Emil Orgetorix Forrer (II)

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Emil Forrer und die Meropisforschung

(bb) Spätestens Mitte der 1940er Jahre - zur Zeit seines Nachkriegsaufenthalts in der Schweiz - begann Emil Forrer sich eingehend mit dem antiken, nur fragmentarisch durch Claudius Aelianus überlieferten (FGrHist 115 F 75) Bericht des Theopompos von Chios über ein seltsames Land "jenseit des Okeanos" zu interessieren, der für ihn zum Dreh- und Angelpunkt seiner diffusionistischen [1] Forschungen zu prähistorischen, transkontinentalen Kulturkontakten zwischen 'Alter' und 'Neuer Welt' werden, und ihn sein gesamtes weiteres Forscherleben hindurch beschäftigen sollte.

Abb. 1 In den Varia historia des Claudius Aelianus wurde uns Theopomps Bericht über das Land Meropis und seine Bewohner überliefert.

In seiner „Philippika“ - nach anderen Quellen in einem verloren gegangenen Werk namens "Thaumasia" (Wundergeschichten) - gibt Theopompos als Rahmenhandlung dieser Erzählung einen Dialog zwischen zwei Charakteren der hellenischen Sagenwelt wieder: König Midas von Phrygien und dem betrunkenen, satyrartigen Halbgott Silenos (Abb. 2) . Silenos lässt den König darin wissen, Europa, Asien und Afrika seien wie Inseln im Okeanos, der wiederum von einem riesigen, jenseitigen Kontinent umgeben sei, den er Meropis nannte, und auf dem es ein seltsames Land namens Anostos gebe. Über diesen Kontinent und seine - recht unterschiedlichen - Bewohner erhält Midas nachfolgend einen, leider nur höchst bruchstückhaften Bericht. [2]

Forrer, der diesen Bericht als vermutlich erster moderner Forscher nicht als Erfindung Theopomps abtat, baute diese Vorstellung zu einer Theorie aus und suchte nach wissenschaftlichen Beweisen für früheste Kontakte zwischen Menschen aus Amerika und Europa - ein veritables neues Studiengebiet, das er „Meropis-Forschung“ taufte. Dazu lesen wir bei Robert Oberheid:

"Aufgrund der Zeilen bei Theopompos entwickelte Forrer im Laufe von drei Jahrzehnten ein ebenso umfangreiches wie komplexes neues Weltbild des ersten vorchristlichen Jahrtausends. Dabei fließen so zahlreich Informationen aud der Altorientalistik, der Altamerikanistik, der Klimatologie, der historischen Sprachforschung, Ethnologie und Geografie ein, sodass Forrer ein wahres >Feuerwerk< an neuen und auch spekulativen Interpretationen präsentiert. Das gesamte theoretische Gedankengebäude der multiplen wechselseitigen Kulturkontakte zwischen Europa, dem Vorderen Orient und Amerika stützt sich aber letztendlich auf wenige Zeilen antiker Autoren. In der heutigen Forschung deutet man die Zeilen über Silenus und Meropis ganz nüchtern [sic!; bb] und sie sind nach heutiger literaturwissenschaftlicher Auffassung vielmehr als eine Persiflage auf Platons Atlantisbeschreibung." [3]

Durchaus zu Recht macht Robert Oberheid dann auf einen besonders problematischen Aspekt von Forrers Meropisforschung und ihrer Ergebnisse aufmerksam, und zwar dessen Ansätze zur Lokalisierung bestimmter Örtlichkeiten, die in der Meropiserzählung Erwähnung finden. Dazu bemerkt er: "Forrer findet in seiner Interpretation dieser auch vermeintliche [sic!; bb] Zuordnungen [4]. So ist der als Anostos bezeichnete Ort für ihn die eindeutige Beschreibung eines erloschenen Vulkans, dessen Krater sich im Laufe der Jahrhunderte mit Wasser füllte und heute einen See in der Nähe von San Salvador gebildet hat." [5]

Abb. 2 Statue des Silenus im Louvre, Paris

In der Tat muss jede Lokalisierung der im Meropisbericht (auch: Anostida genannt) erwähnten Örtlichkeiten - bzw. eine geographische Zuordung der darin ewähnten Toponyme - angesichts der spärlichen Datenlage einen mithin spekulativen Charakter aufweisen. Derartige Lokalisierungen können zunächst nur auf quasi experimenteller Ebene erfolgen, und auf absolute Aussagen sollte diesbezüglich ganz verzichtet werden. Eine Kritik der diesbezüglichen Überlegungen Forrers kann hier allerdings in Unkenntnis des Inhalts seiner Studie "Homerisch und silenisch Amerika" noch nicht erfolgen.

