Sterling Heilig, Henry Vignaud und das Rätsel Amerikas (1922)

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Abb. 1 Der Hauptteil von Sterling Heiligs Artikel in The New York Herald vom 10. Sept. 1922. In der Mitte ein Foto von John Henry Vignaud, der wenige Monate nach Erscheinen dieses Beitrags verstarb.

(bb) Im September 1922 veröffentlichte der amerikanische Journalist Sterling Heilig in der Zeitung The New York Herald eine Reportage mit dem Titel "The Mystery of America" (Abb. 1) [1]. In diesem Artikel befasste Heilig sich - unter besonderer Würdigung der Arbeit seines damals bereits 92jährigen, aber nach wie vor als Forscher aktiven, Freundes Henry Vignaud (1830-1922) mit dem Problem der Erstbesiedlung Amerikas bzw. der Herkunft der Indianer. Obwohl das Thema 'Atlantis' darin nur gestreift wird - und auch Vignauds diesbezügliche, 1913 publizierte Ansichten [2] nicht angesprochen werden -, ist besagter Beitrag von einigem atlantologie-historischem Interesse. Immerhin liefert er bezüglich der Fragen "Wer waren die aboriginalen Amerikaner? Woher kamen die Indianer? Entstammten sie dem [amerikanischen] Boden oder emigrierten sie von irgendwo anders her?" ein anschauliches Bild damaliger Ansichten, die seinerzeit von Fachwissenschaftlern noch nicht so 'monolithisch' (oder auch doktrinär) wie heute betrachtet wurden [3], obwohl in etwa zu jener Zeit wesentliche Weichenstellungen in der Altamerikanistik erfolgten.

So ist z.B. interessant, was Heilig zu der zuvor noch heiß diskutierten Frage schreibt, ob es eine unabhängige Entwicklung des Menschen auf dem amerikanischen Doppelkontinent gegeben hat. Diesbezüglich schließt er sich ohne Wenn und Aber der damals relativ neuen, auch von Vignaud vertretenen und noch heute verfochtenen Lehrmeinung an, die besagt: "Der Mensch entsprang nicht amerikanischem Boden." Dazu führt er aus: "Agassiz, Haeckel, Bory Saint-Vincent, Morton, Meigs und andere dachten, dass dies so gewesen sei [orig.: "that he had done so"; d.Ü.]. Huxley machte sich stark für einen antarktischen Kontinent als Urprungsort, und noch Osborn, der herausragende amerikanische Naturforscher (»The Age of Mammals«, New York, 1910), hat mit dieser Vorstellung geliebäugelt. Der große Knall [orig.: "the big bump"; d.Ü.] kam jedoch mit der angeblichen Entdeckung Amheginos (Abb. 2), des gelehrten südamerikanischen Naturkundlers, der mit in den argentinischen Pampas gefundenen Knochen bewies, dass die gesamte Menschheit dort entsprungen sei."

Abb. 2 Der argentinische Forscher Florentino Ameghino (1854-1911) erklärte, in den südamerikanischen Pampas uralte Relikte früher Menschen entdeckt zu haben. Ausgerechnet Aleš Hrdlička soll seine Theorie einer urtümlichen menschlichen Präsenz im Süden Amerikas widerlegt haben.

Die letztgenannte Bemerkung Heiligs war natürlich spöttisch gemeint, denn gleich im nächsten Satz heißt es: "Doch eine Regierungs-Kommission unseres Bureau of American Ethnology, geleitet von Hrdlicka und Bailey Willis, dem Geologen, eliminierte diese Theorie, die beträchtliche Beliebtheit genoss." Hier müssen bei kritischer Betrachtung natürlich die 'Alarmklingeln' zu schrillen beginnen, denn Aleš Hrdlička war sicherlich niemand, dem man eine Untersuchung von Funden anvertrauen durfte, die für eine frühe Präsenz altertümlicher Menschenformen in Amerika sprachen - jedenfalls nicht, sofern eine objektive und ergebnisoffene wissenschaftliche Analyse gewünscht wurde.

