Kurt Bilau´s Beschäftigung mit Atlantis, der Nationalsozialismus und der Ario-Atlantismus II

(bb) Es sollte somit nicht verwundern, wenn Bilau´s autoritäre und ultra-nationalistische Grundhaltung auch in seiner Interpretation des Atlantis-Berichts ihren Niederschlag gefunden und - zumindest im Einzelfall - zu atlantologisch dubiosen, ideologisch motivierten Ergebnissen geführt hätte. Platons ebenfalls höchst autoritär geprägtes Staatsverständnis hat den 'Flügelmajor' mit Sicherheit angesprochen und augenscheinlich auch zu skurrilen, doch sehr 'zeitgeistigen', Interpretationen des sozialen und staatlichen Verhältnisse auf Atlantis verleitet, wie sie in den Dialogen Timaios und Kritias beschrieben werden.

So findet sich in der Ausgabe des Lokalanzeiger für Bad Oeynhausen vom 2. Dezember 1933 die Besprechung einer der zahlreichen Atlantis-Veranstaltungen Bilau´s, der mit seinen Lichtbild-Vorträgen nicht nur im Berliner URANIA - Institut für volkstümliche Naturkunde auftrat, sondern auch durch Deutschland reiste. In dieser Besprechung heißt es über das Regierungssystem der Bewohner von Atlantis: "So schlau waren die Atlanter schon, daß sie von einem Parlament nichts wissen wollten. Sie wurden von mehreren Ministern [sic!; bb] regiert." Dass diese (nicht aus der Atlantida abzuleitende) Behauptung keineswegs 'auf dem Mist' des betreffenden Journalisten, sondern auf dem von Kurt Bilau gewachsen war, zeigt ein kurzer Quervergleich.

In der Ausgabe einer Zeitung aus Halle (+11) vom 16. September 1933, wo Bilau am Tag zuvor einen Vortrag zum Thema "Atlantiskultur von Peru bis Babel" gehalten hatte, wird die Analogie noch klarer, die hier von ihm zwischen der alten Staatsform von Atlantis und derjenigen konstruiert wurde, welche die braunen Machthaber seit wenigen Monaten (+12) im Deutschen Reich etablierten: "Die Staatsgeschäfte wurden nach dem Führerprinzip von einem Kanzler, unterstützt von Ministern, und einem Staatsrat geführt." (+13) Wenn im nächsten Satz des Artikels von den "Bauten der Atlanter" die Rede ist, "in denen die Farben schwarzweißrot immer wiederkehren", so mag dies darüber hinaus ein Versuch des Rezensenten gewesen sein, beim Leser eine zusätzliche Assoziation zur den Farben der kaiserlichen Reichsflagge zu erzeugen.

Es wird jedenfalls deutlich, dass Bilau selber bei seinen Vorträgen in Bad Oeynhausen und Halle unterschwellig die Vorstellung lancierte, auf dem vermuteten Atlantis sei eine Art nationalsozialistischer Reichsregierung an der Macht gewesen, was kein gutes Licht auf seine Unvoreingenommenheit als Forscher wirft. Trotzdem lässt er sich eindeutig n i c h t in den politisch-esoterisch orientierten Kreis ario-atlantistischer Autoren einordnen, den Repräsentanten jener ideologisch durchtränkten und offen rassistischen Schein-Atlantologie, welche in Deutschland '1000 Jahre lang' die wissenschaftliche sowie populärwissenschaftliche Atlantisforschung innerhalb und außerhalb der Universitäten marginalisierte. (+14) (Vergl. dazu auch: Ario-Atlantismus)

Bilau war keineswegs Verfechter eines "arischen Atlantis" im hohen Norden als Urquell jeglicher Kultur, sondern er zeigte sich hier bei aller politischen Linientreue zum Nationalsozialismus als unabhängiger Geist, dessen Vorstellungen zu Atlantis und zur Zivilisations-Geschichte sich nicht mit der ario-atlantistischen Wunschvorstellung 'weißer', blonder und blauäugiger "Lichtbringer" und Träger menschlicher Urkultur vereinbaren ließen - was zugleich erklären könnte, weshalb die Theorie des 'Volksgenossen' Bilau weder seitens der "arischen Urgeschichtsforschung" des im Aufbau befindlichen SS-Ahnenerbe noch bei irgend einem der ario-atlantistischen Autoren (Herrmann, Zschaetsch, etc.) seiner Zeit auf feststellbares Interesse stieß.

