Mein Weg nach Atlantis – Atlantisforschung

Mein Weg nach Atlantis

von Jürgen Spanuth (1949)

Abb. 1 Ein Besuch der Schären im Jahr 1927 war der erste Schritt Jürgen Spanuths auf seinem Weg zur Atlantisforschung.
Abb. 1 Ein Besuch der Schären im Jahr 1927 war der erste Schritt Jürgen Spanuths auf seinem Weg zur Atlantisforschung.

Im Sommer des Jahres 1927 fährt eine Segeljacht durch die Schärenwelt (Abb. 1) an der westschwedischen und südnorwegischen Küste. Die drei Mann der Besatzung hat der Zufall zusammengeführt, neben dem Besitzer ist ein junger Dozent an Bord, der wenige Jahre später ein Buch über die "Kultspiele der Germanen" schreiben wird. Jetzt aber ist er noch nicht so weit, er sammelt noch das Material für diese umfangreiche Arbeit. In diesem Sommer will er insbesondere die zahlreichen bronzezeitlichen Felsbilder in dieser Gegend aufsuchen, sie studieren und abzeichnen. Der junge Gelehrte ist davon überzeugt, daß viele dieser Felsbilder Kultspiele aus den Tagen der Bronzezeit darstellen und für seine Arbeit von größtem Wert sind. So geht die Fahrt von Insel zu Insel, von Hafen zu Hafen. Der dritte Mann an Bord kommt aus den Bergen Obersteiermarks, er ist in die schleswig-holsteinische Heimat seiner Eltern und Vorfahren zurückgekehrt, um dort an der Universität Kiel - wie einst sein Vater - Theologie zu studieren. Die günstige Gelegenheit, einmal mit einer Segeljacht nach Schweden zu fahren, hat er freudig wahrgenommen, und so fährt er nun als Smutje und Mädchen für alles zur See. Oft steht er staunend vor den uralten Felszeichnungen und läßt sich ihren Sinn erklären. Der Student ahnt in jenen Wochen nicht, daß er hier den ersten Schritt tut auf dem Weg nach Atlantis. Er weiß überhaupt von Atlantis wenig oder nichts. Er nimmt sich aber vor, den Fragen und Problemen des heidnischen Kultes und der heidnischen Religionen im germanischen Raum nachzuforschen.

Zwei Jahre später sitzt derselbe Student in einem Seminar der Universität Kiel. Er hat inzwischen viele Bücher über die germanischen Religionen durchgearbeitet. Das Thema, das die wenigen Teilnehmer dieses Seminars beschäftigt, heißt: "Die Bekehrung der germanischen Stämme zum Christentum". Einer der Teilnehmer ist erkrankt, er hatte über die Bekehrung der Friesen zum Christentum zu arbeiten; der Student aus der Steiermark übernimmt diese Arbeit. Dabei müssen die Lebensbeschreibungen der ersten Bekehrer der Friesen durchstudiert werden. So erfährt der Student zum erstenmal von einem Hauptheiligtum der Friesen in heidnischer Zeit, das "Fositesland" genannt wurde und von den meisten Forschern auf Helgoland lokalisiert wird. Diese Arbeit über die Bekehrung der Friesen zum Christentum ist der zweite Schritt auf dem Weg nach Atlantis. Aber der Student ahnt nicht im geringsten, daß er diesen Weg betreten hat.

Wenige Jahre später hält er in seiner steirischen Heimat ein Telegramm in Händen, das ihn in eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein beruft. Schweren Herzens nimmt er Abschied von den plätschernden Bergbächen, den rauschenden Wäldern und den ragenden Bergen seiner Heimat, er hadert ein wenig mit dem Schicksal, daß er das alles verlassen soll, und weiß nicht, daß er auf dem Weg nach Atlantis ein gutes Stück weitergeführt wird. In Kiel erfährt der junge Theologe, daß er nach Nordfriesland fahren, daß er in Bredstedt den Zug verlassen muß, und als Trost wird ihm gesagt, daß auch in seiner neuen Gemeinde sich ein Berg erhebt. Diesen Berg hat er dann drei Tage lang gesucht. Schließlich fragt er danach und es wird ihm geantwortet, daß er schon mehrere Male über diesen "Berg", den Stollberg, gegangen ist.

