Atlantis in Karthago - Die Lokalisierung des Victor Bérard – Atlantisforschung

Atlantis in Karthago - Die Lokalisierung des Victor Bérard

Abb. 1 Der französische Homerist Victor Bérard vermutete Anfang des 20. Jahrhunderts, dass Atlantis mit Karthago identisch sei.
Abb. 1 Der französische Homerist Victor Bérard vermutete Anfang des 20. Jahrhunderts, dass Atlantis mit Karthago identisch sei.

(bb) Eine Nordafrika-Lokalisierung von Atlantis, die im deutschsprachigen Raum inzwischen völlig in Vergessenheit geraten ist (sofern sie hier jemals zur Kenntnis genommen wurde) stammt von dem französischen Homer-Forscher Victor Bérard (1864-1931). Ihr heute gegen Null tendierender Bekanntheitsgrad erscheint auf den ersten Blick eigentlich nur schwer nachvollziehbar: Bérard (Abb. 1) identifizierte nämlich eine recht prominente, antike Metropole mit Atlantis - das phönizische Karthago.

Wieder einmal ist es einzig Lyon Sprague de Camp, der uns mit seinem, 1977 auch in deutscher Sprache erschienenen, Standard-Werk Lost Continents aus dem Jahr 1955 wenigstens ein paar fragmentarische Informationen zu Bérards atlantologischer Arbeit liefert. Sprague de Camp, hierzulande eher als SF- und Fantasy-Autor bekannt, war u.a. auch ein überaus scharfsinniger und ungemein belesener, bisweilen jedoch zu Engstirnigkeit und Wissenschaftsgläubigkeit neigender Atlantologie-Historiker und -Kritiker. Im erwähnten, überaus lesenswerten, Buch erging er sich stilvoll darin, die "Atlantisten" (bei ihm eine Sammelbezeichnung für empirische Atlantisforscher jeder Couleur, Märchenerzähler, Atlantisgläubige und Esoteriker) in Bausch und Bogen mit seiner Feder zu sezieren - und die war nicht nur ziemlich spitz, sondern auch scharf wie ein Skalpell.

Bèrard machte er zumindest das Kompliment, seine Theorie sei "schwieriger zu eliminieren" als diejenigen anderer Forscher und Autoren. Immerhin, so Sprague de Camp großzügig, habe Karthago "von Griechenland aus gesehen in der richtigen Richtung" gelegen, was man z.B von Kreta nicht sagen könne. Außerdem sei Karthago nicht nur, wie das bei Platon beschriebene Atlantis, eine imperialistische Seemacht gewesen, sondern auch sein städtischer Grundriss (Abb. 2) lasse sich offenbar mit dem der Atlanter-Hauptstadt vergleichen. Dazu zitiert er - ohne genaue Quellenangabe - Bérard:

"Der niedere, mit einem Wall umgebene Hügel der Byrsa oder Zitadelle, auf welchem der herrliche Tempel des Äskulap in Karthago stand, wurde auf der Festlandseite von drei mächtigen Wällen verstärkt, die sich über die ganze Halbinsel erstreckten und die in Abständen mit Türmen befestigt waren. Unterhalb des Marktplatzes und des Senatsgebäudes war um eine kreisförmige Insel ein Wasserkanal von rund 300 Metern Durchmesser angelegt worden. Auf der Insel erhob sich das Hauptquartier des Admirals.

Die Anlegestellen, die diesen Kanal umgaben, waren durch einen kreisförmigen Kolonadengang überdacht, der von ionischen Säulen getragen wurde. An diesen Docks konnten die größten Kriegschiffe anlegen. Von diesem Hafenbecken ging ein enger Kanal ab, der südlich davon in einen Handelshafen von zirka 400 Metern Länge Mündete. Eine gewaltige Mauer schützte den Eingang zur Seeseite hin und war dazu angetan, Angriffe feindlicher Flotten abzuwehren. Sümpfe umgaben die Landseite. Der Wasserbedarf wurde aus großen Zisternen gedeckt, die auf den benachbarten Hügeln errichtet worden waren und die, so scheint es, gleichzeitig als Bäder genutzt wurden." [1]

Abb. 2 Zeichnerische Rekonstruktion von Karthago. Tatsächlich besteht eine vage Ähnlichkeit mit Platons Atlantis-Beschreibung.
Abb. 2 Zeichnerische Rekonstruktion von Karthago. Tatsächlich besteht eine vage Ähnlichkeit mit Platons Atlantis-Beschreibung.

