Richard Rudgley: The Lost Civilizations of the Stone Age (2000)

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Buchpräsentation von Ferdinand Speidel

Einleitung

Richard Rudgley (Abb. 2) (* 1961) erwarb in Oxford den BA in Anthropologie und Religion und studierte außerdem Ethnologie. Als Autor ist er spezialisiert auf die Themenkreise 'Steinzeit' und 'Gebrauch von Halluzinogenen in der Gesellschaft'. Wie viele andere Wissenschaftler machte auch Rudgley die Erfahrung des Festhaltens an alten Lehrmeinungen seitens der Geschichtsschreibung. In seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch „The Lost Civilizations of the Stone Age(Abb. 1) stellte er die Ergebnisse seiner Recherchen vor, die die Errungenschaften des Jungpaläolithikums zum Hauptthema haben, darüber hinaus aber Entdeckungen über die gesamte Altsteinzeit thematisieren.

Rudgley beabsichtigt mit seinem Buch, einen Überblick über die überaus reiche Geschichte zur Prähistorie zu geben und auch über die Methoden, mit denen Wissenschaftler noch im 19. Jahrhundert dem Geheimnis der Menschwerdung auf die Spur kommen wollten. Dabei schreckten sie selbst vor Grabschändungen und Mord nicht zurück.

Abb. 1 Das Frontcover von Richsrd Rudgleys Buch aus dem Jahr 2000 mit einem durchaus irreführenden Titel - von verschollenen steinzeitlichen Zivilisationen ist darin nämlich nicht die Rede.

Ein amerikanischer Anthropologe jener Zeit, Alfred Kroeber (1876 – 1960), dem derartige Vorwürfe nicht zu machen sind, sah in der reinen Masse angesammelten Wissens keinen Beweis für Fortschritt. Er wies darauf hin, dass Stammes- und prähistorische Kulturen kein Äquivalent für moderne Wissenschaft, Mechanik und Technologie besaßen und sich auch nicht über die Abhängigkeit von Magie und Aberglauben entwickelt hätten. Mit anderen Worten, der moderne Mensch hat etwas Positives, was der frühe Mensch nicht hatte; der dagegen etwas Negatives hatte, was der moderne Mensch nicht mehr hat. Eine Feststellung, die durchaus bestritten werden kann.

Es gibt Studien, die nachweisen, dass der Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zum Bauern eine nachträgliche Verschlechterung der Gesundheit zur Folge hatte, und auch der Übergang von der Landwirtschaft zur Industriekultur brachte neue, davor unbekannte Krankheiten.

Die Zunahme an Wissen alleine belegt nicht, dass der Mensch durch seine Entwicklung nur Vorteile hatte, manches gewann er hinzu, anderes aber verlor er. Einen weiteren Nachweis, den Rudgley erbringen will, richtet sich gegen die allgemein vertretene Annahme eines kulturellen „Quantensprungs“ zum Beginn der geschichtlichen Phase vor rund 5.000 Jahren. Vielmehr geht er von einer viel weiter zurückreichenden beständigen Entwicklung aus. [1]

Die Morgendämmerung des Menschen

Die heute vorliegenden Kenntnisse der Altsteinzeit alleine sind schon ausreichend, um das Bild der Menschwerdung zu verändern. Artefakte aus der Altsteinzeit sind meist die uninteressantesten und auch die am stärksten umstrittenen, da sie oft nicht klar genug als solche erkennbar sind. Man gab Steinen, die noch vor die Altsteinzeit datiert wurden, den Namen Eolith, abgeleitet von dem Griechischen Eos – Sonnenaufgang und lithos – Stein, also Stein der (menschlichen) Dämmerung, und jenen, die endgültig zurückgewiesen wurden, Geofakt. Es ist oft sehr schwierig, die beiden zu unterscheiden. [2]

Abb. 2 Der Wissenschaftsautor Richard Rudgley

Die erneute Diskussion [3] einer Reihe solcher Funde könnte, wenn sie sich als echt erweisen, ein neues Licht auf die Fähigkeiten unserer fernen Ahnen und auf die Zeit der frühesten Besiedlung Asiens, Australiens und Amerikas werfen.