Abb. 4 Bilau vertrat offenbar ein ähnliches Konzept wie Ignatius Donnelly, der ein halbes Jahrhundert zuvor die Theorie von Atlantis auf dem Mittelatlantischen Rücken populär gemacht hatte.

Er betrachtete nämlich, wie sein Zeitgenosse Lewis Spence (1874-1955), oder etwas später Otto Muck (1882-1956) rothäutige, spät- oder post-cromagnoide Menschen als Träger einer vermuteten atlantinischen Mutter-Kultur, die lange vor dem Auftreten von 'Ariern' oder 'Indogermanen' entstanden sei: "Bilau kennzeichnete die Kultur der Atlanter als eine Kultur von Rothäuten, die sich wie ein roter Gürtel von Peru nach Babylon hinzieht, in den von Norden her sich ein weißer Keil einschiebt", heißt es etwa im 'Brakeler Anzeiger' vom 04. Dezember 1933 in der Rezension eines Bilau-Vortrags. (+15)

Und zwei Tage zuvor hatte der 'Lokalanzeiger für Bad Oeynhausen' über Bilau´s dortigen Lichtbilder-Vortrag geschrieben: "Die Kultur der Atlanter gehört zu dem >roten Kulturgürtel<, der sich von Nordafrika (über Atlantis) nach Amerika hinzog. Sie ebbte, wie alle vergangenen Kulturen, in Zivilisation aus. Auf diese zerfallende Kultur stieß von Norden her der weiße Keil, jene Kultur Griechenlands, die von Norden kam und auf der sich unsere Kultur aufbaute. Hier hat sich der nordische arische Geist durchgesetzt, der der heutigen Kultur zum Sieg verhalf. Es ist der selbe nordische arische Geist, von dem wir heute wieder so viel erwarten und der uns gewiß auch unseren Hochzielen zuführt." (+16)

Letztlich erscheint Bilau´s ethnologische Zuordnung der Atlantier und ihrer Folge-Kulturen sogar ausgesprochen 'delikat', wenn man seine politische Nähe zum Nationalsozialismus bedenkt. In den 'Hallesche[n] Nachrichten' vom 16.September des selben Jahres heißt es nämlich in der Zusammenfassung eines Bilau-Vortrags u.a.: "Bei den Phöniziern werden wir danach die letzten Nachfahren der Atlanter erkennen dürfen." (+17) Das ist eine zunächst harmlos wirkende Randnotiz, die sich jedoch bei näherer Betrachtung im Kontext der nationalsozialistischen Rassenlehre und der ihr entspringenden ario-atlantistischen Wunschvorstellungen als brisant erweist.

Heute wird von nonkonformistischen Atlantologen und Primhistorikern (+18) die Ansicht vertreten, dass die euro-afrikanische Megalithkultur der so genannten Jungsteinzeit im Zusammenhang mit Völkern stehe, die ethnologisch als 'Proto-Semiten' einzuordnen sind, also als Vorfahren der späteren semitischen Völkerfamilie. So schreibt etwa Dr. Horst Friedrich: "Die atlanto-europäische Megalith-Zivilisation scheint auf intime, uns heute (wegen der Vernebelung durch schulwissenschaftliche Dogmen) aber noch ganz unklare Weise mit den (Proto-) Phöniziern verbunden zu sein. Waren letztere vielleicht die weltweit aktive >Hanse< der Megalith-Zivilisation? Das uralte Cádiz steht in dringendem Verdacht, das erste, ursprüngliche >Tyrus< der Phönizier gewesen zu sein. [...] Die Semiten scheinen in der Tat, auf ganz andere Weise als die Schulwissenschaft meint, alle >West-Semiten< gewesen zu sein und, wie auch andere alt-mediterrane Völker, aus dem atlantoiberischen Westen zu stammen." (+19)

