Nachzählen, bitte: Das 'Charroux-Experiment'

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Experimentelle Archäologie aus grenzwissenschaftlicher Sicht, Teil VII

Abb. 16 Eine doppelseitig bearbeitete Stein-Klinge im Musée Préhistorique du Grand Pressigny. Robert Charroux warf die Frage auf, ob die Menge der entdeckten Klingen in den Fundstätten Frankreichs den anzunehmenden Bedarf der "Steinzeitmenschen" decken konnte, die dort gelebt haben.

(bb) Der eingangs ausgiebig zitierte Dr. Timm Weski betrachtet, neben dem Ringen um Authentizität und einer kontraproduktiven Sebstzensur in bestimmten Bereichen (s.o.), "mangelhafte handwerkliche Erfahrungen" als "eine weitere Restriktion im Bereich der Experimentellen Archäologie" universitärer Provenienz, wobei er seine Feststellung auch diesmal wieder auf den technisch-handwerklichen Bereich begrenzt: "Jeder von uns kann eine Seite in kürzester Zeit ohne besondere Mühe schreiben. Sollten wir aber eine Seite in einer anderen Schrift, etwa Arabisch oder Sanskrit, abschreiben, so werden wir uns sehr schwer tun. Für die Experimentelle Archäologie bedeutet dies, daß nur mit viel Übung und Routine Aussagen über Dauer oder Kompliziertheit eines Arbeitsprozesses möglich sind. Ein geübter Experimenteller Archäologe kann z.B. einen Faustkeil in drei Minuten zurechtschlagen, was bedeutet, daß solche Artefakte in Gegenden mit reichlich Rohmaterial eine Art Einwegwerkzeuge waren." [1]

Natürlich handelt es sich hier nicht um ein spezifisches Problem der Experimentellen Archäologie, sondern in jeder beliebigen wissenschaftlichen oder auch grenzwissenschaftlichen Forschungsrichtung sind komplexe Problemstellungen "nur mit viel Übung und Routine", bzw. Erfahrung zu bewältigen. Letztlich scheint die Fixierung der EA auf das, was wir in unserer Betrachtung pointiert als "Bastelei und Modellbau nach wissenschaftlichen Spielregeln" umschrieben haben, eine weitaus folgenschwerere (und offenbar selbst auferlegte) Restriktion zu sein. Die Experimentelle Archäologie verkauft sich jedoch weit unter Wert, wenn sie das Experiment einzig als eine nützliche 'Spielerei' betrachtet, die lediglich der Vertiefung oder Illustration bereits gewonnenen "Wissens" dient.

Gerade die EA ist nämlich aufgrund ihrer Natur dazu geeignet, über den Gewinn an Erkenntnissen bezüglich der Herstellungs-Prozesse alter Artefakte, unvermittelt in Grenzbereiche vorzustoßen, die sich über die klassische archäologische Erforschung von Fundgut nicht erschließen können. Allerdings erfordert dies die Breitschaft des Experimentellen Archäologen, die neu gewonnenen fachlichen Erkenntnisse konsequent und umfassend auf den bisherigen Wissens-Rahmen anzuwenden und gegebenenfalls auch dann nicht zurückzuschrecken, wenn die betreffenden Erkenntnisse diesen Rahmen sprengen oder seine Modifikation erzwingen.

Anderenfalls werden bei einseitiger Betrachtung oder selektiver Auswertung der experimentellen Erkenntnisse wesentliche Konsequenzen leicht übersehen. So ist sich z.B. Weski vermutlich gar nicht der Brisanz seiner Aussage bewusst, wenn er einer Randbemerkung bezüglich 'steinzeitlicher' Faust-Klingen und Messer feststellt, "dass solche Artefakte in Gegenden mit reichlich Rohmaterial eine Art Einwegwerkzeuge waren". Welche Implikationen ergeben sich aus dieser Schlussfolgerung für ein urzeitliches Szenario entsprechender "Einweg-Industrien" und der sie betreibenden Kulturen? Und weiter: lässt sich seine Annahme experimentell beweisen oder widerlegen?

