Annrose Niem: Atlantis - Phantom oder Wirklichkeit?

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Rezension von Bernhard Beier

Abb. 1 Das Front-Cover von Annrose Niems Arbeit Atlantis - Phantom oder Wirklichkeit?

Wenn es um die Suche nach empfehlenswerter Einstiegsliteratur zum Themenbereich 'Atlantis & Atlantisforschung' geht, wird der Rezensent leider nur allzu selten fündig. Entweder mangelt es den Autorinnen und Autoren am nötigen Sachverstand, oder es wird von ihnen angestrengt versucht, der Leserschaft die jeweils eigene Meinung bezüglich Charakter und Auslegung des Atlanticus als einzig zulässige Sicht der Dinge aufzuoktroyieren. Bisweilen fehlt den Betreffenden auch ganz einfach das notwendige sprachliche Rüstzeug, um die darzustellenden - doch recht komplexen und nicht gerade leicht vermittelbaren - Inhalte, um die es hier geht, kurz und bündig sowie allgemeinverständlich zu präsentieren.

Was die hier zu besprechende Broschüre mit dem Titel Atlantis - Phantom oder Wirklichkeit? [1] (Abb. 1) von Dr. Annrose Niem angeht, ist ausnahmsweise einmal keiner dieser Mängel festzustellen. Bei der am 29. August 1939 in Grünberg, Niederschlesien, geborenen Autorin handelt es sich nämlich um eine studierte Klassische Philologin - in diesem Fach promovierte sie zudem vor etwa 18 Jahren mit einer Dissertation zu Senecas Werk De Providentia -, und des weiteren um eine arrivierte Vortragsrednerin, welche die Kunst beherrscht, ein Publikum, das keine großen Vorkenntnisse mitbringt, ebenso kompetent wie fesselnd in eine so 'sperrige' Materie einzuführen, wie es Platons Atlantiserzählung und deren Rezeption nun einmal ist.

Tatsächlich basiert Dr. Niems Atlantis-'Büchlein' (das Diminutivaffix bezieht sich hier ausschließlich auf den mit 36 Seiten recht geringen Umfang dieser Abhandlung!) auf einem ihrer Vorträge, den sie am 16. Februar 2012 im Stadtmuseum Quakenbrück hielt.

Abb. 2 Dr. Annrose Niem im Stadtmuseum Quakenbrück (Foto: Heiko Bockstiegel)

Nach einer kurzen (vor allem an ihr dortiges Publikum gerichteten) Einleitung und einer, mit Erläuterungen versehenen Wiedergabe der bezüglich Atlantis relevanten Bereiche aus den Dialogen Timaios und Kritias macht die Autorin schon zu Beginn ihrer weiteren Ausführungen keinen Hehl aus ihrer durchaus ambivalenten Grundhaltung in Hinsicht auf das Atlantis-Problem. So heißt es bei ihr z.B.: "Einerseits betont Platon auf verschiedenste Weise und immer wieder, dass der Bericht auf Tatsachen beruhe und nicht nur ein Mythos sei. Andererseits finden wir darin aber Elemente, die deutlich dem Mythos angehören, so z. B. die Gründung und anfängliche Förderung der Staaten [d.h. Atlantis und Ur-Athen; bb] durch Götter und die fortschreitende Entfernung von ihnen, sowie das Ausmalen paradiesischer Zustände in frühester Zeit über viele Generationen hinweg." (S. 20)

Die sich bereits hier abzeichnende, deutlich von der dogmatischen Haltung des altphilologischen Mainstreams abweichende Offenheit der Autorin hinsichtlich beider antagonistischer Betrachtungsansätze - Fiktionalitäts-These und Historizitäts-These - wird im Mittelteil des Vortrags sehr deutlich dargestellt. Was die letztgenannte, unter Berufs-Altertumsforschern seit Jahrzehnten verpönte Position angeht, hält sie es trotz vieler "Fehlversuche, Atlantis zu finden" und "bei aller anfänglichen Skepsis" [...] "doch für legitim, nach dem sagenhaften Atlantis zu suchen." (S. 22) Das ist bemerkenswert.

In Bezug auf solche Auslegungen von Platons Atlantis als historisch-geographische Entität nimmt Dr. Niem einen - aus atlantologischem Blickwinkel - durchaus konservativen Standpunkt ein und bemerkt einschränkend: "Alle Mutmaßungen, Atlantis diesseits der >Säulen des Herakles< zu sehen oder die Existenz der Insel in wesentlich spätere Zeit zu versetzen und ihre von Platon beschriebene Größe anzuzweifeln, halte ich [...] für abwegig. Dazu gehören z.B. Hypothesen von Forschern, die in Kreta, Santorin oder Troja Atlantis wiedererkennen wollen." (S. 22) Dies erscheint dem Rezensenten als ein doch sehr rigoroser Standpunkt, den er so - also zumindest in der hier zitierten Form - nicht gänzlich teilen mag. Auch in anderen (allerdings sehr wenigen!) Punkten gelangt er zu anderen Schlüssen als die Autorin, doch dies sind sachliche bzw. fachliche Meinungsunterschiede, die in eine Experten-Diskussion gehören. In einer Rezension wie dieser haben sie nichts zu suchen und sollten erst recht keine negativen Kritikpunkte darstellen, weshalb sie hier auch nicht näher behandelt werden.

