Gunnar Rudberg: "Atlantis and Syracuse" (Rezension)

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von Ralf Bülow, Berlin

Abb. 1 Atlantis and Syracuse, Thorwald C. Franke (Hrsg.), Autor: Gunnar Rudberg, Übersetzung aus dem Schwedischen ins Englische: Cecelia Murphy --- Books on Demand, Oktober 2012; Paperback: 120 pages, ISBN 978-3-8482-2822-5

"Atlantis and Syracuse" ist die englische Übersetzung eines 80 Seiten umfassenden Artikels "Atlantis och Syrakusai", den der bedeutende Altphilologe Gunnar Rudberg 1917 auf Schwedisch in der Zeitschrift "Eranos" veröffentlichte. Darin arbeitete er als erster Forscher detailliert die These aus, dass die Atlantis-Geschichte des griechischen Philosophen Platon geographische, soziale und politische Zustände des antiken Siziliens und des sizilianischen Stadtstaates Syrakus widerspiegelt. Rudberg dachte dabei besonders an die Herrschaft von Dionysios I., den Platon auf seiner ersten Reise nach Syrakus um 388 v.Chr. wohl persönlich kennenlernte, und die seines Sohnes und Nachfolgers Dionysios II.

Die These Rudbergs ist die bei weitem beste und sinnvollste unter den unzähligen Deutungen des Mythos und ergibt sich nicht nur aus den vielen Parallelen zwischen dem historischen Syrakus und dem literarischem Atlantis, sondern auch aus Platons Biografie. Der Philosoph verfasste die Atlantis-Dialoge "Timaios" und "Kritias" nach seinem dritten und letzten Syrakus-Aufenthalt 361/360 v.Chr., bei dem er in die Lokalpolitik hineingeriet und nur unter Schwierigkeiten das Land verlassen konnte. Es liegt deshalb nahe, dass seine Erlebnisse in Syrakus sowie das Ende seines Traums von den Philosophenkönigen in die Fabelinsel im Atlantik einflossen, oder um Rudberg zu zitieren: "This city, which left him with so many bitter memories, should rightfully be able to be thought of as the opposite of his primeval Athens in terms of its ,philosophy of power'." (S. 75)

"Atlantis and Syracuse" beginnt mit der Einführung in Platons Erzählung von Ur-Athen und seinem atlantischen Gegenstück und in die Hauptpositionen der Atlantis-Erklärung, wobei Rudberg auf S. 44 klarstellt: "Critias with its Atlantis sections, and the introduction to Timaeus, are a poem by Plato." Er fragt aber auch: "If the ideal republic has borrowed traits from a real source (sprich Athen, R.B.), one would hope to see traits from another source in its opposite... Does such a model exist?" Die Antwort ist Syrakus auf der Höhe seiner Macht, und ab S. 54 untersucht Rudberg die topographischen und architektonischen Ähnlichkeiten zu Atlantis. Er verweist zudem auf den politischen Verfall des sizilianischen Stadtstaates, der seine Entsprechung beim Ende von Atlantis findet. Fazit auf S. 74: "After this examination, it seems to me all but inevitable that Plato, when developing this portrayal of Atlantis, had the Dionysians' Syracuse in mind." Es folgt dann noch eine längere sprachliche Analyse der späten Dialoge Platons und des Siebten Briefes, von dessen Echtheit Rudberg überzeugt ist. Abgeschlossen wird das Buch durch ein Nachwort des Herausgebers Thorwald C. Franke, der vor allem auf die Wirkungsgeschichte von Rudbergs Aufsatz eingeht.

Hoffen wir, dass die nun vorliegende englische Übersetzung des Rudbergschen Textes von 1917 das Interesse an einer rationalen Klärung der Atlantis-Legende weckt und dem Urheber die fehlende Anerkennung bringt. Noch ein Hinweis: Eine wichtige wissenschaftliche Quelle für den schwedischen Altphilologen war "Die Stadt Syrakus im Alterthum" von Bernhard Lupus et al. aus dem Jahr 1887. Dieses Buch ist auf der archive.org-Seite online verfügbar [1] und sollte als herausragende Ergänzung zu "Atlantis and Syracuse" unbedingt mitgelesen werden.


Anmerkungen und Quellen

Diese Rezension von Ralf Bülow (©) wurde erstmalig unter "Atlantis gefunden" am 29. Mai 2013 bei Amazon.de veröffentlicht. Bei Atlantisforschung.de erscheint sie am 31.05.2013 mit freundlicher Genehmigung des Verfassers in einer redaktionell bearbeiteten (d.h. mit Links versehenen) Fassung.

  1. Siehe: Adolf Holm, Cristoforo Cavallari, Bernhard Lupus, "Die Stadt Syrakus im Alterthum", J.H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel), 1878; online bei: INTERNET ARCHIVE (abgerufen: 31.05.2013)