Ebenso vorsichtig zu behandeln wie die Lokalisierungs-Problematik ist jedenfalls auch die Frage, wie die im Bericht des Silenus geschilderte, von Meropis ausgehende Invasion der 'Alten Welt' auszudeuten ist, über die es bei Aelian heißt: "Einstmals [...] unternahmen sie [die Meropier: bb] einen Angriff auf unsere Inseln, überquerten mit zehn Millionen Mann [6] den Ozean, und kamen bis zu den Hyperboreern. Als sie aber hier erfuhren, das dieses Volk unter jenen, die zu uns gehören, das glücklichste sei, so verachteten sie dasselbe als ein armseliges und elendes Volk, und gaben sich nicht die Mühe weiter vorzurücken." [7]

Hören wir zunächst, wer ihm zufolge jene Hyperboreer waren, auf welche die Ankömmlinge von jenseits des Okeanos trafen: "Die Hyperboreer sind, wie ihr griechischer Name besagt, Leute, die >über<, d.h. jenseits des >Nordwindes< wohnen, nämlich von dem damals geltenden Nordpunkte oder Kältepol ... Die Hyperboreer der Zeit des Silenus [8] sind die Bewohner der Britischen Inseln, besonders Schottland, wo die Kriegerflotte von Mexiko ankam." [9]

Und zu den vermuteten Invasoren aus Mittelamerika heißt es bei Oberheid: "Nach Forrer waren es die Maya-Völker und deren Vorgänger, z.B. die Olmeken, die in seiner Terminologie 'Tartessier' genannt werden, die mit ihren Schiffen über den Ozean fuhren und u.a. bis zu den so genannten Hyperboreern gelangt sind." [10] Und auf dieser Annahme und der im Meropisbericht enthaltenen Invasions-Episode fußend, gelangte Forrer dann zu dem wenig überzeugenden Schluss: "Faktisch haben also die Reste des amerikanisch-tartessischen Heeres ganz Nordeuropa besiedelt und wurden von den Kelten und Germanen als Zwerge bezeichnet." [11]

Abb. 3 Waren Theopomps Meropier wirklich die Vorbilder für die 'Zwerge' der alteuropäischen Sagenwelt, wie Emil Forrer annahm? (Zeichnung: Rotox)

Abgesehen davon, dass wohl kaum archäologische oder auch genetische Evidenzen existieren, die eine derartige Annahme stützen, erscheint die Identifikation der Invasoren mit den Zwergen der alteuropäischen Sagenwelt zudem in exegetischer Hinsicht fragwürdig, selbst wenn Forrer durchaus zu Recht bemerkte: "Tatsächlich bleiben die heutigen Mittelamerikaner in der Grösse um 10 - 20 cm hinter den Nordamerikanern zurück; aber mein Professor C. Sapper, der mehr als 20 Jahre in Cóban in der Provinz Verapaz von Guatemala, wo eine Maya-Mundart gesprochen wird, gelebt hat, erzählte, dass er dort mit seiner etwa 1,60 m Höhe als >grosser< Mann galt." [12]

In der Meropiserzählung ist aber, was die Bewohner des Kontinents jenseits des Okeanos betrifft, keineswegs von Zwergen die Rede, sondern es heißt dort ganz unmissverständlich, sie seien "doppelt so groß" wie die Menschen der bekannten Welt. Angesichts der inzwischen gut belegten Erkenntnisse grenzwissenschaftlicher gigantologischer Forschung dürfte inzwischen außer Frage stehen, dass gerade dieses Detail des Meropisberichts den Tatsachen entspricht: Im präkolumbischen Amerika existierten tatsächlich Populationen von Menschen mit einer Körpergröße zwischen zwei und drei Meter! [13]

Was Emil Forrer uns und der künftigen Meropisforschung - freilich weit abseits der Lehrmeinungen des akademischenen Mainstreams - als diskussionswürdige (und im Detail natürlich auch diskussionsbedürftige!) Quintessenz seiner Studien hinterlassen hat, finden wir in folgendem Zitat von Robert Oberheid zusammengefasst: "Forrer entwirft [...] ein komplexes Weltbild, in dem ein >lebhafter transatlantischer Pendelverkehr< zwischen dem Alten Orient, einschließlich Ägypten, Spanien, Schottland und Portugal und Mittelamerika stattfand, indem es zu gegenseitigen Besuchen und auch kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Dabei verknüpft Forrer Sagen und Mythen des Alten Orients ebenso, wie einige keltische und germanische Erzählungen, mit mythischen und historischen Erzählungen des 'Popol Vuh', dem >Volksbuch< der Mayas." [14]



Anmerkungen und Quellen

Einzelverweise:

