Der Wahrheitsgehalt der Mythen

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Die weißen Götter: Diffusionismus einmal anders herum, Teil IV

von unserem Gastautor Reinhard Prahl

Abb. 4 Woher stammte der hellhaarige und bärtige Gott Viracotcha? Sind die Legenden um ihn wirklich Indizien für frühe, interkontinentale Kontakte zwischen Europa und Amerika?

Aber die Mythen sprechen doch ganz eindeutig davon, Viracocha bzw. Quetzalcoatl sei aus dem Osten gekommen und auch dorthin wieder entschwunden. Also muss doch etwas daran sein! Oder etwa nicht?

Wie Nigel Davies in seinen beiden Büchern „Bevor Columbus kam“ und „Die versunkenen Königreiche Mexikos“ einwandfrei nachweist, stimmt die Interpretation der Mythen, die über das Meer gekommene Götter voraussetzt, nicht. In Mexiko ist eine anthropomorphe (menschengestaltige) Form des Quetzalcoatl vor 700 N. CHR. überhaupt nicht bekannt. [Davies, Mexiko, S. 157]. Die erste bekannte Abbildung der „Gefiederten Schlange“, wie Quetzalcoatl übersetzt heißt, wurde vom mexikanischen Archäologen César Saenz 1960 in Xochicalco (sprich: Schochkalko) entdeckt.

Er fand drei Stelen, die „Abbildungen der klassischen Götter Teotihuacans, vor allem des Hauptgottes Tlaloc, Seite an Seite mit den führenden Göttern der nachklassischen Epoche“ [Davies, Mexiko, S. 155] zeigen. Und weiter: "Diese Stelen, etwa auf 700 n. Chr. datiert, sind die ersten bekannten Portraits von Quetzalcoatl, also kein Symbol mehr wie in den Teotihuacan-Reliefs der >Gefiederten Schlange<, sondern als Mann, mit den kunstvollen Insignien des Morgensterngottes ausgestattet. In dieser Gestalt erscheint er von nun an in Tula und anderen Orten.“ [Davies, Mexiko, S. 157].

Tula war, wie der geneigte Leser vielleicht weiss, die Hauptstadt der Tolteken, die in Mexiko erst um 700 n. Chr. aus dem Dunkel der Geschichte auftauchen und um 1250 n. Chr. wieder von der Bildfläche verschwanden. Ein menschlicher Quetzalcoatl ist also alles andere, als als ursprünglich zu bezeichnen. So ist es also nicht verwunderlich, dass die Spanier diesen toltekischen Mythos, der von den Azteken übernommen worden war, gegenüber Moctezuma, dem letzten Aztekenherrscher, ausnutzen konnten. Doch mit den frühesten Hochkulturen Mexikos, und um diese geht es ja schließlich in diesen Mythen, hat diese Geschichte nichts zu tun. Des-weiteren ist der Teil der Geschichte, nach dem die „Gefiederte Schlange“ dereinst zurückkehren würde, nicht auf einheimische Quellen zurückzuführen.

Diese Geschichte brachte zwischen 1530 und 1546 Frater Motolina, ein HISPANISCHER CHRONIST auf und erst GEGEN ENDE DES 16. JAHRHUNDERTS berichtet Frater Medieta dieselbe Geschichte [Davies, Columbus, S. 217/218]. Die einheimischen in Nahuatl-Sprache aufgeschriebenen Versionen des Mythos klingen indes ganz anders. Nach ihnen wurde der Gott im Osten ein Opfer der Flammen und anschließend in den Morgenstern (die Venus, d. V.) verwandelt. Eine weitere Version der Geschichte berichtet, er sei in einem Schlangenfloss fortgegangen, von einer Rückkehr ist hier nie die Rede. [Davies, Columbus, S. 218]