Abb. 2 Die 'Heilige Quelle' am Ortsrand der Gemeinde Bordelum
Abb. 2 Die 'Heilige Quelle' am Ortsrand der Gemeinde Bordelum

In den nächsten Monaten und Jahren sitzt der neue Pastor der Gemeinde am Stollberg oft bei den friesischen Bauern. Wenn es draußen schummrig wird, dann erzählt manch einer von ihnen wohl eine der alten Sagen des Landes. Auf dem Stollberg - so weiß die Sage zu berichten - haben einst auf dem Felde "Hughsteen" riesige, hohe Steinsäulen gestanden. Erst vor kaum hundert Jahren sind sind die letzten dieser Steinsäulen zerschlagen und zum Haus- und Straßenbau verwendet worden. Bei den hohen Steinen stand in alten Zeiten ein goldener Stuhl, der soll noch heute dort oben irgendwo begraben liegen, aber nur der findet ihn, der in vollkommenem Stillschweigen verharrt.

Die Bordelumer Kirche ist die erste Kirche des Landes gewesen. Auf "Bolgstoft" unmittelbar neben der Kirche hat der erste Bischof von Schleswig seinen Sitz gehabt. Er liegt vor dem Altar der Bordelumer Kirche begraben. Die ersten Christen sind in der heiligen Quelle (Abb. 2) getauft worden, von der das Dorf Bordelum seinen Namen hat (friesisch: borle = sprudeln, quellen). Auf dem "Christhever" haben einst die ersten christlichen Prediger Gottes Wort verkündet, einer von diesen Priestern ist von einem heidnischen König erschlagen worden, noch jetzt kommt dieser Priester um Mitternacht mit dem Kopf unter dem Arm aus dem "Frau Mettenkoog" unmittelbar neben der alten Königsburg vorbei geschritten. All diese und andere Sagen leben noch heute in den Dörfern rund um den Stollberg oder werden in den alten friesischen Chroniken überliefert.

Als der junge Pastor diese Sagen hörte, erinnerte er sich an das, was er einst über die unglaubliche Zähigkeit gehört und gelesen hatte, mit der die Sagen des Volkes uralte historische Tatsachen und Erinnerungen an heidnische Kultfeiern überliefern. Es ist ihm bald klar, daß auch in diesen Sagen wertvolle Erinnerungen an den heidnischen Kult und an die Zeiten der Bekehrung der Friesen zum Christentum erhalten sind. Die Erinnerung an "Fositesland" tauchte auf und der Pastor suchte wieder die alten Manuskripte hervor und studierte die viel umstrittene Frage: "Wo lag Fositesland?" aufs neue. Bald erkannte er, daß Helgoland auf gar keinen Fall mit dem "Fositesland" der Bekehrer identifiziert werden darf. Viele Angaben in den Lebensbeschreibungen der Bekehrer Wulfram, Willibrord (Abb. 3) und Liudger schließen das zweifelsfrei aus. Zudem sind auf Helgoland nicht die geringsten Funde aus jenen Jahrhunderten gemacht worden. Hätte aber wirklich auf dieser Insel das Hauptheiligtum der Friesen gestanden, bei welchem "viele tausende der Friesen zusammenströmten", dann müßten sich die Funde aus jener Zeit auf Helgoland häufen.

Abb. 3 Der sog. 'Heilige Willibrord' (658-739 n. Chr.). Ereignisse, die in seiner Lebensgeschichte verzeichnet sind, haben sich auch in mündlichen Überlieferungen der Friesen erhalten.
Abb. 3 Der sog. 'Heilige Willibrord' (658-739 n. Chr.). Ereignisse, die in seiner Lebensgeschichte verzeichnet sind, haben sich auch in mündlichen Überlieferungen der Friesen erhalten.

