Wilhelm Kaltenstadler: Wie Europa wurde, was es ist. Beiträge zu den Wurzeln der europäischen Kultur - Rezension

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Ancient Mail Verlag, Groß-Gerau, 2006. ISBN 3-935910-37-1, 393 Seiten, Paperback, €: 20,50


Rezension von Horst Friedrich

Kaltenstadlers "Beiträge zu den Wurzeln der europäischen Kultur" sind ein grundlegendes Werk, dem man nur weite Verbreitung wünschen kann. Nicht nur sollten professionelle Historiker das Buch zukünftig auf ihren Instituts-Schreibtischen griffbereit haben. Sondern auch alle jene, die meinen, dass sie heute schon ein gesichertes Allgemeinwissen über die Entstehung und den genauen Charakter der europäischen Kultur besitzen, sollten das Werk gründlich studieren. Kaltenstadler stellt zahlreiche Aspekte der konventionellen Sicht dieser Dinge, wie wir sie in populären Darstellungen in unseren Buchhandlungen kaufen können, in Frage und betont, dass wichtige Aspekte zur Genese der europäischen Kultur bisher entweder ganz übersehen oder nicht hinreichend berücksichtigt wurden.

Abb. 1 Prof. Dr. Wilhelm Kaltenstadler (Foto: Ancient Mail Verlag)

Die nötige interdisziplinäre Kompetenz für das Aufstellen derart nonkonformistischer Thesen besitzt der Autor allemal: Er studierte Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft in Augsburg, München, Wien, Erlangen und Florenz, promovierte an der Universität Wien in Wirtschaftsgeschichte, und lehrte an der Ludwig-Maximilians-Universität München antike Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Dass es sich bei Kaltenstadler um einen ernstzunehmenden Gelehrten handelt, geht schon aus den über 500 eingearbeiteten, im Literaturverzeichnis erfassten Publikationen und den mehr als tausend Fußnoten hervor.

Ein sehr begrüßenswerter Aspekt des Werkes liegt darin, dass er Verfasser den Mut und das Verantwortungsbewusstsein hat, auch Publikationen gewisser, sonst eher totgeschwiegener Nonkonformisten sowie zahlreicher außerestablishmentärer Privatgelehrter mit ins Kalkül zu ziehen, wie etwa Prodosh Aich, Nicolas Benzin, Christian Blöss, Lucas Brasi, Ralph Davidson, Anatoly Fomenko, Eugen Gabowitsch, Richard Garbe (bereits 1894 zu den indischen Ursprüngen der griechischen Philosophie), Hans Guggemos, Gunnar Heinsohn, Heribert Illig, Wilhelm Kammeier, Morgan Kelley, Arthur Koestler, George Lamsa, Roman Landau, Günter Lüling, Christoph Marx, Gavin Menzies, Hana-Ulrich Niemitz, Christoph Pfister, Uwe Topper, Jacques Touchet, Theo Vennemann. Was sind nun die Schwerpunkte des ' Werkes?

Chronologie-Infragestellung: Kaltenstadler ist, ähnlich wie der Rezensent, zwar nicht bereit, die bisher von Illig, Topper u.a. vorgetragenen Thesen zur Chronologiekritik, fiktiven Jahrhunderten etc. schon als der Weisheit letzten Schluss zu akzeptieren, es scheinen aber auch ihm einige schwerwiegende Gründe vorzuliegen, die zeitgenössische Chronologiekritik vom Grundsätzlichen her ernst zu nehmen.

Der "Ungeist der Gewalt" erscheint Kaltenstadler als kennzeichnendes Charakteristikum der christlich-abendländischen Kultur. Und zwar im Innenverhältnis, bei der Erziehung der Jugend, ebenso wie im Außenverhältnis. So sieht er beispielsweise die feudale Gesellschaft aus diesem Ungeist der Gewalt entstehen. Die Quellenberichte über die diesbezüglichen Zustände etwa an den deutschen Schulen, bis in die Neuzeit, erscheinen uns heute kaum glaublich. Auch die KZ des NS-Regimes gehören hierher. Und was das Außenverhältnis angeht, mag es genügen, auf die unglaublichen abendländischen Greueltaten bei der "Ausbreitung des Christentums" (Conquista in Lateinamerika, portugiesische Greueltaten in Indien etc.) oder beim Sklavenhandel zu verweisen.

