Wer waren die Tolteken?

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von Lewis Spence (1925)

Abb. 1 Ein aus Diorit gehauener toltekischer Kollossal-Kopf auf einer 1887 veröffentlichten Zeichnung

Wer waren die Tolteken? Woher kamen sie? Welche Antworten haben Archäologie und Überlieferung auf diese Fragen zu bieten?

Brinton und andere Autoren hielten sie für völlig fabulös. Doch jüngere Forschungen haben mit dieser Theorie ziemlich aufgeräumt und ein Umschwung zugunsten der Authentizität der Tolteken hat eingesetzt. Die monumentalen und anderen Überreste einer Rasse, die einen hohen Kultur-Standard aufwies, wurden in bestimmten Teilen Mexikos entdeckt. Die Überlieferung und frühe schriftliche Historie schreiben diese beharrlich den Tolteken zu. Das Wort "Toltec" bedeutet "die Kultivierten" oder "das zivilisierte Volk", die Erbauer oder die Erschaffer von Dingen. Ihr wirklicher Name bringt sie folglich mit den prä-aztekischen Ruinen und Altertümern Mexikos in Verbindung.

Vormals war ich, wie ich eingestehe, ganz der Meinung, dass die Tolteken mythisch seien. Doch als die Zeit voranschritt, und die Spaten Beweis um Beweis für die Präsenz einer zivilisierten prä-aztekischen Rasse in Mexiko an Orten freilegten, welche frühe Überlieferungen mit dem Namen Toltec assoziierten, wurde ich zur Akzeptanz der Schlussfolgerungen von Manuel Gamio und anderen gezwungen, dass der "Fabel" von den Tolteken eine konkrete historische Basis zugrundeliegt. Für Professor Eduard Seler (Abb. 2), den herausragendsten unter den Amerikanisten, waren die Tolteken eine mexikanische Rasse, die Mexiko im siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung auf dem Weg über die Küste von Yucatán oder Guatemala hinauf erreichte, wo sie bereits einen zivilisierenden Einfluss ausgeübt hatten. Für Lehmann, eine andere gewissenhafte Autorität, war die toltekische Chronik eine Melange aus Mythos und Geschichte, aber er glaubte nicht, dass "die Frage des schwierigen Problems des Ursprungs der Tolteken" tatsächlich gelöst sei.

Abb. 2 Der deutsche Altamerikanist Eduard Seler (1849-1922) gehörte zu den 'Vätern' der frühen Tolteken-Forschung.

Doch die späteren Forschungen von Manuel Gamio und anderen haben deutlich genug gemacht, dass wir den Tolteken eine lokale Wohnstätte und einen Namen zugestehen müssen. Es ist gezeigt worden, dass die Orte Tollan, Cholula und Teotihuacán unzweifelhaft toltekischen Ursprungs sind. Mr. T. Athol Joyce sieht in seiner Mexican Archaeology keinen Grund dafür, warum der Name Toltec dieser Kultur verwehrt werden sollte, und in der Tat gibt es keine ausreichende Begründung dafür, ihn ihr vorzuenthalten. E.J. Payne teilt uns in seiner monumentalen History of the New World seine Meinung mit, dass "die Berichte über die Geschichte der Tolteken zur Zeit der Conquista einen Kern substantieller Wahrheit beinhalten" und er schlussfolgert: "...anzuzweifeln, dass einst in Tollan ein Fortschritt [orig.: "advancement"; d.Ü.] existierte, welcher demjenigen überlegen war, der zur Zeit der Conquista allgemein unter den Nahuatlaca (das waren die prä-aztekischen Stämme) vorherrschte, und dass seine Menschen ihren sozialen Aufstieg über ganz Anahuac (Mexiko) hinweg und bis in die Distrikte östlich und südlich davon verbreiteten, würde eine allgemein gehegte Überzeugung verwerfen [...]"

Wenn wir folglich auf archäologischer Grundlage eine tatsächliche Existenz der Tolteken zugestehen, so werden wir feststellen, dass dies stark durch die Überlieferungen gestützt wird, welche mit diesem Volk assoziiert werden. Ixtlilxochitl, ein einheimischer Chronist, der kurz nach der Eroberung Mexikos durch Cortés lebte, und der einzigartige Gelegenheiten hatte, an gute Informationen zu kommen, erklärt in seiner Historia Chichimeca [1], dass die Tolteken nicht aus eigenem Antrieb auszogen, um ferne Länder zu kolonisieren, sondern dass sie Opfer interner Zwistigkeiten in ihrem Heimatland waren und notgedrungen woanders ihr Glück suchen mussten. Dadurch vorangetrieben, wandten sie sich gen Süden und erreichten im Jahr 887 n.Chr. einen Ort namens Tlapallan.