Abb. 5 Nach Kurt Bilaus Ansicht waren die Bewohner von Atlantis keine 'blonden und blauäugigen' Ur-Arier, sondern ein "rothäutiges" Volk, zu dessen Nachfahren die heutigen Indianer gehören.

Diese nonkonformistische Meinung basiert - und das erscheint bei der Betrachtung von Bilau´s These vom "roten Gürtel" und den post-atlantischen Phöniziern wesentlich - keineswegs auf jüngsten Erkenntnissen vom Ende des 20. Jahrhunderts, sondern wird bereits viel länger diskutiert. So konnte man z.B. 1940 bei dem amerikanischen Atlantis-Autor Alexander Braghine, dem Bilau´s Arbeit bekannt war, lesen: "Fast alle mysteriösen Nationen des mediterranen Beckens zeichneten sich durch ihre rötliche Hautfarbe und - mit Ausnahme der Juden und Araber - durch ihre Bartlosigkeit aus. Die Prä-Ägypter, Pelasger, Lykianer, Kreto-Ägäer, Phönizier, Palästinenser, die biblischen 'Kaftorim', d.h. die Bewohner Kaphtors (Kretas), die rätselhaften 'Masinti' der alten ägyptischen Fresken, und auf der anderen Seite des Ozeans die Tolteken, Maya etc. waren alle rötlich." (+20)

Zur Annahme einer atlantidischen Herkunft der Phönizier bemerkt Braghine weiter: "Die Phœnizier nannten sich selbst das >Volk von Carou< und den Namen >Phœnizier< erhielten sie von den Griechen [...] Bezüglich des Ursprungs dieses Namens existieren zwei Auffassungen: die erste leitet den Namen von dem griechischen Wort >phoinix< (rot) ab, und die zweite vom Namen des legendären Vogels Phœnix, der, dem Glauben der Alten zufolge, alle 500 Jahre aus seiner Asche wiederaufersteht. Diese Legende entsprang höchst wahrscheinlich aus dem ägyptischen Mythos vom Vogel Bennu, der dem Osiris geweiht war. Bennu flog singend aus einem brennenden Baum heraus und symbolisierte die Wiederauferstehung.

Beide Etymologien sind interessant: die erste würde die Hypothese implizieren, dass die Phœnizier zu einer bestimmten rothäutigen Rasse gehörten, und die zweite würde uns unschwer zu der Annahme führen, dass diese Nation zu irgendeiner Zeit einer vernichtenden Katastrophe ausgesetzt war, nach der sie sich nicht nur erholte, sondern sogar ein mächtiges Kolonialreich errichtete. Die phœnizische, von den Hebräern wiederholte, Legende gibt an, der erste Mensch habe Adam (aus rotem Lehm gemacht) geheißen, und dieser Umstand stützt die erstgenannte Erklärung." (+21)

Im folgenden Zitat tritt noch deutlicher zu Tage, dass Braghine (1940) wirklich von explizit s e m i t i s c h e n Atlantis-Bewohnern ausging: "Die Legenden mediterraner Stämme enthalten noch schwache Hinweise darauf, dass das Volk von Carou aus einer vergessenen Vergangenheit stammte, nah verwandt mit den Atlantiern, von denen es seine bemerkenswerte Kultur erbte. Wahrscheinlich entgingen die [Vorfahren der] Phœnizier, welche die am höchsten entwickelten Semiten waren, die möglicherweise Atlantis bewohnten, dem Kollaps ihres alten Zentrums." (+22)


Abb. 6 Waren die Phönizier Nachfahren der Atlantier? Sowohl Kurt Bilau (1933) als auch Alexander Braghine (1940) vertraten diese Auffassung.