Aus dem Acheuléen im Altpaläolithikum - vor 1,75 Millionen bis vor 150.000 Jahren - sind Faustkeile bekannt, die in Afrika, Europa und Asien bis nach Indien gefunden wurden. Nachdem solche Faustkeile, wenn auch von gröberer Form, auch in Zentralasien, China, Sibirien und Japan entdeckt wurden, müssten auch diese Gebiete bei der Ausbreitung beachtet werden.

In Indien wurden seit 1860 Faustkeile entdeckt; der früheste Funde von Bori in Junnar Taluka ist etwa 670.000 Jahre alt. Der britische Archäologe Robin Dennell fand Faustkeile im nördlichen Pakistan, die auf ein Alter von 500.000 bis 700.000 Jahren datiert wurden. Kritisch wurde es, als er bei Riwat, südlich von Rawalpindi, weit gröbere Werkzeuge entdeckte, deren Alter er auf 2 Mio., mindestens aber 1,9 Mio. Jahre einstufte. [4] Das würde die akzeptierte Chronologie für die Wanderung des Menschen aus Afrika in Unordnung bringen.

Der Homo erectus (Abb. 3) wird als der erste erachtet, der Afrika verließ, er entwickelte sich jedoch erst vor 1,6 Millionen Jahren aus dem Homo habilis. Nach neuesten Funden von Artefakten in Ubeidiya im Jordantal wird davon ausgegangen, dass er vor 1,3 bis 1,4 Mio. Jahren Afrika verließ, die früheste bis heute akzeptierte Zeit. Trotzdem gab ein Unterkiefer aus Dmanissi in Georgien Anlass zur Diskussion, da er auf 1,8 Millionen Jahre datiert wird, Gegner halten es für wahrscheinlicher, dass er nur 900.000 Jahre alt ist.

Europa soll bis vor 500.000 Jahren nicht besiedelt gewesen sein, aber auch hier tauchte in Orce in Andalusien ein Fund mit einem Alter von 1,7 bis 1,8 Millionen Jahren auf. Hier werden einige kritische Fragen aufgeworfen:

Abb. 3 Rekonstruktion des Kopfes eines weiblichen Homo erectus.

Wenn der Homo erectus nicht der Hersteller, der älteren Artefakte war, wer hat sie gemacht? Der Homo habilis scheidet dabei aus. Sollte es doch der Homo erectus gewesen sein, dann wäre seine Anwesenheit in Asien zeitgleich mit der des Homo habilis in Afrika gewesen. Waren aber weder der Homo erectus noch der Homo habilis der Hersteller der Artefakte, dann müsste in Pakistan ein anderer Hominid am Werk gewesen sein.

Ebenfalls überraschend waren Artefakte, die auf der Insel Flores, Indonesien, mit einem Alter von 500.000 bis 1 Mio Jahren gefunden wurden. Zwar gibt es ältere Artefakte auf Java, doch dort nimmt man an, dass der Mensch zu jener Zeit trockenen Fußes hingelangt sein könnte, nicht jedoch nach Flores. Wenn sich dies als richtig erweist, wäre es ein [weiterer!; d. Red.] Beleg dafür, dass der Homo erectus die Fähigkeit entwickelt hatte, Gewässer zu überwinden.

Für Australien wird die Erstbesiedlung auf 40.000 Jahre geschätzt, manche Stimmen sind bereit, sie auch schon vor 50.000 oder 60.000 Jahren anzusetzen. Es gibt zwar Hinweise, dass die Besiedlung eventuell schon bis zu 100.000 Jahre früher geschah, bisher gibt es dafür aber keine konkreten Beweise.

Für Japan galt bis Mitte des letzten Jahrhunderts eine Besiedlung von mehr als 30.000 Jahren als unmöglich. Während der 1980er Jahre wurden jedoch in Babadan Artefakte mit 200.000 Jahren, in Takamori und Kami-Takamori sogar solche von 600.000 Jahren Alter ausgegraben. [5]

Abb. 4 Eine Karte zur Lage der Fundstätte, an der Yuri Mochanov 1983 Grabungen vornahm.