Abb. 17 Ein Lager paläolithischer 'Jäger und Sammler'. Wieviele Steinwerkzeuge fertigte jeder dieser Menschen im Verlauf seines Lebens an? Der französische Alternativ-Historiker Robert Charroux zog 1965 aus dem Vergleich der Fundmenge entsprechender Artefakte mit der zu erwartenden Produktion brisante Schlüsse.

Robert Charroux führte bereits 1965 einen diesbezüglichen Versuch durch, wobei er eine Korrelierung vorliegender Daten zur Fund-Dichte und -Quantität 'steinzeitlicher' Werkzeuge in einem rechnerischen Modell vornahm, mittels welchem sich durch Eingabe unterschiedlicher Werte diverse Szenarien durchspielen ließen. [Siehe dazu auch: Wider die 'Steinzeit-Archäologie' von Robert Charroux; d. Red.] Dabei kam er - ganz im Gegensatz zu Weski - zu dem Ergebnis: "Natürlich haben prähistorische Menschen Arbeitsgeräte aus Feuerstein benutzt, aber in so geringem Maße, daß man es praktisch vernachlässigen kann. Kurz, sie benutzten Feuersteinwerkzeuge, wie die Menschen des 20. Jahrhunderts Kaviar essen oder Kaugummi kauen, d.h. ein einem Verhältnis von 1 : 1000 oder gar 1 : 10 000." [2] Wie kam Charroux zu dieser Behauptung?

Grundlage seines Experiments ist eine statistische Methode zur Rekonstruktion von Bevölkerungs-Zahlen: "Die Einwohnerzahl eines Volkes oder einer bestimmten Gegend läßt sich annähernd aus der Zahl der Häuser oder der Kraftwagen oder der notwendigen, unentbehrlichen Werkzeuge errechnen, bei weniger entwickelten Völkern z.B. aus der Zahl der Messer. Auf Grund dieser Rechnung gelangt man für das Gebiet Frankreichs auf zehn Millionen oder auch auf hundert Millionen Einwohner, für das Gebiet der Sahara auf zehntausend oder auf achthunderttausend Einwohner, aber man erhält stets einen Wert, der schätzungsweise das Doppelte oder Fünffache der genauen Lösung nicht übersteigt. Wüßten wir die Anzahl der Messer, die es im Mittelalter gab, hätten wir eine Vorstellung von der Bevölkerungszahl zu jener Zeit, aber die Messer gingen verloren, wurden durch Rost zerfressen, lösten sich in nichts auf." [3]

Analog dazu stellt er zu den "unentbehrlichen Werkzeuge[n]" paläolithischer bis neolithischer Perioden fest: "Falls in der Altsteinzeit wie in der Jungsteinzeit nur der behauene oder polierte Feuerstein und kein Metall bekannt war, wie es die Prähistoriker behaupten, muß es möglich sein, die >Messer< dieser Zeit, so fern sie auch sein mag, wiederzufinden, denn Feuerstein verwittert nicht. Ohne die geringste, mit bloßem Auge erkennbare Abnutzungsspur bleibt er hunderttausend, fünfhunderttausend, eine Million Jahre hindurch praktisch unverändert. Eine Million Jahre, das ist genau der Zeitraum, in dem der Mensch auf der Erde lebte (behauptet man)." [4]

Natürlich ist davon auszugehen, dass jeder urzeitliche Mensch während seiner Lebenszeit eine gewisse Menge dieser Werkzeuge produzierte, verwendete und abnutzte: "Der prähistorische Mensch, der sich ein Beil in etwa zehn Minuten zurechtschlug (annähernd die Zeit, die Monsieur Borde aus Bordeaux zur Grobbearbeitung eines Steinbeils benötigte) [Weski veranschlagt hier lediglich drei Minuten Arbeitszeit, was Charroux´ Denk-Modell keineswegs abträglich ist; bb] und an den uns bekannten Stellen Feuerstein in Hülle und Fülle fand, mußte also wenigstens 100 Werkzeuge in seinem Leben herstellen und gebrauchen, denn diese Werkzeuge nutzten sich ab, zerbrachen oder gingen verloren. An Rohmaterial fehlte es ihm nicht.

