"Freund & Feind" in der amerikanischen Prähistorik

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Wem nutzt NAGPRA?

Abb. 1 Wer lebte vor etwa 10 000 Jahren in Amerika und woher kamen diese Menschen? Der Native American Graves Repatri- ation Act (NAGPRA) könnte dazu führen, dass dieses Rätsel der jüngeren Menschheits-Geschichte nie gelöst werden kann.

(bb) Wer die an anderer Stelle (siehe: 'Weiße' Ureinwohner in Nordamerika? - Über den Umgang mit unbequemen Fakten der Menschheitsgeschichte) geschilderten Auseinan-dersetzungen um prähistorische Skelette in Nord- und Mittel-Amerika nur oberflächlich be-trachtet, könnte zur Einschätzung gelangen, dass es sich hier um einen Streit zwischen DEN weißen Anthropologen und Archäologen auf der einen und DEN 'Indianern' auf der anderen Seite handelt. Ein derartiges Schema erscheint insbesondere dann naheliegend, wenn wir das gespannte Verhältnis zwischen indianischen Traditionalisten und Fachwissenschaftlern berück-sichtigen, deren Vorstellungen über die Ursprünge der Indianer-Nationen kaum weiter aus-einander liegen könnten.

Während indianische Native Americans mit berechtigtem Stolz auf die Historizität vieler ihrer alten Überlieferungen hinweisen (siehe dazu auch: Das Beringstraßen-Paradigma und indianische Überlieferungen von Itzli Ehecatl), wird eben dieser historische Charakter von Fachwissenschaftlern häufig von vorneherein ausgeschlossen - eine Haltung, die vor allem bei indianischen Alternativ-Historikern heftige Reaktionen auslösen musste.

Der Autor Itzli Ehecatl formuliert diese Kritik z.B. in seinem Aufsatz "Native American Oral Traditions and Archaeological Myths" (+1) wie folgt: "Lange sind die mündlichen Überlieferungen der Native Americans ignoriert und als abergläubische Mythen abgetan worden. Obwohl es das theoretische Ziel der Anthropologie ist, zu die Ideologie des kulturellen Relativismus für alle Kulturen in Kraft zu setzen, sind Anthropologen oft dabei gescheitert. Im Fall der Native Americans sind Anthropologen unglücklicherweise besonders indifferent gewesen. Allgemein haben sich Anthropologen des Ethno-Zentrizismus schuldig gemacht, aber die Archäologen führen definitiv die Meute an.

Obwohl einige Archäologen gute Absichten haben, wollen die meisten nicht in Erwägung zie-hen, dass Native Americans in ihren mündlichen Überlieferungen eine alte Historie bewahrt haben. Die Unwilligkeit, einen Kompromiss zwischen archäologischem und indigenem Wissen zu erreichen ist eine Tragödie, an deren Überwindung die Fachrichtung hart arbeiten sollte, denn anderenfalls wird die Archäologie ewig auf fehlerhafte Daten vertrauen." (+2)

Diese Ignoranz kann wissenschafts-geschichtlich nachvollzogen werden. Indianische Native Americans wurden nämlich in den USA bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als Mündel des Staates betrachtet bzw. behandelt. Ein entsprechendes Verhältnis zu ihnen entwickelten offen-bar auch euro-amerikanische Anthropologen und Archäologen, die quasi die Vormundschaft über den "Paläo-Indianer" - mit anderen Worten die Definitions-Macht über die indianische Ge-schichte und Urgeschichte - übernahmen (vergl. dazu: Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien von Michael Arbuthnot). Nur sich selber sahen sie als befähigt und berechtigt an, diese Geschichte, die keine Historie sein darf, zu erforschen, fest-zulegen und zu interpretieren - ein Anspruch, der in den vergangenen Jahrzehnten immer fragwürdiger wurde.

Abb. 2 Ein Wissenschafts-Mythos der US-Anthropo- logie, über den viele India- ner und Alternativ-Histo- riker nur noch schmunzeln können: Mongolide Groß- wildjäger sollen angeblich ihren Beute-Tieren über die trockenliegende Bering-Straße nach Amerika ge- folgt sein.

