Alan Cameron: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 11. Oktober 2019, 00:31 Uhr

Kritisches Forscher- und Autorenportrait

Auf einen Blick

Abb. 1 Alan Cameron (1938-2017) auf einem Foto vom März 2013

(bb) Alan Douglas Edward Cameron (Abb. 1) (* 13. März 1938; † 31. Juli 2017 in New York City [1] war ein britischer klassischer Philologe, Althistoriker und Byzantinist. Seine Kerngebiete im Bereich von Forschung und Lehre umfassten "hellenistische und römische Dichtungen, spätantike Literatur, Aspekte der spätantiken und byzantinischen Geschichte sowie die Überlieferungsgeschichte antiker Texte." [2] In Hinsicht auf Platons Atlantida zeigte sich Cameron, wie es der irische Atlantologie-Enzyklopädist Tony O’Connell formuliert, als "devout Atlantis sceptic" (inbrünstiger Atlantis-Skeptiker). [3]

Biographische Notizen

In der deutschsprachigen Wikipedia heißt es über Leben und Werk des britischen Professors u.a.: "Alan Cameron besuchte von 1951 bis 1956 die St. Paul's School in London. Er studierte an der Universität Oxford (1961 B. A., 1964 M. A.). Seine akademische Laufbahn begann er 1961 als Lecturer an der University of Glasgow}. Anschließend war er [https://de.wikipedia.org/wiki/Lecturer Lecturer und dann Reader in Latein am Bedford College in London (1964–1972). Von 1972 bis 1977 hatte er einen Lehrstuhl am King’s College London. Ab 1977 lehrte er an der Columbia-Universität in New York und war bis 2008 Charles Anthon Professor of the Latin Language and Literature. Er war von 1962 bis 1980 mit der Althistorikerin und Byzantinistin Averil Cameron verheiratet." [4]

Alan Cameron und das Atlantisproblem

Abb. 2 Hier das Frontcover der Erstausgabe von Alan Camerons Arbeit "Greek Mythography in the Roman World"

Ohne seine Leistungen auf anderen Gebieten infrage stellen zu wollen, ist Camerons wissenschaftlicher 'Output' in Sachen Atlantis als - moderat formuliert - bedenklich zu bezeichnen. Eine Art Credo seiner seiner wesentlichen Ansichten zu diesem Thema lieferte er 1983 im Abstract seines Artikels "Crantor and Posidonius on Atlantis", in welchem es z.B. heißt: "Die Geschichte von Atlantis, Inspiritation für mehr als 20.000 Bücher, basiert vollständig auf einem ausgefeilten platonischen Mythos, der angeblich auf einer privaten, mündlichen Überlieferung basiert, die von Solon abstammt. Solon selbst soll die Geschichte in Ägypten gehört haben; ein Priester übersetzte es ihm verbindlich aus Hieroglyphen-Inschriften in einem Tempel in Sais. [...] Dass Plato selbst die ganze Geschichte erfunden hat, ist in der Tat quasi [orig.: "virtually"; d.Ü.] nachweisbar." [5]

Um Missverständnissen vorzubeugen: Fragwürdig ist hier keineswegs, dass Alan Cameron die Fiktionalitäts-These verficht - das ist natürlich für sich genommen völlig legitim. Eher ist ihm vorzuwerfen, dass er die umstittene Behauptung als Faktum in den in den Raum stellt, die Atlantis-Erzählung basiere "vollständig" auf einem 'Platonischen Mythos'. Gänzlich inakzeptabel ist schließlich, dass er den Anschein erweckt, die Fiktionalität der Atlantida sei gewissermaßen eine gesicherte Erkenntnis.

Abb. 3 Platons zyklisches Bild der Menscheits- und Zivilisations-Geschichte, ein 'Schlüssel' zum tieferen Verständnis seines Atlantisberichts, wurd von Alan Cameron nicht wahrgenommen, oder aber ignoriert.

Thorwald C. Franke, der Camerons "methodisch fragwürdig[en]" Atlantis-Betrachtungen in seinem Magnum opus "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis" eine mehr als sieben Seiten umfassende Abhandlung widmet, bemerkt dazu: "...>virtually< bedeutet eben nur >so gut wie< und nicht >eindeutig<. Pseudowissenschaftlern mag ein >virtually< genügen, doch in der Wissenschaft sollte das einen Unterschied machen. Das Ziel der Untersuchung von Cameron ist leider von einem einseitigen Interesse geleitet..." Von "einer Untersuchung mit offenem Ausgang ist nicht die Rede." [6]

Geradezu unbegreiflich erscheint zudem, dass Cameron - immerhin ein ausgewiesener Experte für antike Literatur - sich an anderer Stelle zu der unschwer widerlegbaren Aussage verstieg: "Nur in der Neuzeit haben die Menschen die Atlantis-Geschichte ernst genommen. in der Antike tat dies niemand." [7] Franke quittiert diesen veritablen Unsinn mit äußerster Schärfe, indem er konstatiert, die oben zitierte Aussage Camerons sei "von einer so offenkundigen wissenschaftlichen Verantwortungslosigkeit, dass die Frage nach einer unlauteren Absicht nicht mehr ohne weiteres von der Hand gewiesen werden kann." [8] Auf eine derartige Frage kann es im vorliegenden Fall jedoch nur zwei alternative Antworten geben: Entweder hier liegt tätsächlich eine "unlautere Absicht" zugrunde, oder - und dieser zweiten Interpretation gibt der Verfasser dieses Artikels eindeutig den Vorzug - wir haben es einmal mehr mit einer Mischung aus akademischer Ignoranz, fachwissenschaftlicher Betriebsblindheit und zumindest partieller Inkompetenz zu tun.

