James Churchward – Atlantisforschung

James Churchward

'Mu' - James Churchward und das Atlantis des Pazifik

von Lyon Sprague de Camp

Abb. 1 'Colonel' James Churchward (1851 - 1936)
Abb. 1 'Colonel' James Churchward (1851 - 1936)

James Churchward (Abb. 1) [war] ein kleiner, gespenstisch aussehender Anglo-Amerikaner, der in jüngeren Jahren ein Buch für Sportfischer ge- schrieben hatte. Später ernannte er sich selbst zum >Colonel< und behaup- tete, weite Reisen durch Asien und Zentralamerika unternommen zu haben (wo er von einer fliegenden Schlange attackiert wurde).

In den Siebzigern angelangt, legte er sein Buch "Der untergegangene Kontinent Mu" (Abb. 2) vor (1926), andere Publikationen über Mu folgten. Die Ideen, die er von Le Plongeon und Paul Schliemann bezogen hatte, baute er noch aus, indem er sich zwei versunkene Kontinente vorstellte: Atlantis im Atlantik und Mu (mit dem Lemuria der Okkultisten identisch) im Mittleren Pazifik, wo man nach geologischen Erkenntnissen sicher sein kann, daß ein solcher Kontinent niemals existierte und niemals existieren wird.

Churchward war von einer Lieblingsvorstellung der Okkultisten besessen: daß es vor Zeiten einmal eine universale Geheimsprache gegeben habe, in der unsere Altvorderen ihr geheimes Wissen weitergegeben hatten. Eine intuitiv begabte Person könne, wenn sie nur lange genug auf alte Zeichensymbole starre, deren Bedeutung herauslesen und auf diese Weise vergessene historische Tatsachen ans Licht bringen. Zugegeben, unsere Vorfahren benutzten eine ganze Reihe von Symbolen, so wie wir das mit unseren Signalen und Warenzeichen heute tun.

Abb. 2 Cover der Originalausgabe von Churchwards "THE LOST CONTINENT OF MU" (1926)
Abb. 2 Cover der Originalausgabe von Churchwards "THE LOST CONTINENT OF MU" (1926)

Wenn man jedoch mit einer Kultur nicht sehr vertraut ist, kann man auch nicht sagen, ob ein Stück einer antiken Dekoration irgend etwas bedeutet oder bloße Arabeske ist. Sollten Sie der Meinung sein, Symbole ließen sich subjektiv interpretieren, versuchen Sie dies einmal mit einer Seite Chinesisch, vorausgesetzt, Sie kennen diese Sprache nicht. Das chinesische Schriftbild ergibt nichts weiter als ein Bild - genau das, wovon Churchward behauptet, er könne es auslegen.

Churchward nahm zum Beispiel an, daß im Mu-Alphabet ein Rechteck für den Buchstaben "M" und für "Mu" stand. Da jeder Baustein rechteckig ist, hatte er natürlich keinerlei Schwierigkeiten, alles und jedes auf Mu zu beziehen. Zudem zitierte er Plato falsch ("in Platos Timeus Critias [sic!; d. Red.] finden wir folgenden Hinweis auf den verschwundenen Kontinent: >Das Land Mu hatte zehn Bewohner.<" etc.) und brachte unsinnige Fußnoten an, wie etwa "4. griechischen Buchstaben zufolge" oder "6. nach verschiedenen Berichten". Von einer von ihm herausgegebenen Übersichtstabelle mit 42 ägyptischen Hieroglyphen waren nur sechs davon in etwa richtig.

Churchward begründete seine Theorie mit zwei "Schrifttafel"-Funden. Einer zumindest existiert wirklich. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Objekten, die von einem amerikanischen Ingenieur [sic!; d. Red] namens Niven in Mexiko gefunden wurden. [1] Diese erscheinen dem Auge des Nichteingeweihten wie die flachen Bild-Darstellungen, die die Azteken, Zapoteken und andere mexikanische Stämme in großer Zahl für religiöse Gelegenheiten anfertigten. Für Churchward hingegen stellen sie Schriftbilder dar und ihre Unebenheiten und Verzierungen sind für ihn Mu-Symbole, die geheime Bedeutung besitzen.