Alle Angaben, die die Bekehrer von Fositesland machen, treffen nur auf eine einzige Stelle im friesischen Raume zu, und das ist der Stollberg. Hier haben einst, wie die Bekehrer berichten, "die Friesen und Dänen aneinandergegrenzt", hier standen auf der Höhe des Berges der goldene Stuhl und die riesigen Steinsäulen, von denen die Vita Wulframni berichtet. Der Berg trägt heute noch nach diesem Stuhl den Namen "Stohlberg". Hier fließt noch heute die "Lebensquelle", hier weiß man noch heute von der ersten Predigt, den ersten Taufen im heiligen Quell, dem ersten Bischof des Landes, der nach der Vita Liudgeri von Liudger selbst eingesetzt wurde. Ja, es ist wohl sehr wahrscheinlich, daß in der Sage von dem Priester, der um Mitternacht mit seinem Kopf unter dem Arm aus dem Frau Mettenkoog geschritten kommt, eine Erinnerung erhalten an die Enthaupthauptung des heiligen Wigbert, der nach der Vita Willibrordi vom heidnischen König Radbod wegen der Schlachtung der heiligen Schwäne auf einer Sandbank des Meeres enthauptet wurde.

So entsteht 1938 ein längerer Aufsatz: "Stollberg, ein altes friesisches Zentralheiligtum". Ohne jenen Anschauungsunterricht bei den nordischen Felszeichnungen, ohne jene Seminararbeit über die Bekehrung der Friesen, ohne die Berufung gerade in jene Gemeinde hätte ein Sohn der steirischen Berge diese Arbeit niemals schreiben können. Daß aber auch sie nur ein weiterer Schritt auf dem Weg nach Atlantis ist, ahnt niemand, am wenigsten der, der diesen Weg geführt wird.

Einige Jahre später liegt jener Theologe wenige hundert Meter vor den ersten Häusern von Leningrad. Der schreckliche Winter 1941/42 (Abb. 4) geht zu Ende, die noch viel schrecklichere Tauperiode hat begonnen. Eines Nachts bekommt er plötzlich den Befehl, eine Meldung zum Batallionsgefechtsstand zurückzubringen. Er tastet sich in völliger Dunkelheit zurück, die Leuchtspurgeschosse schwirren wie Hornissen um den einsamen Melder und blenden ihn oft sekundenlang. Es ist unmöglich, den Weg zu finden. Wo gestern noch weiße Schneeflächen waren, sind heute reißende Bäche, wo man gestern noch festen Boden unter den Füßen hatte, da versinkt man heute in Schlamm und Sumpf. Bald hat sich der Melder verirrt und tappt ohne jede Orientierung durch die stockdunkle Sumpflandschaft.

Abb. 4 Nach eigenen Angaben war J. Spanuth 1941/42 an der Ostfront bei Leningrad als Melder im Einsatz. (Bild: Deutsche Soldaten in der Nähe von Leningrad, 1941)
Abb. 4 Nach eigenen Angaben war J. Spanuth 1941/42 an der Ostfront bei Leningrad als Melder im Einsatz. (Bild: Deutsche Soldaten in der Nähe von Leningrad, 1941)

Plötzlich sieht er ein Licht, hört Stimmen, tastet sich durch eine Bunkertür und fragt die fremden Kameraden nach dem Weg. Ein Wort gibt das andere und plötzlich stellt sich heraus, daß in diesem Unterstand mit anderen Kameraden ein Student haust, der von seiner Doktorarbeit über "die Quellen der Liederedda" an das Infanteriegeschütz gerufen worden ist. Er hat jene Arbeit über den Stollberg gelesen und wollte sich daheim mit ihrem Verfasser in Verbindung setzen, aber der Krieg hat das alles verhindert. Diese Arbeit über den Stollberg interessiert den jungen Doktoranden deswegen, weil er zu der Überzeugung gekommen ist, daß in den Edden neben dem westnorwegischen Überlieferungsgut auch umfangreiches nichtnorwegisches Gut enthalten ist, das eine auffallende Verwandtschaft mit den alten friesischen Mythen, Sagen und Erinnerungen erkennen läßt. Während draußen die Granaten heulend ihre Bahnen ziehen, tauschen die beiden Kameraden ihre Kenntnisse aus, und beiden wird es immer wahrscheinlicher, daß in den Edden altfriesisches Überlieferungsgut erhalten ist. Die beiden sind sich einig, daß sie sich über dieses Thema noch eingehend unterhalten werden. Wiederum ist der Mann auf dem Weg nach Atlantis ein gutes Stück weitergeführt worden, er weiß es allerdings nicht, aber er ist froh, daß er jetzt wenigstens den Weg zum Batallionsgefechtsstand weiß.

