III. Wer also war Krishna?

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(Das Mahabarata als Quelle der Atlantisforschung - Teil III)

von Martin Freksa

An diese Frage gehe ich jetzt bewußt vom europäischen Umgang mit den 'Göttern', wie die älteren Völker sie hatten und haben, heran. Es gibt bei uns eine charakteristische Denkgewohnheit, mit der die Göttergestalten jener Völker so 'erklärt' werden, daß man sich ihnen in einer Hinsicht nähert, während man sich in anderer Hinsicht zugleich von ihnen entfernt. Es ist ein lange geübter Denkmechanismus, mit dem eine stets gleiche Distanz gewahrt bleiben kann. Zur Erläuterung wähle ich nicht zufällig das Beispiel 'Zeus', ein der westlichen Welt ausgesprochen aktuell werdendes Thema (z.B. Lloyd-Jones, The Justice of Zeus, USA 1983).

Abb. 1 War der vergöttlichte Held Krishna das Vorbild für europäische Göttergestalten wie Zeus, Thor und Perkunas?

Charakteristischerweise wird in der Tradition des europäischen Denkens davon ausgegangen, daß es sich bei Zeus um 'Gott' oder 'einen Gott' handelt, dem die alten Griechen eine Menschengestalt gegeben hätten. Dies ist das gängige Erklärungsmodell des Anthropomorphismus. Es fragt sich allerdings, was mit diesem Modell eigentlich erklärt werden kann. Es kann nur erklärt werden, was in ihm von vorneherein unterstellt ist, nämlich die Menschwerdung (eines) Gottes im griechischen Kopf. Mit gleichem Recht könnte ein Theomorphismus behauptet werden, nämlich unterstellt werden, Zeus sei die Gottwerdung des Menschen (oder eines Menschen) im griechischen Kopf. Beiden Behauptungen ist gemeinsam, daß sei einer Überprüfung nicht zugänglich sind.

Mit dem Anthopomorphismus-Ansatz (so zeigt es sich bei Lloyd-Jones eindrucksvoll) kann die Zeus-Gestalt zwar in subtilen menschlichen Facetten beschrieben und insofern lebendig gemacht werden, dies andererseits aber um den Preis, daß sie in bestimmter Weise entwirklicht wird; sie muß schon vom Denkansatz her unwirklich werden, weil dieser die Zeus-Gestalt von vorneherein nur als Fiktion zuläßt, nicht aber als historisches Faktum.

Meine These lautet nun: Zeus ist Krishna, und genauer gesagt ist Zeus das Abbild von Krishna, das von Indien in den Westen gekommen ist. Dieser Satz bedarf in soweit einer Einschränkung, als er für die Grundsubstanz des Zeus-Bildes gilt, nicht aber für das, was von spezifisch griechischen Verhältnissen hinzugetragen oder anderweitig dazuerzählt wurde. Die mit der Einschränkung formulierte These werde ich Punkt für Punkt untermauern, und sie wird, abgesehen von ihrer allgemeinen religionsgeschichtlichen Bedeutung, zur Erhellung des schwierigsten Stücks in Platons Atlantis-Bericht, dem abgebrochenen Schlußstück, beitragen können.

Abb. 2 ... ein weiteres "alter Ego" des Krishna

Wenn Zeus essentiell ein Abbild von Krishna ist, dann müssen die wesentlichen Überlieferungen von Zeus, die wir im Westen haben, den indischen Überlieferungen von Krishna gleichen, aber blasser ausgeprägt sein, als das indische Pendent, von dem umgekehrt eine größere Konturenschärfe zu erwarten wäre. Man möge schauen, ob dies zutrifft. Hier sei auch daran erinnert, was schon früher dargelegt wurde, daß nämlich nicht nur die Griechen, sondern auch die Ägypter von Zeus wußten, und daß nicht nur (was altbekannt ist) Zeus und der italische Jupiter die gleiche Gestalt meinen, sondern auch der nordische Thor und der prußische Perkunas. Von daher läßt sich grundsätzlich alles im Westen vorhandene Überlieferungsmaterial zu Krishna gegenüberstellen. Ich tue dies unter einer Reihe von Gesichtspunkten, allerdings ohne jeden Vollständigkeitsanspruch, und mit dem Zweck, auf dem Weg über das Abbild eine Annäherung an das Original zu finden.


