lässt (Plowman & Rivier 1983; Yahia et al. 1987). Sie bestätigen die morphologischen und physiologischen Unterschiede der Erythroxylum-Arten der Neo- und Paläotropis (Schulz 1907, 10ff). Cocain ist ein spezieller Vertreter der Tropanalalkaloide, der nur in Amerika und nicht in Afrika vorkommt. „Es mag zunächst unglaublich klingen, doch die einzig realistische Erklärung für das Vorhandensein von Cocain in ägyptischen Mumien scheint zu sein, dass zwischen der ägyptischen Welt und Amerika Handelsbeziehungen existierten“ (Collins 2005, 133). [3]


Literaturverzeichnis

Balabanova, S. et al.: First identification of drugs in Egyptian mummies. Naturwissenschaften 79:358, 1992

Cabieses, F.: Ethnologische Betrachtungen über die Coca-Pflanze und das Kokain. Curare, Sonderband (Ethnobotanik), 3/85, 1985, S. 193-208

Chopra, R.N. & Ghosh, N.N.: Chemische und Pharmakologische Untersuchung der Blätter von Erythroxylum monogynum Roxb., Archiv der Pharmazie 276:340-343, 1938

Collins, A.: Neue Beweise für Atlantis - In Kuba und in Mittelamerika verweisen spektakuläre Funde auf eine globale prähistorische Kultur, Scherz Verlag, Bern, München, Wien, 2005

Cremer, W.: Tabak und Schamanismus bei den Indianern in Südamerika, Baum Publications, Idstein/Ts., 2007

Evans, W.C.: The comparative phytochemistry of the genus Erythroxylum. Journal of Ethopharmacology 3:265-278, 1981

Hastorf, C.A., Archaeological Evidence of Coca (Erythroxylum coca, Erythroxylaceae) in the Upper Mantaro Valley, Peru. Economic Botany 41:292-301, 1987

Hegnauer, R.: Chemotaxonomy of Erythroxylaceae (including some ethnobotanical notes on old world species), Journal of Ethnopharmacology, 3:279-292, 1981

Henman, A.R.: Coca and Cocaine: Their Role in "Traditional Cultures in South America", The Journal of Drug Issues, 20:577--588, 1990

Lindequist, U.: Erythroxylum. In: Bruchhausen, F. von: Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd.5, Springer, Berlin, 1993

Martin, R.T.: The Role of Coca in the History, Religion and Medicine South American Indians. Economic Botany 23:422-438, 1969

Mortimer, W.G.: History of Coca: "The Divine Plant" of the Incas. Fritz Hugh Ludow Memorial Library Edition. San Francisco, 1974 (Reprint von 1901)

Plowman, T. & Rivier, L.: Cocaine and Cinnamoylcocaine Content of Erythroxylum Species. Annals of Botany 51:641-659, 1983

Potratz, E.: Zur Botanik der Coca-Pflanze. Curare, Sonderband (Ethnobotanik), 3/85:161-176

Rätsch, C.: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen-Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendung. AT Verlag, Aaarau, 2004

Schulz, O.E.: Erythroxylaceae. Band 29. In: Engler A. (Ed.), Das Pflanzenreich, Engelmann, Leipzig, 1907

Yahia, M. et al.: Alkaloids of Erythroxylum zambesiacum ROOT-BARK: Phytochemistry 26:2385-2389, 1987


Annmerkungen und Quellen


Dieser Beitrag von Dr. Dominique Görlitz © wurde seiner in Buchform veröffentlichten Dissertation "Prähistorische Ausbreitungsmechanismen transatlantisch verbreiteter Kulturpflanzen" entnommen, die in 1. Auflage am 18.07. 2012 bei Druckmedienzentrum Gotha erschienen ist (Hardcover, Format 29,7 x 21,0 cm, 116 Seiten, reichhaltig illustratriert). ISBN 978-3-93918-246-7; Preis: € 29,80- zuzügl. € 2,50- Versandkosten (innerhalb Deutschlands). Bestellung beim Autor Die redaktionell bearbeitete (u.a. mit neuem Untertitel versehene) Veröffentlichung des Auszugs (2.1.5 Der Koka-Strauch – Erythroxylum coca Lam. und E. novogranatense [D. Morris] Hieron, S. 56-59) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Einzelverweise:

  1. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de einführend auch: "Das Koks der Pharaonen - oder: was Forensik mit Atlantisforschung zu tun hat" (bb). Siehe weiterführend zudem: Dr. Svetlana Balabanova, Detection of Nicotine and Cocaine in ancient human remains from different locations out of America and an archaeological period spans a range from 9000 BC to 700 AD., bei: Migration & Diffusion
  2. (Red. Anmerkung) Siehe: Dominique Görlitz, "Prähistorische Ausbreitungsmechanismen transatlantisch verbreiteter Kulturpflanzen", Gotha, 2012, S. 43-56
  3. Red. Anmerkung: Vergl. dazu und zu Dr. Görlitz´ aktuellen Aktivitäten auch: Faszinierende Sonderausstellung im Verkehrsmuseum Dresden (red)


Bild-Quelle

(1) File:Erythroxylum coca 002.JPG, bei: Wikimedia Commons