Die Nachfahren der Ur-Amerikaner wurden dabei zu reinen Objekten der Forschung, mithin zu Statisten degradiert, deren "Mythen" man zur Kenntnis - aber nicht ernst zu nehmen hatte. Von dieser Haltung haben sich die universitären Prähistorik er und Anthropologen mehrheitlich auch heute noch nicht entfernt: "Obwohl die Anthropologie ideell an die Doktrin des kulturellen Relativismus gebunden ist (wobei keine Kultur höherwertig als eine andere ist und alle Kultu-ren gleich wertvoll sind), haben Anthropologen sich über die Vorstellung lustig gemacht, dass Native Americans wirklich akkurate Kenntnisse über ihre Ursprünge und Historie besitzen könnten." (+3)

Als Produkte einer ausgesprochenen Schrifttums-Kultur, deren eigene, europäische Geschichte durch wiederholte, massive kulturelle Umbrüche charakterisiert werden kann, waren (und sind) die akademischen "Fachleute" in aller Regel völlig betriebsblind, was die Möglichkeit Jahrtau-sende überdauernder mündlicher Überlieferungen in langlebigen, schriftlosen 'Traditions-Kultu-ren' angeht. Der durchschnittlich verbildete Schulbuch-Historiker hält es nämlich schlichtweg für undenkbar, dass solche Kulturen über weitaus ältere und präzisere Beschreibungen prä-historischer Ereignisse verfügen könnten als sie selber bzw. ihre alten, schriftlich niedergeleg-ten Quellen.

Jedenfalls sieht zumindest ein Teil der Schulwissenschaftler heute ein, dass sich die akademi-sche Forschung den Indianern gegenüber in der Vergangenheit alles andere als korrekt verhal-ten hat. In diesem Sinne äußerte sich z.B. auch Amy Dansie, eine Anthropologin am Nevada State Museum in Carson City: "Dansie ist dafür, dass die indianischen Stämme die Verfü-gungs-Gewalt über jüngere Grabstätten haben sollten. Und sie versteht auch, warum die Stämme eine feindselige Einstellung gegenüber Museen haben. >Native Americans wurden von Kuratoren so rüde behandelt, dass sie das taten, was jeder Amerikaner getan hätte, und sich an ihre Kongress- Abgeordneten wendeten<, sagt sie." (+4)

Diese späte Einsicht entspringt jedoch wohl kaum einem Erkenntnisprozess, der mit dem Ein-geständnis einhergehen würde, dass die Natives möglicherweise doch über recht konkretes Wissen zu ihren eigenen Ursprünge verfügen, sondern er scheint lediglich aus der Not geboren. Ihre Ursache liegt nämlich in mehreren juristischen Streitfällen begründet, die zu einem un-erwarteten 'Aus' für jede weitere Erforschung menschlicher Uralt-Überreste in Nordamerika führen könnten - einem mit 'harten Bandagen' geführten Streit zwischen den Repräsentanten diverser Stämme und Nationen auf der einen, und einer Reihe von Wissenschaftlern auf der anderen Seite der Barrikade. Dabei geht es um nicht weniger als um die Verfügungsgewalt über ALLE präkolumbischen Knochen- und Skelettfunde aus mehreren Stammes-Territorien, deren Herausgabe und Wieder-Beerdigung die betreffenden Indianer fordern.

Abb. 3 Kaukasoide Schädelfunde in den USA und Mexiko legen nahe, dass in Amerika schon in präkolumbischer Zeit unterschiedliche Ethnien lebten.

Dansie zufolge "machten sich die meisten Forscher bis vor kurzem keine Sorgen bei der Vor-stellung einer Rückgabe dieser Überreste, weil sie annahmen, dass sie alles erfahren hätten, was es über sie zu lernen gab. Dann änderte sich dies völlig. >Die Wissenschaft hat mit eini-gen umwälzenden Fortschritten, wie etwa DNA-Tests, aufgewartet<, erklärt Dansie [der Zeit-schrift] Insight gegenüber. >Nur eine Handvoll Spezialisten erkennt, dass wir ebenso kurz vor einem größeren Durchbruch stehen, wie wir dabei sind, alles zu verlieren.< Ohne neue wissen-schaftliche Tests hätten sie und ihre Kollegen, wie sie sagt, niemals herausgefunden, dass eine Mumie aus ihrer Sammlung tatsächlich 9700 Jahre alt war. >Wie viele Funde wie dieser ver-bergen sich in den Museen?<" (+5)