Abb. 3 Historische Abbildung (vermutl. 19. Jhdt.) der Ruinen einer alten toltekischen Anlage in Zentralamerika - eine Erinnerung an die einstige Größe dieses Volkes

Als sie am Land Xalisco vorbeifuhren, unternahmen sie bei Huatulco eine Landung und reisten die Küste Mexikos hinab, bis sie Tochtepec erreichten, wo sie Richtung Tollan ins Inland vorstießen. Sie benötigten nicht weniger als 104 Jahre, um diese Reise zu bewerkstelligen.

In einem anderen Werk, den Relaciones, liefert er einen völlig anderen Bericht über die Wanderungen der Tolteken. Er erzählt uns, dass die Oberhäupter von Tlapallan gegen die königliche Autorität revoltiert hatten und im Jahr 489 n.Chr. [2] für den Zeitraum von acht Jahren aus jenem Gebiet verbannt wurden. Nachdem sie den Zeitraum von acht Jahren in der Nähe ihres alten Territoriums verweilt hatten, zogen sie dann nach Tlapallantzinco, wo sie 300 Jahre haltmachten, bevor sie zu ihrer ausgedehnten Pilgerschaft aufbrachen, die den Stamm für mehr als 100 Jahre in Anspruch nahm.

In seiner Monarquia Indiana [3] sagt Torquemada über die Tolteken, sie seien eine Gesellschaft von Menschen gewesen, die auf dem Weg über Pánuco von Norden her kamen, gekleidet in Roben aus schwarzem Linnen, im Nacken tief ausgeschnitten und mit kurzen Ärmeln. Sie kamen nach Tollan, doch da sie das Land dort zu stark bevölkert vorfanden, zogen sie nach Cholula weiter, wo sie gut aufgenommen wurden. Ihr Anführer war Quetzalcoatl, ein Mann mit rötlicher Hautfarbe und langem Bart. Sie vermehrten sich und sandten Kolonisten in die Länder der Mixteken und Zapoteken im Südwesten, wo sie die großen Bauten von Mitla errichteten. Sie waren clevere Handwerker, aber nicht so gut in der Steinmetzarbeit, wie hinsichtlich Juwelier-Arbeiten, bei [der Herstellung von] Skulpturen und in der Landwirtschaft.

Abb. 4 Eine weitere Tolteken-Ruine (bei Tula), wie sie sich den Augen des Betrachters während und nach der Eroberung Mexikos durch die Spanier darbot

Hier sollte angemerkt werden, dass die Geschichte von Tollan, der Stadt, die von den Tolteken auf mexikanischem Boden gegründet wurde, eine große Ähnlichkeit zu der von Atlantis aufweist. Ixtlilxochitl sagt, dass sie von den Tolteken im Jahr 566 n.Chr. gegründet worden sei. Diese Stadt, an deren Ort sich heute die moderne Stadt Tula befindet, lag nordwestlich der Berge, welche das Tal von Mexiko begrenzen. Es brauchte sechs Jahre, um die prächtigen Tempel und Paläste zu errichten, aus denen sie bestand. Das Tal, in dem sie stand, war aufgrund seiner überraschenden Fruchtbarkeit als "Ort der Früchte" bekannt. Die Tolteken machten in verschiedenen Künsten rapide Fortschritte und ihre Siedlung wurde weit und breit für die Exzellenz ihrer Handwerker und für die Schönheit ihrer Architektur und Keramik gerühmt. Ihre Mauern waren mit seltenen roten und schwarzen Steinen überkrustet, und ihr Mauerwerk war so schön gemeißelt und verlegt, dass es höchst erlesenen Mosaik glich.

Abb. 5 Phantasievolle Darstellung einer Tolteken-Frau beim Spinnen von Baumwolle. Wie Platons Atlantier sollen auch die Tolteken zunächst ein fleißiges und kulturell hochstehendes Volk gewesen sein, das später degenerierte und von den Göttern vernichtend für seine Sünden gestraft wurde.

Eine Linie von fähigen Königen folgte dem Gründer der toltekischen Monarchie nach, bis, Ixtlilxochitl zufolge, 994 n.Chr. der dekadente Huemac II. den Thron von Tollan bestieg. Zuerst herrschte er mit Weisheit, doch dann stürzte er von dem hohen Podest, auf das er sich im Hinblick auf das Volk gestellt hatte, wegen seiner treulosen Täuschung desselben und seinen lasterhaften Angewohnheiten. Die Provinzen erhoben sich revoltierend, und viele Zeichen und düstere Omen sagten den Untergang der Stadt voraus.