a) Lebenszeit

Westliches Wissen:

Eine Lebenszeit für Zeus (Jupiter, Thor, Perkunas) ist in Europa allem Anschein nach nicht festgehalten worden; aber, wie schon mehrmals gesagt, hatten die Ägypter eine grob definierte Lebenszeit für Zeus, den sie als letzten großen Herrscher vor der Großen Flut kannten, festlegbar (im Sinne der ägyptischen Überlieferung) auf das ausgehende 4. Jahrtausend v. Chr. Die Tatsache, daß die Ägypter diesen Herrscher in ihrer Chronik führten, deutet übrigens darauf hin, daß sich sein Einfluß bis nach Ägypten erstreckt hatte.

Östliches Wissen:

Die Inder haben für die Lebenszeit Krishnas zwar keine auf Jahre, aber auf Jahrzehnte festlegbare Angaben In Indien ist nämlich überliefert, daß Krishna als junger Mann Rukmini heiratete und (als Mitglied der Yadu-Dynastie) König wurde, nachdem die Grenzmarke zweier astronomisch definierter Weltzeitalter - Dvarapa Yuga, dann Kali-Yuga – überschritten war [1]. Diese astronomische Grenzmarke ist im christlichen Südindien, festgehalten in den Tabellen von Tiruvallur [2], mit dem Jahr 3102 v. Chr. berechnet worden. Demnach kann man sagen, daß Krishna, der in den indischen Überlieferungen auch als alter Mann bekannt ist, im auslaufenden Dvarapa-Weltzeitalter bzw. im späten 31. Jahrhundert v. Chr. auf die Welt kam und daß seine Mannesjahre in das 31. Jahrhundert v. Chr. fielen.

Resümee:

Soweit die Lebenszeit von Zeus im Westen bekannt war (Ägypten), stimmt sie also mit der Lebenszeit von Krishna überein, wobei sie im letzteren Fall wesentlich stärker bestimmt ist.

Abb. 3 Krishna als Verführer und Liebling der Frauen


b) Wohnsitze:

Westliches Wissen:

Bei den Griechen sind Wohnsitze von Zeus nur vage bestimmt. Bei Platon/Solon (Atlantisbericht) ist von einem Aufenthaltsort "inmitten der Welt" die Rede, was allerdings viele Interpretationsmöglichkeiten zuläßt. Euripides sagt, als er von der schwer erkennbaren Natur des Zeus spricht, daß er der Unterstützer der Erde ist und "seinen Sitz auf ihr hat"[3] Im übrigen ist bei den Griechen ein Palast von Zeus auf einem heiligen Berg überliefert, den sie mit dem Olymp in Verbindung brachten. Bemerkenswert ist noch, daß bei Platon/Solon ein besonderes Versammlungsgebäude (oikesis) von Zeus angedeutet ist.

Östliches Wissen:

Bei den Indern sind für Krishna viele Residenzen überliefert. Eine wichtige, so heißt es, habe auf dem heiligen Berg Venkatam gelegen.[4] Ferner weiß man von einem Herrschersitz Krishnas in der Yadu-Hauptstadt Dvaraka und einem dort gelegenen besonderen Versammlungsgebäude (yadu-vara-parisat).[5] Außerdem spricht die Überlieferung für die Zeit des großen Kriegs von einer enormen Festung, die Krishna "mitten im Meer" errichten ließ.[6]

Resümee:

Auch bei diesen Angaben sieht es so aus, daß die Inder von der gleichen Gestalt genauere Informationen haben als sie im Westen überliefert sind.


c) Frauen:

Westliches Wissen:

Bei den Griechen wurden etliche >Frauen-Geschichten< von dem mehrfach verheirateten Zeus erzählt. Eine einzigartige dieser Geschichten ist die ausnehmend mythische Geschichte von der 'Entführung (dem Raub) der Europa'. In ihr wird erzählt, wie Zeus "auf einer wohlbekannten Bahn vom Himmel herab" (!) kam, sich dann, als er die schöne Europa erblickte, in einen Stier verwandelte und die Frau auf seinem Rücken heimführte.