Im 19. Jahrhundert und noch bis Anfang des 20. galt Nordasien oder Sibirien als mögliche Wiege der Menschheit, wurde dann aber fallengelassen. Um 1969 wurden einige Ausgrabungen im Angara-Becken durchgeführt, wobei Artefakte von 200.000 Jahren entdeckt wurden. Noch spektakulärer war der Erfolg des Archäologen Yuri Mochanov, der 1983 an der Lena, nördlich von Yakutsk (Abb. 4) zunächst eine Begräbnisstätte von 1.500 v.Chr. entdeckte. Dann stellte er aber fest, dass sie in eine Schicht mit paläolithischen Ablagerungen eingegraben war. Deren Datierung liegt bei 1,5 bis 2 Millionen Jahren. Die Artefakte waren vergleichbar mit ähnlichen in Afrika gefundenen. [6]

Für Amerika gilt noch heute die Grenze zwischen 12.000 und 15.000 Jahren als frühester Eintritt des Menschen. Dagegen gibt es jedoch viele andere Stimmen. In den 1950ern unternahm das San Bernardino County Museum unter Leitung von Ruth Simpson Ausgrabungen in den Calico Mountains, Kalifornien. 1963 stieß auch der durch seine Arbeit in Afrika bekannte Louis Leakey hinzu. Die bei den Grabungen gefundenen Artefakte bewertete er eindeutig als solche und sah darin eine Bestätigung, dass der Mensch schon vor 50.000 Jahren dort war.

Abb. 5 Die Archäologin Niède Guidon stellte mit ihren Funden bei Pedra Furada das herrschende Paradigma zur Erstbesiedlung Amerikas infrage.

Nach weiteren Untersuchungen datierte das Team des Museums die Artefakte auf ein Alter von 200.000 Jahren und stieß damit auf totale Ablehnung. Die Wissenschaft erklärte die Funde für nicht artifiziell hergestellte Gegenstände. [7] Die gleiche Erfahrung musste Maria Beltrao machen, die in den 1980ern in der Toca da Esperanca in Bahia, Brasilien, Artefakte fand und sie auf zwischen 204.000 und 295.000 Jahre einschätzte. [8] In beiden Fällen wird bemängelt, dass es außer den vermeintlichen Artefakten keine anderen Nachweise für die Anwesenheit von Menschen gibt.

In Brasilien machte die Archäologin Niède Guidon (Abb. 5) Ausgrabungen bei dem Felsüberhang Pedra Furada, wo sich auf einer Fläche von 70 mal 18 m Felsmalereien befinden, die auf 12.000 Jahre datiert waren. Bei den Ausgrabungen dort stieß man auf Artefakte, die nach ihren Schichten auf 7.640 und 8.050 Jahre datiert wurden. Doch als man weiter in die Tiefe stieß, erhielten die Labortests plötzlich Alter von 17.000, 25.000, 32.000 und sogar 48.000 Jahren. Die Fachwelt reagierte natürlich mit Ablehnung.

Die Entwicklung kreativer Fähigkeiten

Bei der Frage nach dem Auftreten von Wissenschaft (Mathematik, Astronomie) tendiert eine Mehrheit von Wissenschaftlern zu einer Grenze am Beginn des geschichtlichen Horizonts vor rund 5.000 Jahren. Den Menschen vor dieser Zeit Erkenntnisse im Sinne von Wissenschaft und deren Weitergabe abzusprechen, ist jedoch falsch. Auch dafür gibt es aus dem Neolithikum und der Bronzezeit genügend Beispiele.

Abb. 6 Ein Faustkeil aus dem Acheuléen. Dieses bei Madrid entdeckte Spezimen weist ein Alter von ca. 200.000 Jahren auf.

