Die Legende von den Ronnongwetowanea – Atlantisforschung

Die Legende von den Ronnongwetowanea

von David Cusick (1828)

Abb. 1 An den Ufern des Sankt Lorenz Stroms soll nach indianischen Legenden einst auch ein Volk von Riesen gehaust haben, die alles andere als friedfertig waren.
Abb. 1 An den Ufern des Sankt Lorenz Stroms soll nach indianischen Legenden einst auch ein Volk von Riesen gehaust haben, die alles andere als friedfertig waren.

...Etwa zu dieser Zeit lebte das Volk der Eagwehoewe am Fluss Kanawaga oder St. Lawrence (Abb. 1); doch es konnte die Beschaulichkeit dort nicht genießen, denn es wurde von den, Ronnongwetowanea genannten, Riesen überfallen, die von Norden her kamen [1] und beträchtlich [viel Land] bewohnten; doch ihre Art anzugreifen war töricht, und sie wagten es niemals gegen den Gegner vorzugehen, wenn sie sich ihres Erfolgs nicht sicher waren; vorzugsweise ergriffen sie die Gelegenheit, wenn die Krieger nicht in der Siedlung waren. Nachdem sie die Häuser der Leute geplündert, und jene gefangen genommen hatten, die sie fanden, zogen sie sich hastig in ihr Domizil im Norden zurück.

Ein Beispiel [2]: Eine Familie von Prinzen, sechs Brüder und eine Schwester, deren Vater ein nobler Stammesfürst gewesen war, welcher im Kampf mit dem Feind sein Leben gelassen hatte, lebte nahe des St. Lawrence Flusses. Einmal zogen die Brüder zu einer eintägigen Jagd aus und ließen ihre Schwester alleine im Lager zurück; als sie aber fort waren, führten die Riesen unglücklicherweise heftige Attacken aus, und bald wurde die Frau eine Beute der Invasoren. Am Abend kehrten die Brüder zurück und waren sehr bekümmert, dass ihre Schwester vermisst wurde; unverzüglich begaben sie sich auf die Suche, doch es brach schon die Nacht an, und die Dunkelheit hinderte sie.

Am Morgen beschloss der älteste der Brüder, den Feind zu verfolgen, bis er etwas über ihre Schwester herausfinden könne, und er versprach, in sieben Tagen zurückzukommen, sofern nichts passieren werde. Und so zog der Prinz aus und verfolgte die Spuren der Feinde. Nachdem er drei Tage gereist war, erreichte er die Residenz der Riesen gegen Sonnenuntergang; auf den ersten Blick entdeckte er seine Schwester, die nahe des Hauses Feuerholz sammelte; doch als er näher kam, zog seine Schwester sich zurück; bald zeigte die Prinzessin durch ihr Verhalten, dass sie sich in den Riesen verliebt hatte, und so war es unmöglich, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Der Prinz war [...] jedenfalls willens, die Gefahren zu riskieren, die ihm bevorstanden; er verharrte bis zur Abenddämmerung, und betrat dann das Haus: erfreulicherweise wurde er mit höchst gefälligen Worten empfangen, und seine Befürchtungen waren bald zerstreut. Der Riese bot ihm als Zeichen des Respekts seine Pfeife an, welches der Prinz akzeptierte. Nachdem sie das Abendmahl eingenommen hatten, sprachen sie recht lange ohne den leisesten Anklang von Feindseligkeit miteinander, und als es schon spät in der Nacht war, wurde dem Prinzen eine Lagerstatt angeboten; doch der Gigant verstellte sich nur, um den Prinzen irre zu leiten; er begann damit, ihn ein Gutteil der Nacht mit dem Singen von Liedern zu unterhalten; [doch] der Riese hatte beschlossen, den Gast bei der ersten Gelegenheit zu ermorden, und der Prinz war so ermüdet, dass er nun bald einschlief. So tötete er ihn im Bett, und die Leiche wurde in einer Höhle in der Nähe des Hauses abgelegt, wo er auch geschlachtete Tiere aufbewahrte. Der Riese war höchst erfreut darüber, den Prinzen überwunden zu haben, und er wies seine Frau an, täglich Ausschau zu halten, um auszuschließen, dass ein weiterer Feind sich nähere.

