Überlegungen zu Emilio Spedicatos katastrophistischem Modell: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 22. November 2013, 05:57 Uhr

Eine allzulange verdrängte Alternative zu Velikovsky: Planetoidenkollisionen als Ursache der Kataklysmen?

von unserem Gastautor Dr. Horst Friedrich (1993)

Abb. 1 Prof. Dr. Emilio Spedicato legte 1993 eine katastrophistische Studie vor, die seither nicht im Geringsten an Aktualität verloren hat.

In einer ungemein verdienstvollen, gründlichen Arbeit [1] hat E. Spedicato (Abb. 1) untersucht, inwieweit Planetoiden vom Typ des 1932 entdeckten "Apollo" - man könnte sie auch "Kometoiden" nennen - für die prä- und protohistorischen Kataklysmen verantwortlich gemacht werden müssen. Keine Diskussion dieses so überragend wichtigen Problemkomplexes wird zukünftig an dieser Arbeit vorbeikommen.

Spedicato hebt hervor, daß wir erst seit den Siebzigerjahren [des 20. Jahrhunderts; d. Red.] genügend Informationen über diese Objekte - und zur mutmaßlichen Entstehung der vielen Einschlagkrater auf Erde und Mond - besitzen, und daß Velikovsky, der diese Informationen noch nicht besaß, gewissermaßen notgedrungen auf seine Venus-Mars-Szenarien ausweichen mußte, die ihm so viele unakademisch-giftige Attacken [2] seitens des Establishments eintrugen. Spanuth [3], der die Katastrophen der Seevölkerzeit dem "Kometen" Phaéton zuschrieb [4], lag damit wohl richtiger.

Die Apollo-Planetoiden bewegen sich auf relativ stark elliptischen Bahnen, deren Perihele innerhalb der Erdbahn liegen, wodurch Erd- und Planetoidenbahnen sich kreuzen und Kollisionen sich Ereignen können. Man schätzt, daß es mindestens 1000 Apollo-Objekte mit einem Durchmesser von 1 km und darüber gibt; rund 100 davon hat man bisher beobachtet. Eine Abschätzung der Kollisionswahrscheinlichkeit zwischen der Erde und einem Apollo-Planetoiden ergibt, daß für die großen Exemplare (etwa 10 km Durchmesser) nur alle 50 bis 100 Mio. Jahre mit einem solchen Ereignis zu rechnen ist. Hingegen ist bei den kleineren Apollo-Objekten (100-200 Meter Durchmesser) alle paar Jahrhunderte mit einer Kollision zu rechnen. Alle 100 Jahre wird ein Mitglied dieser Gruppe von mindestens 1km Durchmesser der erde näher kommen als der Mond.

Spedicato betrachtet ein "typisches" Apollo-Objekt von 1,4 km Durchmesser und 25 km/sec Geschwindigkeit relativ zur Erde, dessen kinetische Energie der Explosion von 1.000.000 Ein-Megatonnen-Wasserstoffbomben oder dem 3000-fachen der Energie des größten beobachteten Erdbebens äquivalent wäre. Er untersucht dann die Folgen des Einschlags eines solchen Objekts einmal auf kontinentalem Festland, einmal in den Ozean.

Abb. 2 Kollisionen von 'kleinen' Apollo-Objekten mit der Erde geschehen vergleichsweise häufig.

Zunächst breitet sich in jedem Falle in der Erdatmosphäre mit enormer Geschwindigkeit eine auf hunderte von Kilometern tödliche Druck- und Hitzewelle aus. Bei einem der seltenen großen Apollo-Objekte wäre sogar noch in einer Entfernung von 2000 km vom Einschlagpunkt vorübergehend mit Windgeschwindigkeiten von 2400 km/h und einer hitzewelle von fast 500° zu rechnen. Zugleich würde in der Erdatmosphäre C14 erzeugt, was für die Beurteilung der Radiokarbon-Datierungsmethode wichtig ist. [5]

