Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien

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von Michael Arbuthnot

Abb. 1 Die Besiedlung des amerikanischen Westens wird auch heute noch idealisiert und glorifiziert. Bild: Daniel Boone eskortiert Siedler in Cumberland, 1851.

Im frühen und mittleren 19. Jahrhundert zogen amerikanische Siedler in dem Bestreben westwärts, riesige Landstriche in Amerikas Plain-Regionen zu besiedeln. Bei ihrem Zug nach Westen über das Appalachen-Gebirge, stolperten die Siedler über erstaunliche Erdwerke und Mounds sowie auf feindselige eingeborene Völker.

Obwohl Naturforscher wie William Bartram, Reverend James Madison und Dr. James McCulloh glaubten, dass diese Artefakte das Werk amerikanischer Indianer seien, schlugen andere Persönlichkeiten wie Benjamin Barton, Gouverneur De Witt Clinton und Amos Stoddard Gegen-Theorien vor. Einiger dieser phantasievollen Theorien schrieben die Erd-Mounds den Dänen, Wikingern und Walisern zu. Andere, noch lächerlichere [sic!; d. Red.] Theorien wurden vorgeschlagen, die annehmen, die Artefakte seien von den Angehörigen einer mysteriösen verschollenen Zivilisation errichtet worden.

Josiah Priest's "American Antiquities and Discoveries in the West" (1833) nahm an, dass die Überbleibsel von einer verschollenen Rasse zivilisierter "Moundbauer" errichtet worden seien, die bei der Ankunft der Indianer ausgelöscht wurde. (Trigger 1989: 104-5) Diese Theorien wurden schnell von einer eurozentrischen Öffentlichkeit akzeptiert und halfen rassistische Anschauungen anzuheizen, die ausgezeichnet zu den westwärts orientierten Pioniere passten. Die Indianer wurden als blutdürstige Wilde betrachtet, die Land und Leben bedrohten. Diese Gefühle rassischer Überlegenheit rechtfertigten gleichermaßen die Ausrottung der Indianer durch die Pioniere, wie die Aneignung ihres Geburtslandes.

Auch bemerkenswerte Forscher, wie Ephraim G. Squire und Edwin H. Davis favorisierten ursprünglich die Theorie von den verschollenen Moundbauern. In der ersten Publikation der gerade gegründeten Smithsonian Institution, "Ancient Monuments of the Mississippi Valley" (1848), schlugen Squire und Davis vor, dass die alten Moundbauer vom Ohio vermutlich nach Mexiko übersiedelten, nachdem sie auf die indigenen Amerikaner gestoßen waren. 1849 machte Squier eine Studie zu mehreren Mounds im westlichen New York und entdeckte Evidenzen für die Annahme, die Irokesen (Iroquois) seien für die Mounds in jener Region verantwortlich. Diese Offenbarung brachte Squier dazu, seine Vorstellungen zu überdenken und die Theorie der verschollenen Moundbauer zu verwerfen.

Abb. 2 Der amerikanische Historiker Samuel Haven (1806-1881)

Mitte des 19. Jahrhunderts favorisierten andere Forscher, wie Samuel Haven (Abb. 2) und Henry Schoolcraft bezüglich der Erd-Werke ebenfalls ein Modell kultureller Kontinuität. Ihre Schlussfolgerungen basierten auf starken Skelett- und Keramik-Evidenzen (Wiley und Sabloff 1998: 42-46). Jedenfalls setzte der Ethnologe Cyrus Thomas erst in den 1890ern der Theorie von den verschollenen Moundbauern ein Ende. Nach extensiven Mound- Ausgrabungen, die vom Bureau of Ethnology gesponsert wurden, veröffentlichte Cushing seine Befunde in dessen zwölften Jahresbericht. Cushing fand nicht nur Evidenzen für eine kulturelle Kontinuität, welche die Mounds mit den zeitgenössischen indigenen Amerikanern in Verbindung setzte, sondern er nahm auch an, dass die Vorfahren verschiedener noch vorhandener indigener Gruppen für unterschiedliche Mounds verantwortlich seien. Diese grundlegende Resolution besiegelte den Sieg der kulturellen Kontinuität und einen Triumph über den Rassismus (Wiley und Sabloff 18?: 47-49).