Bei Le Grand-Pressigny, bei Charroux, bei Fontainebleau, bei Vellèches findet man unbehauene Nuklei (Feuersteinknollen) und eine Menge von Kernstücken, die denselben Zweck hätten erfüllen können. Eins steht jedoch fest: Die Feuersteinwerkzeuge konnten weder verschwinden noch zu Staub zerfallen. Bekanntlich werden Kieselsteine und infolgedessen auch Feuersteine durch die Erderschütterungen, zu denen noch die Zentrifugalkraft hinzukommt, an die Bodenoberfläche zurückgeworfen. Dies erklärt, warum man in den Gärten jedes Jahr aufs neue Steine aufklauben muß, ohne je den Boden davon befreien zu können. Desgleichen kommen auf den Schlachtfeldern von 1914-1918 die Granaten und Granatsplitter unvermeidbar wieder zum Vorschein. Noch immer finden Kinder alljährlich in Gärten, Wäldern und auf Ackerland Granaten, die ihren Tribut fordern. Etwa im Jahre 1970 werden alle aus dem ersten Weltkrieg stammenden Granaten ans Tageslicht gekommen sein". [5]

Bei der von ihm durchgeführten Untersuchung der Fund-Mengen steinerner Hand-Klingen (Beile, Faustkeile, Messer) konzentriert sich Charroux exemplarisch auf die bedeutende und gut erforschte Fundstätte in Frankreich, deren Namen er als Pseudonym wählte: Charroux im Departement Vienne. "Sie gehört", wie Charroux konstatiert, "was Beile (oder Faustkeile) betrifft, zu den wichtigsten. Bisher wurden in Charroux tausend bis zweitausend Beile gefunden, doch in wenigen Jahren wird der Fundort erschöpft sein.

Man kann die Zahl der noch in der Erde liegenden Beile auf zweitausend, höchstens aber auf fünftausend schätzen, wobei der letzte Wert übertrieben optimistisch ist. Wie gesagt, gehört diese Fundstätte mit Ausnahme von Le Grand-Pressigny zu den Wichtigsten. [...] In Charroux kommen Feuersteinwerkzeuge in besonders großer Zahl vor. Wenn wir pro Mensch und Generation (25 Jahre) hundert behauene Beile annehmen, gehen wir von einer äußerst geringen Fertigung aus. In Wirklichkeit mußte der prähistorische Mensch, sei es aus Notwendigkeit, sei es, um sich die Zeit zu vertreiben oder jemandem ein Geschenk zu machen, weit mehr als hundert Beile in seinem Leben anfertigen." [6]

Den zu beobachtenden Zeitraum grenzt Charroux folgendermaßen ein: "Auf Grund dieser Voraussetzung läßt sich eine annähernde Rechnung aufstellen, ohne bis auf die frühesten Epochen der Prähistorie zurückgehen zu müssen. Innerhalb von fünfzigtausend Jahren gab es in Charroux zweitausend Generationen von Menschen, die nach unserer Untersuchung etwa zehntausend Beile verbrauchten." So lässt sich z.B. die Frage stellen: "Wenn hundert Beile für ein Leben notwendig waren, wieviel Menschen lebten dann in Charroux während eines Zeitraums von fünfzigtausend Jahren?" [7]

Abb. 18 Konnen Faustkeile, Schaber, Stein-Beile und Messer (wie diese Fundstücke aus Clovis, USA) tatsächlich die einzigen Gerätschaften gewesen sein, mit denen der "steinzeitliche" Mensch gearbeitet hat?