Die spektakulärsen Folgen des Aufschlags eines "typischen" Apollo-Planetoiden auf kontinentalem Festland wären ein weltweites starkes Erdbeben, eine enorme stratosphärische Staubschicht, weltweite Vulkanausbrüche, im Falle größerer Objekte sogar Entstehung neuer Gebirge respektive ein erneuter Orogenese-Schub bei bestehenden Faltengebirgen. Die stratosphärische Staubschicht hätte Abkühlung über den Kontinenten zur Folge, was was weltweit anhaltende Orkane mit enormen Niederschlägen hervorrufen würde, die in niederen Breiten zu Pluvialzeiten führen würden, wohingegen in höheren Breiten Dauer-Blizzards in kürzester Zeit eine Eiszeit entstehen ließen. [6]

Die große Mehrzahl der mit der Erde kollidierenden Planetoiden stürzt jedoch in die flachen Schelfmeere oder in den Ozean. Hier wäre eine weltweite Tsunami (Abb. 3) die Folge, die bereits auf dem offenen Meer in 1000 km Entfernung vom Einschlagort noch 100 Meter hoch wäre, wodurch große Teile des Kontinents überflutet würden. Oft wird der "typische" Apollo-Planetoid den dünnen Tiefseeboden durchschlagen, was gewaltige Magmaausbrüche ins Meer zur Folge hätte, die wiederum infolge gewaltiger Wolkenbildung zu sintflutartigen Dauerwolkenbrüchen, erinnernd an die biblische Sintflut-Tradition, führen würden. Ein solcher Eisturz ins Meer wirdd eine bestehende Eiszeit beenden durch die Tsunami, die Überflutung vereister Kontinentalgebiete mit relativ warmem und salzigem Meerwasser und warme Dauerwolkenbrüche.

Abb. 3 Mega-Tsunamis als Folge-Ereignisse eines schweren Impaktes stellen eine globale Bedrohung dar - keinewegs nur für die Küsten-Gebiete.

Spedicato stellt zur Diskussion, daß Platos Bericht vom plötzlichen Untergang des legendären Atlantis von einem solchen Planetoiden-Einsturz in den Atlantik handelt, dessen Tsunami Amerika, Europa und Afrika verwüstete. Er rechnet damit, daß das Meer damals tausende von Kilometern ins Amazonastiefland und in die Sahara eindrang, und daß die Verwüstung sich auch noch auf das ganze Mittelmeergebiet erstreckte. Er konstatiert: "Kein Bauwerk entging der Vernichtung durch die Tsunami und das ihr vorauseilende Erdbeben; eine Tsunami dieser Größenordnung legt eine Stadt nicht nur in Trümmer, sondern trägt dies Trümmer auch in weite Entfernung, sodaß praktisch keine Spur mehr erhalten bleibt." [7]

Einem vom Verfasser vorgetragenes Szenario [8] zufolge existierte einst, zur Zeit der Megalithbauten, an den atlantischen Küsten Europas, von Marokko bis Südskandinavien, eine "iberische" Hochkultur, zweifellos mit zahlreichen Seehäfen und befestigten Städten, die aber - da bisher unauffindbar - als ein gänzlich hypothetisches Postulat erschienen. Die obigen Worte Spedicatos machen verständlich, warum nichts mehr zu finden ist. Auch zu der von Topper [9] gegebenen Beschreibung der wiederholten kataklysmischen Heimsuchungen der Iberischen Halbinsel und der Vernichtung der einst dort existierenden Hochkulturen scheint Spedicato eine unentbehrliche Abrundung des Gesamtbildes beizusteuern.

Mit der qualifizierten und überzeugenden Arbeit von Spedicato ist die Planetoidenkollisionsthese, mit der sich neben Spanuth auch andere Forscher beschäftigt haben [10], die aber durch Velikovskys Charisma unter den Neo-Katastrophisten in den Hintergrund gedrängt worden war, wieder in ihr Recht eingesetzt und in den Rang einer ernstzunehmenden Arbeitshypothese erhoben worden. Der Verfasser wagt die Prophezeiung, daß sie in dieser Form Velikovskys letztlich doch nicht so recht überzeugendes Planetenkollisionsszenario [11] nun ihrerseits verdrängen wird, da ihre erklärerische Kraft und problemlösende Potenz hinsichtlich der prä- und protohistorischen Kataklysmen überlegen ist. [12]


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich (©) wurde von ihm verfasst am 25.03.1992 und unter dem Titel "Eine allzulange verdrängte Alternative zu Velikovsky: Planetoidenkollisionen als Ursache der Kataklysmen?" erstveröffentlicht in der Zeitschrift Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart Nr.3-4/1993. Bei Atlantisforschung.de erscheint er im November 2013 erstmals auch online im Dr. Horst Friedrich Archiv.