Wenige Tage später fällt an seinem Infanteriegeschütz der Edda-Doktorand. Die Doktorarbeit über die Herkunft der nichtnorwegischen Quelle der Edda aus Nordfriesland wird nicht geschrieben werden, aber ihre Keime haben Wurzel geschlagen in jener dunklen Frühlingsnacht vor Leningrad. Wieder drei Tage später liegt auch der Melder verwundet im Schlamm. Er hat in den steirischen Bergen oft die Rotfährte von lungenverletztem Hochwild verfolgt und das Stück noch immer gefunden. Er glaubt zu wissen, was ein Lungendurchschuss bedeutet. Wenn man ihm jetzt sagen würde, daß er auf dem Weg nach Atlantis ist, dann würde er vielleicht müde lächeln und sagen, daß nun wohl alle Wege zu Ende seien.

Und doch hätte er sich geirrt. Als er am anderen Tage auf dem Hauptverbandplatz in Krasnoje Selo aufwacht, sagt der Stabsarzt zu ihm: "Da hat der liebe Gott noch mal den kleinen Finger dazwischen gehalten!" Zehn Tage später bringt ihn ein Flugzeug in die Heimat, acht Monate später sitzt er in einem Jagdhaus der Ardennen (Abb. 5), hat zehntausend Hektar herrlichster Hochwildjagd zu betreuen und keine andere Aufgabe, als Sauen und Hirsche zu schießen und in der herrlichen Waldluft seine Lunge ausheilen zu lassen. Dort in dem großen Frieden der weiten Wälder, in der Stille des einsamen Jagdhauses fängt der Keim, der in der Frühlingsnacht vor Leningrad gelegt wurde, an zu treiben: friesische Sagen in der Edda. Hier ist Zeit und Ruhe, dieser Frage nachzugehen, und bald stapeln sich Bücher über Bücher auf dem Tisch im stillen Jagdhaus in den Ardennen.

Abb.5 In den Wäldern der Ardennen erholte Spanuth sich von seiner schweren Verwundung. (Foto: Wald bei Semois)
Abb.5 In den Wäldern der Ardennen erholte Spanuth sich von seiner schweren Verwundung. (Foto: Wald bei Semois)

Als der nächste Winter ins Land zieht und die Berge und Täler der Ardennen mit einer glitzernden Schneedecke überzieht, steht das Ergebnis seiner vielmonatigen Arbeit fest: der Stollberg in Nordfriesland hat mit seinem heidnischen Heiligtum Modell gestanden für das Asgard der Edden. Was die Edden von Asgard und seinen heiligen Stätten, seinen Götterkämpfen und seiner Götter Sterben erzählen, ist diesem uralten Heiligtum Frieslands, seinen heiligen Stätten, seinen Jahresfesten und seinem Untergang im Jahr 780 nachgebildet.

Ein neues Problem ist aber in diesen achtzehn Monaten eifrigsten Studiums und erholsamer Jagd im Forst von St. Hubert aufgetaucht. Die Überlieferung der Griechen vom Hyperboreerland, seinem heiligen Berg mit dem goldenen Stuhl, seiner riesigen kreisrunden Steinsetzung, seiner heiligen Quelle, in der Schwäne schwimmen, seinem Tempel und seinem Kult zeigen eine derart auffallende Übereinstimmung mit den altfriesischen Überlieferungen von Fositesland, daß an der Identität beider kaum zu zweifeln ist. Immer und immer wieder drängt sich die Frage auf: was hat der hyperboreische Apoll mit dem friesischen Fosites zu tun?