Östliches Wissen:

Bei den Indern ist bekannt, daß Krishna mehrere Frauen heiratete und außerdem unzählige Liebschaften oder anderweitige freundschaftliche Beziehungen zu Frauen hatte. Eine einzigartige Geschichte, die in Indien mit aufschlußreichen Details erzählt wird, handelt ebenfalls von der Entführung (kidnapping) einer schönen Frau, nämlich von der erwähnten Rukmini, die Krishna als seine erste Frau heimführte. Es heißt, daß er sie mit ihrem Willen, aber gegen den Willen ihrer Familie aus einer Stadt namens Kundina mitgenommen hatte. Diese Stadt ist ihrer Lage nach relativ genau beschrieben: Vom Westzipfel Indiens (Hindukusch, heute Afghanistan) nicht weniger als - umgerechnet - 1600 km nördliche Richtung. In dieser Richtung gelangt man geradewegs bis zur (östlichen) Grenze Europas.

Abb. 4 Der Raub der Europa - Mosaik aus Pompeji, Kunstmuseum Neapel

Nun gibt es noch ein weiteres Detail in dieser Überlieferung, mit dessen Deutung sich die herkömmliche Interpretation sehr schwer tat. Es wird nämlich ausdrücklich berichtet, daß Krishna die Stadt Kundina von Indien aus binnen 12 Stunden erreichte.[7] Doch wie konnte Krishna eine Entfernung von mindestens 1600 km binnen zwölf Stunden überbrücken? Die herkömmliche Deutung gab die typische legendäre Antwort, daß Krishna eben so allmächtig war, daß ihm die allerschnellsten Pferde zur Verfügung standen; solche über Berg und Tal rasenden Pferdegespanne müßten demnach eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 130 km/h erreicht haben. (Erstaunlicherweise gibt der gleiche indo-amerikanische Autor diese 'Postkutschen-Version' wieder, der in seinem Buch von 1970 von einer zur Zeit Krishnas angewandten Waffe sagt - gemeint ist nicht die Sudarshan-Waffe -, daß sie "ähnlich wie eine Atombombe" gewirkt habe.)

Geht man für die Zeit Krishnas von einem zivilisatorischen Niveau aus, das dem Niveau unseres Jahrhunderts entspricht, so gibt es, was die Überbrückung von über 1600 km in weniger als 12 Stunden anlangt, keinerlei Probleme, im 20. Jahrhundert könnte man zumindest einen Teil der Strecke mit dem Flugzeug fliegen.

Resümee:

Interessant ist, daß in der griechisch-römischen Überlieferung ein Hauch der eben gegebenen Reiseinformationen wiedererscheint ("auf einer wohlbekannten Bahn vom Himmel herab" - Ovid/Metamorphosen). Daß bei den Griechen und Römern von einer Verwandlung des himmlischen Fliegers Zeus in einen 'Stier' erzählt wird, macht ebenfalls einen Sinn; denn von indischer Seite ist überliefert, daß der Gewinn der schönen Frau einen (kleinen) Krieg gekostet hat, den Krishna ebenfalls gewann. Demnach hat er seinen Willen wie ein 'Stier' durchgesetzt. Schließlich ist noch bemerkenswert, daß die schöne Frau in der griechisch/römischen Version 'Europa' genannt wurde, was für uns eher ein geographischer Name ist als ein Mädchenname. Mir scheint darin der Doppelsinn zu liegen, daß Krishna, bzw. Zeus mit seiner Entführung, am östlichen Rand Europas nicht nur das Herz eines Mädchens gewann, sondern - als Held und König - auch die Herzen Europas.

Abb. 5 Zeus, der königliche Herrscher - hier mit der Göttin Thetys


d) Qualitäten:

Westliches Wissen:

Als eine herausragende Qualität maßen die Griechen dem Zeus die Gerechtigkeit zu (griech. dike; ihr ist das phänomenologisch sehr wertvolle Buch "The Justice of Zeus" gewidmet.) Eine wesentliche Bedeutung dieses Begriffs ist, daß Angreifer bestraft werden müssen. Im gleichen Sinn sprach Solon davon, daß die aus eigener Verantwortung schuldig gewordenen der Strafe des Zeus verfielen. Hesiod, der bemerkenswerte Gedanken über verschiedene Weltzeitalter hatte, sagte, daß Zeus der Menschheit das Geschenk der Gerechtigkeit hinterlassen habe.[8] Als eine weitere Qualität kannten die Griechen die königliche Machtausübung des Zeus; auch bei Platon/Solon klingt er als ein königlich Regierender (basileuon) an. Ferner ist seine Schönheit berühmt. Sie ist besonders in den bartlosen Plastiken und Bildern nachgebildet worden.