Die Anthropologin merkt an, "dass sie nichts dagegen hätte, wenn die Relikte aus den Museen zurückgegeben würden, >wenn wir einige Proben davon aufheben könnten - z.B. von einer Rippe<. Das würde den Wissenschaftlern reichen, um genetische und Radiocarbon-Tests vor-zunehmen. Aber es gibt kaum Anlass für die Annahme, dass viele Stämme selbst solch eine moderaten Vorschlag akzeptieren würden. Die Tests, die Wissenschaftler an alten Überresten [von Menschen] wie der 9700 Jahre alten Mumie vornehmen wollen, könnten enthüllen, dass die ersten Menschen in Amerika nicht das Geringste mit den Indianern zu tun hatten. Außer-dem besteht die Möglichkeit, dass diese Leute in der Tat die entfernten Vorfahren der heutigen Native Americans waren. Aber wenn die Stämme ihre Position durchsetzen, wird niemand das je erfahren." (+6)

Juristische Grundlage dieser Auseinandersetzung ist ein US-Gesetz, das im Jahr 1990 in Kraft trat: NAGPRA, der "Native American Graves Repatriation Act". Sinn und Zweck dieses Gesetzes war zunächst der Schutz indianischer Grabstätten und Leichname, die bis dahin z.T. der Willkür von Forschern und kommerziellen Grabräubern ausgeliefert waren. Natürlich gab es zuvor schon auf der Ebene einzelner Staaten Gesetze zum Schutz alter Grabstätten, aber dort stand der Denkmalschutz-Gedanke im Mittelpunkt, und nicht der Interessen-Schutz der indianischen Natives.

Womit offenbar weder der Gesetzgeber noch die Forschung gerechnet hatten: Einige Repräsentanten und Sprecher der Indianer nutzten und interpretierten nun ein Paradigma der Anthropologen in ihrem Sinn, das seit Jahrzehnten für die amerikanische Urgeschichts-Forschung Gültigkeit hat; und dieses Paradigma besagt, dass ALLE Ur-Amerikaner mongolide Vorfahren und Verwandte der heutigen Amerinden waren. Unter dieser Voraussetzung mag es zunächst sogar legitim erscheinen, wenn Natives heute Anspruch auf ALLE menschlichen Überreste er-heben, die in den USA exhumiert wurden und werden.

Abb. 4 Das Volk der Hopi soll - seinen Überlieferungen zufolge - von einem Kontinent stammen, der vor ca. 80 000 Jahren im Pazifik versank.

Die "Bestimmungen im NAGPRA bezüglich der Zugehörigkeit [von Fundstücken] sind unklar und Gegenstand widersprüchlicher Interpretationen. >Bis der Kongress das Gesetz in Bezug auf diese Zugehörigkeit neu fasst, befinden wir uns in einer Art rechtlichem Schwebe-Zu-stand<, sagt Dansie. Was sie am meisten verwirrt, ist jedenfalls die Befürchtung, dass eine Revision nur die Rechte der Stämme auf diese Überreste stärken wird. >Ich will [Native Ame-ricans] nicht ihre Rechte vorenthalten, aber andererseits werden hier auch die Rechte der Wis-senschaftler verletzt<, stellt sie fest. >Man verweigert ihnen ihr Recht auf Erkenntnis.< Sie betrachtet diese Angelegenheit als eine, die mit der Trennung von Kirche und Staat zu tun hat." (+7)

Dansie scheint damit 'des Pudels Kern' - zumindest zu einem Teil - recht gut umrissen zu ha-ben, denn tatsächlich geht es hier nicht zuletzt auch um Glaubens-Fragen. Prof. emerit. Vine Deloria jr. (vorm. University of Colodado in Boulder), ein bekannter amerindischer Wissen-schaftskritiker und Alternativ-Historiker, stellt den religiösen Hintergrund präzise dar: "Abgese-hen von Stämmen, die über eine Wanderungs-Geschichte zur Erklärung ihrer Ursprünge ver-fügen, deutet die Mehrzahl der Ursprungs-Legenden einen Schöpfungsakt an, bei welchem den Menschen, simultan zu ihrer Erschaffung, ein Bewusstsein dafür erhielten, dass sie geschaffen wurden. Diese Überlieferungen legen häufig nahe, dass es keine essentiellen spirituellen/intel-lektuellen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren gab." (+8)

