"Pseudowissenschaftler“ Velikovsky?

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von unserem Gastautor Dr. Horst Friedrich (1998)

Abb. 1 Dr. Immanuel Velikovsky (1895-1979)

In der österreichischen Zeitschrift 'Star Observer' hatte Frau Univ.-Prof. Maria Firneis den legendären 'Vater des Neo-Katastrophismus', Velikovsky (Abb. 1), als "Pseudowissenschaftler" diffamiert. Der nachstehende Beitrag war ursprünglich als Erwiderung abgesprochen, seine Veröffentlichung hatte die Redaktion des "Star Observers" dann jedoch abgelehnt.

Zuweilen werden prominente "Pseudowissenschaftler" von unserer Schulwissenschaft noch über das Grab hinaus geschmäht. Etwa Hanns Hörbiger (1860-1931), der Vater der "Welteislehre", der bereits 1913 eine transneptunische Eiskometenwolke postuliert hatte. [1] Ganz besonders aber wurde Immanuel Velikovsky (1895-1979), charismatischer "Prophet" und Hauptvater des Neo-Katastrophismus, obwohl Freund Albert Einsteins, vom "Bannfluch" des Establishments getroffen. Allzu sehr hatte er an den "Grundfesten" wichtiger zeitgenössischer Schulwissenschaften gerüttelt.


"Pseudowissenschaftler" und "Wissenschaftlichkeit"

Auch Velikovsky wird, weil er allzu vieles in Frage stellte, gewissermaßen - wie einst Giordano Bruno ein wahrer "Häretiker" war -, noch heute, über das Grab hinaus, von schulwissenschaftlicher Seite als "Pseudowissenschaftler" geschmäht. [2] Eine aufschlussreiche Vokabel! Sie sagt mehr über die "Establishment"- Wissenschaftler aus, als über Velikovsky.

Jedem Kenner der Materie, der "Wissenschaft von der Wissenschaft", ist bewusst, dass "Pseudowissenschaftler" eine letztlich leere "Killerphrase" ist. Er weiß, dass die Definition dessen, was unter "Wissenschaftlichkeit" zu verstehen ist, zu den allerschwierigsten Problemen der Wissenschaftsphilosophie gehört. Das Problem ist nur: auf diesem Gebiet ist man in der "Establishment"-Wissenschaft nicht eben sattelfest!


Skandal der Wissenschaftsgeschichte

Abb. 2 Prof. Alfred de Grazia (Bild) verteidigte Velikovsky vehement gegen unseriöse Kritik.

Fragen wir, was Velikovsky so Entsetzliches behauptet hat, dass seine Widersacher alle Gebote menschlichen Anstands, akademischen Umgangstons und wissenschaftlicher Redlichkeit vergaßen, und es seinerzeit zu dem wohl größten Skandal der Wissenschaftsgeschichte [3] kam. Schulwissenschaftler, die Velikovsky "heruntermachen", werden wir oft vergeblich danach fragen. Wie von Prof. Alfred de Grazia (Abb. 2) in seiner "Velikovsky Affair" dokumentiert, attackierte man Velikovsky, ohne seine Werke zu kennen. Mitunter kannte man sie nur vom Hörensagen!

Man mache heute die Probe aufs Exempel und schneide gegenüber einem Astronomen oder Geologen das Thema Velikovsky an! In der Regel wird die Reaktion kommen, dass dies ein Pseudowissenschaftler mit abwegigen Ideen gewesen sei. Man bohre nun nach, welche Werke und sonstigen Publikationen Velikovskys studiert wurden. Man wird enttäuscht werden. Auch die Masse der seriösen, velikovskyanischen "Sekundärliteratur", etwa die Zeitschriften "Pensée", "Kronos", „The Velikovskian“, "S. I. S. Review", "Chronology & Catastrophism Review", ist unbekannt. Obwohl darin auch angesehene, Velikovsky wohlwollend beurteilende, Professoren zu Wort kommen. Eine merkwürdige Art von Wissenschaft!


Kohleentstehung durch kosmische Katastrophen?

Kaum einem Geologen ist bewusst, dass der Autor eines bekannten Standardwerkes zur Kohleentstehung [4] Velikovskys These, die Kohleflöze verdankten ihre Entstehung eindeutig gewaltigen Kataklysmen, ausdrücklich als einzig annehmbare Erklärung herausstreicht.

Diese Groß-Kataklysmen können - Velikovsky zufolge - nur durch plötzliche Polverlagerungen zustande gekommen sein, für deren Verursachung er, durchaus nachvollziehbar, als einzige Möglichkeit Nahbegegnungen (nicht ein Aufeinanderprallen, wie seine Widersacher phantasierten) der Erde mit anderen, zumindest planetengroßen kosmischen Körpern sieht.