Damit wird endgültig klar, dass Bilau´s Phönizier-Hypothese von 1933 nicht nur völlig unty-pisch für einen, politisch 'rechts-außen' orientierten, Atlantida-Exegeten seiner Zeit ist, son-dern sogar brisanten ideologischen Sprengstoff enthält - zumindest, wenn man die abstrusen Maßstäbe anlegt, die während des 'Dritten Reichs' galten. Die Identifikation der Phönizier als Semiten war 1940, als Braghine dies schrieb, jedenfalls keine wissenschaftliche Neuentdeckung, die Bilau - fünf bis zehn Jahre zuvor - nicht kennen, und die ihn im nationalsozialistischen Deutschland auch nicht in Verlegenheit bringen konnte. Dies beweist ein Blick in Brockhaus´ Konversationslexikon aus dem Jahr 1908.

Dort heißt es zum Thema 'semitische Sprachen': "Der seit Ende des 18. Jahrhunderts in die Wissenschaft eingeführte Name >semitisch< rührt daher, daß die in der Völkertafel 1 Mos. 10 [...] als Nachfahren Sems genannten alten Völker im großen und ganzen mit den [...] jene Sprachen sprechenden Völkern zusammenfallen." (+23) Unterschieden wird dort im weiteren zwischen vier Hauptzweigen der semitischen Sprache, dem Ostsemitischen, dem Nord- und Süd-Semitischen sowie dem Mittel-Semitischen (oder Aramäischen). Über letztgenannten Zweig schreibt man dort: "Hierher gehören nur die Sprachen des vom Aramäischen ursprünglich nicht eingenommenen syr. Küstenstreifens am Mittelländischen Meer, d.h. das Hebräische [...] und das P h ö n i z i s c h e ..." [Hervorh. durch uns; d. Red.] (+24)

Ansonsten gibt es jedoch auch Anzeichen dafür, dass Bilau´s Meinung über Juden sich vermutlich nicht sehr vom üblichen völkisch-nationalen Stammtisch-Niveau abhob. So bemerkt Bilau 1931 in einem seiner Briefe an Eckardt bezüglich eines Korruptions-Skandals, in den jüdische Repräsentanten des gesellschaftlichen Lebens in Berlin verwickelt waren: "Es ist angesichts der Sklareks, Kutiskers, Katzenellenbogen usw. usw. wohl klar, daß diese polnische Judenschmiererei nicht passiert wäre, wenn überall in der Verwaltung Fachleute tätig wären. Ein Ministerialrat alten Stils, der die Verwaltung studiert hat, von der Pike auf es zum Ministerialrat gebracht hat, weiß genau, daß der ganze Laden kaputt geht, wenn er unsachgemäß regiert wird..." (+25)

Nichtsdestotrotz ist die Bilau´sche Atlantis-Lokalisierung auf dem mittelatlantischen Rücken alles andere als ario-atlantistisch, und seine Vorstellung 'roter', letztlich proto-semitischer, Atlantiker und Atlantiden erscheint bei einem Ultra-Rechten, der nach einem historischen Vorbild für Platons Atlantis sucht, paradox. Schließlich wurde das versunkene Reich doch, wie der Journalist, Publizist und Atlantologie-Kritiker Arn Strohmeyer (1997) sehr zutreffend bemerkt, gerade deshalb "von der völkischen Rechten als Urheimat der Arier besetzt, weil sie so einen vermeintlich konkreten Ausgangspunkt für den antisemitischen und antirömisch-christlichen >nordischen Heerzug von Rasse und Ehre, Mystik und Tat hatte, um gegen die liberale, urbane Aufklärungskultur der europäischen Moderne zu Felde ziehen zu können<." (+26)