Deloria macht damit zugleich deutlich, dass durchaus nicht alle amerindischen Natives einem indianischen Kreationismus (+9) anhängen, auch wenn gerade diese religiöse Mehrheit (?) bisweilen mit einer Art Allgemeinvertetungs-Anspruch auftreten mag. Außerdem deutet der Verweis auf sehr unterschiedliche Urzeit-Mythen auch auf unterschiedliche Ursprünge der heu-tigen "Indianer" hin. Während nämlich tatsächlich ALLE indianischen Völker, von deren diesbe-zügliche Mythen wir derzeit Kenntnis haben, das derzeit geltende "Beringstraßen-Paradigma" zur Einwanderung aus Asien am Ende der jüngsten Eiszeit entschieden ablehnen, gibt es bei ihnen ganz unterschiedliche Überlieferungen zur frühesten Stammesgeschichte (siehe auch: Die Indianer-Nationen, ihre Mythen und Überlieferungen).

Um konkreter zu werden: es gibt auch heute noch mindestens zwei indianische Nationen, de-ren Überlieferungen von einer überseeischen Immigration auf den amerikanischen Kontinent berichten. Da sind zunächst die Hopi, die für sich in Anspruch nehmen, über eine mündliche Überlieferung zu verfügen, die w e i t mehr als 10 000 Jahre in die Vergangenheit zurück-reichen soll. Sie erklären, ihre Urheimat sei Taláwaitchqua gewesen, angeblich ein Kontinent, der vor etwa 80 000 Jahren versank. Von dort aus seien ihre fernen Vorfahren über eine "zwei-te Welt" namens Topka schließlich auf die "dritte Welt" Kasskara gelangt, nach deren Unter-gang die Überlebenden nach Amerika einwanderten.

Abb. 5 Die Überlieferungen der Shawnee sagen, dass dieses Volk einst aus dem südlichen Atlantik-Raum nach Nordamerika eingewandert ist.

Während die Mythologie der Hopi starke religiöse und phantastische Elemente aufweist, er-scheinen die Überlieferungen der weiter nördlich lebenden Shawnee (Abb. 5) geradezu bodenständig. Im Gegensatz zu den Hopi-Legenden, die uns ein höchst komplexes und detailreiches Ur-Geschichtsbild präsentieren, sind die Überlieferungen der Shawnee über die ältesten Erin-nerungen ihres Volkes eher spärlich. Aber gerade der bruchstückhafte Charakter dieser Über-lieferungen lässt sie so authentisch und glaubhaft erscheinen.

Der Autor Richard L. Dieterle schreibt dazu im Internet: "Die Menschen dieser Nation haben eine Überlieferung, dass ihre Vorfahren das Meer überquerten [...] Bis vor kurzem hielten sie dafür, dass sie, aus dem Süden kommend, dieses Land sicher erreicht haben, ein Opfer ab. Woher sie kamen oder in welcher Periode sie in Nord-Amerika ankamen, wissen sie nicht. Es herrscht die Meinung unter ihnen, dass Florida einst von weißen Menschen bewohnt wurde, welche den Gebrauch von Schneide-Werkzeugen kannten. Black Hoof (ein Häuptling) bestä-tigte, dass er oft gehört habe, wie von alten Leuten darüber gesprochen wurde, es seien häu-fig mit Erde bedeckte Baumstümpfe gefunden worden, die mit Schneide-Werkzeugen gefällt wurden." (+10)

Wie wir bei den Atlantologen und Katastrophisten Rose und Rand Flem-Ath erfahren, er-wähnt der amerikanische Historiker Hubert Howe Bancroft (1832-1918) die Ursprungslegenden der Okanagan aus Kanada und ihren Mythos von Samah-tumi-whoo-lah, der "Insel des weißen Mannes", die in der "Mitte des Ozeans" (vermutlich des Atlantik) gelegen haben soll. Einge der überlebenden, riesenhaften Bewohner gelangten nach der Vernichtung Samah-tumi-whoo-lahs schließlich nach Amerika. (+11) (Siehe dazu auch: Indianische Ursprungs-Mythen, Atlantis und Meropa)