Abb. 6 Krishna, der Flötenspieler - ein musikalischer Weltenzerstörer?

Eine wichtige Qualität ist auch der Zorn des Zeus (phthonos), und zwar positiv wie negativ interpretiert. Positiv als göttlicher Zorn, der den Übermut zu Fall bringt; aber auch negativ wie bei Aischylos, der - wie Lloyd-Jones sagt - ein Bild von Zeus als einem wildgewordenen, gewissenlosen Tyrannen präsentiert.[9]

Östliches Wissen:

Die Inder haben sich mit der Gerechtigkeit Krishnas gleichfalls ausgiebig befaßt, besonders die Hindus. Sie konnten sich auf das Mahabarata-Epos berufen, das Krishna - der selbst den Pandavas angehörte - als allgemein anerkannten Schlichter im innerindischen Konflikt zwischen den Kauravas und den Pandavas dargestellt; zugleich wird er als eindeutig dargestellt in der Frage der Legitimität des Herrschaftsanspruchs der Pandavas. Auf die Situation der Menschheit bezogen, wird Krishna mit der Aussage zitiert, daß er in die Welt tritt, "wenn es einen Niedergang der Gerechtigkeit gibt".[10]

Die große königliche Macht Krishnas kommt in Indien dadurch zum Ausdruck, daß er 'der Mächtigste' genannt wird und in den Abbildungen stets mit einem Diadem dargestellt wird. Die Schönheit Krishnas wird in Indien so beschrieben: "gut gebauter Körper", "erscheint gesegnet", "hübsche Stirn"; um die ewige Jugend dieses Gesichts auszudrücken, erscheint es auf den indischen Plastiken und Bildern typischerweise bartlos. dem Zorn (phthonos) entspricht "das Gesicht des Terrors", wie aus der Gita übersetzt wurde. In den überwiegenden Darstellungen wird dieser Terror Krishnas als notwendig, insofern göttlich und gerecht, angesehen. Wie gesagt gibt es hier aber auch die negative Rezeption bei den Jainas, die den Terror Krishnas schwer verflucht.

Resümee:

Aus den charakteristischen Qualitäten der betrachteten Gestalt läßt sich die Übereinstimmung von Zeus (Thor etc.) und Krishna besonders leicht erkennen. Aber auch hier wieder sind die Merkmale auf der indischen Seite deutlich differenzierter ausgewiesen, und, wie es scheint, auch vollständiger. - Doch läßt sich, zumal von der Kunstgeschichte her, in Europa noch einiges dazu entdecken. - Krishna jedenfalls ist auch noch bekannt als Flötenspieler, als ausgelassener Tänzer, als einer, der Scherze liebt und lacht, und als alter Mann, der weint.


e) Krieg:

Westliches Wissen:

Eine alte Vorstellung bei den Griechen besagt, daß Zeus Krieg führte, um "die Erde von ihrer Bevölkerungslast zu befreien." [11] Mit dem Krieg assoziiert war bei ihnen auch das Sinnbild des Donners, welches die Prußen (mit oder ohne diese Assoziation) für Perkunas ebenfalls hatten. Das kriegerische Wahrzeichen jedoch ist, was Zeus betrifft, der 'Donnerkeil'. Diese Waffe, die bei Statuen und Bildern in verschiedenen Varianten vorkommt, und typischerweise mit Blitzen versehen ist, befindet sich in der rechten Hand von Zeus, während die Linke etwas Rundes trägt, das in Europa als Scheibe bzw. Diskus angesehen wird.

