Die Chachapoya und die Kelten – Atlantisforschung

Die Chachapoya und die Kelten

Erläuterungen zu Hans Giffhorns Hypothese eines transatlantischen Kulturkontakts von Menschen der Alten und der Neuen Welt vor ca. 2000 Jahren

Abb. 1 Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya, München (C.H.Beck), 2. überarbeitete Auflage, März 2014, ISBN 978 3 406 66488 5
Abb. 1 Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya, München (C.H.Beck), 2. überarbeitete Auflage, März 2014, ISBN 978 3 406 66488 5

(red) Mit seinem - in seinem Buch "Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya" (Abb. 1) [1] vorgestellten - Erklärungsmodell zur Interpretation der Berichte spanischer Konquistadoren über europäisch aussehende Angehörige des Volkes der Chachapoya und zur Abstammung der 'Gringuitos', jener 'blonden Indios' (Abb. 2) der Andenregion, bricht der Kulturwissenschaftler Hans Giffhorn ein - nach wie vor bestehendes - Tabu der Mainstream-Altamerikanistik. Die betrachtet nämlich Annahmen zu präkolumbischen Kontakten zwischen Menschen der Alten und der Neuen Welt als Affront. Die Vorstellung von Europa oder Afrika ausgehender kultureller Diffusionsprozesse bezeichnet sie unverblümt als Herabwürdigung der Fähigkeiten amerinder (nativer) Amerikaner zu einer eigenständigen Kulturentwicklung.

Giffhorns gut fundierte Hypothese stellt jedenfalls alles andere als eine solche 'Herabwürdigung' dar. Sie zeigt lediglich sehr überzeugend auf, dass die südamerikanische Kultur der Chachapoya augenscheinlich lange vor Kolumbus, nämlich durch nach Amerika ausgewanderte Menschen aus dem antiken Iberien einen genetischen und kulturellen 'Input' erhalten hat, der nachweisbare Spuren hinterließ. Damit liefert der emeritierte Professor, der als erfahrener Kulturwissenschaftler für die vergeichende Analyse von alt- und neuweltlichen Kulturelementen bestens qualifiziert ist, einen Lösung für viele bisher ungeklärte Probleme der universitären Chachapoya-Forschung, die letztlich seit langen Jahren in einer 'Sackgasse' steckt.

Abb. 2 Foto einer jungen, blonden und braunäugigen Gringuita im Chachapoya-Gebiet. Die Abstammung der Gringuitos führt Hans Giffhorn auf Basis einer komplexen Argumentation auf die frühe Integration keltischer Emigranten in die Chachapoya-Kultur zurück.
Abb. 2 Foto einer jungen, blonden und braunäugigen Gringuita im Chachapoya-Gebiet. Die Abstammung der Gringuitos führt Hans Giffhorn auf Basis einer komplexen Argumentation auf die frühe Integration keltischer Emigranten in die Chachapoya-Kultur zurück.

So lassen sich eine ganze Reihe von Aspekten der Genese und Entwicklung dieser noch immer in vieler Hinsicht rätselhaften Anden-Kultur weder auf Basis der Annahme erklären, die Chachapoya hätten sich autochthon und weitgehend ohne fremde Einflüsse dort entwickelt, wo sich ihre späteren - im doppelten Wortsinn - 'Hochburgen', wie etwa Kuelap (Abb. 3) befinden, noch mittels der Vermutung, ihre Vorfahren seien irgendwann aus anderen Regionen Lateinamerikas - z.B. aus Mittelamerika, Nordkolumbien, von der peruanischen Pazifikküste, oder aus Amazonien - zugewandert.

Gerade mit den zuletzt genannten Erklärungs-Modellen hat sich eingehend der seit 1985 zu den Chachapoya forschende US-amerikanische Archäologe Warren B. Church von der Columbus State University befasst. Er hat entsprechende Theorien analysiert und das Fehlen wirklich überzeugender Parallelen zwischen der Kultur der Chachapoya und jenen der dortigen Altamerikaner deutlich gemacht. [2] Nicht zuletzt die Analyse zehntausender Tonscherben und anderer Artefakte aus dem Süden des Siedlungsraum der Chachapoya, die u.a. zeigen, dass diese Region bereits seit weit über 4.000 Jahren kontinuierlich besiedelt war, brachte Church zu der Schlussfolgerung, dass all jene Theorien, die den Ursprung der Chachapoya-Kultur in der Einwanderung eines älteren Volkes sehen, unzutreffend sind. [3]

Abb. 3 Einer der charakteristischen Rundbauten der Chachapoya in der Festung Kuelap
Abb. 3 Einer der charakteristischen Rundbauten der Chachapoya in der Festung Kuelap

Hans Giffhorn teilt die Überlegungen von Church, soweit sie sich auf dessen Analyse-Befunde beziehen. Er hält jedoch die Ursprünge anderer Komponenten der Chachapoya-Kultur wie z. B. die auffällige und typische Bauweise sowie u. a. die Ursachen von Tuberkulose-Befunden in Chachapoya-Mumien für nicht zufriedenstellend geklärt, und er vermutet, dass eine sich auf Lateinamerika beschränkende Fachdiskussion hier an ihre Grenzen stößt.