Tatsächlich lassen sich bei Bérards Beschreibung der nordafrikanischen Phönizier-Metropole gewisse Ähnlichkeiten mit dem 'Stadtplan' von Atlantis erkennen, wie Platon ihn uns überliefert hat: Etwa die dreifache Ringstruktur der Wälle (freilich nur partiell und ohne Wasser-Ringe), ein zentraler Wohnsitz für einen Träger der Macht, und der integrierte Hafen- und Werft-Komplex. Aber reicht dies und die eher scherzhaft gemeinte Feststellung, Karthago habe, von Griechenland aus gesehen, in der "richtigen Richtung" gelegen, bereits aus, um es zur Atlantis-Kandidatin zu machen?

Wenn wir Sprague de Camp richtig interpretieren [2], dann betrachtete Bérard Platons Aufenthalt in Syrakus auf Sizilien als Erklärung für gewisse Motive und Details der Atlantida, über welche er (Bérard) seine Gleichsetzung der Atlantier-Hauptstadt mit Karthago begründen zu können glaubte. Tatsächlich hatte Platon insgesamt drei Reisen (389-375 v. Chr.) nach Syrakus unternommen, das zu dieser Zeit, wie wir heute sagen würden, ein 'heißes Pflaster' war.

Sprague de Camp bemerkt dazu: "Griechen wie Karthager kolonisierten Sizilien und setzten ihr Äußerstes daran, einander zu vertreiben. Der karthagische Chefmagistrat Malchus eroberte 550 v. Chr. nahezu die ganze Insel. Die Kriege dauerten, unterbrochen von Zeiten der Ruhe und lokalen Aufständen, über drei Jahrhunderte hinweg an. Hamilkar gewann die Insel um 480 v. Chr. fast ganz zurück, aber die Streitkräfte von Syrakus und Agrigent schlugen ihn in einer großen Schlacht bei Himera, die fast so entscheidend in der Geschichte der Griechen war wie der griechische Sieg über die Perser bei Salamis im selben Jahr." [3]

Sprague de Camp bzw. Bérard mutmaßen nun, "Platon könnte aus erster Hand von der karthagischen Bedrohung bei seinen Besuchen in Syrakus erfahren haben. Die luxuriöse und habsüchtige Lebensweise der punischen Kaufmannsaristokratie (oder, um fair zu sein, die luxuriöse und habsüchtige Lebensweise, die ihnen von ihren griechischen und römischen Feinden nachgesagt wurde) könnte sich in der Beschreibung derselben Untugenden in Atlantis niedergeschlagen haben." [4]

Abb. 3 Eine karthagische Münze aus dem 4. Jahrhundert vor Christus
Abb. 3 Eine karthagische Münze aus dem 4. Jahrhundert vor Christus

Natürlich trafen diese Untugenden nicht nur auf Karthager, sondern auch auf Römer, Perser und nicht zuletzt auch auf die Hellenen selber zu, deren Stadtstaaten nur dann nicht in Permanenz übereinander herfielen, wenn auswärtige Invasoren und Konkurrenten ihnen keine Zeit dazu ließen. Warum sollte Platon sich bei seiner Kritik also gerade auf 'karthagische Verhältnisse' bezogen haben? Auch Sprague de Camp musste die Schwäche der Analogie zwischen Atlantis und Karthago natürlich auffallen und er stellt fest: "Andererseits war Karthago eine Republik (nicht ein Königreich, wie Atlantis), und zu Platons Zeiten war kein Gedanke an sein Verschwinden, im Gegenteil, es war noch dabei, an Macht zu gewinnen."

Man mag zunächst versucht sein, Sprague de Camps ersten Punkt zurückzuweisen. Schließlich war Karthago, das um etwa 850 v. Christus von der Tyrer-Prinzessin Elissa gegründet wurde, bei seiner Entstehung noch eine Monarchie (Elissa, besser bekannt unter dem Namen 'Dido', eine Tochter König Muttons I. von Tyros hatte sich der Überlieferung nach mitsamt Gefolge vom heimatlichen Hof abgesetzt, um der Tyrannei ihres Bruders Pygmalion zu entfliehen). Trotzdem liegt gerade in der Entstehungsgeschichte Karthagos ein weiteres, schwerwiegendes Argument gegen Bérards Atlantis-Lokalisierung.

Hat doch das, was wir im Timaios-Dialog über die Ursprünge von Atlantis erfahren, so gar nichts mit der Gründung der nordafrikanischen Punier-Metropole gemeinsam: Hier der patriarchale Poseidon mit seinem Schöpfungsakt aus eigenem Willen, dort die matriarchale Figur der Dido, die sich im Exil gezwungenermaßen eine neue Heimat aufbauen muss - zwei völlig unter-schiedliche Motive, die nichts miteinander zu tun haben. Zudem war die Gründung Karthagos für Platon und seine hellenischen Zeitgenossen keineswegs eine mythisch verbrämte, 'vorsintflutliche' Angelegenheit. Während der Atlantis-Komplex ihren völlig unbekannt war (Solon und Platon importierten die Kunde von Atlantis schließlich aus Ägypten), dürfte der Ursprung der wichtigsten Punier-Städte gebildeten Hellenen durchaus nicht unbekannt gewesen sein.

