Buchbesprechung: Thorwald C. Franke: Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis

Abb. 1 Thorwald C. Franke
Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis

Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne
Books on Demand, Norderstedt, 2016
ISBN: 978-3-7412-5403-1
Preis: EUR 29,80
Tb, 593 Seiten, Autoren-Index

(rmh) In diesem wahrlichen Mammutwerk besteht bereits das Inhaltsverzeichnis aus 15 Seiten. In einem seiner zahlreichen Kapitel und Unterkapitel, "Antike Erwähnungen", berichtet der Autor beispielsweise über den Philosophen Numenios von Apameia, der um 150 n. Chr. lebte und 500 Jahre nach Platon der erste namentlich bekannte Atlantis-Skeptiker war – er hielt dessen Atlantis-Geschichte für frei erfunden.

Ausführlich beschäftigt sich Franke im Kapitel "Die Antike" u. a. mit dem weitgehend unbekannten Dichter Zotikos, der vor 270 n. Chr. lebte und klärt über einen "jener typischen Übersetzungsfehler des 19. Jahrhunderts" durch den Philologen und Philosophen Hermann Friedrich Müller, der die kurze Passage, in der Zotikos Atlantis erwähnt, unterlief. Diese falsche Übersetzung übernahm auch der bekannte deutsche Philologe Heinz-Günther Nesselrath – ein weiter Atlantis-Kritiker.

Im Unterabschnitt "Antike Nichterwähnungen" finden wir eine sehr wichtige Passage, in der der Mythos Aristoteles sei ein Gegner der Platonischen Atlantis-Geschichte gewesen, ohne jeden Zweifel ins Reich der Fabeln verwiesen werde kann. Die ausführliche Ansprache dieses Themas und die unumstößliche Aufklärung darüber ist ein großer Verdienst Frankes. In Wirklichkeit ist keine Erwähnung Aristoteles' zu Atlantis überliefert. Im Gegenteil beriefen sich Autoren auf Zitate von Aristoteles, mit deren Hilfe sie beweisen wollten, dass Atlantis real war!

In seiner Zusammenfassung der antiken Rezeption stellt Franke fest, dass Atlantis nicht im Zentrum der Wahrnehmung stand, sondern der Entwurf des Kritias-Dialogs vermutlich bis zu Platons Tod unvollendet in der Schublade lag. So stand der Öffentlichkeit zunächst nur der Timaios-Dialog zur Verfügung, indem Atlantis nur kurz erwähnt wird.

Für das Mittelalter – genauer ab der Jahre 1484/85 – stellt der Autor einen Paukenschlag und eine "Wiedergeburt Platons" fest. Dieser Paukenschlag war die Veröffentlichung der lateinischen Übersetzung von Platons Gesamtwerk durch den Humanisten und Philosophen Marsilio Ficino in diesen beiden Jahren. Jetzt war auch der Kritias-Dialog und somit der Kontext des gesamten Platonischen Werks bekannt. Erst durch die jetzt bekannten detaillierten Angaben im Kritias-Dialog wurde es möglich, an eine Identifizierung von Atlantis zu denken.

Im Kapitel "Die Entdeckung Amerikas" stellt Franke fest, dass etliche Forscher jetzt Amerika als Atlantis identifizieren. So setzte z. B. der niederländische Theologe und Humanist Gerhard Johannes Vossius 1650 Amerika mit den Überresten der untergegangenen Insel Atlantis gleich und erklärte die von Platon erwähnten 9000 Jahre dadurch, dass die Ägypter die Regierungsjahre von Regionalkönigen aufaddierten, die gleichzeitig in Ägypten herrschten. Er hielt die verbreitete Meinung, dass das heilige Land Atlantis war, für falsch. Ein prominenter Vertreter der Atlantis=Amerika-Theorie war freilich schon früher – 1623 – der englische Philosoph Francis Bacon –, der Atlantis zunächst tatsächlich mit Amerika gleichsetzte, später jedoch nur "ein Land innerhalb Amerikas neben Peru und Mexiko" als das ursprüngliche Atlantis ansah. Franke interpretiert diesen scheinbareren Widerspruch so, dass Bacon immer dann, wenn er von magna bzw. great Atlantis sprach, ganz Amerika meinte, während er – immer wenn er diese Begriffe wegließ – nur eine Region innerhalb Amerikas meinte.