Zu den Eigenheiten der arabisch-islamischen Kultur und ihrer Ausbreitung sieht Kaltenstadler noch viele Frage offen. Er ist geneigt, in dieser Kultur vor allem auch ein aramäisches Phänomen zu sehen. Zu ihrer Außenwirkung auf die europäische Kultur scheinen ihm bisher zu übertriebene Vorstellungen publiziert worden zu sein. Den Beitrag der jüdischen Kultur zur abendländischen Zivilisation hält Kaltenstadler in seiner Bedeutung für weit unterschätzt. Die Problematik wird in mehreren Kapiteln unter verschiedenen Aspekten beleuchtet.

Bautechnik der gotischen Dome: Kaltenstadler sieht die Technikgeschichte in der Pflicht, nachvollziehbar zu erklären, wie die gotischen Dome des Abendlandes mit den technischen Möglichkeiten des Mittelalters erbaut wurden. Er sieht eine Parallele zu den bekannten ägyptologischen Spekulationen, wie etwa das Alte Ägypten (als ein rein naturalwirtschaftlich organisierter Staat mit Steinzeit-Technik) die Gizeh-Pyramiden erbaut haben solle. Dies sind jedoch nur größere Schwerpunktthemen von Kaltenstadlers Buch. Hat man das Buch zum ersten Mal durchgeblättert - und erst recht nach seinem gründlichen Studium - muss man einen großen Unterschied zu konventionellen Darstellungen der gleichen Themenkomplexe konstatieren: bei letzteren noch heute meist die beschränkte Sicht, wie sie bei durchschnittlichen "staatstragenden" Professoren des Bismarck-Reiches üblich (und erwünscht) gewesen sein mag, bei Kaltenstadler hingegen das offensichtliche Bemühen, die Dinge aus einer zugleich umfassenderen wie auch detaillierteren Perspektive zu beurteilen. Es verdient Anerkennung, wie es Kaltenstadler gelungen ist, sich interdisziplinär einzuarbeiten.

Das ist freilich nicht ohne eigene Anstrengung zu haben (wie ein Blick in Literaturverzeichnis und Fußnoten zeigt). Zu solcher Anstrengung wird man im verbeamteten Establishment nicht ermutigt, da man dort den Spezialisten für den einzigen wahren Wissenschaftler hält und den Generalisten gerne ins akademische Abseits drängt.

Es versteht sich von selbst, dass Kaltenstadler mit diesem Werk noch kein neues, gesichertes und vollständiges Bild der Genese der abendländischen Kultur vorlegen konnte. Das ist im Alleingang nicht zu machen, sondern wird Aufgabe des nächsten halben Jahrhunderts sein müssen. Ob es gelingen kann, diese Bemühungen akademisch zu integrieren, muss man abwarten. Das wird davon abhängen, ob sich unsere Universitäten eher zu einem Hort mehr scholastischer Wissenschaftsformen entwicklen oder eine (freilich nicht-maoistische) Kulturrevolution erleben werden.

