Thomas Henri Martin

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Historisches Forscher- und Autorenportrait

von Thorwald C. Franke

Abb. 1 Das Titelblatt des ersten Bandes von Thomas Henri Martins "Études sur le Timée de Platon" aus dem Jahr 1841

Die Dissertation sur l'Atlantide des Professors für alte Literatur in Rennes Thomas H. Martin (1813-1884), die vor allem das Unterkapitel "Note XIII" innerhalb der 1841 erschienenen Études sur le Timée de Platon (Abb. 1) umfasst, wird allgemein als ein Meilenstein der skeptischen Behandlung von Platons Atlantis angesehen. [1]

Man kann vermuten, dass der Grund dafür weniger in der Argumentation für die These von der Erfindung von Atlantis liegt, sondern vielmehr in einer akribischen Aufzählung und - teilweise gelungenen - Widerlegung der bis zu diesem Zeitpunkt geäußerten Atlantishypothesen. In diesem Punkt ist das Werk von Thomas Henri Martin tatsächlich eine der bis heute wichtigsten Quellen, auch wenn Martin so manchen Autor falsch eingeordnet hat. Allerdings hat Thomas Henri Martin die einzelnen Thesen nicht in ihrem geschichtlichen Kontext und nach der Motivation ihrer Verfasser gedeutet, sondern er ordnet die Thesen nach dem Grad der Gewissheit und dem vorgeschlagenen Ort für Atlantis. Auf diese Weise zerriss er jeden Sinnzusammenhang und gab die Atlantisautoren und ihre Hypothesen der Lächerlichkeit preis. Thomas Henri Martin hat damit eine Tradition schlechter Geschichtsschreibung der Atlantisrezeption durch schlechte Strukturierung der Hypothesen begründet, die bis heute fortwirkt.

Wenn wir Martins Argumentation zugunsten einer Erfindung ansehen, werden wir überrascht: Thomas Henri Martin hielt es nämlich für sehr wahrscheinlich, dass Platons Atlantiserzählung im Großen und Ganzen tatsächlich auf Solon und die Ägypter zurückgeht! Es waren die Ägypter, die Atlantis erfanden, um Solon zu schmeicheln, so Martin. Diese These ist immer noch auf halbem Weg eine Existenzhypothese, denn in diesem Fall wäre Platon kein Erfinder, sondern das Opfer eines Missverständnisses. Doch der voll entwickelte Gedanke einer Erfindung von Atlantis baut natürlich voll und ganz auf Platons Absichten und dem Konzept der sogenannten Platonischen Mythen auf. Aber in diesem zentralen Punkt steht Thomas Henri Martin ganz auf Seiten der Atlantisbefürworter - und das ist bemerkenswert.

Thomas Henri Martin zitierte in seiner Dissertation sur l'Atlantide zwar auch Christoph Meiners, doch war Martin als überzeugter Katholik und "Spiritualist" strikt gegen den Materialismus eingestellt. Vielleicht hat ihn dies vor einer völligen Fehleinschätzung Platons bewahrt?





Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Thorwald C. Franke (©) wurde seinem im Juli 2016 veröffentlichten Buch Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis (Unterkapitel: "Thomas Henri Martin 1841"; S. 397) entnommen. [2] Bei Atlantisforschung.de erscheint er - mit freundlicher Genehmigung des Verfasser - im Mai 2017 in einer redaktionell bearbeiteten Online-Version.

Fußnoten:

  1. Siehe: Pierre Vidal-Naquet "L'Atlantide - Petite histoire d'un mythe platonicien", Paris (Les Belles Lettres), 2005, S. 17 f., 108 --- dt: "Atlantis - Geschichte eines Traums", München (C.H. Beck), 2006, S. 23 f., 113
  2. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Bernhard Beier, "Ein Buch, das neue Maßstäbe in der Atlantologie-Historik setzt - Rezension zu: Thorwald C. Frankes Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis - Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne"

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