Außerdem gab es noch ein weiteres, inzwischen ausgestorbenes, Volk, das möglicherweise nicht auf dem nordamerikanischen Kontinent beheimatet war, sondern einen atlantischen Ur-sprung (+12) aufwies: die Chumash. (Abb. 6) Mit dieser geheimnisvollen Nation gingen zwar auch ihre Mythen und Legenden unter, aber ihre kulturellen Relikte sind ebenfalls höchst aus-sagekräftig. So schrieb 1998 der amerikanische Alternativ-Historiker, Atlantologe und Fach-Journalist Frank Joseph: "Symbole, welche die Chumash insbesondere über die Kanarischen Inseln, von denen die ersten Zivilisatoren des Rock Lake etwa 3000 v. Chr. kamen, mit At-lantis in Verbindung bringen, wurden auf Höhlenmalereien entdeckt, die ein Paar von Ringen abbilden, die durch eine vertikale Linie miteinander verbunden sind. Auf Teneriffa, der größten der Kanaren-Inseln, wurde dieses Zeichen von den Guanchen, den alten Inselbewohnern, ge-nau so in Höhlen angebracht. Es zeigte eine bestimmte Position der Sonne an, und die selbe Bedeutung hatte es vermutlich auch für die indigenen amerikanischen Künstler, da es dort um-geben von anderen astronomischen Glyphen auftaucht. [...]

Abb. 6 Ein Angehöriger des heute ausgestorbenen Volkes der Chumash auf einer gestellten Fotogaraphie aus dem 19. Jahrhundert.

Noch bemerkenswerter ist, dass sich die Chumash auch physisch vom Rest der aboriginalen Einwohner des Kontinents unterschieden. Unter bartlosen Völkern wuchs ihnen allein eine nennenswerte Gesichtsbehaarung. Santa Cruz, eine größere Chumash-Siedlung, wurde von den frühen spanischen Missionaren "Insel der bärtigen Indianer" genannt. Fotografien eines der letzten reinblütigen Chumash, die 1878 aufgenommen wurden, zeigen einen Mann Mitte dreißig mit Schnurrbart und buschigen Koteletten. Sein Profil erscheint außerordentlich non-amerindisch, während eine frontale Gesamtansicht des Gesichts eine gemischte Herkunft nahelegt." (+13)

Von solchen mythologischen und völkerkundlichen Anhaltspunkten abgesehen, könnten jetzt die "anomalen" Skelettfunde kaukasischer Langschädel-Typen (siehe auch: 'Weiße' Urein-wohner in Nordamerika? - Über den Umgang mit unbequemen Fakten der Mensch-heitsgeschichte) als harte Evidenzen für die Richtigkeit indianische Überlieferungen u n d alternativ-historische Annahmen erweisen, die von zahlreichen Zuwanderungen unterschied-licher Ethnien aus dem atlantischen und pazifischen Raum nach Amerika ausgehen. Da eine weitere Erforschung der beweiskräftigen Relikte nun offenbar zur Disposition steht, sollten wir näher betrachten, worum es in dem offenen Konflikt um die nicht-mongoliden Spezimen tat-sächlich geht.

Betrachten wir z.B. die Argumentation der Umatilla aus Oregon, eines der Stämme, die beson-ders vehement auf "ihr Recht" an allen Skelettfunden auf ihrem (heutigen) Territorium pochen: "Es komme nicht darauf an, wie schmal der Schädel sei, erklären die Umatilla. >Diese Län-dereien wurden von unserem Stamm seit dem Anfang aller Zeiten genutzt<, sagte z.B. Ar-mand Minthorn, ein Sprecher des Stammes: >Sie können behaupten, dass dies ein Europäer war, aber sie haben keine so weit zurückreichenden Aufzeichnungen über Europäer, die hier lebten.< Mr. Minthorn sagte, der Stamm werde die Skelette in etwa einem Monat mit einer Ze-remonie wiederbeerdigen. Er schloss jegliche DNA-Tests eines Knochen-Fragments aus. >Das läuft all unseren Glaubens-Sätzen zuwider, wie mit Toten umzugehen ist, sagte er<." (+14)

Abb. 7 Tom McClelland präsentiert den Schädel-Abguss des Kennewick-Mannes, den er und der Anthropologe Jim Chatters verwendeten, um die Gesichts-Konturen des 9200 Jahre alten Ur-Amerikaners zu rekonstruieren.