So erfasste Cameron - wie viele andere Klassische Philologen und Althistoriker - nicht einmal ansatzweise Platons Katastrophismus und sein zyklisches Bild der Menscheits- und Zivilisations-Geschichte als eine wesentliche Grundlage seiner späten staatsphilosophischen Überlgungen hinsichtlich bestmöglicher Gestzgebung und Verfasssung, und damit auch als wichtigen Schüssel zu einem tieferen Verständnis des Atlantisberichts. Cameron dagegen degradierte den Untergang von Atlantis zu einer Art Randnotiz der Atlantida, zu einem erzähltechnischen Kunstgriff, da "Platos Mythos zweifelsohne erklären [musste], warum es auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar nicht länger eine solche riesige Insel gab. Die Katastrophe war lediglich ein Mittel, dieses Ende zustande zu bringen, eher ein Detail als die Essenz der Geschichte." [9]

Eine vollständige Besprechung von Alan Camerons atlantologischen 'Rohrkrepierern' würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Zumindest sei hier noch kurz auf die von ihm unkritisch kolportierte und argumentativ genutzte Behauptung hingewiesen, Platons Schüler Aristoteles habe sich gegen die Historizität von Atlantis ausgesprochen [10] [11]. Erwähnenswert erscheint auch sein dubioser Umgang mit den überlieferten Aussagen des Philosophen und Universalgelehrten Proklos, eines bekannten antiken Atlantis-Befürworters, der die Atlantida "sowohl real als auch symbolisch deutete. Cameron hingegen versucht durch rhetorische Tricks, auch Proklos als einen Atlantisskeptiker darzustellen." [12]

Um auch abschließend noch einmal Franke zu zitieren, so kommt dieser in Hinblick auf Camerons gröbste Fehlleistungen zu dem Fazit: "Es ist wissenschaflich verantwortungslos, solche extremen und offensichtlich falschen Aussagen zu formulieren. Die Wissenschaft wird so der Lächerlichkeit preisgegeben und pseudowissenschaftliche [sic!; bb] Atlantisbefürworter können sich in ihren Vorurteilen [sic!; bb] bestätigt sehen. Wissenschaftler hingegen werden vor die unangenehme Wahl gestellt, diesen apodiktischen Dogmatismus schweigend zu übergehen, oder ihn frontal zu hinterfragen - das aber bedeutet Unfrieden und die Gefährdung der Karriere." [13] [14]


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Juliana Driever, "Professor Alan Cameron, 1938-2017", bei University of Liverpool, CLASSICISTS Archives (abgerufen: 09. Oktober 2019)
  2. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Alan Cameron" (abgerufen: 09. Oktober )
  3. Quelle: Tony O’Connell, "Classical Writers Supporting the Existence of Atlantis", 6. Juni 2010, bei Atlantipedia.ie (abgerufen: 09. Oktober 2019)
  4. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Alan Cameron" (abgerufen: 09. Oktober 2019)
  5. Quelle: Alan Cameron, "Crantor and Posidonius on Atlantis (Abstract)", in: The Classical Quarterly 33 (01):81-91 (1983)
  6. Quelle: Thorwald C. Franke, "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis - Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne", Norderstedt (Books on Demand GmbH), Juli 2016, S. 185
  7. Quelle: Alan Cameron, "Greek Mythography in the Roman World" (Abb. 2) (American Classical Studies, Vol. 48), Oxford (Oxford University Press), 2004, S. 124; zit. nach: Stelios Grant Pavlou, "Atlantis as Myth" bei Atlantipedia.org (abgerufen: 09. Oktober 2019; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  8. Quelle: Thorwald C. Franke, op. cit. (2016), S. 185
  9. Quelle: David Cameron, op. cit. (1983), S. 81-9f; zit. nach: S Peter Davis, "Occam's Nightmare", Lulu.com, 2013, S. 29 (Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  10. Siehe: Thorwald C. Franke, op. cit. (2016), S. 186-187
  11. Siehe zum Thema auch: Thorwald C. Franke, "Aristoteles und Atlantis - Was dachte der Philosoph wirklich über das Inselreich des Platon?", Norderstedt (Books on Demand GmbH), März 2010, broschiert, 152 Seiten, ISBN: 978-3-8391-6166-1
  12. Quelle: Thorwald C. Franke, op. cit. (2016), S. 192
  13. Quelle: Thorwald C. Franke, op. cit. (2016), S. 193
  14. Anmerkung: Als Beispiel für eine eine - die Ausnahme bildende und lediglich punktuelle - fachwissenschaftliche Kritik an Aussagen Camerons in Sachen 'antike Atlantis-Rezeption' siehe: Heinz-Günther Nesselrath, "Atlantis auf ägyptischen Stelen? Der Philosoph Krantor als Epigraphiker", in; ZEITSCHRIFT FÜR PAPYROLOGIE UND EPIGRAPHIK, 135, 2001, S. 33–35 (online als PDF-Datei bei researchgate.net; abgerufen: 10. Oktober 2019)

Bild-Quellen:

1) Carlajoan1 (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Alan Cameron, March 2013 (cropped).jpg (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“)
2) Oxford University Press via Amazon.com, unter: Greek Mythography in the Roman World (Society for Classical Studies American Classical Studies) 1st Edition
3) Charles C. Savage, "llustrated biography; or, Memoirs of the great and the good of all nations and all times; comprising sketches of eminent statesmen, philosophers, heroes, artists, reformers, philanthropists, mechanics, navigators, authors, poets, divines, soldiers, savans, etc", Buffalo, Phinney & Co., 1856, S. 29; nach: Wikimedia Commons, unter: File:Illustrated biography; or, Memoirs of the great and the good of all nations and all times...