Wie immer dies ausgeht, eines ist sicher: Kaltenstadler hat mit seinem Werk einen ersten Schritt getan und gezeigt, wie man bei der Erarbeitung eines neuen, realistischeren Bildes der Genese der europäischen Kultur und Zivilisation wird vorgehen müssen. Für ihn ist die es überall, man denke an d atlanto-semitische Kultur, die einst vom iberischen Westen aus einerseits den atlantischen Küstensaum Europas, andererseits den Nahen Osten kolonisierend and kulturbringend beeinflusste, eine ebenso ernst zu nehmende Alternative zum herkömmlichen Geschichtsweltbild wie ein deutlich wahrnehmbarer humanisierender Einfluss des Judentums auf die entstehende europäische Kultur. Selbstredend muss das alles noch näher untersucht und belegt werden. Nach Kaltenstadler soll diese "Suche nach der Wahrheit frei machen von übertriebener Autoritätsgläubigkeit" (S. 7). Ein solcherart veränderter Blick auf die Genese unserer eingenen Kultur kann eigentlich nur Segen bringen. Kaltenstadler schreibt zutreffend (S. 274- 275):

"Im 19. Jahrhundert waren ...die europäischen Staaten und die Menschen der verschiedenen europäischen Nationen zu stark rückwärtsgewandt und mit sich selbst beschäftigt. Andererseits war man aber weder in der Politik noch im Bereich des Bildungswesens bereit, sich mit der Kultur und Geschichte anderer Nationen, Nationalitäten und Völker wirklich grundlegend auseinanderzusetzen ...Es waren vor allem Juden ..., welche über nationale Grenzen hinausdachten und auch in ihrem Herzen europäisch fühlten. Die meisten europäischen Nationen hatten jedoch Probleme mit ihrem Selbstverständnis ...Wenn dieses positive Verhältnis zu sich selbst fehlt, dann kann sich kein positives Verhältnis für das außerhalb sich Befindliche, schon gar nicht für das Fremde bzw. für andere Nationen entwickeln ...Im Sinne meines Themas habe ich mich immer wieder gefragt, warum es fast 2000 Jahre gedauert hat, bis es gelungen ist, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts humane und christliche Grundsätze nicht nur den Juden, sondern auch den Frauen gegenüber umzusetzen ...Das Böse, das nach scholastischer Auffassung des Mittelalters ein Mangel an Gutem ist, hätte bei mehr Engagement fur Humanität und Toleranz und bei Beachtung des Grundsatzes, dass die Liebe (zu den Mitmenschen) das oberste Gebot ist, nie zu den schrecklichen Auswüchsen des Imperialismus, Nationalismus, Darwinismus und Antisemitismus führen können."

Man kann es nur begrüßen, wenn Kaltenstadler hier "mehr Engagement für Humanität und Toleranz" das Wort redet. Das ist auch weiterhin dringend notwendig, um Fanatiker aller möglichen Religionen und Sekten in ihre Schranken zu weisen. Zwar ist es vollkommen richtig, wenn er schreibt: "Der ...europäische Verfassungsentwurf beschränkt die Wurzeln der europäischen Kultur nämlich ...auf die griechisch-römische Antike, die Aufklärung und die vor allem aus dieser abgeleiteten Menschenrechte ...Keinem der Verfassungsväter ...ist ...die Idee gekommen, dass das Judentum weitaus mehr und früher als die griechische und römische Kultur die modernen Ideale und Werte bereits im Kern enthalten hat. Alle Ideale, Werte und Tugenden, auf die wir uns heute so gerne berufen, finden wir tatsächlich bereits im Alten Testament" (S. 9). Nur enthält das Alte Testament leider, wie etwa auch der Koran, widersprüchliche Aussagen zum Thema Humanität, Toleranz und Menschenrechte. Fanatiker gibt es überall, man denke an die nicht wenigen fanatischen Sekten in den USA, die Waffenvorräte anlegen, "to kill the sinners", wenn es so weit ist. Hier sollten die weltlichen Obrigkeiten konsequent vorgehen: Unmenschliches bleibt unmenschlich, auch wenn es im Namen einer Religion oder Sekte begangen wird..


Anmerkungen und Quellen

Diese Rezension von Dr. Horst Friedrich wurde erstmals in der Zeitschrift für Anomalistik (Band 8 - 2008, Nr. 1+2+3, S. 254-257) veröffentlicht. Bei Atlantisforschung.de erscheint sie in einer redaktionell bearbeiteten Online-Fassung.