Die Fugger vom Reh als Titularkönige von Atlantis

Aus Atlantisforschung
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von Markus Fugger von dem Rech

Abb. 1 Die Atlantis mag untergegangen sein, aber seit 1499 existiert wieder - zumindest nominell - ein Herrschergeschlecht von 'Titularkönigen' jenes legendären Insel-Reiches.

Die meisten Menschen, die sich mit dem Thema „Atlantis“ befassen, wissen, dass es sich bei der von dem Philosophen Platon beschriebenen Insel um ein Königreich gehandelt hat. Die Reihe der Könige begann laut Platon mit dem sagenhaften König Atlas. Eher weniger bekannt dürfte indes sein, dass es auch in heutiger Zeit noch einen König von Atlantis gibt. Da Atlantis als Landmasse und Staatsgebilde aber nicht (mehr) existiert, lautet die korrekte Bezeichnung für den heutigen König „Titularkönig“. Das heißt, dass es zwar formell einen König gibt, dieser aber sein Amt nicht ausführen kann, da ihm schlichtweg sein Königreich fehlt.

Warum aber gibt es noch heute einen (Titular-) König von Atlantis und um wen handelt es sich dabei? Die Antwort liegt im ausgehenden Mittelalter. Am Ende des 15. Jahrhunderts betritt eine Familie die Weltbühne der Geschichte, die an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit ein Stück Weltwirtschaftsgeschichte schreiben sollte: die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger. Zunächst waren die Fugger in Handwerksberufen, meist als Weber, tätig. Ein gewisser Andreas Fugger, im Jahre 1394 oder 1395, das genaue Datum lässt sich nicht mehr ermitteln, geboren, war der erste Vertreter der Familie, der offiziell Kaufmann wurde und mit seinen Verkaufs- und Handelsaktivitäten so erfolgreich war, dass er schon bald „Andreas der Reiche“ genannt wurde. Die Wahl seiner Ehefrau fiel entsprechend aus: mit Barbara Stammler vom Ast heiratete er eine reiche Patriziertochter. Neben einigen Töchtern hatte das Paar auch vier Söhne: Jakob, Lukas, Matthäus und Johannes (Hans). Neben diesem älteren Stamm der Augsburger Fuggerfamilie gab es auch noch einen zweiten Stamm, der vom jüngeren Bruder Andreas des Reichen, Jakob, begründet wurde. Dieser sollte später eines der größten Wirtschafts- und Finanzgenies der Weltgeschichte hervorbringen: Jakob Fugger den Reichen.

Abb. 2 Das 1462 von Kaiser Friedrich III. verliehene Wappen der "Fugger vom Reh"

Zunächst aber war es der Stamm des Andreas, der durch geschäftlichen Erfolg beeindruckte und dessen Mitglieder zu hohem Ansehen gelangten. Als die vier Söhne des Andreas schließlich Stoffe für die Kleider des Kaisers lieferten und somit quasi kaiserliche Hoflieferanten wurden, drückte sich die herausragende Stellung der Familie auch für alle sichtbar aus. Im Jahre 1462 verlieh Kaiser Friedrich III. den vier Söhnen des Andreas ein Familienwappen. (Abb. 2) Es zeigt ein goldenes, springendes Reh auf blauem Grunde und so hieß der ältere Familienstamm fortan „Fugger vom Reh“. Bereits zehn Jahre zuvor hatte man sich geschäftlich von dem jüngeren Stamm, der übrigens im Jahre 1473 ein Wappen mit einer Lilie verliehen bekam und seitdem „Fugger von der Lilie“ heißt, getrennt.

Speziell der zweitälteste Sohn Lukas tat sich besonders als erfolgreicher Kauf- und Handelsmann hervor. Bald übernahm er die Führung des inzwischen gut florierenden Familienunternehmens und zog einen beinahe weltumspannenden Handel, vorwiegend mit Stoffen und Gewürzen, auf. Er avancierte zum Kreditgeber des Kaiserhauses und anderer hochgestellter Persönlichkeiten und besaß ein ungeheures Vermögen. Vermutlich waren es diese gigantischen Dimensionen und die Blendung durch den Glanz des eigenen Erfolges, die Lukas unvorsichtig werden ließen. Kurz vor der Wende zum 16. Jahrhundert trat der Deutsche König und Erzherzog Maximilian (Abb. 3), der Sohn Kaiser Friedrichs III., an Lukas Fugger mit der Bitte um einen Kredit heran. Die Kreditsumme entsprach beinahe dem gesamten Unternehmensvermögen der „Fugger vom Reh“. Als Pfand bot Maximilian die Stadt Löwen im heutigen Belgien an, deren Bürger für die Kreditsumme gradestehen sollten. Lukas Fugger verlor im entscheidenden Moment die Übersicht. Obwohl das Geschäft hochriskant war und ein Scheitern zwangsläufig zum Ende des Familienunternehmens führen musste, ging er auf den Handel ein.