Aber das Grübeln wird jäh unterbrochen, als die ersten amerikanischen Panzer durch die Ardennentäler rollen. Das Jagdgewehr muß mit dem Karabiner vertauscht werden und die Bücher mit der Kartentasche, statt Fosites (Abb. 6) und Apoll, den Göttern des Friedens und des Lebens, fordert Mars, der Gott des Krieges, jetzt seine Rechte. Ende August 1944 bekommt der Jäger aus den Ardennen den Auftrag, das alte Jesuitenkloster V., nicht weit von der deutschen Grenze, mit einer Handvoll Männern "bis zur letzten Patrone" zu halten. Zehn Minuten nachdem er den mächtigen Bau bezogen hat, steht er vor der großen Bibliothek; neben allen antiken und mittelalterlichen Werken stehen die modernsten Bücher aller Wissenschaftsgebiete. V. bleibt eine Insel des Friedens acht Tage lang. In diesen acht Tagen sitzt der Verteidiger von V. in der Bibliothek und wälzt umfangreiche Lexika, blättert in antiken Schriften, sucht in den neuesten wissenschaftlichen Werken, und das Stichwort ist immer wieder dasselbe: "H" = Hyperboreer.

Bald hat er einen eindeutigen Beweis in der Hand, daß das Hyperboreerland der Griechen wirklich, wie er es lange vermutet, mit der kimbrischen Halbinsel identisch ist. Alte griechische Schriftsteller berichten nämlich, daß das Hyperboreerland das einzige Land sei, in welchem der Bernstein gewonnen wird. Da die Westseite der kimbrischen Halbinsel nachweisbar das einzige Land war, aus welchem die alten Griechen ihren Bernstein bekamen, muß die kimbrische Halbinsel mit dem Hyperboreerland der Griechen identisch sein.

Abb. 6 Der Gott Fosites als Richter und Herr über Leben und Tod
Abb. 6 Der Gott Fosites als Richter und Herr über Leben und Tod

Daß die Beschreibung des Heiligtums des hyperboreischen Apoll im Nordland mit dem Heiligtum des Fosites auf dem Stollberg in allen Punkten übereinstimmt, ist ein Beweis, welch gute Kunde die alten Griechen von unserem Land hatten. Daß diese Kunde nicht nur durch reisende Bernsteinhändler aus dem Nordland vermittelt worden sein konnte, war - wenn man an die getreue Übernahme des hyperboreischen Kultes in Griechenland dachte - mehr als wahrscheinlich. So treu hält man nur an einem Kult fest, wenn es der Kult der alten Heimat ist, der Glaube der Väter.

Damit ergab sich eine neue Frage: Einwanderung der Nordvölker in Griechenland im zwölften Jahrhundert vor Christus. Damals im Kloster V. tauchte zum ersten mal Atlantis aus dem Dunkel der Vergangenheit auf, denn in einer der Schriften des Franzosen Vacher de Lapouge findet sich die Vermutung, daß die Einwanderung der Nordstämme in Griechenland um 1200 v. Chr. möglicherweise mit dem Untergang von Atlantis und dem im Atlantisbericht geschilderten Einbruch der Atlantier in Griechenland in Verbindung stehe.

Am achten Tag, nachdem der Befehl ergangen war, das Kloster V. bis zur letzten Patrone zu halten, kam der Befehl, die Stellung zu räumen. Als der Pastor das Kloster verläßt, weiß er, daß es keine komische Laune des Zufalls war, die ihn in dieses Gebäude geführt hat.

Nach Krieg und Gefangenschaft kommen Jahre, in denen es geradezu eine Erholung ist, aus dem Jammer der Gegenwart in ferne Jahrtausende zu fliehen. Wiederum stehen die Probleme des zwölften Jahrhunderts v. Chr. im Mittelpunkt der Studien. Dieses zwölfte Jahrhundert v. Chr. ist eines der interessantesten und folgenschwersten Jahrhunderte der europäischen Geschichte. Neben den Zahlreichen archäologischen Ausgrabungsfunden sind vor allem die gleichzeitigen Heeresberichte der ägyptischen Pharaonen, vor allem Ramses III., die Quellen zum Studium dieser Katastrophenzeit. Aus diesen Quellen ist klar ersichtlich, daß eine Klimakatastrophe, die sich seit 1300 angebahnt hatte, um 1200 einen schrecklichen Höhepunkt erreichte. [1] Am schwersten wurden durch diese Klimakatastrophe naturgemäß das weite Marschenland und die Küsten und Inseln in der Nordsee getroffen.