Und wie verhält es sich in Peru? Kurz gesagt: sehr ähnlich: „Wie Quetzalcoatl verließ Viracocha schließlich das Land. Die am meisten anerkannte und allgemein verbreitete Darstellung von Tici Viracochas Verschwinden aus der Welt berichtet, er sei zuerst nach Cuzco gegangen, von wo aus er nach vielen Wechselfällen die Küste von Ecuador erreichte, seinen Mantel ausbreitete und über die See jagte wie Schaum (Viracocha bedeutet >Schaum des Meeres<). Die entschwundene Gottheit lebte dann, wie mehrere Darstellungen aussagen, im Himmel, nachdem sie auf dem Meer und den Flüssen gewandelt und zum Himmel aufgefahren war. Andere historische Quellen sagen aus, Viracocha sei (wie auch Quetzalcoatl) an der Küste in Flammen aufgegangen.“ [Davies, Columbus, S. 221] Die Ankunft des Gottes in Ecuador wird auch durch Thor Heyerdahl in seinem Buch „Die Pyramiden von Tucumé“ bestätigt und Heyerdahl darf wohl als Alternativforscher par exellance gelten.

Schwer fällt es dem Fachmann Davies aus seiner Sicht verständlicherweise aber, sich trotz der von ihm zitierten Schurkereien der Spanier mit der Hellhäutigkeit Viracochas anzufreunden. Nach einigen Deutungen war der „Schaum des Meeres“ eine mildtätige Gestalt, die als Wanderprediger über das Land zog und Wunder vollbrachte. ER sei in einem langen weißen Mantel gekleidet gewesen und habe einen Wanderstab bei sich gehabt und einen Bart getragen. Über ihn schreibt Davies: „Dieser Wandergott, mit einem langen weißen Mantel bekleidet und einem Wanderstab als Stütze, hat auch zwangsläufig einen Bart, ist aber nicht immer hellhäutig.“ [Davies, Columbus, S. 221]

Abb. 5 Die Olmeken, die vermutl. um 1500 v. Chr. in Mittelamerika auftauchten, brachten bereits eine beeinduckende Kultur in ihre neue Heimat mit.

Diese Aussage bedeutet nichts anderes, als dass es durchaus Vorstellungen von einem weißhäutigen Viracocha gab. Übrigens gab es in einem Ort namens Cacha eine Statue des Gottes, auf die diese Beschreibung passt. Sie wurde u. a. vom hispanischen Chronisten Cieza de León beschrieben. Dies widerlegt die öfter angeführte Vermutung, die oben erwähnte Beschreibung sei von der biblischen Jesusfigur abgewandelt, denn diese Statue gab es lange bevor die Spanier nach Peru kamen.

Wie wir also sehen gibt es keinen Grund anzunehmen, Viracocha oder Quetzalcoatl sei aus der Alten Welt nach Amerika gekommen. Es handelt sich um einheimische Götter. Andererseits scheint die Geschichte um einen oder wahrscheinlicher eher sogar mehrere weiße Götter dennoch eine Grundlage zu haben. Wenn dieser Ursprung aber nicht in der Alten Welt liegt, kann er nur in Amerika selbst liegen. Wer aber könnte auf ein oder mehrere Völker einen so starken Eindruck hinterlassen haben, dass er oder sie in Mythen zu einem oder mehreren Göttern wurde? Ein Beispiel hierzu:

Im Zusammenhang mit dem Auftauchen der Olmeken in Mittelamerika um 1500 v. Chr. schrieb der bekannte Alt-Amerikanist Jaques Soustelle: „In den Augen dieser einfachen Maisbauern mußten diese merkwürdigen Menschen, die Monumente errichteten, Steine bearbeiteten, bis dahin unbekannte Riten um einen Gott mit katzenartigen Zügen zelebrierten, wie Halbgötter, wie verehrungswürdige, aber auch furchteinflößende Magier erscheinen.“ [S. 164] Wir sehen also, die eingangs gestellte Frage ist absolut berechtigt. Doch zu Zeiten der Olmeken gab es die Mythen um Viracocha/Quezalcoatl zumindest in Südamerika nachgewiesenermassen bereits. Es gibt Reliefs und andere olmekische Kunstwerke, die auf genau diesen Gott anzuspielen scheinen. Die Olmeken können demnach kaum für die Entstehung dieser Mythen verantwortlich zeichnen, sie haben sie allerdings wahrscheinlich nach Mesoamerika importiert. Wo aber sollen wir suchen?


Fortsetzung:

Die Kulturbringer aus einem fernen Land


Bild-Quellen

(4) http://home.tiscali.be/asbayudanos/Viracocha.jpg (nicht mehr online)

(5) http://www.mayanworldalltours.com/images/olmecs-village.jpg (nicht mehr online)