Selbst in der Altsteinzeit des Acheuléens ist es erstaunlich, bei den über große Teile Europas ab einer Zeit vor 600.000 Jahren gefundenen Faustkeile eine starke Einheitlichkeit festzustellen. Es legt die Entwicklung einer Technik und deren Weitergabe nahe. Im nachfolgenden Moustérien (120.000 – ca. 40.000 v.Chr.) treten mit Linien versehene Knochen auf. Ein weiterer Schritt waren die Praktiken des Begräbnisses, bei denen die Körper in bestimmte Richtungen gebracht wurden.

Noch weiter gehen die Meinungen zum Beginn der Nutzung des Feuers auseinander. Einige Schätzungen liegen bei 1,7 Millionen Jahren, nach Funden wie zum Beispiel in China, die auf mehr als 1 Million Jahre eingeordnet werden. Demgegenüber steht die bis in die jüngste Vergangenheit vertretene Annahme, dass der Neandertaler das Feuer noch nicht kannte. Bei Ausgrabungen in der Dordogne] in Südfrankreich wurden klare Hinweise auf eine 60.000 Jahre alte Feuerstelle gefunden, wie auch in einer Höhle bei Bruniquel in Südfrankreich. Aus der Zeit des Aurignacien fand man Lampen, bei denen Wacholder als Docht genutzt wurde.

Der amerikanische Altertumsforscher Theodore Wertime sagte zu dem Thema: „Der Steinzeitmensch nutzte das Feuer schon seit 25.000 Jahre in vielfacher Weise. Die Nutzung reichte vom Härten von Holzspeerspitzen, der Oxidation von Pigmenten wie Ocker, dem Ausglühen von Steinspitzen bis zur Entwicklung von Technologien für den Kochherd. Als vor 8.000 bis 10.000 Jahren das Brennen von Erde für Keramik, für Glas oder metallurgische Zwecke begann, begaben sich die Hersteller in die Chemie und Physik der Materialien.

Funde von Steinwerkzeugen belegen, dass schon in der späten Altsteinzeit Steine erhitzt wurden, um die Qualität und Bearbeitbarkeit zu verbessern, Technologien, die in Nordamerika bis in die Neuzeit hinein verwendet wurden.

Abb. 7 Jōmon-Keramik, 3000 bis 2000 v.Chr.

Die Herstellung von gebranntem Ton wird generell mit der sesshaften Lebensweise des Ackerbaus verbunden. Funde in Japan belegen, dass dort schon vor 12.700 Jahren die Jōmon-Kultur Töpferwaren herstellte, wogegen in China die frühesten Töpfereien nur 10.000 Jahre alt sind. Damit wurde die bis dahin vertretene Annahme, Japan sei abhängig von Entwicklungen auf dem Festland in China gewesen, widerlegt. Die Jōmon-Kultur war eindeutig eine Steinzeitkultur, die erst um 400 v.Chr. von der Yayoy-Kultur abgelöst wurde. Sie kannte den Reisanbau und auch den Gebrauch von Eisen. Möglicherweise war Reis auch schon der Jōmon-Kultur bekannt.

Aber auch in Sibirien und Russland, in Nordafrika und in den Pyrenäen wurden solche Funde gemacht, der älteste stammt jedoch aus Dolní Věstonice in Tschechien mit einem Alter von 26.000 Jahren, wo man 6.750 Tonfigurinen fand, die keinen Gebrauchszweck, sondern wahrscheinlich einen rituellen Zweck hatten. Das Beispiel zeigt, dass die Technologie zur Herstellung von Tongegenständen schon sehr früh bekannt war, aber erst sehr viel später für Gebrauchsgegenstände genutzt wurde.

Eine sensationelle Entdeckung gelang der Archäologin Olga Soffer bei der Ausgrabungsstätte Pavlov I im tschechischen Mähren, nicht weit von Dolni Vestonice entfernt. An vier Tonartefakten stellte sie negative Abdrücke von verflochtenen Fasern fest, das bedeutet, dass der vor 26.000 Jahren erzeugte Ton in direktem Kontakt mit einer Art Textil oder Korbware war. Die Abdrücke ließen darauf schließen, dass das Gewebe wohl in einem Rahmen gefertigt wurde. Diese Artefakte sind ein Beleg für die älteste, bekannte Herstellung von Töpfereien und Gewebe.