Mit der Feststellung, dass dieser mittlere Bereich des Atlantis-Vortrags von Frau Dr. Niem nach Ansicht des Rezensenten ruhig etwas ausführlicher hätte ausfallen dürfen, kommen wir nun zum dritten und letzten Teil ihrer im besten Sinne populärwissenschaftlich gehaltenen Abhandlung. Darin stellt die Autorin exemplarisch und sehr umfassend die Theorie des österreichischen Atlantisforschers Otto Muck (1892-1956) vor, die ihr "im Großen und Ganzen schlüssig zu sein scheint", ohne dass sie "damit sagen möchte, dass es genau so gewesen sein müsste, wie der Autor es meint." (S. 22) Die Darstellung von Mucks in der Tat bedeutsamem Werk - er gehört zu den herausragenden Atlantologen des deutschsprachigen Raums im 20. Jahrhundert - nutzt die Autorin zudem, um zumindest implizit auf die Vergänglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisstände hinzuweisen. Konkret erwähnt sie in diesem Zusammenhang aber auch die 2010 erfolgte Entdeckung ca. 8400 Jahre alter menschlicher Spuren in einem überfluteten Höhlen-System der mittelamerikanischen Halbinsel Yucatán, welche die Fachwelt zu einem (zumindest punktuellen) Undenken bezüglich der Besiedlungsgeschichte Amerikas zwang.

Vor diesem Hintergrund findet sich dann in Dr. Niems 'Abschlussplädoyer' zum Atlantis-Problem u.a. der folgende merkenswerte und ganz besonders zitierwürdige Satz, mit dem auch der Rezensent seine Besprechung von Atlantis - Phantom oder Wirklichkeit? beenden möchte: "So können wir nur in aller Demut sagen: Es gibt noch so vieles, was sich unserer genauen Kenntnis entzieht. Sicherlich gehört das Schicksal der sagenumwobenen Insel Atlantis dazu. Denn wer wollte jetzt noch mit Sicherheit behaupten: >Die Insel hat es nicht gegeben<, oder wer: >Es muss sie gegeben haben<?" (S. 31)


Weitere Literatur von Annrose Niem (Auswahl)

Platon:

Niem-Weiß auch ich, dass ich nichts weiß?.jpg
Weiß auch ich, dass ich nichts weiß?: Gedanken zu Sokrates und Platon, Norderstedt (B.o.D.), 10. Januar 2018 (2. Ausgabe), TB, 32 Seiten, ISBN-10: 3848257858 / ISBN-13: 978-3848257850 - PR-Info: "Anhand der "Apologie des Sokrates" Platons sowie seiner Dialoge Euthyphron, Theätet, Kriton, Phaidon und des Höhlengleichnisses aus dem "Staat" wird der Frage nachgegangen, was es mit dem Ausspruch des Sokrates "Ich weiß, dass ich nichts weiß" auf sich hat."
Niem-Platonische Liebe.jpg
Platonische Liebe: Ein Gang durch Platons Symposion, Norderstedt (B.o.D.), 30. Januar 2017 (2. Ausgabe), TB, 32 Seiten, ISBN-10: 3743163950 / ISBN-13: 978-3743163959 - PR-Info: "Der Ausdruck >Platonische Liebe< dürfte allgemein bekannt sein. In diesem Vortrag über Platons >Symposion< soll der Herkunft der Bezeichnung nachgegangen werden. Im >Symposion< wird in gastlicher Atmosphäre zunächst bei mäßigem Weingenuss über das Thema Eros/Liebe diskutiert, bis die Versammlung schließlich von einem ehemaligen Schüler des Sokrates in feucht-fröhliche Bahnen gelenkt wird. Dadurch wird die Diskussion über die Liebe zu einem ungeahnten, aber aufschlussreichen Ende geführt."
Niem-Gerechtigkeit.jpg
Stadtmuseum Quakenbrück e.V. (Herausgeber), Gerechtigkeit unter der Lupe: Was wir in Platons "Staat" über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit erfahren, Norderstedt (B.o.D.), 26. Januar 2016 (1. Ausgabe), TB, 32 Seiten, ISBN-10: 3732284034 / ISBN-13: 978-3732284030 - PR-Info: "Der Titel dieses populärwissenschaftlichen Vortrags erklärt sich daraus, dass Sokrates in Platons "Staat" für eine Definition von Gerechtigkeit beim einzelnen Menschen die Gerechtigkeit im Staat quasi als Vergrößerungsglas benutzt. Dafür lässt er vor seinen Zuhörern das Bild eines neuen, eines gerechten Staates entstehen. Gefragt, ob die Verwirklichung eines solchen Staates möglich sei, nennt Sokrates drei Bedingungen dafür: Die Gleichberechtigung der Frau, Frauen- und Kindergemeinschaft und die Herrschaft von wahren Philosophen."
Niem-Platon-4.jpg
Stadtmuseum Quakenbrück e.V. (Herausgeber), Wanderung von Knossos zur Zeusgrotte: Platons "Gesetze", Norderstedt (B.o.D.), 11. Februar 2019 (1. Ausgabe), TB, 40 Seiten, ISBN-10: 3748144482 / ISBN-13: 978-3748144489 - PR-Info: "In Platons letztem Werk, den "Gesetzen", kann man sehen, dass sein ganzes Schaffen vom Tod seines Lehrers Sokrates bestimmt war. Er entwirft hier noch einmal einen Staat, der realistischer ist als der in seinem "Staat" beschriebene, aber doch auf göttlichen Gesetzen fußt. Besonderes Gewicht legt er dabei auf die Gesetzgebung bei Religionsfrevel (Asebie). Man könnte den Eindruck bekommen, er habe hier seinen Lehrer Sokrates postum vom Vorwurf der Asebie freisprechen und stattdessen seine von den Sophisten beeinflussten Richter vor den Richterstuhl zitieren wollen."