Abb. 7 Die Seeschlacht im Nildelta zwischen den Seevölkern ("Haunebu") und den Streitkräften Ramses III., 1198 - 1166 v. Chr. Umzeichnung eines Wandreliefs im Tempel von Medinet-Habu, Theben
Abb. 7 Die Seeschlacht im Nildelta zwischen den Seevölkern ("Haunebu") und den Streitkräften Ramses III., 1198 - 1166 v. Chr. Umzeichnung eines Wandreliefs im Tempel von Medinet-Habu, Theben

Dieses Land war ja, nur wenig über Mittelhochwasser liegend, allen Stürmen und Flutkatastrophen schutzlos preisgegeben. Wenn der Pharao Ramses III. berichtet, daß die Inseln und Küsten der Haunebu im Nordland durch große Erdbeben und gleichzeitige Sturmfluten im Meer versunken sind, daß ihre Königstadt untergegangen ist und das Bedürfnis der Münder - also der Hunger - die Haunebu aus dem Nordland getrieben hat, dann ist ohne Zweifel von jener Katastrophe die Rede, die um 1200 v. Chr. über unser Land hereinbrach. (Das Wort Haunebu kommt auch heute noch an unserer Westküste vor. Auf der Insel Röm liegt ein kleiner Ort Hauneby, das heißt Hafenstadt, und im Norden wird noch heute jeder Hafenplatz mit "Hauneby" bezeichnet.)

Eine Auswanderungswelle größten Ausmaßes wälzte sich aus dem Nordseeraum über ganz Europa. Es gibt über diese Wanderung der Nordseevölker eine so große Fülle an archäologischem Ausgrabungsmaterial, so viele zuverlässige, zeitgenössische ägyptische Nachrichten, daß wir uns ein recht genaues Bild über ihre Herkunft, ihre gewaltige Wucht, ihre Ursachen und Ziele und Folgen machen können. Sicher ist, daß diese Völkerwelle aus dem Nordseeraum zahlreiche Kulturelemente mitgebracht hat. So ist unter anderem auch der Kult des hyperboreischen Apoll aus dem Nordseeraum mit dieser Völkerwelle nach Griechenland gekommen, daher auch die auffallende Übereinstimmung zwischen dem Fositeskult und dem Apollokult.

Abb. 8 Homers Bericht vom Land der Phäaken enthält zahlreiche Übereinstimmungen mit dem Atlantisbericht.
Abb. 8 Homers Bericht vom Land der Phäaken enthält zahlreiche Übereinstimmungen mit dem Atlantisbericht.

Selbstverständlich haben diese Stämme aus dem Nordmeeraum auch die Erinnerung an ihre versunkene Heimat mitgebracht, so ist - wahrscheinlich durch Kriegsgefangene - diese Erinnerung an das untergegangene Land vor unserer Küste in die ägyptische Überlieferung und - mehr sagenhaft ausgeschmückt - in die Epen Homers gekommen. Homer erzählt vom Phäakenland genau dasselbe, was die Ägypter von Atlantis erzählt haben. Die Übereinstimmungen zwischen beiden Beschreibungen sind so zahlreich und bis ins Einzelne gehend, daß es gar keinem Zweifel unterliegen kann, daß das Phäakenland Homers mit dem Atlantis der Ägypter identisch ist. Beide Beschreibungen erzählen von ein und demselben Land: von dem untergegangenen Land vor unserer Küste, von Urnordfriesland.

So ist Atlantis wiedergefunden, wir kennen die genaue Lage der versunkenen Königstadt und wissen einiges über ihre große Macht, ihren gewaltigen Reichtum und ihre "rätselhaft hohe Kultur". Diese versunkene Stadt war durch viele Jahrhunderte das kultische und machtpolitische Zentrum des ganzen Nordseeraumes, von hier aus wurden große Mengen von Bernstein und Kupfer, das unmittelbar bei Helgoland in gediegener Form gefunden und in großen Mengen von den Kupferlagern im Stromgebiet der Elbe herabgeflößt wurde, in die ganze damals bekannte Welt bis nach Ägypten und Babylonien hin verfrachtet, Mächtige Stützpunkte und Kolonien hatte diese Königstadt "auf allen Inseln und an allen Küsten des äußeren und es inneren Meeres".

