Paul Gallez – Atlantisforschung

Paul Gallez

Forscherportrait

"Junge Rebellen sind offen für Veränderungen, während die Alten nicht darauf eingerichtet sind, 'wissenschaftliche Wahrheiten' infrage zu stellen, an die sie ihr ganzes Leben lang geglaubt haben."
(Paul Gallez) [1]


Abb. 1 Prof. Paul Gallez (Foto: Mario R. Montani)
Abb. 1 Prof. Paul Gallez (Foto: Mario R. Montani)

(red) Der Kartograph, Historiker und Linguist Paul Gallez (1920–2007) (Abb. 1) gehört zu den herausragenden, aber in Europa und den USA nur wenig bekannt gewordenen, lateinamerikanischen Forscherpersönlichkeiten des modernen Diffusionismus.

Leben

Geboren wurde P. Gallez in Brüssel, der "einzigen Stadt in Belgien" wie er selbser ironisch erklärte, "wo die Bewohner Belgier sind" [2] (in Anspielung auf die Spaltung der Belgier in Wallonen und Flamen). Dort verlebte er seine Jugend, studierte und erwarb einen Doktorgrad auf dem Gebiet der diplomatischen und politischen Wissenschaften.

Während des Bürgerkriegs in Spanien (1937-1939) war er Mitglied der Kommission für den Empfang spanischer Kinder, die als Flüchtlinge nach Belgien kamen. Außerdem gründete und leitete er eine Reihe von staatlichen Schulen für Kinder deportierter Belgier. Weitere Studien führten ihn dann nach Deutschland, Österreich und Frankreich. Das Ende des II. Weltkriegs erlebte er in Paris, und ihm wurde vom Generalstab der Eisenhower-Administration angetragen, die Verwaltung von Tirol zu reorganisieren.

Danach lebte Paul Gallez vier Jahre in Spanien, verließ von dort aus Europa, und gelangte - mit einem Empfehlungsschreiben des spanischer Philosophen, Soziologen und Schriftstellers José Ortega y Gasset in der Tasche - nach Argentinien, das nun zu seiner Wahlheimat wurde. Sein Wohnsitz wurde die Stadt Bahía Blanca, Provinz Buenos Aires, wo er zunächst eine Professur für Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Nacional del Sur übernahm. Trotz diverser, auch längerer, Auslandsaufenthalte blieb Bahia Blanca fortan sein Lebensmittelpunkt, wo er auch eine Frau Esther kennenlernte, mit der er zwei Töchter hatte.

Forschung und Lehre

In Hinblick auf seine kulturgeschichtliche Forschung war Gallez´Denk- und Arbeisansatz gekennzeichnet durch eine - für moderne Diffusionistien typische - poly- oder auch transdisziplinäre Grundhaltung. In historischer Hinsicht war er beeinflusst vom Werk des belgischen Geschichtsforschers und Juristen Jacques Pirenne (1891-1972), und als Geograph war er ein Schüler von Carl Troll (1899-1975), welcher von 1926 bis 1929 auf einer Forschungsreise durch Südamerika Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Nordchile, Panama und Peru bereist hatte.

Abb. 2 Die Weltkarte des Henricus Martellus Germanus von 1489
Abb. 2 Die Weltkarte des Henricus Martellus Germanus von 1489

Paul Gallez lehrte Geographie an den Universitäten von Bahia Blanca und Trelew (Patagonien), nahm an zahlreichen geographischen Konferenzen in Argentinien und Europa teil und hielt Vorträge an einer Reihe von europäischen Geographischen Instituten. Außerdem war er als Lateinamerika-Korrespondent für Imago Mundi, eine Zeitschrift der Internationalen Gesellschaft für die Geschichte der Kartographie (London) sowie für die Bibliographia Cartographica (bzw. für die Deutsche Gesellschaft für Kartographie e.V. in München) wissenschaftsjournalistisch tätig. Des weiteren war er Sekretär der Zeitschrift Economic Studies an der Universität von Bahia Blanca, und Leiter der Zeitschrift der von ihm mitbegründeten Regional Science Association Argentiniens. Zudem war Gallez aber auch ein profunder Linguist, der nicht nur Professuren für Französisch, Englisch und Deutsch in Valladolid (Spanien) und an der Universität von Bahia Blanca inne hatte, sondern auch als Übersetzer des Instituts für Wirtschaft und des Institut für Werkstoffprüfung, Bahia Blanca, tätig war. Insgesamt hat er ca. 200 wissenschaftliche Artikel und Bücher in 16 Ländern veröffentlicht und in 12 Ländern (in Amerika und Europa) persönlich referiert.