Wie auch im Fall von Atlantis hatten ihre Bewohner durch ihre Vergnügungssucht und ihren Egoismus den Zorn der Götter auf sich gezogen, und fielen einem ähnlichen Schicksal anheim. Im folgenden Winter kam ein so heftiger Frost über das Land, dass alle Feldfrüchte und Pflanzen getötet wurden. Ein Sommer mit sengender Hitze folgte, die in ihrem erstickenden Grimm so intensiv war, dass die Ströme austrockneten und die Felsen schmolzen. [Weitere] Plagen vervollständigten den Ruin. Im Ergebnis wurden die degenerierten Tolteken von den kriegerischen Chichimeken der nördlichen Steppen aus dem Land vertrieben. Mexiko kannte sie nicht mehr, und ihr Name und ihre Kultur klangen nur noch in der Nachbarschaft der stolzen Städte, die sie errichtet hatten, als Legende nach. [4]

Nun ist es offensichtlich, dass diese Ereignisse sich nicht auf mexikanischem Boden zugetragen haben. Frost sucht diese Breiten nur selten heim, und niemals mit solcher Strenge, wie diese Legende berichtet. Es ist zumindest gleichermaßen wahr, dass Felsen nicht schmelzen, auch nicht unter der sengenden Sonne Mexikos. Doch sie tun es unter dem Einfluss von Erdbeben oder anderer seismischer Störungen oder von Vulkanismus, von denen ich glaube, dass diese Erzählung eine Reminiszenz an sie ist, angepasst an das politische Auseinanderbrechen der Tolteken unter dem Druck der virileren nördlichen Stämme. Tatsächlich erscheint es hinsichtlich dieses Berichts recht klar, dass eine viel altehrwürdigere Mythe über eine Katastrophe in einem anderen Land mit der Geschichte vom Untergang der Tolteken vermengt wurde. Die Erfahrungen der besiegten und versprengten Tolteken, die sich nach der Zerstörung ihrer Stadt nach Yucatán oder Guatemala begaben, wurden mit einer anderen und älteren Geschichte verwoben, welche sie über ihre Evakuierung aus einer anderen Region nacherzählten. Dies erscheint mir ganz klar. Die Erzählung über den Sturz von Tollan wurde verflochten mit jener über den Kataklysmus von Tlapallan oder Tollan-Tlapallan, wie es einige Autoren sogar nennen, jenen Ort, von dem sie ursprünglich stammten. Das erste und das zweite Tollan wurden zumindest hinsichtlich der Umstände ihrer Zerstörung im toltekischen Gedächtnis durcheinandergebracht, oder vielleicht im Gedächtnis späterer mexikanischer Chronisten.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Text von Lewis Spence wurde seinem 1925 in London erschienenen Buch "Atlantis in America" (S. 48-51 im Kapitel III, "Quetzalcoatl the Atlantean") entnommen. Übersetzung ins Deutsche und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de im August 2018.

Fußnoten:

  1. Red Anmerkung: Für eine deutschsprachige Version des Werkes siehe: Fernando de Alva Ixtlilxóchitl, "Das Buch der Könige von Tezcuco", Brockhaus, 1930
  2. Anmerkung des Verfassers: Diese Datierung kann nicht als vertrauenswürdig akzeptiert werden. Veytia meint, Tollan sei 713 n.Chr. gegründet worden.
  3. Siehe zu diesem Werk bei Atlantisforschung.de ausführlich: Ferdinand Speidel, "Juan de Torquemada: Monarquia Indiana"
  4. Anmerkung des Verfassers: Zur Tolteken-Frage existiert kein gutes modernes Resumé; siehe jedoch Brinton, "Were the Toltecs an Historic Nationality?" (Proc. Am. Phil. Soc., XXIV, S. 229-241, 1887).

Bild-Quellen:

1) William Maury Morris II bei Wikimedia Commons, unter: File:179-TOLTEC-Colossal Head in DIORITE.jpg
2) Adamt bei Wikimedia Commons, unter: File:Eduardseler.JPG (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“)
3) Ineuw (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:TLM D479 Toltec ruins.jpg
4) Ineuw (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:TSOM D057 Ruins found at Tula.png
5) Rudolf Cronau (1855–1939) (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:019-A TOLTEC WOMAN SPINNING COTTON.jpg