Abb. 8 Die >Venus von Dolní Věstonice<, eine Keramik-Figurine aus dem Gravettien. D.h., sie wurde vor ca. 25.000 bis 29.000 Jahren geschaffen.

Da das Hauptaugenmerk der Archäologie auf der steinzeitlichen Jagd und Hinterlassenschaften dazu in Form von bildlichen und anderen Darstellungen liegt, wird vergessen, dass auch bei den Sammlern und Jägern der Hauptanteil an Nahrung durch das Sammeln von Pflanzen oder Eiern lag. Zum Sammeln und der Bearbeitung pflanzlicher Nahrung wurden Gerätschaften wie Behältnisse, Mörser oder Mahlsteine verwendet. Ein amerikanischer Archäologe, George F. Carter, behauptete, dass in Kalifornien Mahlsteine mit einem Alter von 80.000 Jahren gefunden wurden. Er stieß jedoch auf Ablehnung, da nach wie vor eine Besiedlung Amerikas erst vor 12.000 Jahren erachtet wird.

Unbestreitbar waren jedoch ähnliche Funde bei Florisbad, Südafrika, mit 48.900 Jahren. Mahlsteine unter einem Felsvorsprung in Transvaal wurden auf mit 43.000 bis 47.000 Jahre datiert, sie waren zur Ockerverarbeitung verwendet worden. In Cuddie Springs, New South Wales, Australien, wurden Mahlsteine mit einem Alter von ca. 30.000 Jahren entdeckt. Bei den Ausgrabungsstätten Moldova I und V in der Ukraine fand man ebenfalls Mahlsteine und Stößel mit einem Alter von 40.000 bis 44.000 Jahren.

Die Archäologie leidet offensichtlich darunter, dass die Suche und Auswertung von Funden hauptsächlich unter dem Aspekt männlicher Tätigkeiten erfolgt, während solche, die überwiegend weiblichen Arbeiten zuzuordnen sind, vernachlässigt werden.

Zu den seltenen Funden von Holzartefakten gehören ein Speer, der 1911 in Clacton-on-Sea, England, mit einem Alter zwischen 420.000 und 360.000 Jahren gefunden wurde, und mehrere Wurfspeere, die Hartmut Thieme in einer Kohlengrube bei Schöningen, Deutschland, fand, die ein Alter von etwa 400.000 Jahren haben. In Japan wurde bei Akashi ein bearbeitetes Brett gefunden, das 50.000 bis 70.000 Jahre alt ist. In Israel fanden Archäologen im Jordantal bei einer Stätte aus dem Acheuléen ein Brett aus Weidenholz, bei dem eine Seite offensichtlich poliert war. Das Ausgräberteam analysierte das Artefakt und schätzte das Alter auf 750.000 bis 240.000 Jahre. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass „es möglich ist, dass die die Fähigkeiten der Hominiden des Mittleren Pleistozäns unterschätzt wurden, und dass weitere >unkonventionelle< Funde uns veranlassen werden, unsere Meinung über ihre Fähigkeiten zu revidieren.[9]

Abb. 9 Eine Kammer in den Grimes Graves, einem der größten neolithischen Feuerstein-Bergwerke Europas

Der Bergbau war in der Steinzeit ebenfalls nicht unbekannt. In der Grafschaft Norfolk wurden bereits im 19. Jahrhundert die Grimes Graves (Abb. 9) entdeckt, ein Gebiet von 37 Hektar, auf dem Feuersteine für die Werkzeugherstellung gefördert wurden. Ausgrabungen zeigten, dass in einer Tiefe von etwa 2,5 m die besten, von Witterungseinflüssen freien Feuersteine zu finden waren. Die Stätte wurde in der Jungsteinzeit um 1.800 v.Chr. betrieben und war offensichtlich Teil einer Industrie. Die Grabungsarbeiten wurden mit Hornmaterial gemacht, das von einer ebenfalls spezialisierten Herstellung kam. Die Gewinnung des Flints war Basis für Handel.