Bei den Griechen hat sich eine Sage erhalten, wonach Zeus seine Waffe so heftig warf, daß eine Insel abgerissen wurde. In ähnlichem Sinn haben die Völker des europäischen Nordens die Erzählung, daß Thor mit dem Wurf seines Hammers (Mjölnir) die Riesen erschlug, wobei der Hammer, wenn er seine Aufgabe erfüllte, die merkwürdige Eigenschaft besaß, wieder zurückzukehren. Sehr bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch noch ein (von Athanasius Kircher überliefertes) Bild, welches ein in den Lüften schwebendes Drachenungeheuer zeigt, das durch eine Leine noch mit einem vergleichsweise klein erscheinenden Menschen verbunden ist; der Drache trägt die Aufschrift: ira dei - übersetzbar als 'der Zorn Gottes' oder 'der Zorn Jupiters' bzw. 'der Zorn des Zeus'. Und wegen des 'Donnerkeils', des 'Hammers', des 'Drachenungeheuers' oder was es auch sei, hat Zeus, unter welchem seiner europäischen Namen auch immer, den denkwürdigen Beinamen 'Erderschütterer' erhalten (oft bei Homer).

Östliches Wissen:

Auf der indischen Seite, bei Krishna, findet sich zunächst einmal – nahezu mit denselben Worten wie bei den Griechen - die Aussage wieder, daß seine Kriegsführung die Aufgabe hatte, "die Erde von ihrem Bevölkerungsexzess zu befreien." [12] Ebenso gibt es dort, wie aus der Gita schon zitiert, das Sinnbild des Donners. Das Wahrzeichen des Kriegs ist jedoch, was Krishna betrifft, die Sudarshan-Waffe, die in den Mahabarata-Übersetzungen des 19. Jahrhunderts als 'thunderbolt' bzw. 'Donnerkeil' wiedergegeben wurde. Bei der sehr detailliert beschriebenen Waffe ist allerdings nicht, wie man sich erinnert, von 'Blitzen' als Begleiterscheinung die Rede, sondern von einem Licht: heller als tausend Sonnen. Krishna hält in den indischen Darstellungen die Sudarshan-Waffe in der einen und etwas Rundes in der anderen Hand. Dieses Runde - wofür man bei Zeus keine rechte Deutung hat - hätte als Diskus interpretiert für Krishna keinen Sinn, weil er (umgekehrt wie etwa Odysseus) zwar als Flötenspieler bekannt ist, nicht aber als Leichtathlet. Das Runde in Krishnas Hand ist vielmehr ein Rad.

'Rad' - samsara - bedeutet in der altindischen Symbolik die geschichtliche Zeit, "das Rad der Geschichte". Daher werden Krishna in der Gita die Worte unterlegt, daß er die Zeit sei, ihr Ablauf; und es trifft zu, daß während Krishnas Lebenszeit gerade ein (astronomisch definiertes) Weltzeitalter ablief. Auch davon abgesehen: Nach alter indischer Denkweise ist mit einem Umlauf des 'Rads' ein Weltzeitalter gelaufen, und es entsteht eine Phase, in der sich neue Dimensionen des Lebens auftun.

Resümee:

Die großen Symbole bzw. Attribute (in beiden Händen) sind also bei Zeus und Krishna die gleichen. Aber auch hier wiederholt sich das schon Bekannte, daß sie in der griechischen Überlieferung weniger scharf herausgearbeitet sind als in der indischen Überlieferung.

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Abb. 7 Krishna setzt in der Schlacht seine Götterwaffe ein, die in dieser religiösen Darstellung als 'Rad der Geschichte' dargestellt wird.


f) Statusfragen

So wenig wie Jupiter - 'Dya(us) Pater' - ein wirklicher Name ist, so wenig ist es Zeus. Vielmehr bezeichnet das Wort, so wie es die Silben 'Ziu', 'Djo', 'Jo(v)', 'Ja(w)' ebenfalls tun, einen 'divinen Status'. Zeus war für die Ägypter ein 'Halbgott', d.h. halb menschlich, halb göttlich - wenn das von den Ägyptern gemeinte im Griechischen richtig wiedergegeben wurde. Oder war gar gemeint: ebenso menschlich wie göttlich? Der tiefgründige Heraklit wird mit dem Satz zitiert: "Zeus (ist) das eine Weise (hen to sophon) das gewillt ist und nicht gewillt, bei diesem Namen genannt zu werden." [13] Heraklit (wenn ich ihn richtig verstehe) nennt Zeus nicht einen Gott und einen Menschen, sondern spricht ihm das Flair der Weisheit zu.