Wie der Autor im Unterabschnitt "Neuzeitliche Staatsutopien" feststellt, kam es infolge der genannten Veröffentlichung durch Ficino zu einer Reihe von Staatsutopien mit verschiedener Intentionen, die er vorstellt und ausführlich bespricht.

In diesem Unterabschnitt führt er einen Exkurs zu "Francis Bacon als Inspiration für Esoteriker" durch, in dem er eine unbekannte durch Bacon Bensalem genannte Insel als "eine Inspiration für esoterischen und pseudowissenschaftlichen Unsinn" bezeichnet, in dem er die Erwähnung von Flugmaschinen und U-Booten anspricht, die bei Bacon eine "wissenschaftliche Zukunftsvision und eine Utopie auf einer fiktiven Insel sind, die mit Atlantis nichts zu tun hat" und als Quelle für das "spätere pseudowissenschaftliche Atlantis" ansieht, wie es bspw. von der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, Helena P. Blavatksy, zur Realität erklärt worden sei. Hier hätte ich mir etwas mehr (vorsichtige!) Offenheit gegenüber esoterischen Gedanken gewünscht anstelle der Abqualifizierung solcher Gedanken von vornherein als "pseudowissenschaftlichen Unsinn".

Abb. 2 Der Autor

In er Übergangszeit zwischen dem Barock und dem Zeitalter der Aufklärung gab, es, wie Franke im Kapitel "Die Suche nach dem Ursprungsort" feststellt, einen Perspektivwechsel im Umgang mit Platons Atlantis. Von nun an wurde der Ursprungsort von Atlantis nicht mehr an Amerika und dem Atlantik festgemacht. Insbesondere dank Athanasius Kircher und seiner berühmten Atlantis-Karte überwog nun die Ansicht, dass Amerika bestenfalls das von Platon erwähnte "Atlantis gegenüberliegende Festland" sein konnte, nicht aber Atlantis selbst.

Einen interessanten Gedanken hatte, wie der Autor im Unterabschnitt "Linguistisch-kulturelle Motivation" feststellt, der französische Diplomat und Philosoph Isaac de La Peyère 1655, nämlich dass es sog. "Präadamiten" gab – also Menschen vor dem biblischen Adam. Damit wurde erstmals der biblische Zeitrahmen gesprengt.

In der Zeit um 1178 brachte der Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon, wie Franke berichtet, die Idee auf, dass die langsame Abkühlung von den Polen her dazu führte, dass sich die Menschheit von Norden her über die Erde ausbreitete, doch unabhängig davon lokalisierte er – im Gegensatz zu anderen Vertretern ähnlicher Ideen – Atlantis im Atlantik. Er glaubte, dass die Astronomie der westlichen Völker von Atlantis kam.

Gar nicht positiv schreibt Franke über den französischen Bischof und Gelehrten Daniel Huet, der etwa 1679 die antiken Götter euhemeristisch deutete und sie so in die biblische Geschichte einband, dass ein „übler Mythenmix“ entstand. Franke lehnt den Euhemerismus, die besagt, dass die olympischen und andere Götter in Wirklichkeit vergötterte historische Menschen waren, rundweg ab. Damit engt er sich zum zweiten Mal (nach der grundsätzlichen Ablehnung alles Esoterischen) selbst ein und hält sich strikt an das von der Mainstream-Wissenschaft aufgestellte Paradigma. Die Verwendung von Begriffen wie in diesem Fall „übel“ sind m. E. hier eher nicht angebracht.

1680 hatte der Jesuitenpater und Universalgelehrte Sigüenza y Góngora den Einfall, dass die mexikanischen Indianer vom biblischen Naphtuhim abstammen, der im 1. Mose 10:13 erwähnt wird und der Sohn Mizraims war, der als Gründer Ägyptens galt. Der Jesuit setzte ebendiesen Naphtuhim mit Neptun gleich und folgerte, dass das im Atlantik gelegene Atlantis von Ägypten aus kolonisiert wurde und von dort aus Amerika. Sigüenza führte als Beleg für seine Idee kulturelle Ähnlichkeiten wie Pyramiden und den Kalender an.

Im Zeitalter der Aufklärung schließlich entstanden durch die Suche nach dem Ursprungsort die ersten Lokalisierungthesen, die Atlantis nicht im Atlantik oder in Amerika verorteten und damit war die weltweite Suche nach Atlantis eröffnet.