Die Tatsache, dass Kurt Bilau in der (für den Nationalsozialismus bzw. den Ario-Atlantismus zentralen) Frage der "rassischen Zugehörigkeit" der Atlantier eine derart abweichende Position bezog, ist also durchaus bemerkenswert und wesentlich für die kritische Bewertung seiner Be-schäftigung mit Atlantis. Zusammen mit seinem Festhalten an der klassischen Atlantis-Hypo-these einer mittelatlantischen Großinsel sowie seiner augenscheinlichen Abstinenz bezüglich ario-esoterischen Hyperborea- und Thule-Mythisierungen untermauert sie unsere Annahme, dass die Beschäftigung des Majors a.D. mit dem Atlantis-Problem typologisch nicht in den Be-reich des NS-Atlantismus einzuordnen ist.


Abb. 7 Während im Deutschland der Bücher-Verbrennungen (hier in Berlin am 10. 5. 33) Erkentnisse "jüdischer Wissenschaft" wie Relativitäts-Theorie und Psycho-Analyse rigoros wegzensiert wurden, zeigten die braunen Machthaber eine erstaunliche Indifferenz gegenüber 'ideologisch Unverdaulichem' im Bereich der Atlantisforschung.

Wenn wir zudem die Definition des Historikers und Fachbuch-Autors Franz Wegener zum At-lantis-Verständnis rechter Atlantisten heranziehen, der als ihre wesentliche Gemeinsamkeit die "populärwissenschaftliche Umsetzung des Atlantis-Mythos in einer nordistisch-rassistischen Variante" (+27) betrachtet, so können wir Bilau´s Modell einer prä- und nicht-arischen Ur- oder Mutter-kultur konstatieren, dass es in zentralen Aussagen dem Ario-Atlantistismus schlichtweg antagonistisch gegenübersteht. Und das ist - für sich genommen - schon erstaunlich genug.

Schließlich war die Beschäftigung mit dem Atlantis-Problem in Deutschand zwischen 1933 und 1945 ein ideologisch durchaus relevantes und instrumentalisiertes Terrain, für das man sich auch in den Chefetagen der NSDAP und der SS interessierte - freilich eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Missliebige Publikationen oder offiziell unerwünschte Äußerungen waren zur Atlantis-Frage (wie zu jedem anderen Thema auch) in der 'gleichgeschalteten' Medienland-schaft des Reichs der Bücherverbrennungen (Abb. 5) eigentlich vollkommen undenkbar. A. Strohmeyer bemerkt dazu: "Im offiziellen Vokabular der Nazis spielte Atlantis keine Rolle. Hit-ler ging sogar äußerst hart gegen alle esoterischen Sektierer und Schwärmer in dieser Rich-tung vor." (+28)

Gerade im Bereich der Altantisforschung (mit und ohne Anführungszeichen!) zeigten die NS-Führer jedoch augenscheinlich auch eine erstaunliche Indifferenz, solange aus ihrer Sicht kein Potential zur Sekten-Bildung innerhalb des ideologischen Systems des Nationalsozialismus zu erkennen war. Dies belegt nicht nur eine Vielzahl unterschiedlicher ario-atlantistischer Pub-likationen von schein-wissenschaftlichem Zuschnitt mit divergierenden Lokalisierungen der At-lanter-Metropole, sondern auch die Fortentwicklung einzelner nicht-ariozentrischer Atlantis-Theorien (z.B. von Adolf Schulten und Leo Frobenius) während des Nationalsozialismus.

Trotz des bereits angesprochenen, seit den 1920er Jahren im Bereich (populär-) wissenschaft-licher Atlantisliteratur einsetzenden, Marginalisierungs-Prozesses nicht-ario-atlantistischer Ver-öffentlichungen sowie der 'Gleichschaltung der Medien' im Dritten Reich, war es selbst in dieser Zeit offenbar möglich, (populär-) wissenschaftliche Theorien und Szenarien zu publizieren, die Atlantis n i c h t im hohen Norden lokalisierten (sondern z.B. in Südspanien, Nord- und West-afrika und eben im Mittelatlantik) und die k e i n e explizit ario-atlantistischen Glaubensele-mente enthielten.

