Die Geschichte der Aktion »Gripp contra Atlantis« (7)

Version vom 23. Oktober 2017, 16:28 Uhr von BB (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Das vorläufige Ende der Affäre

von Pastor Jürgen Spanuth (editiert von Bernhard Beier)

Mit den Veranstaltungen vom 26. Oktober 1953 in Schleswig und vom 4. November 1953 in der Universität Kiel (Abb. 1) - die, wie es der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Anomalist Gerd H. Hövelmann 2005 formulierte, "als öffentliche Exekution des lästigen Privatgelehrten angelegt waren" [1] - sowie mit der Publikation der von Prof. Richard Weyl ebenfalls 1953 herausgegebenen Broschüre "Atlantis enträtselt?" [2] hatte die Kieler Professorenriege um Karl Gripp bereits ihr 'Pulver verschossen': Ihre gegen Jürgen Spanuth und dessen Atlantis-Thesen gerichtete Kampagne kam ins Stocken.

Abb. 1 Die Aktion »Gripp contra Atlantis« mag zwar Mitte der 1950er Jahre ihr vorläufiges Ende gefunden haben, aber die 'Altlasten' dieser Affäre harren noch heute ihrer wissenschafts-geschichtlichen Aufarbeitung. Insbesondere die Rolle, welche der Geologe Prof. Karl Gripp im 'Dritten Reich' und dann nach 1945 an der Universität Kiel spielte, muss nun endlich genau untersucht werden. Außerdem sollte es im ureigenen Interesse der Universität liegen, den schweren Vorwürfen hinsichtlich wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Professoren aus Gripps Umfeld nachzugehen - zwei Problemkreise, die untrennbar miteinander verwoben zu sein scheinen. (Foto: Der Zugang zum älteren Gelände der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Stadtteil Ravensberg)

Offenbar hatten die beteiligten Herren, allen voran Gripp, die Wirkung ihrer öffentlichen Auftritte auf das Publikum, aber auch auf die Presse, völlig falsch eingeschätzt. Mit ihrem hoffärtigen und aggressiven Gebaren hatten sie Spanuth eher genutzt als geschadet. Und auch besagte Broschüre war weder dazu angetan, Laien zu überzeugen, noch Meriten im Kollegenkreis zu erwerben, zumal sich der Bordelumer Pastor gerade in Bezug auf diese dubiose Publikation äußerst kämpferisch zeigte (siehe unten) und Gripp et al. mit juristischen Mitteln zu einem recht hastigen Rückzug zwang. Letztlich dürfte man in diesem Kreis erkannt haben, dass mit einer Fortsetzung der Kampagne kein 'Blumentopf' zu gewinnen war, und so lesen wir bei Jürgen Spanuth:

"Herr Professor Dr. Wetzel, Assistent Gripps, der seine eigenen früheren Veröffentlichungen fälschte (siehe Entgegnung S. 127 f.), [erklärte?] Herrn Kptl. Neumann, Kiel, nach dem Erscheinen meiner Entgegnung: >Wir haben beschlossen, gegen Spanuth nichts mehr zu unternehmen, auf die Gefahr hin, dass die Öffentlichkeit den Eindruck erhält, wir seien Spanuth unterlegen!< (Brief von Kptl. Neumann vom 5.5.55). Die Frankfurter Rundschau schrieb: >Seine (Spanuths) Ausführungen fanden den Widerspruch einiger Wissenschaftler. Man versuchte, Spanuth in die Gruppe der Phantasten abzuschieben. Zehn (tatsächlich waren es 18!) Professoren der Kieler Universität nahmen in einer Gegenschrift Stellung, obwohl nicht wenige Fachgelehrte Spanuths Ergebnisse für sehr überzeugend hielten. Die Antwort Spanuths liess keinen Zweifel darüber, dass die Kieler Professoren ihren Meister gefunden hatten. Wegen Unhaltbarkeit ihrer Gegenthesen zogen nach einer Verhandlung vor dem Landgericht Flensburg die zehn Professoren ihre Schrift selbst zurück, ein wahrhaft nicht alltägliches Ereignis im Bereich der deutschen Wissenschaft!< (2.12.1960)