Um den ironischen Unterton in Minthorns Aussage bemerken zu können, muss man allerdings wissen, dass viele amerindische Nationen über sehr alte Überlieferungen aus ferner Vergangenheit verfügen. Von traditionsbewussten Indianern wird es daher als durchaus beleidigend empfunden, dass US-Anthropologen stets in Abrede gestellt haben, diese mündlich überlieferten Berichte (mit zum Teil explizit religiösem Charakter) könnten irgendeinen Wert als geschichtliche Quelle haben. Mit Recht amüsieren sich selbstbewusste Indigene über die 'komischen' Weißen, die über "keine so weit zurückreichenden Aufzeichnungen" verfügen wie sie selbst, ihnen aber nichtsdestotrotz erklären wollen, wie ihre ferne Vergangenheit ausgesehen habe.

Minthorn macht es sich trotzdem höchst bequem, wenn er sich argumentativ lediglich auf die ihm genehmen Überlieferungen seines Stammes und auf falsche, aber ihm nützliche, Lehrmeinungen der (weißen) Wissenschaftler stützt, während er diejenigen Überlieferungen der 'Roten Völker' außen vor lässt, die mehr als deutlich auf die Existenz anderer Ethnien im präkolumbischen Amerika hinweisen. Mithin macht er sich die isolationistische Ideologie der konservativen US-Urgeschichtler zu eigen, von denen stets vehement bestritten wurde, es habe jemals nicht-amerindische Bewohner in Amerika, oder interkontinentale Kontakte gegeben.

Letztlich erscheint dies fast zynisch: Der Umatilla-Sprecher bedient sich 'bei Freund und Feind' jeweils dort, wo es gerade genehm ist; mit den Aussagen der modernen Anthropologie hat er dabei anscheinend nur dann Probleme, wenn sie den eigenen Vorstellungen zuwiderlaufen, wo-hingegen er offenbar durchaus einverstanden ist, wenn die Fachwissenschaftler - gegen viele vorliegende Evidenzen - seinen Vorfahren eine Monopolstellung im präkolumbischen Amerika zubilligen. Vermutlich würde es nicht nur das Selbstverständnis vieler Repräsentanten der Amerinden, sondern auch ihre Verhandlungsposition gegenüber dem amerikanischen Staat in Frage stellen, sollte man wegen der kaukasoiden Knochenfunde den sicher geglaubten Status als "erste Amerikaner" verlieren.

Streitig machen möchte man ihnen dies allerdings weder im, an "political correctness" orientierten, Lager der Liberalen, noch bei den Betonkopf-Isolationisten des konservativen Estab-lishments in den USA. Und so stehen - "die Indianer" nicht, wie man annehmen möchte, einer geschlossenen, "weißen" Historiker-Front gegenüber, gegen die sie ihre Rechte verteidigen müssten, sondern in die Kontroverse um die 'Paläo-Kaukasoiden' waren in erster Linie solche Forscher involviert, die persönlich mit den Untersuchungen der betreffenden Skelette zu tun hatten. Vielen Verfechtern der klassischen Mainstream-Position (der Clovis- / Beringstraßen-Paradigmata) scheinen diese Spezimen eher peinlich und lästig gewesen zu sein. Zumindest lässt sich dies aus den kontroversen Statements herauslesen, die in der Presse dazu veröffentlicht wurden.