Der andere Fund bleibt im Dunkeln: die "Naacal-Schrifttafeln ... die mit Naga-Symbolen und Buchstaben beschriftet sind". Diese wurden Churchward angeblich von einem liebenswürdigen Priester in Indien gezeigt. Das heißt, in einem seiner Bücher erzählt er, er habe sie in Indien gesehen, in einem anderen war es in Tibet. Glücklicherweise hatte Churchward sich gerade mit dieser toten Sprache befaßt und konnte so aus den Inschriften die Schöpfungsgeschichte und den Untergang Mu's herauslesen...

Abb. 3 Zeichnerische Dar- stellung einer der inzwi- schen zerstörten Tahiti-Py- ramiden; nach J. Church- ward ein Teil des Erbes von Mu.
Abb. 3 Zeichnerische Dar- stellung einer der inzwi- schen zerstörten Tahiti-Py- ramiden; nach J. Church- ward ein Teil des Erbes von Mu.

Aus diesen Quellen erfuhr Churchward, daß Mu einstmals ein riesiger Kontinent im Pazifik war, der sich von den Hawaii- bis zu den Fidschi-Inseln und von den Oster-Inseln bis zu den Marianen erstreckte. Er war flach (denn die Berge waren damals noch nicht "erfunden") und von üppiger tropischer Vegetation bedeckt. In den Zeiten ihrer Hochblüte zählte die Insel 64 Millionen Menschen, die in zehn Stämme aufgeteilt waren und von einem Priester-Herrscher mit Namen Ra regiert wurden. Die Mu-Bewohner waren unterschiedlicher Hautfarbe.

Die Weißen stellten die herrschende Schicht [aha!; d. Red]. Sie besaßen nicht nur eine hohe Kultur, sondern hingen einer rein arisch-monotheistischen Religion an, die Jesus Christus später wiederzubeleben versuchte. Barbarei existierte zu keiner Zeit. Churchward hielt nichts von der "Der-Mensch-stammt-vom-Affen-ab-Theorie", er war der Meinung, der Mensch sei im Pleistozän bereits als kultiviertes Wesen erschaffen worden.

Von Mu aus erfolgte unter der Leitung von Priestern (den Nagas oder Naacals) die Gründung von Kolonien. Einige Auswanderer fuhren über das Binnenmeer, das zu jener Zeit das Amazonasbecken füllte, nach Atlantis, andere ließen sich in Asien nieder, wo sie vor 20 000 Jahren das Riesenreich Uighur gründeten. (Es existierte tatsächlich ein historisches Uighur-Reich, das im 10. Jahrhundert n. Chr. entstand und dessen Fall auf das 12. Jahrhundert datiert wird. Aber dieses hat nichts mit dem Churchwardschen zu tun.)

Dann, vor 13 000 Jahren, brachen die "Gas-Gürtel", riesige Hohlräume im Erdinnern, zusammen, was den Untergang von Mu und Atlantis zur Folge hatte. Überlebende Mu-Bewohner drängten sich auf dem schmalen Raum der polynesischen Inseln zusammen und aßen schließlich einander auf, da nicht genügend Nahrung vorhanden war. Doch nicht nur sie, sondern die meisten Mu-Kolonien sanken auf die Stufe der Barbarei herab. [...]


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von L. Sprague de Camp wurde seinem Buch "Versunkene Kontinente" entnommen (S. 57, 58), das 1975 im Wilhelm Heyne Verlag, München erschienen ist (Erstveröffentlichung 1954).

Fußnote:

  1. Red. Anmerkung: Zu William Nivens archäologischer Forschung vergl. bei Atlantisforschung.de auch: ‎William Niven´s verlorene Stadt von Ivar Zapp und George Erikson

Bild-Quellen:

1) churchward.com
2-3) Er øyene i sydhavet restene av det tapte kontinentet Mu?


Links:

  • Jack Churchward (J. Churchwards Urgroßenkel), My-Mu.com (Eine Fülle von Informationen über Churchwards Leben und Werk)

Literatur:

Bild:Church Neu 2.jpg

James Churchward, THE LOST CONTINENT OF MU, Adventures Unlimited Press, 2007