  1. Anmerkung: Zum besseren Verständnis siehe: Eine kleine Geschichte des Diffusionismus, Teil V Diffusionismus im Umbruch und Teil VI Der moderne Diffusionismus (bb)
  2. Siehe: J. H. F. Meineke, "Theopompus´ Bericht von Anostos - Von der Unterredung des Midas aus Phrygien mit dem Silen, und den von Silen erzählten Fabeln" (1787)
  3. Quelle: R. Oberheid, op. cit., S. 323 --- Anmerkung des Verfassers (bb): Die "heutige[...] literaturwissenschaftliche[...] Auffassung" zum Meropis-Bericht als Persiflage der Atlantida, auf die Oberheid sich oben bezieht, basiert letztlich nur auf den entsprechenden Annahmen zweier 'Päpste' der Klassischen Philologie und Platon-Forschung, namentlich Pierre Vidal-Naquet (1930-2006) und Heinz-Günther Nesselrath, die kritisch zu hinterfragen sich niemand im Bereich des fachwissenschaftlichen Establishments unterstehen wird. Ihre ungeprüfte Akzeptanz beruht vermutlich nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die beiden genannten Altphilologen quasi die europäischen 'Frontmänner' der zum Dogma ausgehärteten Lehrmeinung (Fiktionalitäts-These) zur fachwissenschaftlichen Interpretation des Atlantisberichts darstellen. Von einem wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisstand hinsichtlich des literarischen Charakters der Meropiserzählung kann im Zusammenhang mit besagter "Auffassung" jedenfalls gar keine Rede sein.
  4. Anmerkung des Verfassers: Zuordnungen können bekanntlich zutreffend oder unzutreffend sein, aber nicht "vermeintlich". Natürlich sind auch Forrers Zuordnungen nicht "vermeintlich", sondern bestimmt und im Zweifelsfall - mehr oder auch weniger solide - argumentativ gestützt. Auch hier klingt 'zwischen den Zeilen' Robert Oberheids Bedürfnis durch, sich deutlich an den Positionen des wissenschaftlichen Mainstreams zu orientieren. Offenbar möchte er es zwar vermeiden, den auch von ihm hoch geschätzten Forrer als Verbreiter 'spinnerter' Ideen darzustellen, seiner vornehmlich akademischen Leserschaft möchte Oberheid aber zumindest 'durch die Blume' deutlich machen, dass er selbst Forrers diesbezügliche Schlüsse als haltlos betrachtet.
  5. Quelle: Robert Oberheid, op. cit. (2007), S. 324
  6. Anmerkung: Diese Angabe ist natürlich nicht ernst zu nehmen. Sie steht vermutlich symbolhaft für 'in ganz enormer Anzahl'.
  7. Quelle: Claudius Aelianus, "Meropiserzählung"; nach: J. H. F. Meineke, 1787 (dem heutigen Sprachgebrauch angeglichen durch den Verfasser)
  8. Anmerkung: Interessanter Weise unterschied auch Forrer offenbar zwischen älteren, polaren Hyperboreern und den jüngeren, protohistorischen Hyperboreern der Sagenwelt des klassischen Altertums. Zu den erstgenannten vergl.: "John G. Bennett, Atlantis und Hyperborea", Abschnitt: John Bennett und Hyperborea (bb)
  9. Quelle: Emil Forrer, zit. nach R. Oberheid, op. cit. (2007), S. 324
  10. Quelle: R. Oberheid, op. cit. (2007), S. 324
  11. Quelle: Emil Forrer, zit. nach: R. Oberheid, op. cit., S. 324
  12. Quelle: Emil Forrer, "Homerisch und silenisch Amerika", S. 70f.; zit. nach: R. Oberheid, op. cit., S. 325
  13. Siehe dazu: "Riesen im prähistorischen Nordamerika - Indizien und Belege", ff. (bb)
  14. Quelle: R. Oberheid, op. cit. (2007), S. 324; Anmerkung von R. Oberheid zum Popol Vuh (Fußnote 360): "Ursprünglich waren die Erzählungen des Popol Vuh wahrscheinlich in Maya-Glyphen niedergeschrieben. Das Popol Vuh ist heute aber in lateinischer Schrift, in der Quiche-Sprache, aus dem 16. Jahrhundert überliefert."

Bild-Quellen:

1) UNIVERSITÀ DEGLI STUDI DI TRIESTE, unter: Aeliani Claudii, VARIA HISTORIA. Tanaquillus Faber emendavit. Salmurii, apud Iohannem Le'nerium Typographum et Bibliopolam, MDCLXVIII.
2) ferbr1 bei Wikimedia Commons, unter: File:Sileno (Museo del Louvre).JPG
3) Rotox bei Wikimedia Commons, unter: File:Dwarf.jpg