Dass Bilau´s Atlantis-Bewohnern - sarkastisch formuliert - der 'Arier-Nachweis' fehlte und sei-ne Theorie faktisch dem NS-Theorem angeblicher arischer Urkultur (+29) zuwiderlief, ohne dass er damit bei irgendjemandem 'aneckte', ist trotzdem recht ungewöhnlich. Immerhin prä-sentierte er mit seinen "roten Atlantern" neben Frobenius und dessen schwarz-afrikanischem Yoruba-Atlantis eines der beiden einzigen bisher bekannten Atlantis-Konzepte aus Deutschland zwischen 1933 und 1945, in denen die Bewohner des untergegangenen Vorzeit-Reiches explizit als "Nicht-Weiße" vorgestellt wurden.


Fortsetzung:

F III.) Kurt Bilau und Hanns Hörbigers Welteislehre (WEL)


(+11) Anmerkung. Der Name der Zeitung ist nicht ad hoc identifizierbar. Bei der dem Verfasser vorliegenden Kopie des betreffenden Zeitungs-Ausschnittes aus dem Nachlass von Kurt Bilau fehlt ein Teil seiner handschriftlichen Notiz zur Quellenangabe. Es handelte sich jedenfalls nicht um die Hallesche[n] Nachrichten, die am 16.09. ebenfalls einen kurzen Beitrag über den betreffenden Vortrag veröffentlichten, den er unter dem Titel "Atlantiskultur von Peru bis Babel" im Rahmen einer Vortragsreihe der Volkshochschule Halle über "Deutsche Kultur und Art" in der Aula des Reform-Real-Gymnasiums hielt.

(+12) Anmerkung: Die "Machtergreifung" der NSDAP beginnt mit Hitlers Berufung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Der nächste wesentliche Schritt erfolgt mit der Alleinherrschaft der Partei ab Juli 1933, und wird, nach Hindenburgs Tod im August 1934, mit der Selbstbestätigung Hitlers als Alleinherscher festgeschrieben.

(+13) Quelle: "Die Insel Atlantis und ihre Kultur - Ein Lichtbildervortrag von Major a. D. Kurt Bilau", namentlich unbekannte Zeitung (Daten teilweise unlesbar), vermutl. aus Halle, 16.09. 1935; Fotokopie eines Zeitungsausschnitts aus dem Nachlass von K. Bilau, Archiv Uwe Karstens, Ascheberg

(+14) Anmerkung: Die schulwissenschaftliche, revisionistische Richtung der Atlantisforschung (siehe: Jungzeitler) war zwischen 1933 und 1945 im wesentlichen auf die Arbeiten von nur ZWEI Forschern und ihrem Umfeld reduziert, die beide bereits zu Zeiten der Weimarer Republik ihre Atlantis-Theorien präsentiert hatten. Dies war zum einen Adolf Schulten, der Atlantis in Südspanien lokalisierte und mit Tartessos gleichsetzte. (Siehe: Adolf Schulten, "Tartessos und Atlantis", in: Petermanns geographische Mitteilungen 73, 1927, S. 284 - 288. --- Jessen, Otto: "Tartessos-Atlantis", in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde (1925), S. 184. --- Schulten, Adolf: "Atlantis", Berlin, 1930 --- Adolf Schulten, "Atlantis", in: Rheinisches Museum für Philologie 88, 1939, S. 326 - 346.).