Charroux´ Modellrechnungen (siehe dazu: Wider die 'Steinzeit-Archäologie' von Robert Charroux) ergaben bei Verwendung der vorliegenden archäologischen Daten samt und sonders inakzeptable (sinnlose und der Logik widersprechende) Ergebnisse, die zwangsläufig zu der Feststellung führen müssen: "Die Zahl der [aufgefundenen und hypothetisch noch zu entdeckenden] Beile und Feuersteinwerkzeuge steht in keinem Verhältnis zur Zahl der Menschen, die Frankreich einst bevölkerten." [8]

Charroux zieht aus diesem Ergebnis den Schluss: "Folglich benutzten die Menschen [...] zur Herstellung ihrer Werkzeuge, etwas anderes als den Feuerstein, etwas anderes, das durch natürliche Verwitterung verschwunden ist, d.h. wahrscheinlich das Eisen und die Metallegierungen. Auf jeden Fall sind Paläolithikum und Neolithikum, die den Prähistorikern zur Charakterisierung der Zeitabschnitte dienen, in denen behauene oder bearbeitete Steinwerkzeuge auftreten, höchst irreführende und mißbräuchliche Bezeichnungen. Wenn nämlich in jeder Generation 10, 50 oder selbst 100 Menschen auf der Erde Feuersteine benutzten, hat man noch lange nicht das Recht, die Zeit, in der das geschah, nach jener prozentual unbedeutenden Gruppe zu benennen." [9]

Natürlich hat Charroux sein archäologisches Zahlen-Experiment und das daraus resultierende Ergebnis bereits vor einem halben Jahrhundert der Schulwissenschaft vorgestellt, wobei das Ergebnis ausfiel, wie nicht anders zu erwarten: "Wir haben diese These Fachwissenschaftlern vorgelegt, deren Reaktionen sich in zwei Kategorien einteilen lassen: Prähistoriker der alten Schule zucken die Achseln und weichen jeder Diskussion aus, sind aber absolut unfähig, den geringsten Begriff zu widerlegen. Neuen Erkenntnissen aufgeschlossene Prähistoriker halten die vorgelegte These für mathematisch exakt." [10]

Wie die Ergebnisse von Heyerdahl´s oder Dunn´s Experimenten sind auch die Resultate von Charroux´ Versuch einer experimentellen Klärung brisanter Probleme der Vor- und Frühgeschichte bisher nicht zwingend widerlegt worden. Professionelle Archäologen mögen sich diesbezüglich auf den Standpunkt zurückziehen, dass es unter ihrer "Würde" sei, sich ernsthaft mit 'so etwas' zu beschäftigen; allerdings müssen sich die betreffenden Damen und Herren Fachwissenschaftler damit nicht nur den Vorwurf der "Feigheit vor dem Feind" gefallen lassen, sondern auch die Vorhaltung, die Ergebnisse dieser "ungehörigen" Experimente seien somit nach den Regeln des 'Wissenschafts-Spiels' - bis zum überfälligen Gegen-Beweis - als valide zu betrachten.

Kommen wir nun abschließend noch einmal zurück zur konventionellen EA und ihren ungenutzten Möglichkeiten und Perspektiven.


Fortsetzung:

IIX. Epilog: Wirtschaftsorientierte Experimental-Archäologie - Ein alternatives Aufgaben-Feld der EA


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Dr. Timm Weski, "Experimentelle Archäologie - Ausgewählte Beispiele experimenteller Archäologie aus dem Bereich der Unterwasserarchäologie", DEGUWA Rundbrief 12, Februar 1997, online unter http://www.abc.se/~m10354/bld/expbeisp.htm
  2. Quelle: Robert Charroux, "Verratene Geheimnisse", Kapitel: "Altsteinzeit und Jungsteinzeit - Erfindungen der Prähistoriker", Verl. Wilhelm Goldmann, 1979 (orig.: "Le Livre des Secrets Trahis", Paris 1965)
  3. Quelle: ebd.
  4. Quelle: ebd.
  5. Quelle: ebd.
  6. Quelle: ebd.
  7. Quelle: ebd.
  8. Quelle: ebd.
  9. Quelle: ebd.
  10. Quelle: ebd.


Bild-Quellen

(16) http://www.ac-orleans-tours.fr/svt/publis/WEB%20Poitou/museeprehisto.htm

(17) http://www.lausitzer-wege-ev.de/zeitr/sammler/sam-bilder/sammler-lager.jpg

(18) http://www.utexas.edu/research/tarl/images/BX52%20CLOVIS%20BLADES-LG.JPG