Fußnoten:

  1. Siehe: Spedicato, Emilio (1991), "Apollo Objects, Atlantis, and the Deluge: A Catastropical Scenario for the End of the Last Gaciation, in: NEARA Journal, Vol. XXVI/No.1-2; vom Verfasser überarbeitete Fassung in deutscher Sprache (Übersetzung durch Bernhard Beier) online bei Atlantisforschung.de unter: "Galaktische Begegnungen, APOLLO-Objekte und ATLANTIS - Ein katastrophisches Szenario für Diskontinuitäten in der Menschheitsgeschichte"
  2. Red. Anmerkung: Siehe dazu online insbesondere von Alfred de Grazia (Hrsg.): "Die Velikovsky Affäre" (abgerufen: 21.11.2013)
  3. Siehe: Spanuth, Jürgen (1965), "Atlantis", Tübingen, pp.160-210
  4. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de vor allem: Günter Bischoff, "Phaéthons Sturz und der Untergang von Atlantis"; sowie: Bernhard Beier, "Zur Diskussion um Spanuths Phaéthon-These"
  5. Red. Anmerkung: Zur Kritik dieser Datierungsmethode siehe bei Atlantisforschung.de u.a.: Reinhard Prahl, "Unsicherheitsfaktor Radiokarbonmethode"
  6. Red. Anmerkung: Vergl. zu weiteren Aspekten eines solchen Szenarios bei Atlantisforschung.de auch: Christian Rother, "Ablauf und Folgen eines Impaktes"
  7. Quelle: Emilio Spedicato, op. cit., S. 14
  8. Siehe: Horst Friedrich, "Velikovsky, Spanuth und die >Seevölker-Diskussion - Argumente für eine Abwanderung atlanto-europäischer spät-bronzezeitlicher Megalith-Völker gegen 700 v. Chr. in den Mittelmeerraum", 1988 (2. Aufl. 1990), Wörthsee (Selbstverlag); Neuaufl.: Greiz (König), 2007
  9. Siehe: Uwe Topper, "Das Erbe der Giganten: Untergang und Rückkehr der Atlanter", Olten/Freiburg, 1977; daraus bei Atlantisforschung.de u.a. online: "Die Chronik von Atlantis"
  10. Red. Anmerkung: In Sachen Impakt-Szenarien waren dies im Zusammenhang mit dem Atlantis-Problem im deutschsprachigen Raum vor allem Otto Heinrich Muck (1892-1956) und Alexander Tollmann (1928-2007) sowie Edith Christan-Tollmann (1934-1995)
  11. Red. Anmerkung: Siehe dazu die Neuauflagen von Immanuel Velikovskys Büchern "Erde im Aufruhr" (2005) und "Welten im Zusammenstoß" (2005) im Verlag Julia White Publishing.
  12. Red. Anmerkung: Die obige Prognose von Dr. Friedrich aus dem Jahr 1993 hat sich voll und ganz bewahrheitet. Auch wenn das Studium der Werke Velikovskys noch heute für Experten in Sachen Katastrophismus eine 'Pflichtveranstalung' darstellt und in Detailfragen interessante Erkenntnisse Vermittelt, ist sein Modell im Neo- oder Cenokatastrophismus der Gegenwart kaum noch eine Rolle. In der Tat sind hier nun Impakte zum vorherrschenden Erklärungsmuster für rezente Großkatastrophen geworden, zumal dies inzwischen auch Bestätigung durch die universitäre Wissenschaft findet. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Neue Beweise für einen gravierenden Impakt vor ca. 12.800 Jahren (University of California, Santa Barbara), Mai 2013. Sehr zu empfehlen sind auch Beuche der Homepages des Chiemgau Impact Research Teams (CIRT) (deutschsprachig) und der Holocene Impact Working Group (englischsprachig); beide abgerufen am 21.11.2013.


Bild-Quellen:

1) R.galbiati bei Wikimedia Commons, unter: File:Spedicato foto 2004.jpg

2) State Farm, bei Wikimedia Commons, unter: File:Asteroid falling to Earth.jpg

3) Talgin, bei Wikimedia Commons, unter: File:Cunami.jpg