Neue Forschungen zum Marmorglobus von Gotha

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Einem 500 Jahre alten Rätsel der Kartographiegeschichte auf der Spur

Abb. 1 Der Marmorglobus von Gotha im Museum des Schlosses Friedenstein in Thüringen gibt der Wissenschaft Rätsel auf - die jetzt mittels modernster Technik und Methoden gelöst werden sollen.

(red) Zu den faszinierenden Exponaten, die im Museum von Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha zu besichtigen sind, gehört auch eine kleine geographische Weltkugel, die inzwischen als 'Marmorglobus von Gotha' (Abb. 1) einige Bekanntheit erlangt und das Interesse von Wissenschaftlern auf sich gezogen hat. So konnte Mitte November dank der Unterstützung durch die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha ein Team der Technischen Universität Dresden und der Messbildstelle Dresden GmbH eine präzise photogrammetrische Untersuchung dieses fast 500 Jahre altem Objekts durchführen. (Abb. 3)

Was aber macht den Marmorglobus von Gotha, von dem man nach wie vor nicht genau weiß, wer ihn hergestellt hat [1], zu etwas so Besonderem? Der Naturwissenschaftler und Experimental-Archäologe Dr. Dominique Görlitz, der vor mehr als sechs Jahren, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin auf den Globus und dessen Anomalien aufmerksam geworden war, schreibt dazu auf der Webseite der Mission ABORA:

Abb. 2 Die exakte Übertragung der Küstenverläufe vom Marmorglobus auf eine moderne Antarktisdarstellung macht deutlich, dass sie viel zu genau für eine bloße Phantasiedarstellung sind.

"Der Globus von nur 11,9 Zentimetern Durchmesser zeigt die Erde nur wenige Jahrzehnte nach der Wiederentdeckung Amerikas. Deutlich zu erkennen ist die Antarktis, die von europäischen Seefahrern erst 290 Jahre später entdeckt worden sind. Die allgemeinen Umrisse ähneln erstaunlich den heute dargestellten. Damit gehört der Marmorglobus von Gotha in die Kategorie der Rätselkarten des späten Mittelalters, von denen es nur eine Hand voll auf der Welt gibt.

Diese Rätselkarten dokumentieren, dass bereits die Menschen der Frühzeit über großes geographisches Wissen verfügten. Die Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus stellen nicht den Anfang, sondern nur die Fortsetzung viel älterer Erkundungsfahrten dar, deren Kenntnisse im Laufe der Geschichte verloren gegangen sind. Dabei haben sich drei Kartenwerke einen besonderen Ruf als Rätsel der Kartographie erworben: die Waldseemüller-Karte von 1507, die Piri-Reis-Karte von 1513 und die Finaeus-Karte von 1531." [2]

Erste Bemühungen zu einer 3D-Referenzierung der Küstenverläufe des Gothaer Globus waren dank Görlitz´ Engagement bereits im Jahr 2009 erfolgt. Inzwischen ist bei der Übertragung der Küstenverläufe vom Marmorglobus auf eine moderne Antarktisdarstellung (Abb. 2) deutlich geworden, dass diese Verläufe viel zu exakt sind, als dass sie "der Phantasie entsprungen" sein könnten, "um Leerstellen zu füllen". [3]

Abb. 3 Ein Schnappschuss von der aktuellen photogrammetrischen Untersuchung des Gothaer Marmorglobus im November 2015

Erstaunlich genau wiedergegeben ist insbesondere der kleinere Teilkontinent Westantarktika, wobei allerdings - aus welchen Gründen auch immer - die Westantarktische Halbinsel mit dem Palmer Archipel fehlt.

Glücklicherweise gelang es Görlitz, das Institut für Kartographie der Technischen Universität Dresden, wo er postdoktorale Studien betreibt, für den Gothaer Marmorglobus und die Rätselkarten der Frühen Neuzeit zu interessieren, das nun schon seit geraumer Zeit unter seiner Beteiligung und in Zusammenarbeit mit Experten der Messbildstelle Dresden GmbH federführend die notwendigen Forschungsarbeiten durchführt. [4]

Das Ziel: Durch den direkten Abgleich moderner, satellitengestützt generierter Karten mit den Daten des Marmorglobus sowie anderer alter Weltkarten wollen die Forscher gewissermaßen einen 'Blick in die Vergangenheit' werfen, um verlorengegangenes Wissen früher Kartographen der Frühen Neuzeit zu rekonstruieren und herauszufinden, woher sie es bezogen haben. Insbesondere arbeiten die Experten derzeit gemeinsam an einer vollständigen Reproduktion aller Globen des Kartographen Johannes Schöner (1477-1547) sowie des Marmorglobus von Gotha. Erste Ergebnisse sollen in absehbarer Zeit in relevanten internationalen Fach-Publikationen veröffentlicht werden.


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Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Anmerkung: Nach dem argentinischen Kartographen, Historiker und Linguisten Paul Gallez (1920–2007) erscheint der Marmorglobus als verkleinerte Kopie des Globus von Johannes Schöner aus dem Jahr 1533.
  2. Quelle: Dominique Görlitz, "Marmorglobus - Detailinfos", bei: Mission ABORA.eu (abgerufen: 27. Nov. 2015)
  3. So interpretiert von: Siegfried Schoppe, "Heinrich der Seefahrer, Kolumbus und Magellan: Planung, Versuch und Irrtum bei der Entdeckung der Neuen Welt durch Portugal und Spanien vor 500 Jahren", BoD, 2012, S. 246
  4. Siehe dazu auch: Dominique Görlitz und Manfred F. Buchroithner, "Wer erschuf die erste Weltkarte? - Altertümliche Kartographie im Licht moderner Forschung"; sowie: Bernhard Beier und Dominique Görlitz, "Kartographiegeschichte im Umbruch - Das Rätsel der alten Weltkarten ist zurück auf der wissenschaftlichen Agenda"

Bild-Quellen:

1) Bild-Archiv Dr. Dominique Görlitz (©)
2) Dr. Dominique Görlitz (©), "Marmorglobus - Aktuelle Meldungen", bei Mission ABORA
3) Bild-Archiv Dr. Dominique Görlitz (©)