Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang (Rezension)

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von unserem Gastautor Dr. Horst Friedrich (2015)

Abb. 1 Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang [1] Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1976/1983, TB, 423 S.

Ein bedeutendes Grundlagenwerk, das jedermann, der Wissenschaft studieren, verstehen oder betreiben will, unbedingt gründlichst studiert haben sollte! Allzuviel Mißbrauch wird nämlich heutzutage mit den Begriffen "Wissenschaft", und insbesondere "Wissenschaftlichkeit", getrieben. Der Rezensent denkt da insbesondere an die organisierte "Skeptiker"-Bewegung, eine Art selbsternannte Weltanschauungs-Inquisition, wo man - aber leider weit entfernt von der Sachkenntnis eines Paul Feyerabend (Abb. 2) [2] - feurig gegen alles, was nicht hundertprozentig den derzeit gerade "getragenen" Mainstream-Lehrmeinungen entspricht, zu Felde zieht.

Diesem Werk ist wahrlich weiteste Verbreitung zu wünschen! Kaum je ein zweites Mal wird man wohl eine derart quasi "geballte Kompetenz" wiederfinden zu den Fragekomplexen "Wissenschaft", "Wissenschaftlichkeit", vermeintlich "gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis", and das auf nicht mehr als 397 Taschenbuch-Textseiten. Nicht zuletzt verdient auch der wissenschafts-soziologische Aspekt des Werkes, den Paul Feyerabend besonders kompetent ist zu behandeln, die besondere Aufmerksamkeit des an diesen Fragen interessierten Lesers.

Anschließend erscheint es dem Rezensenten angebracht, die den "Lese-Appetit" anregende Wirkung seiner kleinen Rezension zu verstärken, indem er seine Leserinnen und Leser mit ein paar Original-Zitaten aus diesem so überaus kompetent geschriebenen Opus zu anerkennendem Schmunzeln bringen möchte.


S. 18 spicht Feyerabend von einer "verdummenden Wirkung ... der wissenschaftlichen Praxis"
S. 34 stellt er zur Diskussion, "daß die Abstammungstheorie gar nicht so gut ist, wie allgemein angenommen wird."
S. 36 heißt es zum dezeit "getragenen" Weltbild: "Das alles sind abstrakte und höchst zweifelhafte Annehmen, die unser Weltbild gestalten..."
S. 39 "Theorienvielfalt ist für die Wissenschaft fruchtbar".
S. 50 heißt es zu vermeintlich "gesicherten Erkenntnissen": "Es liegt aber auf der Hand, daß dieser Schein des Erfolgs nicht im geringsten als Zeichen der Wahrheit und der Übereinstimmung mit der Natur gelten kann."
Abb. 2 Paul Feyerabend (1924-1994). Sein Hauptwerk "Wider den Methodenzwang" gehört zur Pflichtlektüre sowohl für 'zünftige' Berufs-Wissenschaftler als auch für alle, die sich im Rahmen außenseiterischer Forschung mit dem Anspruch universitärer Mainstream-Wissenschaft auf eine Monopolstellung im Erkenntnisprozess sowie auf Unfehlbarkeit ("Die Wissenschaft irrt sich nicht") auseinander zu setzen haben.
S. 64 "Ein erkenntnisloses Abschieben alter Ideen verfälscht also nicht nur die Geschichte der Wissenschaften, es ist auch eine große Gefahr für die Forschung selbst..."
S. 66/67 "Hier wie anderswo gewinnt man Erkenntnis allein durch eine Vielfalt von Anschauungen, nicht durch verschiedene Anwendung einer bevorzugten Ideologie. Und man erkennt, da0 die Vielfalt manchmal von außerwissenschaftlichen Instanzen erzwungen werden muß, die genügend Macht haben, um sich gegen die mächtigsten wissenschaftlichen Institutionen durchzusetzen."
S. 71 konstatiert Feyerabend, "daß keine einzige Theorie jemals mit allen bekannten Tatsachen auf ihrem Gebiet übereinstimmt."
S. 82 "Ad-hoc-Näherungen sind in der modernen mathematischen Physik an der Tagesordnung [...] Sie erzeugen ein falsches Bild von der Güte unserer Wissenschaft."
S. 182 "...Wissenschaftlichkeit im hier diskutierten (und kritisierten) Sinn heißt richtiges Verhalten in bezug auf die Maßstäbe und Theorien einer unbekannten Zukunft."
S. 190/191 "Zumindest die Naturwissenschaftler haben ja schon seit Jahrhunderten gelernt, wie man eine unbrauchbare Philosophie in Worten verteidigt und in Taten mißachtet. Und die jüngere Generation der Physiker, Biologen, Kosmologen hat es ohne philosophischen Unterbau, einfach aufgrund eines erfindungsreichen Opportunismus bei der Bewältigung und Konstitution rätselhafter Tatsachen, sehr weit gebracht. Aber die Elendviertel der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie sollte man doch nicht ganz aus den Augen verlieren.'"
S. 219 "Wieder haben wir einen gewissen Grundbestand von >Wahrheiten<. Wieder ist es verboten, Ideen, die nicht zu diesem Grundbestand gehören, auf bestimmte Weise zu verwenden."
S. 239 "...aber ich finde es doch etwas erstaunlich, mit welcher Inbrunst sich Studenten und andere Uneingeweihte an hohle Phrasen und abgedroschene Prinzipien halten..." [3]
S. 247 "Einer der bemerkenswertesten Züge des politischen Anarchismus seit der Aufklärung ist sein Vertrauen in eine >natürliche Vernunft< des Menschen und seine Hochachtung vor der Wissenschaft [...] Heute wird dieses naive, beinahe kindliche Vertrauen in die Wissenschaft [...] in Frage gestellt."
S. 290 "Die theoretische Autorität der Wissenschaft ist viel geringer, als angenommen wird."


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich (©) wurde von ihm im Februar 2015 für Atlantisforschung.de erstellt.

Fußnoten:

  1. Anmerkung des Rezensenten: Diese Taschenbuchausgabe ist text- und seitenidentisch mit der 1983 erschienenen revidierten und erweiterten Fassung. Eine erste gedruckte Fassung erschien 1975 unter dem Titel AGAINST METHOD. Für die 1976 in der Reihe "Theorie" des Suhrkamp-Verlags erschienene Fassung hat Paul Feyerabend teils gekürzt oder ergänzt, teils umgeschrieben.
  2. Anmerkung des Rezensenten: Paul Feyerabend (1924-1994) studierte Philosophie, Astronomie und Physik und lehrte u.a. in Berkeley, Kalifornien, und an der ETH Zürich.
  3. Anmerkung des Rezensenten: Ob wohl mit den "andere[n] Uneingeweihte[n]" die organisierten "Skeptiker" gemeint sind?

Bild-Quellen:

1) Bild-Archiv Atlantisforschung.de
2) Grazia Borrini-Feyerabend bei Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter File:PKF 2.jpg