Ich habe Herrn Gripp wegen der verleumderischen und ehrabschneidenden Behauptung: >Herr Spanuth hat der Wahrheit zuwider öffentlich angegeben, ich hätte den Inhalt seines Buches beurteilt, ohne es gelesen zu haben!< verklagt. Tatsächlich konnte ich mit seinen eigenen, an mich gerichteten Briefen den Nachweis erbringen, dass diese meine Behauptung n i c h t >der Wahrheit zuwider< war, sondern der Wahrheit entsprach. Als Gripp in der Verhandlung am 27.10. 1955 merkte, dass es mir leicht sei, meine Behauptung zu beweisen, zog er von sich aus die Broschüre, die ja gar nicht er, sondern Professor Weyl herausgegeben hatte, zurück. Gripp gab damit zu:

Abb. 2 Jürgen Spanuth ging aus der Kontroverse mit Gripp et al. zweifellos als 'Sieger' hervor, aber historisch betrachtet konnte er daraus keinen Gewinn ziehen: Eine im eigentlichen Sinn des Wortes wissenschaftlich zu nennende Diskussion seiner Thesen blieb aus, und kaum jemand in der scientific community zeigte sich zu einem Diskurs mit ihm 'auf Augenhöhe' bereit.
1.) dass er selbst der eigentliche Initiator dieser Hetze gegen mich sei und nicht der vorgeschobene Professor Weyl;
2.) dass er den Inhalt meines Buches beurteilt hatte, ohne es gelesen zu haben;
3.) dass seine ganze Aktion vollständig und unter Zurücknahme aller Gegenargumente zusammengebrochen sei." [3]

Der letzte Absatz der Atlantisforschung.de vorliegenden Fotokopie von Jürgen Spanuths Abhandlung ist leider zum Teil fast bzw. völlig unleserlich. Immerhin hat Günter Bischoff, der sie uns zur Verfügung gestellt hat, den Versuch unternommen, zumindest den halbwegs identifizierbaren Bereich zu rekonstruieren: "Seither habe ich weder von Gripp noch von einem seiner Helfer ein Wort gegen meine Arbeiten gehört. Die >Aktion Gripp< ist völlig [zusammengebrochen und beendet. Gelegentliche Berufungen . . . anderer Kritiker auf die Aktion Gripp und die angebliche (GB)] >wissenschaftliche Widerlegung Spanuths durch Kieler Professoren< ist aus der Unkenntnis der wahren Sachlage zu erklären!" [4]

Schlussbemerkungen

Man könnte hier zu dem Schluss gelangen, dass Jürgen Spanuth aus der "Aktion »Gripp contra Atlantis«" als eindeutiger Sieger hervorging, was in gewisser Weise ja auch der Fall war. Seinen professoralen Kontrahenten war es - trotz angestrengter gegenteiliger Beteuerungen [5] - realiter nicht gelungen, seine Thesen wissenschaftlich zu widerlegen - und diese Affäre schädigte letztlich auch nicht seinen Ruf, sondern verschaffte ihm vielmehr zusätzliche Popularität. Trotzdem nutzte Spanuth dieser kurzfristige, kleine Triumph schlussendlich nicht viel: Ungeachtet des 'Wirbels', den die "Aktion Gripp" auslöste, und trotz seiner Unterstützung durch eine Reihe von Fachwissenschaftlern verschiedener Disziplinen, fand zu keiner Zeit keine umfassende Wissenschafts-Debatte um seine Thesen statt, wie es noch heute bisweilen in "Unkenntnis der wahren Sachlage" unterstellt wird. [6]

Die Entwicklung wäre vermutlich ganz anders verlaufen, hätte die Leitung der Christian-Albrechts-Universität damals adäquat auf das skandalöse, unethische und teils in krassem Widerspruch zu guter wissenschaftlicher Praxis stehende Vorgehen der Kieler Professoren-Riege reagiert, statt es de facto zu unterstützen. Hätte man an der Universität mit der nötigen Konsequenz gehandelt, eine gründliche Untersuchung durchgeführt und im Ergebnis Dr. Gripp und andere Professoren relegiert, so hätte dies nicht nur in der hiesigen, sondern auch in der internationalen scientific community enorme Wellen geschlagen; und damit wären wohl Lektüre und Diskussion von Spanuths Buch "Das enträtselte Atlantis", das 1956 auch in einer englischsprachigen Fassung erschien [7], zu einem relevanten Gegenstand fachwissenschaftlicher Beschäftigung geworden.