Ab 1775 begann – wie Franke schreibt – die Gruppe der sog. Göttinger Empiristen die Atlantisfrage intensiver zu bearbeiten, um schließlich eine klare, systematische Absage an die Existenz von Atlantis zu formulieren. Damit begann die Etablierung der verfestigten wissenschaftlichen Atlantisskepsis. Endgültig etabliert wurde die wissenschaftliche Atlantisskepsis 1855 durch den deutschen Altphilologen Franz Susemihl, wie Franke feststellt. In der Moderne wird die Idee von Atlantis im Atlantik als widerlegt angesehen, wie Franke mitteilt – eine Einschätzung, die meiner Ansicht nach schlichtweg falsch ist. Franke berichtet weiter über den Abbruch des Diskurses, der "Pseudowissenschaft" gezüchtet hätte. (Den Begriff "Pseudowissenschaft" setze ich deswegen in Anführungszeichen, weil er oft verwendet wird, um die Grenzwissenschaft zu diskreditieren). Franke erkennt, dass viele, aber nicht, alle Wissenschaftler dogmatisch sind. Er beginnt nun über "pseudowissenschaftlichen Atlantistheorien" zu sprechen, bei denen es sich um wissenschaftlichen Hypothesen aus vergangenen Jahrhunderten handele, die er aber als "überholt" und "widerlegt" bezeichnet. Wer eine 'gefallene' Hypothese dann noch aufgreift und vertritt, ist ein Pseudowissenschaftler, stellt Franke fest. Dies muss meiner Ansicht nach aber nicht grundsätzlich der Fall sein, denn es können immer wieder neue Belege für alte Theorien auftauchen. Leider werden diese aber von der Mainstream-Wissenschaft komplett ignoriert. Wenn wir bei Franke bleiben, ist zu erwähnen, dass er auch über politische und rassistische Motivation für bestimmte Atlantisideen spricht. Und so widmet Franke dem Thema "Nationalsozialismus und Atlantis?" ein langes Kapitel.

Er stellt fest, dass die Rolle von Atlantis in den nationalsozialistischen Kreise nicht über eine privat gebliebene Minderheitsmeinung hinausging. Franke behauptet, dass Hitler kaum oder gar nicht von okkulten Gruppen beeinflusst war. Dies widerspricht meinen eigenen Recherchen. Doch Hitler war ein Chamäleon, änderte stets seine Meinung zu bestimmten Themen, wie er sie gerade brauchte und so ist es schwierig, seine wirkliche Einstellung zu bestimmten Themen – wie eben diesem – zu erkennen. Mit Recht sagt Franke, dass das nationalsozialistische Weltbild den Gedanken an eine vorzeitliche Menschheitskatastrophe an eine vorzeitliche "Rasse", die als "arisch" bezeichnet wird, vertritt, die jedoch "im Norden", manchmal auch in Indien verortet wurde – nicht aber in Atlantis!

Franke sagt, dass Hermann Rauschnings "Gespräche mit Hitler" (Buchtitel) eine Fälschung seien. Das kann man theoretisch so sagen, doch mir ist diese Feststellung etwas zu krass ausgedrückt, denn die Gespräche sind wohl nicht wörtlich so abgelaufen, wie es das Buch sagt, sondern aus dem Gedächtnis geschrieben - erfunden sind sie jedoch nicht. Aber unabhängig davon meint Rauschning, wenn er – ein einziges Mal! – von Atlantis spricht, dieses nur metaphorisch, wie Franke mit Recht feststellt.

Das Buch enthält noch drei interessante Anhänge.

Jeder am Thema Atlantis Interessierte sollte dieses Buch gelesen haben, denn diese Zusammenstellung zahlreicher Informationen über die Geschichte der Atlantis-Betrachtung ist einzigartig! Wäre das Buch ohne Scheuklappen geschrieben worden, wäre es noch besser geworden.


Das Buch gibt es in dieser Form nur noch, solange Vorrat erhältlich ist (z. B. bei Amazon.de). Ansonsten musste es in zwei Bände aufgeteilt werden. S. dazu auch hier. Dort finden Sie auch weitere interessante Informationen zum Inhalt des Buches/der Bände einschließlich Inhaltsverzeichnis und Korrigenda und Addenda.