Auch in Spiennes bei Mons in Belgien entdeckte man Feuerstein-Minen (Abb. 10), wo der Abbau ebenfalls auf industriellem Niveau geschah. Das Alter wird mit 4.000 bis 5.000 Jahren angegeben. Die Schächte wurden zum Teil durch fünf Schichten getrieben, um die sechste Schicht auszubeuten, an manchen Stellen wurde eine Tiefe von rund 15 m durch zwölf Schichten hindurch erreicht, um die dreizehnte Schicht auszubeuten. Beide Fälle beweisen eine weit fortgeschrittene Arbeitsteilung und ein erhebliches geologisches Wissen.

Abb. 10 Eine der neolithischen Feuerstein-Minen im belgischen Spiennes

Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Technik dieser beiden Minen von deutlich früheren Kupferminen in Südosteuropa stammt. In Rudna Glava, Serbien, wurde eine Kupfermine mit mindestens 7.000 Jahren Alter entdeckt, deren vertikale Schächte bis zu 20 m tief waren. Eine weitere fand man in Ai-bunar, Bulgarien, die zwischen 6.000 und 7.000 Jahre alt ist, sie reicht bis 20 m in die Tiefe und hat bis zu 100 m lange Querschächte.

Allerdings verlegte eine Entdeckung belgischer Forscher 1987 bei Nazlet im Niltal das Datum des frühesten Bergbaus auf 30.000 bis 35.000 Jahre vor heute zurück in die jüngere Altsteinzeit; man fand vertikale Schächte von zwei Metern Tiefe, in denen Feuerstein gefördert wurde. Zwei weitere Grabungsstellen in Nazlet Safaha (Ägypten) reichen sogar bis in die mittlere Altsteinzeit zurück und werden auf 40.000 bis 50.000 Jahre datiert.

Diese Beispiele zeigen, dass der systematische Abbau bereits in der mittleren Steinzeit begann, der Bergbau bereits in der jüngeren Altsteinzeit - eine dramatische Veränderung der bisherigen Sicht.

Während der metallurgische Gebrauch von Eisenerz erst zur Eisenzeit einsetzte, gab es schon in der Frühzeit des Menschen den Gebrauch solcher Erze für andere Zwecke. In der Wonderwerk Cave in Südafrika gibt es Anzeichen, dass der Abbau von Ocker schon vor 350.000 bis 400.000 Jahren erfolgte [10], erkennbar an Handäxten, die dazu verwendet wurden. Auch in Frankreich, Terra Amata, fand man Ockerstücke in Verbindung mit Acheulien-Werkzeugen.

Die Meinungen der Fachwelt darüber, ob es sich um praktische oder symbolische Nutzung durch den Homo erectus handelte, gehen weit auseinander. Die Ausgrabung einer Ockermine bei Lovas in Ungarn zeigte, dass der Abbau von Materialien nicht erst mit dem Flint begann, sondern bereits davor, denn die Ockermine lässt auf ein Alter von 30.000 bis 40.000 Jahren schließen, der Zeit des Übergangs von der mittleren zur jüngeren Altsteinzeit.

Abb. 11 Die Höhle von Arcy-sur-Cure in der französischen Region Burgund (hier auf einer alten Postkarte abgebildet). Sie gehört zum dortigen paläolithischen Fundstätten-Komplex, der u.a. auch Mahlsteine und Stößel erbrachte, die zur Verarbeitung von Ocker genutzt wurden.

Ein ähnliches Alter haben Funde einer paläolithischen Stätte bei Arcy-sur-Cure in Frankreich. Dort fand man auch Mahlsteine und Stößel, die zum Zerstoßen des Ockers genutzt wurden. Diese Geräte werden eigentlich der Zeit des Ackerbaus zum Zerstoßen und Mahlen von Getreide zugerechnet. Außerdem konnte festgestellt werden, dass der Ocker erhitzt wurde, wodurch eine breitere Farbpalette erreicht werden konnte.