Er war beeindruckt, vom Kaiser eine ganze Stadt als Sicherheit zu bekommen und „Eigner von Löwen“ zu sein. Die Gefahr zu scheitern und damit den gesamten Familienverband der „Fugger vom Reh“ ins Verderben zu reißen, sah Lukas nicht und wollte sie wohl auch nicht sehen. Es kam, wie es kommen musste, Maximilian blieb Lukas Fugger das Geld schuldig. Für Lukas war in Wien nichts zu holen, Maximilian verwies den unglücklichen Kaufmann, für den nun alles auf dem Spiel stand, an die Stadt Löwen. Die stolzen Einwohner der Stadt zeigten sich allerdings nicht bereit, für die Schulden des fernen Kaiserhauses einzustehen und nahmen es auch in Kauf, dass Maximilian im Jahre 1499 auf Drängen des Lukas Fugger die Reichsacht über Löwen verhängte.

Abb. 3 Der spätere Kaiser Maximilian I. ließ dem unglücklichen Lukas Fugger die zweifelhafte Ehre zuteil werden, ihn und seine Nachkommen zu 'Titularkönigen von Atlantis' zu ernennen, statt seine Schulden bei ihm zu begleichen.

Dies bedeutete vor allem, dass die Stadt Löwen nicht mehr unter dem militärischen Schutz des Habsburgerherrschers stand, im Falle eines Angriffs auf sich selber gestellt war und sich gegebenenfalls andere Verbündete hätte suchen müssen. Davon ließ sich die Stadt jedoch kaum beeindrucken. Lukas Fugger, der „Eigner von Löwen“ stand am Ende ohne alles da. Schon traten Familienmitglieder, die um ihre finanziellen Anteile fürchteten, an Lukas heran und zogen das letzte Kapital aus dem Familienunternehmen. Aus einem der erfolgreichsten Kaufleute seiner Zeit war mit einem Schlage ein gebrochener Mann geworden. Lukas Fugger und mit ihm der gesamte Familienverband der „Fugger vom Reh“ gingen bankrott.

Zum Schluss war es Jakob Fugger der Reiche aus dem jüngeren Stamm der Augsburger Kaufmannssippe, der seinem gescheiterten Vetter die letzten Ländereien abkaufte und damit Lukas vor der völligen Verarmung bewahrte. Die „Fugger von der Lilie“ begannen nun ihrerseits den Aufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht und wurden bis in die Ränge von Grafen und Fürsten erhoben. Die Mitglieder des jüngeren Fuggerstammes bekleideten hohe weltliche und kirchliche Ämter und hatten enormen Einfluss auf wichtige Entscheidungen der jungen Neuzeit. Päpste und Kaiser verdankten den Fuggern ihre Wahl. Durch die Genialität von Männern wie Jakob dem Reichen und seines Neffen Anton gelang es nicht nur, ein immenses Vermögen zu erwirtschaften, sondern, im Gegensatz zu den unglücklichen Reh-Fuggern, dieses auch zu bewahren, wenn es auch in späteren Generationen nicht mehr weiter ausgebaut werden konnte. Den älteren Stamm der Familie, die „Fugger vom Reh“ bringen Geschichtskundige hingegen noch heute sofort mit dem Makel des wirtschaftlichen und finanziellen Scheiterns in Verbindung, wenn es auch einzelne Mitglieder der Reh-Fugger in späteren Jahren noch zu vergleichsweise bescheidenem Wohlstand brachten.

Vor diesem Hintergrund wird recht schnell offensichtlich, was Maximilian dazu bewegt haben dürfte, Lukas Fugger und seinen Nachfolgern als Familienoberhaupt der „Fugger vom Reh“ eine doch recht zweifelhafte Ehre zukommen zu lassen: am 17. Juli 1499 ernannte Maximilian Lukas Fugger vom Reh zum „Titularkönig des weyland gew. Königreiches Atlantis“ und spielte damit in höchst ironischer Weise auf den Untergang der „Fugger vom Reh“ als Handelsmacht an. In der Ernennungsurkunde wird höhnisch auf die Verdienste des Lukas Fugger für das Kaiserhaus verwiesen und festgelegt, dass das jeweilige Oberhaupt der Familie bis in alle Ewigkeit Titularkönig von Atlantis genannt werden soll. Interessanterweise nimmt Maximilian in der Ernennungsurkunde von 1499 den Platon-Bericht über Atlantis auf und lokalisiert das Inselreich im Atlantik. Die Inselgruppe der Azoren wird als Rest von Atlantis bezeichnet, ein schöner Hinweis auf die damalige Lehrmeinung.

Seit 1499 folgten bisher 21 Familienoberhäupter der „Fugger vom Reh“ dem unglücklichen Lukas als „Titularkönig von Atlantis“ und setzen so die lange Reihe, die einst mit König Atlas begann, zumindest formal bis in unsere Zeit fort. Eine Randnotiz der Geschichte, die aber gleichwohl die Familie Fugger seit Beginn der Neuzeit zu einem, wenn auch kleinen Teil des Mythos Atlantis gemacht hat.


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Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag (© Markus Fugger von dem Rech) wurde vom Verfasser im Januar 2013 für Atlantisforschung.de erstellt und erscheint hier am 13.01.2013 (Verlinkungen und Illustration durch die Redaktion).

Bild-Quellen:

(1) Atlantiskarte des Athanasius Kircher (Bildausschnitt; Bearbeitung durch die Red.); Bildarchiv Atlantisforschung.de

(2) Wikimedia Commons, unter: File:Fugger Ehrenbuch 006.jpg

(3) Wikimedia Commons, unter: File:Albrecht Dürer 083.jpg