Gallez´ wesentlicher Interessenschwerpunkt lag jedoch auf dem Gebiet der Kartographie und im Bereich umfassender Analysen alter historischer Weltkarten. Dabei kam er, inspiriert durch die vorausgegangenen Arbeiten von Dick Edgar Ibarra Grasso (1917-2000) und Enrique de Gandía (1906-2000), zu dem Ergebniss, dass die so genannte 'Neue Welt' auf anderen Kontinenten schon lange vor dem europäischen 'Zeitalter der Entdeckungen' bekannt gewesen sein muss. Unter anderem fand er heraus, dass bereits auf einer Weltkarte des Henricus Martellus Germanus von 1489 (Abb. 2) das System aller bedeutenden Flüsse Südamerikas abgebildet wurde. Seine diesbezüglichen Erkenntnisse wurden interessanter Weise 1980 zuerst in deutscher Sprache veröffentlicht [3], und erschienen erst zehn Jahre später auf Spanisch in Argentinien.

Anlässlich der Feiern zum 500. Jahrestag der angeblichen Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus (dem "Columbus Day" des Jahres 1992) schrieb Gallez eine ganze Reihe von Artikeln über weit frühere anzunehmende Entdeckungsfahrten, z.B. durch Phönizier, Ägypter, Chinesen und Wikinger, und 1996 veröffentlichte er in der Zeitschrift La Nueva Provincia einen Beitrag, in dem er auch protosemitische Einflüsse im präkolumbischen Amerika ins Auge fasste. [4]

Mitgliedschaften

Paul Gallez war u.a. Mitglied der Société des Americanistes, der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Kartographie, der Escuela Argentina de Protocartografía, der Königlichen Geographischen Gesellschaft in den Niederlanden, des Akademischen Rates der Humboldt-Gesellschaft, der Gesellschaft für Internationale Coronelli-Globen-und Instrumentenkunde, der Asociación de Ciencia Regional de Lengua Francesa, der Regional Science Association International, des Instituto de estudios históricos Tierra del Fuego, der Sociedad Argentina de estudios Geográficos, der Sociedad argentina de Estudios Clásicos sowie der Sociedad argentina de Estudios Americanos.

Publikationen von Paul Gallez (Auswahl)

  • La Cola del Dragón. América del Sur en los mapas antiguos, medievales y renacentistas. 185 pp., 53 ilus. in-8º. B. Blanca, Instituto Patagónico, 1990
  • Cristobal de Haro. Banqueros y pimenteros en busca del estrecho magállanico. 112 pp., 22 ilustr. in-8º. B. Blanca, Instituto Patagónico, 1991
  • Protocartografia y exploraciones. 132 pp., 32 mapas, 6 ilust. Bahía Blanca, Inst. Patag, 1999
  • Walsperger and His Knowledge of the Patagonian Giants, 1448. In: Imago Mundi. The international journal for the history of cartography. Thaylor & Francis, London 1981 (Jg. 33), S. 91-93
  • Problems of regional planning in semi arid countries, The Annals of Regional Science Volume 4, Number 2, 36-42, doi:10.1007/BF01294887
  • Les travaux de l'Ecole Argentine de Protocartographie Archives internationales d'Histoire des Sciences, Vol. XXVIII, Nº102, pp. 119-120, 1978, Wiesbaden, Germany

In deutscher Sprache:

  • Das Geheimnis des Drachenschwanzes: die Kenntnis Amerikas vor Kolumbus, Dietrich Reimer Verlag, 1980


Anmerkungen und Quellen

Vorwiegend verwendete Materialien:

Einzelverweise:

  1. Quelle: Paul Gallez, "Predescubrimientos de América", Bahía Blanca, Argentinien (Instituto Patagónico), 2001, S. 49
  2. Quelle: Mario R. Montani, ESCRIBIENDO DESDE LA COLA DEL DRAGON (Un recuerdo personal de Paul Gallez), bei: mormosofía
  3. Siehe: Paul Gallez, "Das Geheimnis des Drachenschwanzes: die Kenntnis Amerikas vor Kolumbus", Dietrich Reimer Verlag, 1980
  4. Siehe: Paul Gallez, "Protosemitas en el tardiglaciario americano", in: La Nueva Provincia, 17.10.1996

Bild-Quellen:

1) Mario R. Montani, ESCRIBIENDO DESDE LA COLA DEL DRAGON (Un recuerdo personal de Paul Gallez), bei: mormosofía
2) Ziko bei Wikimedia Commons, unter: File:Martellus world map.jpg