Zum anderen war da Paul Borchardt mit seiner Atlantis-Lokalisierung in Tunesien, der bei einer akademischen Minderheit Zustimmung und Mitstreiter fand. (Siehe: Borchardt, Paul: "Platos Insel Atlantis", in: Petermanns geographische Mitteilungen 73 (1927), S. 19-31. --- Borchardt, Paul: "Nordafrika und die Metallreichtümer von Atlantis", in: Petermanns geographische Mitteilungen 73 (1927), S. 280-282. --- Hennig, Richard: "Das Rätsel der Atlantis", in: Meereskunde 14 (1925), S. 1-29. --- Hennig, Richard: "Zum Verständnis des Begriffs "Säulen" in der antiken Geographie", in: Petermanns geographische Mitteilungen 73 (1927), S. 80-87. --- Hennig, Richard: "Von rätselhaften Ländern", München, 1925 --- Hennig, Richard: "Terrae incognitae" [Bd. 1], Leiden, 1944)

Eine universitär-wissenschaftliche Atlantisforschung nonkonformistischer Prägung, wie sie sich z.B. zwischen den 20er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Sowjetunion entwickelte, gab es in Deutschland zu Bilau´s Zeit nicht. (Vergl. dazu: Nikolai Zhirov - ein moderner Pionier der Atlantologie sowie: Sowjetische Geologen zur Realität von Atlantis von N. Zhirov) Als Ausnahmeerscheinung ist lediglich Leo Frobenius (1873-1938) mit seiner Theorie eines schwarzafrikanischen Atlantis zu nennen, die letztlich wie diejenige Bilau´s mit der NS-Rassenideologie unvereinbar war.

Der Bereich außeruniversitärer, empirisch-naturwissenschaftlicher oder auch populärwissenschaftlicher Atlantisforschung mit nonkonformistischem Charakter ("Grenzwissenschaft") in der Tradition Donnelly´s (1882 sowie 1883), Kampanakis´ (1893) et al. wurde in Deutschland bereits während der 1920er Jahre durch eine Flut vulgar-atlantistischer Machwerke und Publikationen mit ario-atlantistischem Einschlag regelrecht 'zersetzt'. Als plakatives Beispiel sei hier F. Wencker-Wildberg erwähnt, über den es bei Wegener heißt: "Wencker-Wildergs 1924 erschienenes Buch trägt den Titel >Atlantis - Roman einer untergeganen Welt<.

Der Titel täuscht: Es handelt sich nicht etwa um Belletristik, sondern um populärwissenschaftliche [sic!; bb] Ausführungen, die in erster Linie eine konzeptlose Zusammenstellung einiger zeitgenössischer Atlantistheorien darstellen. Ziel des Autors ist es, >das Atlantisproblem von allen Seiten durchleuchten [zu] wollen<. Für ihn muss die Atlantis bereits vor dem >Auftreten des ersten Menschen< untergegangen sein, somit könne Platon ihre Existenz nur >instinktiv ... erraten< haben. Die Theorien von Zschaetzsch wurden von ihm begeistert aufgenommen." (Wegener, 2003, S. 39)

Dass diese schleichende "Arisierung" der quasi-wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Atlantis-Problem durchaus nicht nur den außeruniversitären Bereich betraf, sondern nachweislich auch in die "akademische" Atlantologie in Deutschland einwirkte, zeigt sich z.B. anhand von Albert Herrmann (1927): "Atlantis, Tartessos und die Säulen des Herakles", in: Petermanns geographische Mitteilungen 73 (1927) 288 sowie Albert Herrmann (1934): "Unsere Ahnen und Atlantis".


(+15) Quelle: Anonymus, "Der 4. Vortrag im Rahmen der Vortragsfolge d. Js.", Brakeler Anzeiger, 04.12. 1933, handschriftlich datierte Fotokopie eines Zeitungs-Ausschnittes aus dem Nachlass von K. Bilau

(+16) Quelle: "Wo lag Atlantis? Das Rätsel um eine verschwundene Rieseninsel", Lokalanzeiger für Bad Oeynhausen, 02.12. 1933; handschriftlich datierte Fotokopie eines Zeitungsausschnitts aus dem Nachlass von K. Bilau --- Anmerkung: Es ist zweifelhaft, ob die abschließende Bemerkung zum "arischen Geist" in diesem Zitat ursprünglich von Bilau stammt; möglicherweise stellt diese Formulierung im Schluss-Satz des Artikels einen Kotau des Redakteurs vor dem NS-Arierkult dar.