Katastrophismus und Neo-Katastrophismus

Abb. 3 Georges Cuvier (1769-1832)

Georges Cuvier (1769-1832), eine der großen Vatergestalten der Geologie, hatte 1812 [5] das Weltbild des Katastrophismus festgeschrieben, wonach die Erdoberfläche von wiederholten gewaltigen Erdumwälzungen geformt wurde. Erst nach 1830 wurde diese Anschauung, zu der man durch geologische Forschung gelangt war, durch die lyellsche "Doctrine of Uniformity" (mehr Ideologie als Wissenschaft) verdrängt. Nun verlief alles unkataklysmisch-harmlos.

Zwischen 1830 und 1980 beherrschte die lyellsche Doktrin das Feld. Der Katastrophismus hatte sich in den außeruniversitären ,,Untergrund“ zurückgezogen. Aber mit der Entdeckung des Endkreide-Impaktes durch L. & W. Alvarez 1980 und dem Sintflut-Buch von A. & E. Tollmann [6], das wie eine Bombe einschlug, ist der cuviersche Katastrophismus wieder an unsere Universitäten zurückgekehrt. Und zwar jene Version des Katastrophismus, die als Verursachungsmechanismus für die prä- und protohistorischen Kataklysmen ausdrücklich Einwirkungen aus dem Kosmos fordert.


Velikovskys "Untaten"

Es soll hier nur von zwei velikovskyschen Bestsellern die Rede sein. Seine Arbeiten über Chronologie-Revision, Kataklysmen verursachte Menschheits-Traumata und seine kleineren Publikationen [7] sollen außer Betracht bleiben. Erwähnt werden soll allerdings, dass er bereits 1946 in "Cosmos Without Gravitation" [8] die newtonsche Gravitationsvorstellung in Frage stellte. In seinem "Szenario" waren hohe elektrostatische Ladungen der Sonnen, Planeten etc. und elektromagnetische Felder die alles bewirkenden Kräfte im Universum.

Der "Paukenschlag", mit dem sich Velikovsky einführte, erfolgte 1950 mit "Worlds In Collision" [9]. Es folgten 1953 "Ages In Chaos" [10], ein Werk zur Chronologie-Revision, und 1956 schließlich "Earth In Upheaval". [11]

In "Worlds In Collision" behauptet Velikovsky, dass sich zur Zeit des Exodus und um -700 kosmisch verursachte, schwere Naturkataklysmen ereignet hätten, von denen die alten Hochkulturen stark in Mitleidenschaft gezogen, teilweise sogar vernichtet worden seien. Er behauptete auch, Venus habe sich damals längere Zeit auf einer stark gestörten, kometenähnlichen Bahn bewegt, Chaos im inneren Sonnensystem angerichtet, Nahbegegnungen mit mehreren Planeten, auch mit der Erde, gehabt, und dadurch seien jene Kataklysmen verursacht worden. Zu Einzelheiten sei aus Platzgründen auf Velikovsky verwiesen.


Die Eiszeit bezweifelt!

Abb. 4 Luis Alvarez (1911 - 1988), der Entdecker des Endkreide-Impakts, rehabilitierte den Katastrophismus und entlarvte den "Aktualismus" als ideologischen General-Nonsens.

"Earth In Upheaval" kann man als das Standardwerk des Neo-Katastrophismus bezeichnen. Hier zeichnet Velikovsky die kataklysmisch geprägte Vergangenheit der Erde und des Menschengeschlechts. Und er bezweifelte die wissenschaftliche Ansicht für ein einstiges "Großes Eiszeitalter". [12]

Seiner Ansicht nach spricht alles dafür, dass die prähistorischen Kataklysmen stets von (durch kosmische Einwirkungen verursachte) Taumelbewegungen der Erde, beziehungsweise plötzliche Polverlagerungen im Sinne von Warlows "Magic-Top"-Modell [13], hervorgerufen wurden. Auch das vermeintliche "Große Eiszeitalter" wird unseren Quartärgeologen durch einstige Kataklysmen vorgespiegelt.

Ganz besonders in diesem Werk erweist sich Velikovsky als ein großer Gelehrter, der seine ,,Hausaufgaben“ gemacht hatte! Von einem ,,Pseudowissenschaftler“ ist da nichts zu spüren.


Viel Lärm um nichts?