Ganz Nordafrika vom Atlantik bis an die ägyptische Grenze war seit 2400 v. Chr. eine reiche Kolonie dieser Stadt, um 1200 v. Chr. stehen die lybischen Völkerschaften noch unter dem Befehl der Könige, die hier residieren, und greifen zusammen mit den Nordseevölkern Ägypten an. Schon in den Inschriften der 1. Dynastie (um 3300 v. Chr.) taucht der Name der Haunebu-Nordseevölker auf, und der Pharao Cheops ist stolz, eine Prinzessin der Haunebu zur Gemahlin zu haben. In der Grabkammer ihrer vor ihr verstorbenen Tochter Meres-anch (* um 2600) ist diese Prinzessin aus nordischem Blut mit blonden Haaren und blauen Augen dargestellt. Jahrhunderte hindurch wurde in dieser Königstadt die europäische Geschichte mitgestaltet, als sie dann um 1200 v. Chr. in einer furchtbaren Katastrophe versank, da waren die Überlebenden noch stark genug, quer durch Europa und Kleinasien zu marschieren und mit Hilfe ihrer lybischen Untertanen das mächtige ägyptische Reich in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Heute rauscht das Meer, die wilde Nordsee, über diesem versunkenen Land. Wenn die altägyptischen Urkunden nicht von ihm erzählen würden, dann würde seine große Geschichte, seine hohe Bedeutung und sein schreckliches Ende unbekannt geblieben sein. So aber haben wir von diesem Land ältere und genauere Kunde als von irgend einem anderen Land Europas, und wir können mit Sicherheit sagen, daß einer der größten Denker der Menschheit, Homer, seine schönsten Verse von diesem Land, das er Phäakenland nennt, gesungen hat. Er hat die Schönheit des Landes, seinen kühnen Männern und seinen edlen Frauen in der Geschichte vom Aufenthalt des Odysseus bei den Phäaken ein unvergleichliches Denkmal gesetzt und das Felseneiland Helgoland im Brüllen eines Nordseesturmes besungen wie kein anderer nach ihm.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Jürgen Spanuth wurde erstmals veröffentlicht in: MERIAN - DAS MONATSHEFT IM HOFFMANN UND CAMPE VERLAG, herausgegeben von Heinrich Leippe, 2. Jahrgang - Hamburg 1949 - 5. Heft, S. 67-71

Unter "Bemerkungen" findet sich in diesem Heft folgender Kommentar des Herausgebers: "Die Ideen Spanuths, die ihn im Endergebnis dazu führten, Atlantis, die versunkene Königstadt Basileia, genau zu lokalisieren, sind an sich so spannend und fördern soviel friesisches Sagen- und Geschichtsgut zutage, daß wir sie trotz der zu erwartenden Einwendungen seitens der Wissenschaft unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Auch ist die Frage nach Atlantis eines der erregendsten Probleme, das die internationale Wissenschaft bis zum heutigen Tage bewegt."

Bei Atlantisforschung.de erscheint der Text in einer redaktionell bearbeiteten und illustrierten Online-Fassung zu Studienzwecken und als wissenschafts-geschichtliche Dokumentation.

  1. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: "Die end-bronzezeitliche Klimakatastrophe aus atlantologischer Sicht" (bb)


Bild-Quellen

(1) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Datei:Scharenkuste Norwegen.jpg

(2) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Datei:Bordelum Heilige Quelle.JPG

(3) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Datei:Willibrord.jpg

(4) Unbekannte Bild-Quelle

(5) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Datei:Semois.jpg

(6) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Datei:Forseti zu Gericht sitzend.jpg

(7) Wikimedia Commons, unter: File:Seevölker.jpg

(8) Wikimedia Commons, unter: File:Homer Musei Capitolini MC557.jpg