Abb. 2 David Cusicks Werk von 1828 stellt eine einzigartige Quelle dar, da es das einige Werk aus dieser Zeit ist, in dem die präkolumbische Vorzeit Nordamerikas aus dem indianischen Blickwinkel dargestellt wird.
Abb. 2 David Cusicks Werk von 1828 stellt eine einzigartige Quelle dar, da es das einige Werk aus dieser Zeit ist, in dem die präkolumbische Vorzeit Nordamerikas aus dem indianischen Blickwinkel dargestellt wird.

Die sieben Tage verstrichen, und als der Bruder nicht zurück kam, ergriff den jüngsten Bruder, Donhtonha, eine große Sorge um seinen Bruder, und er entschied, nach ihm zu suchen; dieser Donhtonha war ein sehr stämmiger und grimmig aussehender Bursche, und er machte sich, nachdem er sich bewaffnet hatte, auf die Reise [...] und fand seine Schwester; doch bevor er Zeit hatte, um sich mit ihr zu besprechen, ging sie ins Haus zurück, wie sie es schon zuvor getan hatte, und informierte den Giganten, dass jemand käme: Donhtonha betrat kampfbereit das Haus, und fragte nach seinem Bruder, was einigen Schrecken hervorrief. Sofort ging der Riese daran, den Prinzen zu beruhigen: er antwortete, dass er mit dem Bruder Frieden geschlossen habe, der gegangen sei, um ein paar Leute in der Umgebung zu besuchen, und man erwarte ihn jeden Moment zurück.

Auf diese Zusicherung hin beruhigte Donhtonha sich etwas. Die Schwester brachte etwas zu essen, und schon bald genoss er das häusliche Glück. Doch leider war der Riese weit davon entfernt, freundlich zu sein, und war nur dabei, Ränke zu schmieden, um den Besucher in die Irre zu führen. Als es spät abends war, verlor Donhtonha die Geduld, weiter auf die Rückkehr seines Bruders zu warten, und begann erneut damit, Fragen zu stellen. Dem Gast wurde ein Bett angeboten, und der Riese wiegte sich in der Hoffnung, den Besucher auslöschen zu können; er erhob sich von seinem Sitz und begann seinen üblichen Gesang.

Donhtonha bemerkte jedoch, dass er etwas Übles gegen ihn im Schilde führte, und beschloss, das Bett für eine Weile zu verlassen. So entschuldigte er sich für einen Moment und ging [...] nach draußen; dort besorgte er sich ein paar Holzstückchen, die in der Nacht einen matten Schimmer produzierten, befestigte sie auf seinen Augenlidern, und ging dann wieder zu Bett; der Riese war nun betrogen; während sein Gast schlief, wirkten seine Augen so, als sei er die ganze Zeit über wach. Mit dem ersten Tageslicht sprang der Besucher aus dem Bett, und machte sich auf die Suche nach seinem verstorbenen Bruder. Doch der Riese protestierte, was bald Misstrauen aufkommen ließ, und nach einem langen Wortstreit griff Donhtonha den Giganten an; ein wilder Kampf entspann sich, und am Ende tötete er den Riesen, und verbrannte ihn in den Ruinen seines Hauses. Doch sein Geist entfloh in den Himmel, und verwandelte sich in einen der östlichen Sterne.

Während des Kampfes wurde seine Schwester von Gram ergriffen, floh hinaus in die Wildnis, und bejammerte dort ihren verblichenen Ehemann. In ihrer Verzweiflung starb sie, und ihr Geist wurde zu einem der Sterne des Nordens. Nach seinem Sieg setzte [Donhtonha] die Suche fort, entdeckte die sterblichen Überreste seines Bruders, weinte über ihnen, und verbrannte sie zu Asche.

Abb. 3 Die riesenhaften Ronnongwetowanea griffen die indianischen Ortschaften mit Vorliebe dann an, wenn die meisten wehrhaften Bewohner auf der Jagd waren.
Abb. 3 Die riesenhaften Ronnongwetowanea griffen die indianischen Ortschaften mit Vorliebe dann an, wenn die meisten wehrhaften Bewohner auf der Jagd waren.