Karthago war schlichtweg nicht alt genug, um mit Atlantis identisch zu sein! Schließlich wissen wir heute recht genau, wann das historische Vorbild von Platons Ur-Athen tatsächlich existierte. Am Nordhang des Akropolisfelsens entdeckten Archäologen bei Ausgrabungen nämlich genau die Anlagen, die Platon im Kritias-Dialog ausführlich beschrieben hat: "Zunächst war die Akropolis damals nicht so beschaffen, wie sie es jetzt ist. [...] Ihre äußeren Abhänge waren von Handwerkern bewohnt und von Landwirten, welche das Land bestellten. Auf den oberen Teilen hatte bloß der Stand der Krieger für sich allein, um den Tempel der Athene und des Hephaistos herum, seine Wohnungen. [...] An der Stelle, wo jetzt die Burg steht, befand sich eine einzige Quelle, von der, als sie durch Erdbeben verschüttet wurde, ringsherum die jetzigen Bächlein geblieben sind" (12b-12d) Anhand von Keramikfunden in diesen Ruinen an der Akropolis ließ sich dann ziemlich genau ablesen, dass die alten Anlagen aus der spätmykenischen Epoche stammten". [5]

Abb. 4 Die prunkvolle Stadt Karthago wurde 146 v. Chr. von den Römern geschleift. Ihre Ruinen liegen heute bei einem modernen Villenvorort von Tunis.
Abb. 4 Die prunkvolle Stadt Karthago wurde 146 v. Chr. von den Römern geschleift. Ihre Ruinen liegen heute bei einem modernen Villenvorort von Tunis.

Selbst wenn wir, um des Arguments Willen, einmal voraussetzen, dass die Angaben der Neith-Priester weit übertrieben waren, Atlantis sei etwa 9000 Jahre vor ihrem Gespräch mit Solon untergegangen: in jedem Fall ist es völlig unsinnig, eine historische Konfrontation zwischen dem, 850 v. Chr. gegründeten, Karthago und einem Ur-Athen vorauszusetzen, das zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrhunderten nicht mehr existierte. Genau dieser Konflikt (Ägypten und Ur-Athen versus Atlantis) stellt jedoch eines von Platons zentralen Motiven dar, zu dessen Lebzeiten Karthago - wie Sprague de Camp bereits bemerkte - noch in voller Blüte stand.

Wie wir sehen, ist Bérards Atlantis-Lokalisierung in Karthago eine hübsche Gedankenspielerei, die aber schnell ihren Reiz verliert, wenn man sie etwas eingehender unter die Lupe nimmt. Und darin dürfte auch der Grund dafür liegen, dass Bérards Hypothese heute so völlig unbekannt ist: Sie war eine der unzähligen atlantologischen 'Eintagsfliegen', denn sie hatte weder für die Atlantisforschung, noch dem Publikum viel zu bieten. Dido und ihre frühen Karthager mögen mehr oder weniger entfernte Abkömmlinge der ursprünglichen Atlantier gewesen sein (siehe dazu etwa die Arbeiten von Jürgen Spanuth oder Jürgen Hepke) - mit den Geschehnissen, die Platon in seinen Dialogen Timaios und Kritias schildert, hatten sie bestimmt nichts zu tun.


Externum

Victor Bérard, "L’Atlantide de Platon" (aus: Annales de géographie, Volume 38, 1929), bei: Wikisource


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Victor Bérard, zit. nach L. Sprague de Camp, Versunkene Kontinente, Heyne / 1977, S. 202
  2. Anmerkung: Bérards Arbeit selbst kennt der Verfasser nicht, und bei Sprague de Camp kommt nicht immer klar zum Ausdruck, ob er gerade Bérards oder seine eigene Meinung darstellt.
  3. Quelle: L. Sprague de Camp, Versunkene Kontinente, Heyne / 1977, S. 202, 203
  4. Quelle: ebd.
  5. Quelle: Axel Hausmann, "Atlantis - die versunkene Wiege der Kulturen", Aachen, 2000, S. 47


Bild Quellen

(1) Association Culturelle Arménienne de Marne-la-Vallée (France), unter: http://www.acam-france.org/bibliographie/auteur.php?cle=berard-victor

(2) kriegsreisende.de, unter: http://www.kriegsreisende.de/soeldner/geschichte.php?artikel=hopliten/karthago.htm&td=3052004

(3) odophil - Rolands bunter Bilderbogen, unter: http://www.odophil.ch/numismatik/griechen/afrika/karthago/bild04.html

(4) tunesien.info, unter: http://www.fva-tunesien.de/ziele_karthago.htm (Bild nicht mehr online)