Dieser Mann, der sich zu jener Zeit anschickte, zum 'Papst' der US-amerikanischen Anthropologie zu avancieren, tat nämlich alles, um in der Fachwelt seine Meinung durchzusetzen, der Mensch sei erst vor wenigen tausend Jahren von Norden aus, via Beringstraße, auf den amerikanischen Kontinent gelangt. Da der Anthropologe bisweilen auch kräftig die Fakten 'verbog', wenn es darum ging, seine Ansichten zu propagieren [4], ist wohl auch seine Expertise zu den Funden in Argentinien, die augenscheinlich das vom Bureau of American Ethnology gewünschte Ergebnis widerspiegelte, mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Vielleicht sollte man Florentino Ameghinos Entdeckungen [5], ebenso wie andere unter den 'Teppich der Wissenschaftsgeschichte' gekehrte Meldungen zu Funden der Relikte von Frühmenschen oder Homininen in Amerika einer neuerlichen Begutachtung unterziehen.

Doch noch einmal zurück zu Sterling Heiligs Artikel, in dem sich auch eine bemerkenswerte Auflistung möglicher Ursprungs- bzw. Herkunftsorte der amerikanischen Ureinwohner findet, die sich wie ein globaler Katalog versunkener Landmassen liest: "Es ist erstaunlich, wie viele Emigrations-Routen gefunden wurden! 1) Die Beringstraße war vormals ein Isthmus. Scharff, Lucas, Gill und Osborn sprechen sich für sie aus. 2) Land verband Alaska bis hin zu den Aleuten und Kamtschatka. 3) Ein nordatlantischer Kontinent vereinte Amerika und Europa über Grönland und Labrador. Er schloss die Britischen Inseln ein und sein Klima war gemäßigt. Der Geologe Lapparent behauptet, dass er erst im Pleistozän (vor 200.000 Jahren) versank, und dass der Mensch sich an ihn erinnern haben könne.

Es gab 4) einen weiteren atlantischen Kontinent vom Mittelmeer-Raum bis zu den Antillen. Dies war das versunkene Atlantis von Plato, Ignatius Donnelly und Pierre Benoit [sic!; bb]. Dann 5) der afrikanisch-brasilianische Kontinent von Haug. 6) Ein australisch-pazifischer Kontinent, der sich bis zur Westküste Südamerikas ausdehnte. Die Inseln der Südsee sind seine Überreste. Clark behauptet, dass Amerika einen Großteil seiner [urtümlichen] Bevölkerung über diese Route erhielt. In »The Secret of the Pacific« führt Enock enorme zerstörte Südseeinsel-Monumente an, um diese Gegend als Welt-Zentrum der Zivilisation aufzubauen! »Enock ist ein hervorragender Archäologe und kennt Südamerika gut«, sagt Henry Vignaud höflich.

Dann gab es 7) einen amerikanisch-afrikanisch-australischen Kontinent, der von dem herausragenden französischen Geologen Marcou propagiert wird. Das ist mehr oder weniger der 8) australisch-indisch-madegassische Kontinent von Haug, das »Gondwana« von Suess, das Neuseeland, Ecuador, Chile und Bolivien miteinander verband. Und, am stärksten 9), der antarkzische Kontinent, an welchen unser Osborn glaubt." [6]


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Sterling Heilig, "The Mystery of America", 10. September 1922, in: The New York Herald, S. 20 (Fortsetzung auf Seite 23); online bei: CHRONICLING AMERICA - Historic American Newspapers
  2. Siehe: John Henry Vignaud, "La Question de l’Atlantide", in: Journal de la Société des Américanistes, Band 10, 1913 (Artikel online abrufbar)
  3. Anmerkung: Heilig erklärt in Hinsicht auf obige Fragen: "Die Spezialisten stimmen nicht überein. Sie haben erkundet, gegraben und fotographiert; haben Hieroglyphen, Sprachwurzeln und menschliche Schädel verglichen; haben Meerestiefen ausgelotet, Land-Fossilien nebeneinandergestellt und dubiose spanische und indianische Autoren der Conquista kritisiert, um [dann] widersprüchliche Theorien aufzustellen." (Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  4. Siehe: Bernhard Beier, "Aleš Hrdlička versus Giganten-Theorie", 19. Mai 2014, bei Atlantisforschung.de
  5. Siehe dazu z.B.: Florentino Ameghino, "La Antigüedad del Hombre en el Plata", París, 1880 (Neuausgabe in zwei Bänden: Editorial Intermundo, Buenos Aires, 1947)
  6. Quelle: Sterling Heilig, op. cit. (1922); Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de

Bild-Quellen:

1) CHRONICLING AMERICA - Historic American Newspapers, unter: The New York herald., September 10, 1922, SECTION SEVEN, Page 20, Image 104 (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de
2) AndreasPraefcke bei Wikimedia Commons, unter: File:Florentino Ameghino.jpg