Die indische Überlieferung wird in ihrer modernsten Form durch Rajneesh repräsentiert, respektive Osho. Für ihn (so verstehe ich sein Buch "Krishna: The Man and his Philosophy") war Krishna ein Erhabener, der als wirklich Erhabener aber nicht über das Leben erhaben sein konnte; er agierte im 'Spiel des Lebens' (Sanskrit: leela) und nahm die Herausforderungen an, ja sogar den Großen Krieg.

Ich meine gezeigt zu haben, daß hinter Zeus Krishna steht. Wenn dem so ist, bliebe zu erklären, wie die indischen Überlieferungen nach Griechenland und auch in andere Regionen des Westens gelangt sind. Diese Erklärung ist nicht sehr schwierig, weil die Denkbarrieren, die hierbei zur Seite zu schieben sind, vergleichsweise nicht sehr groß sind: Die Arier - man sollte diesen Begriff, trotz seiner Verdrehung zu einer sogenannten nordischen Rasse durch die Nationalsozialisten, wiederverwenden, anstelle der unschärferen, nur eine sprachliche Phänomenologie bezeichnenden Begriffe der Indogermanen oder Indoeuropäer -, die Arier jedenfalls kamen ursprünglich aus Zentralasien. Sie kamen aus guten Verhältnissen in der Mongolei, die sich aber nach und nach in eine Wüste verwandelte. Deshalb wanderte dieses Volk (und nicht nur dieses) aus und eroberte das nördliche Indien.

Bis zu einem gewissen Grad vermischten sich die Arier mit den Angehörigen der obersten indischen Kasten, in denen sich die Bezeichnung 'Arier' wie eine Adelsbezeichnung noch fortsetzte, und nahmen genuin indisches Wissen auf. Wesentlich von dem arisch geprägten Nordindien aus begannen dann gegen Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Bewegungen nach Westen. (Ein Teil drängte auch weit nach Osten und Nordosten, von wo aus im Laufe des folgenden Jahrtausends der benachbarte Kontinent 'Patala' wiederentdeckt wurde, - nachgewiesen in dem Buch "Hindu-America" von Chaman Lal.)

Durch die Bewegungen nach Westen gelangte indisches Wissen, das um Krishna zentriert war, vor allem in den griechischen und italischen Raum, den syrisch-unterägyptischen, den prussisch-litauischen und den skandinavischen Raum. In diesen Regionen wurden die Überlieferungen (u.a.) von Krishna den jeweils eigenen Überlieferungen einverleibt. Daher finden sich dort unter den Bezeichnungen 'Zeus', 'Jupiter', 'Perkunas', 'Thor' wesentliche Überlieferungsmuster, die auf Krishna zurückgehen. 'Zeus', in dem man somit Krishna erkennen kann, den großen weisen indischen Herrscher des 31. Jahrhundert v. Chr., dessen bedeutendste Symbole das Rad der Geschichte und die Sudarshan-Waffe wurde, spielt nun in Platons Atlantisbericht die Hauptrolle, die dort allerdings nicht zu Ende berichtet ist. Hierzu möchte ich jetzt, mit einem durch die indischen Überlieferungen geschärften Blick, noch zwei Bemerkungen machen.

Abb. 8: Verschwieg Platon in der Atlantida bewußt wichtige Details?

Erstens: Aus Platons Bericht geht hervor, daß Atlantis (irgendwann) vor seinem Untergang beträchtliche Teile der Erde mit Krieg überzog. Ebenso geht aus dem Bericht hervor, daß der Gerechtigkeit liebende 'Zeus' zusammen mit anderen Regenten an einem bestimmten Ort (oikesis - wofür nach jetzigem Wissen nur das Versammlungsgebäude in der Yadu-Hauptstadt Dvaraka in Frage kommt) eine Bestrafung des Angreifers Atlantis beabsichtigte. Hier liegt die Grenze des Berichteten.