Zu einer anderen Zeit griffen die Ronnongwetowanea eine kleine Ortschaft, die an der Böschung des Kanawage (St. Lawrence.) gelegen war. Dies begab sich zu einer Jahreszeit, in der die Leute auf der Jagd unterwegs waren, und niemand in der Stadt war, abgesehen von einem alten Häuptling und einem Gefolgsmann namens Yatatonwatea; während sie die Erholung in ihren Häusern genossen, wurden sie plötzlich von den Ronnongwetowanea attackiert: Yatatonwatea aber entkam durch die Hintertür und überließ den betagten Häuptling seinem Schicksal: der Feind aber verlor keine Zeit und nahm alsbald die Verfolgung auf, was Yatatonwatea dazu zwang, sich so schell wie möglich zurückzuziehen.

An vielen Orten versuchte er Widerstand zu leisten, wurde aber beim Aufmarsch des Feindes zum Rückzug gezwungen; vergebens bemühte er sich darum, sich abzusetzen, indem er diverse Bäche und Hügel überquerte: er verwendete eine neue Methode, um ein wenig Einfluss auf das Vordringen des Feindes zu nehmen: nachdem er ein Stück weit gerannt war [...] scheuchte er einen Schwarm Tauben in ihre Richtung, um die (Riesen) abzulenken, damit er sich unter der Böschung des Flusses verstecken könne, doch unglücklicherweise schien diese flatternde Hoffnung fehl zu schlagen [...], und er war alsbald dazu gezwungen, seine Position zu verlassen und seine Flucht fortzusetzen: erneut versuchte er, sich zwischen den Felsen der Berge zu verstecken, doch zwischenzeitlich kamen die Feinde heran [...] und er dachte, dass er durch nichts dem Ungestüm der Häscher widerstehen könne, doch er entschied, sich so lange nicht zu ergeben, wie er dazu in der Lage war, sich außerhalb ihrer Reichweite zu halten; unverzüglich schlug er auf der Suche nach irgendwelchen Menschen den Pfad ein, der zu den Jagdgründen führt, und zum Glück traf er nach einer kurzen Strecke zwei Krieger, die ihm unverzüglich beisprangen, und leistete [nun] heftigen Widerstand: Nach einem schrecklichen Gefecht waren die Ronnongwetowanea erledigt [...] Die Krieger erwiesen sich als Helden, welche einen Triumph errungen hatten, obwohl einer von ihnen eine schwere Wunde durch eine Keule empfangen hatte.

Mit Alarmrufen eilte Yatatonwatea zum Lager und informierte die Menschen über alles Wesentliche und über die Gefahren, die der Feind über die leeren Städte bringen könnte. Sobald die Leute die Informationen erfahren hatten, kehrten sie sofort in ihre Siedlungen zurück, und von den Häuptlingen wurde eine Versammlung abgehalten, um einige Maßnahmen zur Verteidigung ihres Landes zu ergreifen. Da der Stamm der Ronnongwetowanea nicht zahlreich war und es als unnötig erachtete, eine große Streitmacht aufzustellen, wurden einige hundert Krieger ausgesandt, um ihn zu überwältigen: nach einigen entscheidenden Gefechten errangen die Krieger den Sieg, und man ging davon aus, dass der Ronnongwetowanea-Stamm seither aufgehört hat zu existieren. (Dieses Verhängnis ereignete sich wohl etwa zweitausendfünfhundert Winter, bevor Kolumbus Amerika entdeckte.) Die Verheerungen durch diesen Feind, der so oft über die Einwohner hergefallen war, waren nun vorbei, und das Land genoss für viele Winter einen ungestörten Frieden.


Anmerkungen und Quellen

Quelle: David Cusick, Sketches of Ancient History of the Six Nations (1828); zitiert nach: Jason Godesky, Legends of the Allegewi (Übersetzung ins Deutsche, redaktionelle Bearbeitung und Betitelung durch Atlantisforschung.de)

  1. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: "Die kanadischen 'Riesen' - Wer besiedelte vor 4000 Jahren das Tal des St. Lorentz-Stroms?" von G. Iudhael Jewell; sowie: "Die kanadischen Riesen von Cayuga" von Benoit Crevier
  2. Vergl. zu der folgenden Sage auch bei Sagen.at: Die Geschichte eines Riesen, aus: Karl Knortz, "Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas", Jena 1871, Nr 84


Bild-Quelle

(1) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Sankt Lorenz Strom

(2) Oliver's Bookshelf, unter: David Cusick (c.1780-c. 1840) Sketches of Ancient History

(3) Gianni Albertoli, Indianer Alligeni, bei: FARWEST.IT