So hieß es z.B. in der New York Times: "Andere Wissenschaftler sagen, dass, auch wenn das Skelett [des Kennewick-Mannes] scheinbar nicht mit irgendwelchen Paläo-Indianern oder modernen indianischen Typen vergleichbar sei, aus diesem einen Skelett unmöglich rückzuschließen wäre, dass vor 9000 Jahren Kaukasier in Nord-Amerika lebten. In den jüngsten 30 Jahren hat es auch andere Entdeckungen von Schädel-Überresten mit kaukasischen Attributen gegeben [de facto wurden mindestens SECHS solcher Spezimen entdeckt; d.A.], aber keines da-von so gut erhalten wie das Skelett vom Columbia River, sagen die Experten." (+15) Auch "Joseph Powell, ein Anthropologe an der University of New Mexico in Albuquerque ist [...] nicht überzeugt. Er denkt, dass die frühesten Amerikaner aus Südost-Asien kamen, glaubt aber, dass aus ihnen die modernen Native Americans entstanden. >Auch bei zwei Wellen, hätte sich jede der beiden während der vergangenen 10 000 bis 12 000 Jahre durch Adaption und Mikroevolution verändert<, sagt er." (+16)

Timothy Egan hielt in der New York Times dagegen: "Wenn aber alle drei Anthropologen, welche das Skelett [des Kennewick-Mannes] studiert haben, zu dem Ergebnis kommen, es habe keine Ähnlichkeit mit irgendeinem Indianer-Stamm, wie die Experten sagen, dann stellt sich die Frage, wieso ein Stamm Anspruch auf sie erheben kann. Nach dem Gesetz von 1990 werden sterbliche Überreste dann an einen Indianer-Stamm übergeben, wenn die Knochen zu Amerinden gehören und wenn es irgendwelche kulturelle Gemeinsamkeiten gibt." (+17)

Aber auch NAGPRA selber wurde immer wieder höchst kontrovers diskutiert, wobei man sich an der Spitze der Wissenschaftler-Hierarchie natürlich im Sinne des Status quo äußert. Common-Place.org weist z.B. im Internet auf zwei namhafte Vertreter dieser Pro-NAGPRA-Fraktion hin: "Sowohl Keith Kintigh, Professor für Archäologie an der Arizona State University und Präsident der Society for American Archaeology, als auch David Hurst Thomas, Kurator für Anthropologie am American Museum of Natural History in New York, haben ihrer Unterstützung für NAGPRA Ausdruck verliehen. Sie betrachten das Gesetz als eine Aufforderung, ihren Beruf neu zu definieren, als eine Gelegenheit, die rassistische Arroganz, die alte Projekte, wie das von Morton, charakteriserte, durch Kooperation und Konsultation zu ersetzen." (+18)

Wir glauben zwar, dass Lippen-Bekenntnisse zu NAGPRA und "rassistische Arroganz" einander keineswegs ausschließen; in einem Punkt können wir dem Professor aus Arizona und auch dem Umatilla-Sprecher Minthorn jedoch voll zustimmen: "Thomas meint, dass wir die Probleme, die im Zusammenhang mit dem Kennewick-Fall stehen, umfassend betrachten müssen. Es mag einfach sein, diese Geschichte, wie es die Medien getan haben, als Kampf zwischen desinteressierten [Wissenschafts-] Profis und unwissenden Indianern darzustellen, doch >schließlich ist der Kennewick-Disput<, wie Thomas schreibt, wobei er Ansichten des Umatilla-Vorsitzenden Minthorn wiedergibt, >keine Sache von Wissenschaft versus Religion, oder auch von Indianern gegen Wissenschaftler. Im Kern geht es im Fall des Kennewick-Skelettes um politische Macht und Besitzrechte.<" (+19)

Wenn NAGPRA vor allem in diesem Sinne angewendet wird, dann werde "das Gesetz miss-braucht", kommentierte Dr. Bonnichsen, ein weiterer Anthropologe, die Lage in der New York Times. "Es wurde eingerichtet, um die Überreste von Native Americans zu schützen, sagte er, nicht als ein Hemmschuh für wissenschaftliche Entdeckungen." (+20) Offenbar klafft ein deut-licher Widerspruch zwischen dem 'Geist des Gesetzes' und seiner aktuellen Auslegung und Funktion. Diese Funktion lässt sich vermutlich am besten als 'Gesetz zum Schutze des bestehenden Status quo in der amerikanischen Anthropologie' definieren und damit wird auch bereits angedeutet, wem NAGPRA eigentlich nutzt: All denjenigen nämlich, die - völlig unabhängig von ihrer Hautfarbe und Religion - kein Interesse an Paradigmen-Wechseln und möglichen neuen Erkenntnissen zur Besiedlungs-Geschichte Amerikas haben!