Zweitens: Diese Grenze wurde nicht überschritten, obwohl aus Platons Text selbst hervorgeht, daß zu dem Schlußteil des Berichts nicht nur wenig, sondern viel Material vorhanden gewesen war. Hier sei jetzt noch einmal gefragt, warum dieser entscheidend wichtige Schlußteil nicht zur Veröffentlichung gelangte, bzw. verschwand. Offenbar deshalb, weil jedes weitere Material, das die Rolle des >Zeus< beleuchtete, eine hohe Brisanz barg. Dies läßt sich besser verstehen, wenn man anschaut, was in Indien geschehen ist. Dort ist mit dem Erscheinen des Mahabarata-Epos bzw. der in ihm versteckten Bhagvad Gita die schon genannte Religionsspaltung (Abspaltung des Jainismus) erfolgt. Denn das preisgegebene Material machte durchsichtig genug, daß bei der größten Zerstörung, von der die Weltgeschichte etwas weiß, Krishna seine Hand maßgeblich im Spiel hatte. Wie mit einer solchen Ungeheuerlichkeit fertig werden?

Einerseits fing man damit an, den Großen Krieg, in dem Krishna mitwirkte, zu rechtfertigen; andererseits entwickelte man eine Friedensrechtfertigung, d.h. einen Pazifismus, den die Jaina-Tradition repräsentiert. Grundsätzlich das gleiche Problem hätte in Griechenland auftreten müssen, wenn die Rolle des 'Zeus' durchsichtig genug gemacht worden wäre; und es zeigt sich ja, daß dort im Ansatz (unter den Dichtern) die gleiche Polarisierungstendenz vorhanden war. Jede Vertiefung der Frage 'Zeus' mußte den Konflikt heraufbeschwören: Wie kann der am meisten Verehrte zugleich der größte Zerstörer sein? In Griechenland, konkret im Fall der Atlantisüberlieferung, wurde dieses hochbrisante Problem allem Anschein nach durch Zensur 'gelöst', wobei man nicht ausschließen kann, dass auch Selbstzensur im Spiel war. (Von Platon wird gesagt, daß er nicht preisgegebene Geheimnisse mit ins Grab genommen habe.) Heute, wo diese alten Fragen der Menschheitsgeschichte erneut auftauchen, fehlt wohl darum ein einstmals vorhandener europäischer Bezug dazu.

Ende


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Bhaktivedanta, Vol. I, S. 351 und Vol. II, S. 336
  2. Quelle: Robert Charroux: Verratene Geheimnisse (französische Erstveröfentlichung 1965), S. 150
  3. Quelle: Lloyd Jones: The Justice of Zeus, S. 150
  4. Quelle: Friedhelm Hardy: Viraha-Bhakti (England/USA 1983), S. 283 f.
  5. Quelle: Bhaktivedanta, Vol. II, S. 352
  6. Quelle: Bhaktivedanta, Vol. I, S. 331 f.
  7. Quelle: ebenda, Vol. I, S. 355
  8. Quelle: Lloyd-Jones, S. 8, S. 35, S. 57
  9. Quelle: ebenda S. 95
  10. Quelle: The Bhagvad Gita, (Hrg. Chatterji), IV 7, S. 81
  11. Quelle: Lloyd-Jones, S. 11
  12. Quelle: Bhaktivedanta, Vol. I, S. 328
  13. Quelle: Lloyd-Jones, S. 130; griech. zit. (nach Appolodor) in: J. Mansfeld (Hrg.): Die Vorsokratiker, Bd. I, S. 256/257


Bidquellen:

(1) http://neonblue.com/tfs/shiva1.htm (nicht mehr online)

(2) http://www.thortarp.com/norse.htm

(3) http://neonblue.com/tfs/rk6.htm (nicht mehr online)

(4) http://www.pop-up.org/europa/mythol.htm (nicht mehr online)

(5) http://grenier2clio.free.fr/grec/zeus.htm (nicht mehr online)

(6) http://www.hindunet.org/hindu_pictures/GodandGoddesses/krishna/calkrishnalr.shtml

(7) http://de.geocities.com/anubiscly/Mohenjo.htm

(8) http://www.ddg.com/LIS/InfoDesignF97/car/Plato1.htm