(+17) Quelle: Anonymus, "Atlantiskultur von Peru bis Babel", Hallesche Nachrichten, 16.September 1933; handschriftlich datierte Fotokopie eines Zeitungsausschnitts aus dem Nachlass von K. Bilau

(+18) Anmerkung: PRIMHISTORIK = Die Primhistorik ist ein alternativ-historisches Forschungsgebiet, das sich mit der Möglichkeit entwickelter späteiszeitlicher (oder noch früherer) Menschheitskulturen sowie mit der Beweisführung ihrer vormaligen Existenz und mit ihrer Identifizierung beschäftigt. Geprägt wurde dieser Begriff in den 1970er Jahren durch den französichen Alternativ-Historiker und Paläo-SETI-Forscher Robert Charroux. Im Bereich der nonkonformistischen Atlantisforschung sind primhistorische Betrachtungsweisen und Modelle heute bereits weitgehend quasi-paradigmatisch. (Definition durch atlantisforschung.de, 2005)

(+19) Quelle: Dr. Horst Friedrich, Gedanken zur wahren Natur der atlanto-europäischen Megalith-Zivilisation, Erstveröffentlichung bei EFODON SYNESIS Nr. 19, 1997. Bei atlantisforschung.de (2003) in redaktionell überarbeiteter Online-Fassung.

(+20) Quelle: Alexander Braghine, "The Shadow of Atlantis" (orig.: 1940), ATLANTIS REPRINT SERIES, ADVENTURES UNLIMITED PRESS, Kempton, Illinois (USA), 1997, S. 148 [Übersetzung ins Deutsche durch B. Beier]

(+21) Quelle: ebd., S. 150 (+22) Quelle: ebd.

(+23) Quelle: Brockhaus´ Konversations-Lexikon, Vierzehnte vollständig neubearbeitete Auflage, Neue Revidierte Jubiläums-Ausgabe, Vierzehnter Band, Leipzig, 1908, S. 846

(+24) Quelle: ebd.

(+25) Quelle: Fotokopie eines Briefes von K. Bilau an Eckardt, datiert auf den 29. Dez. 1931, aus dem Nachlass von Kurt Bilau, Archiv Uwe Karstens, Ascheberg

(+26) Quelle: Arn Strohmeyer, "Atlantis ist nicht Troja - Über den Umgang mit einem Mythos", Donat Verlag, Bremen, 1997, S. 116; Strohmeyer zitiert dabei: Henry Picker, "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", Frankfurt a.M.,/Berlin, 1989, S. 245

(+27) Quelle: Franz Wegener, "Das atlantidische Weltbild - Nationalsozialismus und Neue Rechte auf der Suche nach dem versunkenen Atlantis", Gladbeck: KFVR - Kulturförderverein Ruhrgebiet e.V., 2., leicht veränderte Auflage 2003 (Erstausg. 2001), S. 10

(+28) Quelle: Arn Strohmeyer, "Atlantis ist nicht Troja - Über den Umgang mit einem Mythos", Donat Verlag, Bremen, 1997, S. 116

(+29) Vergl. z.B.: Adolf Hitler, "Mein Kampf", München, 1934, S. 317


Bild-Quellen:

(1) http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/ba007228/index.html

(2) http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BrueningHeinrich/index.html

(3) http://www.spiegel.de/img/0,1020,526513,00.jpg

(4) Donnelly, Ignatius T.: "Atlantis - Myths of the Antediluvian World", London, 1882, nach http://www.kunstgeografie.nl/atlantis04b.htm#donelly

(5) Bildarchiv atlantisforschung.de

(6) http://www.kriegsreisende.de/antike/antik-img/karthago-s.jpg

(7) Links: http://www.buecherverbrennung.de/Buecherverbrennung2.jpg

(7) Rechts: http://www.h-ref.de/verfolgung/buecherverbrennungen/buecherverbrennung-1.jpg