Anmerkungen und Quellen

(+1) Anmerkung: Als deutssprachige Erstveröffentlichung bei Atlantisforschung.de unter dem Titel: Das Beringstraßen-Paradigma und indianische Überlieferungen

(+2) Quelle: Itztli Ehecatl, "The Bering Strait Theory" (2002) online bei ANGELFIRE unter http://www.angelfire.com/space/itztli2 ; mit Quellenangaben ist der Text auch bei MEXICA UPRISING in überarbeiteter Form (3/3/03) online unter dem Titel und "Native American Oral Traditions and Archaeological Myths", unter http://www.mexicauprising.net/beringstrait.html erschienen.

(+3) Quelle: ebd.

(+4) Quelle: Leslie Alan Horvitz, "Indians and Anthropologists Are Battling Over Old Bones", online unter http://www.insightmag.com/news/1996/11/18/Science/Indians.And.Anthropologists.Are.Battling.Over.Old.Bones-209554.shtml

(+5) Quelle: ebd.

(+6) Quelle: ebd.

(+7) Quelle: ebd.

(+8) Quelle: Vine Deloria jr., "RED EARTH - WHITE LIES - Native Americans and the Myth of Scientific Fact"

(+9) Anmerkung: Es ist möglicherweise kein Zufall, dass in den 1990er Jahren auch christliche Fundamentalisten in den USA mit dem Versuch eines 'Roll back' in Forschung und Lehre begonnen haben.

(+10) Quelle: Richard L. Dieterle, GIANTS FOUND IN NORTH AMERICA, Paranormal BUFO Radio, unter http://www.burlingtonnews.net/giants2.html

(+11) Quelle: Rand u. Rose Flem-Ath, "Atlantis - der versunkene Kontinment unter dem ewigen Eis", Hoffmann und Campe, 1996, S. 42, 43

(+12) Anmerkung: Die Formulierung "atlantischer Ursprung" darf hier durchaus doppeldeutig gesehen werden, sowohl im Sinne von "aus dem Atlantik" oder "von Atlantis" stammend.

(+13) Quelle: Frank Joseph, "Atlantis in Wisconsin", Galde Press Inc., Lakeville, USA, 1998, S. 29 - 37; als auszugsweise Erstveröffentlichung in deutscher Sprache unter dem Titel Indigenes Amerika - Erinnerungen an Atlantis bei atlantisforschung.de

(+14) Quelle: Timothy Egan, "Tribe Stops Study of Bones That Challenge History", New York Times, 25. Sept. 1996; aus dem Englischen nach http://darkwing.uoregon.edu/~dgalvan/ps607-w04/umatilla-9-25-96.htm durch atlantisforschung.de

(+15) Quelle: ebd.

(+16) Quelle: Anonymus, "Narrow skulls clue to first Americans", New Scientist.com news service, 04. September 03, nach http://www.utexas.edu/courses/stross/ant322m_files/1stpersons.htm --- bei atlantisforschung.de in deutscher Sprache unter dem Titel: Langschädel geben Hinweise auf erste Amerikaner

(+17) Quelle: Timothy Egan, "Tribe Stops Study of Bones That Challenge History", New York Times, 25. Sept. 1996, nach http://darkwing.uoregon.edu/~dgalvan/ps607-w04/umatilla-9-25-96.htm

(+18) Quelle: Ann Fabian, "Bones of Contention", bei Common-Place, online unter http://www.common-place.org/vol-01/no-02/kennewick/kennewick-3.shtml (+19) Quelle: ebd.

(+20) Quelle: Timothy Egan, "Tribe Stops Study of Bones That Challenge History", New York Times, 25. Sept. 1996, nach http://darkwing.uoregon.edu/~dgalvan/ps607-w04/umatilla-9-25-96.htm


Bild-Quellen

(1) http://www.nebraskastudies.org/0200/media/0201_011001.jpg

(2) http://www.bbc.co.uk/beasts/evidence/prog6/page2.shtml

(3) http://community-2.webtv.net/PABarton/HISTORYOFAFRICAN/page2.html

(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Hopi

(5) http://hotcakencyclopedia.com/People/image.ShawneeProphet.catln.jpeg

(6) http://www.chumashindian.com/

(7) http://www.harbornet.com/folks/theedrich/hive/Kennewic.htm