Von heute her gesehen fällt es schwer, den seinerzeitigen ungeheuren akademischen Aufruhr um Velikovsky nachzuvollziehen. Man muss sich in jene Zeit zurückversetzen. Damals prallte ein Außenseiter von seltenem Kaliber und Charisma mit besonders arroganten Vertretern einer "verbeamtet"-bequem gewordenen Wissenschaft zusammen. Ein Weltbild wurde von einem "verrückten Revolutionär" in Frage gestellt!

Heute können wir das nüchtern sehen. Der Neo-Katastrophismus hat sich bereits Brückenköpfe an den Universitäten erobert. Zwar sprechen Alvarez (Abb. 4), Tollmann und viele andere eher von Impakt-Kataklysmen (Planetoiden, Kometen), als von Planeten-Nahbegegnungen. Aber die Schilderungen der Kataklysmen, vergleichen wir etwa das Tollmannsche Sintflut-Buch mit „Earth In Upheaval“, entsprechen einander weitgehend. Selbst von Kataklysmen, die spät-prähistorische Hochkulturen vernichtet hätten, ist bei ernstzunehmenden, professoralen Autoren die Rede.

Ich meine: unsere Schulwissenschaft sollte aufhören, sich wegen Velikovsky zu erregen! Und überdies: die wissenschaftliche Redlichkeit verlangt dies auch.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich (© 1998) wurde ersmals in EFODON-SYNESIS Nr. 30/1998 veröffentlicht. Bei Atlantisforschung.de erscheint er in einer redaktionell bearbeiteten und illustrierten Fassung.

Fußnoten:

  1. Siehe: Hanns Hörbiger & Philipp Fauth: "Hörbigers Glazial-Kosmogonie", Leipzig 1913. --- Red. Anmerkung: Außerdem wiesen WEL-Anhänger, wie z.B. Fauth, bereits Anfang der 1940er Jahre auf den Impakt-Charakter der Mondkrater und -mare hin - zu einer Zeit als die Mainstream-Astronomie noch steif und fest behauptete, diese Formationen seien vulkanischen Ursprungs. Vergl. dazu: Updates zu Kurt Bilau, Bilau und Hörbiger´s WEL (bb)
  2. Anmerkung: Etwa Maria Firneis im Sagan-Nachruf in STAR OBSERVER, Nr. 2/97, S. 95
  3. Anmerkung: Dokumentiert in Alfred de Grazia, "The Velikovsky Affair", London 1966.
  4. Siehe: Wilfrid Francis, "Coal - Its Formation and Composition", London 1961.
  5. Siehe: Georges Cuvier, Discours sur les révolutions de la surface du globe", Paris 1812.
  6. Siehe: Alexander und Edith Tollmann, "Und die Sintflut gab es doch", München 1993.
  7. Anmerkung: Hierzu ein guter Überblick in VORZEIT-FRÜHZEIT-GEGENWART 5/89, S. 13-14.
  8. Anmerkung: In SCRIPTA ACADEMICA HIEROSOLYMITANA, Report IV, New York/Jerusalem.
  9. Deutsche Fassung: "Welten im Zusammenstoß", Frankfurt am Main 1978.
  10. Deutsche Fassung: "Zeitalter im Chaos", Frankfurt am Main 1978.
  11. Deutsche Fassung: "Erde im Aufruhr", Frankfurt am Main 1980.
  12. Anmerkung: Dies hatte bereits C. G. S. Sandberg getan in: "Ist die Annahme von Eiszeiten berechtigt?", Leiden 1937.
  13. Siehe: Peter Warlow, "Geomagnetic Reversals?", in: JOURNAL OF PHYSICS A (Math. & Gen.) 11 No. 10, 1978, S. 2107-2130, abgedruckt in: S. I. S. REVIEW, Vol. III/No. 4, 1979, S. 100-112.

Bild-Quellen:

1) www.diagnosis2012.co.uk/ 5.htm
2) http://www.grazian-archive.com/History/CoverPage.htm
3) http://www.dinowelt.de/palaeontologie/cuvier.jpg
4) http://wwwlapp.in2p3.fr/neutrinos/neutimg/nacteurs/alvarez.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)


Links

  • Vom Himmel hoch - Die Katastrophentheorie des Russen Immanuel Velikovsky, von Herbert Cerutti, online unter

http://www.jesus1053.com/l2-wahl/l2-katastrophen/weltuntergang.htm

  • Eine Linksammlung mit weiteren, interessanten Beiträgen zu Immanuel Velikovsky in englischer Sprache finden Sie unter:

http://www.worldagesarchive.com/Individual%20Web%20Pages/Velikovsky_Links.html