Seneca:

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De Providentia: Herausgegeben und übersetzt von Annrose Niem (Lateinisch/Deutsch), Norderstedt (B.o.D.), 21. August 2015 (3. Auflage), TB, 44 Seiten, ISBN-10: 3839123089 / ISBN-13: 978-3839123089 - PR-Info: "In seinem Dialog De Providentia erörtert Seneca mit seinem Schüler Lucilius das Theodizeeproblem: Warum widerfährt guten Menschen oft viel Leid, obwohl doch die Welt nach stoischer Lehre von der göttlichen Providenz gelenkt wird? Die Autorin eines Kommentars zu diesem Senecadialog (ISBN 3-8311-4747-7) legt hier den Text mit einer neuen Übersetzung der Schrift vor."
Niem-Seneca-2.jpg
Seneca, De Providentia: Ein Kommentar: Dritte, durchgesehene und erweiterte Auflage, Norderstedt (B.o.D.), 13 Juni 2014, TB, 244 Seiten, ISBN-10: 3831147477 / ISBN-13: 978-3831147472 - PR-Info: "In seinem Dialog De Providentia erörtert Seneca mit seinem Schüler Lucilius das Theodizeeproblem: Warum widerfährt guten Menschen oft viel Leid, obwohl doch die Welt nach stoischer Lehre von der göttlichen Providenz gelenkt wird? Der zweiteilige Kommentar besteht aus einer Strukturanalyse des Dialogs auf dem Hintergrund von Senecas Gesamtwerk und einer Sammlung meist sprachlicher Einzelbeobachtungen."
Niem-Seneca-3.jpg
Seneca - stoischer Betonkopf oder einfühlsamer Lebensberater?: Drei Vorträge über große Römer des 1. nachchristlichen Jahrhunderts (Seneca, Plinius d. J. und Plinius d. Ä.), Norderstedt (B.o.D.), 14. Mai 2014 (1. Auflage), TB, 68 Seiten, ISBN-10: 3735737056 / ISBN-13: 978-3735737052 - PR-Info: "In diesem Band sind drei populärwissenschaftliche Vorträge versammelt, die die Autorin in den Jahren 2008, 2010 und 2011 im Stadtmuseum Quakenbrück gehalten hat. Das Museum hatte sie vorher in zwei einzelnen Broschüren ('Seneca und Plinius' und 'Weltall, Erde und Mensch bei Plinius dem Älteren') herausgegeben. Der erste Vortrag bietet eine Einführung in die Philosophie Senecas an Hand der Trostschrift, die der Philosoph aus der Verbannung auf Korsika an seine Mutter Helvia gerichtet hatte. Der zweite stellt den jüngeren Plinius und sein Werk vor. Im Mittelpunkt stehen die beiden Briefe, die er über den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. geschrieben hatte. Bei dieser Katastrophe kam sein Onkel und Adoptivvater Plinius der Ältere ums Leben, weil er sich vor allem aus wissenschaftlichem Interesse zu nahe an den Gefahrenherd herangewagt hatte. Von ihm und seinem Werk 'Naturalis Historia', das als größtes seiner Art aus der Antike auf uns gekommen ist, handelt der dritte Vortrag. Im Mittelpunkt steht das, was Plinius dort über Kosmos, Erde und Mensch sagt."



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Anmerkungen und Quellen

Fußnote:

  1. Siehe: Annrose Niem, "Atlantis - Phantom oder Wirklichkeit? - Wie ein Text aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert noch heute die Wissenschaft in Atem hält", Norderstedt (B.o.D.), 26. Januar 2017, Taschenbuch, 36 Seiten, ISBN-13: 9783844811186, ab Verlag: 5,00 € (inkl. MwSt.)

Bild-Quellen:

1) Bild-Archiv Dr. Annrose Niem: / B.o.D.
2) Heiko Bockstiegel (Fotograf), nach: Samtgemeinde Artland (©), unter Fr. Dr. Annrose Niem zu Platons "Gesetzen"