Für Kunst, Symbolik und ähnliche Aspekte wurde eine Zeitgrenze vor 40.000 Jahren errichtet, so dass frühere Hominiden wie Neandertaler oder Homo erectus von einem Einbezug in eine „kreativen Explosion“ ausgeschlossen wurden, so als wäre alles magisch und ohne Präzedenz zustande gekommen. Es gibt jedoch zu viele Beweise, dass Hominiden auch vor mehr als 40.000 Jahren symbolische Aktivitäten ausübten. Allerdings finden sich für die mittlere und ältere Altsteinzeit nur Artefakte aus Stein, die erhalten blieben, sie müssten gründlicher untersucht werden.

In Afghanistan wurde bei Darra-i-kur ein fossiler Haizahn aus dem Moustérien gefunden, der Zeichen von Bearbeitung trägt. In der Sammlung des Cambridge Museums befindet sich ein Faustkeil aus Norfolk, in dem eine Molluskenschale eingebettet ist, die bei der Bearbeitung des Steins vor rund 250.000 Jahren von dem Bearbeiter in einer zentralen Position erhalten wurde.

Bei einer Grabungsstelle in Shanidar in der irakischen Autonomen Region Kurdistan wurden Skelettreste eines Neandertalers gefunden, der vor etwa 46.000 Jahren bei einem Felssturz starb. Die Untersuchung ergab, dass sein rechtes Schulterblatt und der Oberarm unterentwickelt waren, wahrscheinlich schon von Geburt. Sein rechter Arm wurde oberhalb des Ellbogens amputiert, er litt auch an Arthritis und war auf dem linken Auge blind. Dass er dennoch bis zu einem Alter von 40 Jahren leben konnte, kann nur auf die Fürsorge durch seine Gruppe erklärt werden. Ein Fakt, der zeigt, dass das Bild des Neandertalers anders war als überwiegend dargestellt. Ebenfalls in Shanidar wurde in einer Höhle das Grab eines Neandertalers gefunden, der dort vor mehr als 50.000 beigesetzt wurde. Nach einer Pollenanalyse stellte man fest, dass dem Toten Blumen ins Grab gegeben worden waren.

Abb. 12 Zeichnung eines der vier deutlich markierten Knochen-Fragmente aus Bilzingsleben. Was für eine Bedeutung haben diese Kerben?

In Israel wurden in der HaYonim-Höhle fünf Tierknochen aus der Zeit des Aurignacien mit 3 bis 15 Kerben gefunden, die als Zählmarkierungen gewertet wurden. In der Kebara-Höhle an den Karmel-Bergen wurde ein weiterer Knochen mit 14 Kerben gefunden, der aus dem Moustérien stammte. Der Archäologe Simon Davies betrachtete ihn ebenfalls als Zählmaß. Aufgrund des höheren Alters lehnt die Wissenschaft dies ab. Man beharrt dogmatisch darauf, dass solche Leistungen erst in der jüngeren Altsteinzeit möglich waren.

Die Diskussion wurde noch stärker angeheizt, als bei Ausgrabungen in Bilzingsleben bei Halle von Dietrich und Ursula Mania Schädelfragmente und Molare des Homo erectus mit einem Alter von mindestens 250.000 Jahren bis zu max. 350.000 Jahren gefunden wurden. Sie fanden ebenfalls vier Knochenfragmente, die eindeutig mit Absicht bearbeitet waren. (Abb. 12) Neben mehreren Wohnstellen wurden auch Feuerstellen und als Amboss dienende Steine festgestellt. [11]

In der Archäologie entbrannte ein Streit darüber, ob es vor der jüngeren Altsteinzeit Wesen gab, die Fähigkeiten hatten, sich künstlerisch oder in anderer Weise auszudrücken und vielleicht sogar schon Ansätze zur Sprache hatten. Dieser Streit entzweit die Wissenschaft noch immer. Ein Vertreter der vorherrschenden Lehrmeinung bezeichnete die Wesen, welche die Zeichen in die Knochen ritzten, nicht als Menschen, sondern als Kreaturen.



Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Insofern kann man Rudgley durchaus als Erneuerer des gängigen Paradigmas einer linear verlaufenden Kultur- und Zivilisationsgeschichte der Menschheit betrachten, denn Diskontinuitäten, Brüche und Regressions-Phasen (wie sie z.B. von Neo-Katastrophisten postuliert werden) scheint er nicht wahrzunehmen oder ins Kalkül zu ziehen.
  2. Red. Anmerkung: Heute werden Eolithen, da sie ein - nach herrschender Lehrmeinung 'zu hohes Alter' aufweisen, vom fachwissenschaftlichen Maistream grundsätzlich als Geofakte betrachtet.
  3. Red. Anmerkung: Dazu besonders empfehlenswert: Michael Brandt, "Vergessene Archäologie. Steinzeuge fast so alt wie Dinosaurier", SCM Hänssler, 2011, 472 S.
  4. Siehe zu diesen Grabungen: The University of Sheffield, unter: "Palaeolithic and Pleistocene of Pakistan" (abgerufen: 22. Nov. 2015)
  5. Red. Anmerkung: Hierzu erscheint allerdings die Feststellung angezigt, dass es sich bei den letztgenannten 'Uralt-Funden' in Japan um Fälschungen handeln könnte. Siehe dazu einführend bei der deutschsprachigen Wikipedia: "Paläolithische Befundfälschung in Japan" (abgerufen: 23. Nov. 2015)
  6. Red. Anmerkung: Siehe dazu einführend: The Seattle Times, 28. Dezember 1993, unter Noted Russian Archeologist To Speak Here About Discovery (abgerufen: 23. Nov. 2015); sowie: William R. Corliss, "Did humans evolve in Siberia?", in: Science Frontiers, No. 92: Mar-Apr 1994
  7. Red. Anmerkung: Augen öffnend dazu: William R. Corliss, "Einige Bemerkungen zur Calico-Debatte", aus: Science Frontiers,Nr. 52, Juli / Aug. 1987
  8. Red. Anmerkung: Siehe dazu auch: William R. Corliss, "Eine 300 000 Jahre alte Prä-Neandertaler-Fundstätte in Brasilien" (1987)
  9. Red. Anmerkung: Zu diesem, inzwischen weitgehend 'unter den Teppich gekehrten' Sensationsfund aus dem Jahr 1989 siehe bei Atlantisforschung.de: "Ein 500 000 Jahre altes Brett aus dem Jordan-Tal" (rmh)
  10. Red. Anmerkung: Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de: "Die prähistorischen Bergwerke von Südafrika" (bb)
  11. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Wie zivilisiert war der Homo erectus bilzingslebensis?" (bb)

Bild-Quellen:

1) Simon & Schuster Inc. / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
2) ARKTOS, unter: Richard Rudgley
3) Rekonstruktion von John Gurche; photographiert von Tim Evanson, via Wikimedia Commons, unter: File:Homo erectus adult female - head model - Smithsonian Museum of Natural History - 2012-05-17.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
4) William R. Corliss, "Did humans evolve in Siberia?", in: Science Frontiers, No. 92: Mar-Apr 1994
5) Elisabete Alves via Wikimedia Commons, unter: File:Niede Guidon e o deputado Paes Landim cropped.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
6) Luis García (Zaqarbal) bei Wikimedia Commons, unter: File:Bifaz de San Isidro (M.A.N. 1942-101-4-4723) 01.jpg, Lizenzen: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic und 1.0 Generic (GFDL)
7) Chris 73 bei Wikimedia Commons, unter: File:Jomon vessel 3000-2000BC.jpg; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported (GNU Free Documentation License)
8) Petr Novák (che), Wikipedia, via Wikimedia Commons, unter: File:Vestonicka venuse edit.jpg; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic
9) David Seale (geograph.org.uk) via Wikimedia Commons, unter: File:Grime's Graves Flint Mine - geograph.org.uk - 1318810.jpg; Lizenz: Creative-Commons "Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch" (US-amerikanisch)
10) Jean-Pol GRANDMONT bei Wikimedia Commons, unter: File:Spiennes - Minières néolithiques de silex (2).jpg; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
11) Croquant bei Wikimedia Commons, unter: File:Arcy-sur-Cure grottes 2.jpg
12) Locutus Borg bei Wikimedia Commons, unter: File:Bilzingsleben bone.jpg