An einem derartigen Skandal hatte man in Kiel begreiflicher Weise keinerlei Interesse, zumal Prof. Gripp, der offenbar ein Meister des 'Beziehungsmanagements' war, anscheinend auch über gute Kontakte zur britischen Besatzungsmacht in Schleswig-Holstein verfügte und sich an der Universität 'unentbehrlich' machte. [8] Also blieb diese Affäre, um noch einmal Hövelmann zu zitieren, "ein bis heute völlig unzureichend aufgearbeiteter Wissenschaftsskandal der frühen Bundesrepublik". [9]

Nachdem jedoch seit der "Aktion »Gripp contra Atlantis«" inzwischen mehr als sechs Jahrzehnte vergangen und die beteiligten Personen nicht mehr am Leben sind, also in Anbetracht der historischen Distanz zu den damaligen Ereignissen, sollte man allerdings erwarten dürfen, dass seitens der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nun endlich damit begonnen wird, diese 'Altlasten' aufzuarbeiten. Insbesondere die Rolle, welche Karl Gripp im 'Dritten Reich' spielte und seine Aktivitäten nach 1945 an der Universität Kiel müssen jetzt endlich genau untersucht werden. Außerdem sollte es im ureigenen Interesse der Universität liegen, den schweren Vorwürfen hinsichtlich wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Professoren aus Gripps engeren Umfeld nachzugehen - zwei Problemkreise, die untrennbar miteinander verwoben zu sein scheinen.

ENDE



Zurück zur Einleitung des Beitrags


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Gerd H. Hövelmann, Der „zurechtgemachte“ Privatgelehrte (Abschnitt: Kurzer Ausflug nach „Atlantis“ – Der Fall Spanuth), in: Zeitschrift für Anomalistik, Band 5 (2005), S. 274; online als PDF-Datei, unter: Fortgesetzte Diskussionen zu früheren Beiträgen (Link abgerufen: 22. Oktober 2017)
  2. Anmerkung: Der Vollständigkeit ist auch noch ein Artikel Gripps - quasi der 'Schwanengesang' des Professors in dieser Angelegenheit - zu erwähnen, der allerdings keine nennenswerte Aufmerksamkeit mehr auf sich zog. Siehe: Karl Gripp, "Spanuth's Atlantis-Forschungen hielten der Kritik nicht stand", in: Aus der Heimat 62 Heft 3, 1954, S 50-53
  3. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Geschichte der Aktion »Gripp contra Atlantis«" (unveröffentlichtes Manuskript), West-Bordelum, 04. 10. 1964, S. 21-22
  4. Quelle: ebd., S. 22
  5. Siehe: Prof. Gripps Artikel aus dem Jahr 1954 (vergl. Fußnote 2)
  6. Anmerkung: Die Gründe für diese Diskursverweigerung der Academia sind so vielschichtig, dass sie hier nicht näher behandelt werden können. Spanuth selbst verstand offenbar nicht, wie kontra-paradigmatisch seine Thesen und Ideen in vieler Hinsicht waren (und z.T. noch heute sind), z.B. in Bezug auf katastrophistische Elemente seiner Theorie. Ihre gründliche und umfassende Diskussion im Bereich der involvierten Fachwissenschaften hätte vermutlich so manche liebgewordene und 'verinnerlichte' Lehrmeinung der Experten zur Bronzezeit in Frage gestellt; ganz abgesehen davon, dass bei einer solchen 'Generaldebatte' auch das Historiker- und Altphilologen-Dogma der angeblichen Erfindung von Atlantis durch Platon ernsthaft zur Disposition gestellt worden wäre.
  7. Siehe: Jürgen Spanuth, "Atlantis - The Mystery Unravelled", Arco, 1956
  8. Anmerkung: So heißt es z.B. in einem Aufsatz von Dr. Carsten Jahnke über die Suche nach Ersatz für die kriegsbedingt weitgehend zerstörten Räumlichkeiten der Kieler Universität: " Einzig dem Kieler Geologen Karl Gripp und einer Gruppe beherzter Universitätsmediziner ist es zu verdanken, dass in Kiel neue Räume gefunden wurden. Gripp konnte die Engländer dazu überreden, die Gebäude der ELAC am Westring, einer ehemaligen Waffenfabrik, der Universität zur Verfügung zu stellen. Hier und auf Schiffen auf der Förde begann am 17. November 1945 wieder der Lehrbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg." (Quelle: PD Dr. Carsten Jahnke, "Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel - Von der Landesschule zum internationalen Forschungszentrum" (ohne Datierung), bei uni-kiel.de (abgerufen: 22. Oktober 2017)
  9. Quelle: Gerd H. Hövelmann, op. cit. (2005), S. 274

Bild-Quellen:

1) Siegbert Brey (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Olshausenstrasse Kiel Zugang Uni.jpg
2) Bild-Archiv Günter Bischoff