Malta und Atlantis

von Dr. Christiane Dittmann

Im Allgemeinen hält man den Philosophen Platon nicht für einen Dummkopf. Dies gilt nicht für seine Bücher „Timaeus“ und „Kritias“, die schon Aristoteles als Unsinn bezeichnet haben soll.

Platon war zu intelligent, um an Mythen zu glauben, schätzte diese jedoch als Mittel zur Volkserziehung. Denn die meisten Menschen verhielten sich nur dann anständig, wenn sie den Zorn der Götter fürchteten. Mit dem literarischen Stilmittel des Streitgesprächs beginnt er, einen Flutmythos zu schreiben, obwohl die Geschichte von der Deukalionischen Flut damals jedes Kind kennt. Ein Remake? Weil ein Mythos ohne konkreten Hintergrund nicht glaubwürdig ist, bemüht er als Autorität seinen Urahn Solon, der einige Jahrhunderte zuvor Ägypten besucht haben soll, als Staatsgast des Pharaos Amasis. Dessen Aufzeichnungen dienen (angeblich) als Grundlage seiner Sensationsgeschichte. Aber es muss auch ein konkreter Schauplatz gefunden werden. Niemand kann sich vorstellen, wo das sogenannte Atlantische Inselreich gelegen haben soll, auch Platon nicht.

Das Wort „atlantisch“ meint die westliche Himmelsrichtung. Denn der Titan Atlas war von Zeus dazu verdammt, am westlichen Erdrand den Himmel zu stützen. Dementsprechend wurde der Ozean westlich von Europa der Atlantische genannt. Platon lehnt die Vorstellung von der Erdscheibe ab, vermutet eine Kugelgestalt, was er aber noch nicht beweisen kann. Das westliche Ende der Welt ist für ihn Gibraltar, doch dort gibt es keinerlei Hinweise auf eine untergegangene Insel. Daher verwickelt er sich bei seiner Ortsbeschreibung in Widersprüche.

Aber das westliche Mittelmeer ist den Völkern der Antike, die im östlichen Teil leben, erst seit kurzem bekannt. Die Welt endete früher an der Straße von Sizilien. Die Meerenge von Messina wird für Odysseus zu Horrortrip zwischen Skylla und Charybdis. Ins westliche Mittelmeer gelangt er nicht. Somit liegen auch die Maltesischen Inseln am Ende der damaligen Welt.

Platon schreibt, dass die Bewohner des Atlantischen Inselreichs viele Generationen lang ein mustergültiges Leben führten, dann aber sittlich entarteten. Deshalb hat Zeus zur Strafe die Insel versenkt und das Meer ist daher dort nicht mehr schiffbar. Ist Platon auf Seemannsgarn hereingefallen? Auf der Seekarte erkennt man nordwestlich von Malta zwei sehr flache Gebiete, insgesamt von mehreren Quadratkilometern Größe, die „Adventure Bank“ und „Terrible Bank“ genannt werden. Mitten auf dem Meer können Schiffe auf Grund schrammen. Bei starkem Seegang ist es möglich, dass Brandung entsteht, bei Ebbe bilden sich Sandbänke. In der Antike lag der Wasserspiegel zwei Meter tiefer als heute, es war noch gefährlicher. Segelschiffe ohne Echolot und Navigationssysten sind dann recht hilflos. Platon spricht von einer „unpassierbaren Schlammflut“, was in Panik geratene Seeleute dort durchaus so empfinden konnten, wenn der Sand durch die Wellen aufgewirbelt ist.

Platon nennt Details von der Atlantischen Insel, von denen jetzt einige aufgezählt werden: Die Bauweise der Tempel war fremdländisch, man verwendete Steine in den Farben rot, weiß und schwarz. Das Götterbild reichte mit seinem Kopf bis zur Decke des Heiligtums. Es gab Elefanten. Von außen waren die Tempel mit Gold und Silber übergossen. Ähnlich poetisch äußern sich Wissenschaftler über die Fassaden aus Globigerina-Kalk von Hagar Qim und Mnajdra, die als goldene Tempel von Qrendi bezeichnet werden. Einige scheinbar seltsame Aussagen Platons passen also recht gut zu Malta, andere nicht, denn die Steinzeitmenschen kannten keine Pferde. Auch die Angaben über Größe und Einwohnerzahl sind unrealistisch.

Besondere Aufmerksamkeit findet immer die Beschreibung des Atlantischen Hafens, den Poseidon persönlich aus dem Gestein gehauen hat und der aus drei konzentrischen Kreisen mit hohen Steilufern besteht. Einen Hafen, den ein Gott gebaut hat, nennen wir heute Naturhafen. Und der ist auf Malta wirklich gewaltig. Er besteht zwar nicht aus drei Kreisen, aber es lassen sich drei konzentrische Kreisbögen mit dem Mittelpunkt bei Marsa erkennen. Die Wasserrinnen der nahezu spiegelbildlich angeordneten Buchten sind über 20 Meter tief, so dass noch heute Ozeanriesen kilometerweit hineinfahren können. Das Gelände entstand während der Eiszeiten aus Flusstälern, die hier zusammenliefen und durch den Meeresspiegelanstieg ertrunken sind. Auch eine Topfsteinhöhle liegt unter Wasser.

Das Atlantische Volk Platons betrieb intensive Landwirtschaft mit Bewässerungsfeldbau im Sommer, was auf eine Lage der Insel im Mittelmeer hinweist (vgl. Kap. 9: Cart Ruts). Auch spricht nichts gegen Platons Idealbild von der humanen, friedlichen Gesellschaftsordnung, dem Leben der Menschen, das von Frömmigkeit geprägt war (vgl. Kap. 5: Opfer). Platons Atlanter sollen jedoch plötzlich von Eroberungssucht befallen worden sein und die Völker im östlichen Mittelmeer bedroht haben. Historisch gesehen gibt es für so ein Ereignis nicht den geringsten Anhaltspunkt, aber in den Mythen. Die Titanen, die zweite Göttergeneration der Griechen, erheben sich gegen die Olympischen Götter, die die dritte Generation bilden. Zeus besiegt sie in der fürchterlichen Titanenschlacht und stürzt sie in den Tartaros, die Unterwelt. Auf dem Pergamon-Altar, im gleichnamigen Museum in Berlin, ist das Gemetzel abgebildet. Die Griechen mit ihrem Führer Zeus retten die ganze Welt und zur Strafe muss der Titan Atlas den Himmel abstützen. Er steht im Paradiesgarten bei den Hesperiden, die ihre goldenen Äpfel hüten, die ihnen Herakles später klaut. Atlas heißt auch der erste König des mythischen Inselreiches, das nach ihm benannt ist.

Platons Erzählung ist unvollendet. Er hört plötzlich zu schreiben auf, weil er den Blödsinn eingesehen habe, wie Aristoteles hämisch kommentiert. Wir wissen nicht, ob wirklich ein Tsunami die Megalithkultur auf den Maltesischen Inseln auslöschte und ob Platon wirklich Aufzeichnungen über eine uralte Naturkatastrophe benutzte. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass beide Rätsel zusammenhängen.