Giffhorn schlägt deshalb vor, auch eine Beeinflussung durch Menschen außerhalb Amerikas in Betracht zu ziehen, und er überprüft in dem Zusammenhang die zur Zeit verbreitetsten Aussagen zum Alter der Chachapoya-Kultur. Sein Ergebnis: Verschiedene Merkmale dieser Kultur könnten schon viel früher als bisher von den meisten Archäologen angenommen im Chachapoya-Gebiet aufgetaucht sein. Im Folgenden untersucht Giffhorn unter Abwägung verbreiteter Gegenargumente, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Kontakt von Menschen außerhalb Amerikas mit den Vorfahren der Chachapoya denkbar gewesen sein könnte und welche Kulturen dafür in Frage kämen. Aus den Untersuchungen leitet er ab, dass die meisten Fakten für den karthagisch-keltisch-iberisch geprägten Kulturraum im Gebiet des heutigen Spanien sprechen, und zwar während der Epoche vor der endgültigen Romanisierung Spaniens vor knapp 2000 Jahren. [4]

Bild:Giffhorn Steinschleudern.jpg
Abb. 4 Links: Eine Steinschleuder aus Leymebamba in der peruanischen Provinz
Chachapoyas; rechts: eine balearische Steinschleuder von der Insel Mallorca

Und genau in diesem Kulturraum zu dieser Epoche seien besonders auffällige und in solcher Menge und Detailliertheit bei keiner anderen Kultur vorhandene Ähnlichkeiten mit typischen Phänomenen der Chachapoya-Kultur zu entdecken, z. B. mit der Wohn- und Festungsarchitektur und mit speziellen Traditionen des Trophäenkopfkults, der Steinschleudern (Abb. 4) und der Schädelbohrungen.

In ihrer Gesamtheit – so Giffhorn – erlauben die Indizien das Formulieren einer Arbeitshypothese, die einen höheren Erklärungswert für wesentliche Teile der Chachapoya-Kultur besitze als die bis dahin vorliegenden Theorien. Weitere Untersuchungen zur Tuberkulose bei den Chachapoya und diverse Hinweise auf eine mögliche Vermischung einiger Chachapoya-Indianer mit Kelten aus Nordwestspanien sowie die Ergebnisse von DNA-Analysen heute lebender, hellhaariger Einheimischer, die Chachapoya unter ihren Vorfahren haben, sprechen seiner Meinung nach zusätzlich für einen Kontakt der indianischen Vorfahren der Chachapoya mit antiken Kulturen Südwesteuropas.


Siehe auch:

Extern in englischer Sprache:


Anmerkungen und Quellen

Ein Teil dieses Beitrags entspricht weitgehend einem vormaligen Abschnitt über Hans Giffhorns Modell im Lemma "Chachapoya" der deutschsprachigen Wikipedia, welcher im Juni 2014 der Löschwut einiger Wikipedianer zum Opfer fiel. Zu diesem - was die bei der Wikipedia üblichen Zensur-Praktiken betrifft - aufschlussreichen Vorgang siehe auch die dortige Diskussionsseite des Lemmas.

Fußnoten:

  1. Siehe: Hans Giffhorn, "Wurde Amerika in der Antike entdeckt? Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya", München (C.H.Beck), 2. überarbeitete Auflage, März 2014, ISBN 978 3 406 66488 5
  2. Siehe: Warren B. Church, Prehistoric cultural development and interregional Interaction in the Tropical Montane Forests of Peru. Dissertation. Yale 1996, S. 64–128; siehe auch: Inge Schjellerup, "Incas and Spaniards in the Conquest of Chachapoyas. Archaeological and Ethnohistorical Research in the North-eastern Andes of Peru", (Gothenburg Archaeological Theses. Bd 7), Göteborg 1997, ISBN 91-85952-52-4, S. 241
  3. Siehe: Warren B. Church und Adriana von Hagen, "Chachapoyas: Cultural Development at an Andean Cloud Forest Crossroads", in: Silverman, Isbell (Hrsg.), Handbook of South American Archaeology, New York 2008, S. 903ff; sowie: Warren B. Church, "Chachapoya Indians", in: H. James Birx (Hrsg.), Encyclopedia of Anthropology, Thousand Oaks, CA 2006, S. 496ff.
  4. Siehe: Martin Luik, "Der schwierige Weg zur Weltmacht. Roms Eroberung der iberischen Halbinsel 218–19 v. Chr.", Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3471-0, S. 110 ff.

Bild-Quellen:

1) Verlag C.H. Beck / Bildarchiv Atlantisforschung.de
2) Bildarchive Hans Giffhorn und Atlantisforschung.de
3) Gregor Ludwig / Frontzeck5567 bei Wikimedia Commons, unter: File:Kuelap 2012.JPG
4) Bildarchive Hans Giffhorn und Atlantisforschung.de