Während Archäologen Mitte des 19. Jahrhunderts über die Ursprünge der Strukturen der Neuen Welt stritten, führten Kultur-Evolutionisten wie Lewis Henry Morgan und Edward B. Tylor ethnographische Untersuchungen nativer Populationen durch. In ihrem Bemühen, kulturelle Ähnlichkeiten zwischen diversen Völkerschaften zu erklären, präferierten die Evolutionisten die Theorie der Psychischen Einheit ("Psychic Unity"), welche generell Diffusions- und Migrations-Theorien ablehnte (Bohannan & Glazer 1988). Aber während des späten 19. Jahrhunderts führten steigendes Vertrauen in Diffusion und Migration als Prozesse kulturellen Wandels, und eine wachsende Skepsis gegenüber der 'Psychischen Einheit' den deutschen Ethnologen und Geographen Friedrich Ratzel dazu, solche Bücher wie "Anthropogeographic" und "The History of Mankind" zu schreiben. Ratzel argumentierte, dass wichtige Entdeckungen, wie Pfeil und Bogen, vermutlich nur ein einziges Mal erfunden wurden. Dieser Vorstellung entsprechend, schuf die Diffusion Kultur-Gebiete, welche aus den archäologischen Aufzeichnungen zu deuten seien (Trigger 1989: 151).

Ratzels Theorien beeinflussten den jungen Franz Boas (Abb. 3), der dann die Konzepte der Diffusion und ethnographischen Kultur in die Vereinigten Staaten brachte. Die Kulturgeschichte in Europa und den Vereinigten Staaten entwickelte sich danach völlig unterschiedlich. Kurz gesagt waren die Europäer mehr an chronologischen Variationen interessiert, während die amerikanischen Archäologen sich in erster Linie auf die geographischen Variationen konzentrierten. Franz Boas forderte eine Rückkehr zum historischen Partikularismus, zu einem induktiven Herangehen an die Kulturgeschichte (Wiley und Sabloff 1998: 91). Obwohl dieses investigative Rahmenwerk ursprünglich Diffusion als Modell zur Erklärung kultureller Ähnlichkeiten betrachtete, führten die Methoden, die es gebrauchte, ironischerweise zu einer Negation eben dieses Prinzips. Es war ein Fall von methodologischem Nihilismus.

Abb. 3 Der deutschstämmige Archäologe Franz Boas wandte sich vom Diffusionismus ab und dem Isolationismus zu.

In der folgenden Periode, als klassifikatorisch-historische Periode bekannt (1914-1940), übernahmen Boas und seine Zeitgenossen, darunter Max Uhle, Manuel Gamio, N.C. Nelson und andere, neue Analyse-Verfahren, die in Europa entwickelt worden waren. Stratigraphische, seriationale [= reihenweise angeordnete] und klassifikatorische Methoden gaben den Blick frei auf Sequenzen, Chronologien, und illustrierten den kulturellen Wandel auf neuen und profunden Wegen.

Es war die Enthüllung eines internen Kultur-Wandels, kombiniert mit dem steigenden Alter indigener nordamerikanischer Kulturen, die Boas zu seiner Ablehnung der Diffusion bewegten (Trigger 1989: 187). Er meinte, er könne kulturellen Wandel als Ergebnis einzigartiger und natürlicher Reaktionen auf Umwelt-Bedingungen erklären. Nach Boas ereigneten sich solche Veränderungen nicht innerhalb eines unilinearen oder evolutionären Systems (Wiley und Sabloff 1998: 96-100). 1925 erklärte Boas "Die Diffusion ist erledigt", und so war es auch (Eggan 1976: 4). Boas Meinung wurde weithin angenommen und von der Scientific community akzeptiert. Er bekam das Etikett des 'Vaters der nordamerikanischen Anthropologie' und mit seinem Urteil war ein neuer paradigmatischer Präzedenzfall etabliert.

Die weit verbreitete Akzeptanz der kulturellen Kontinuität durch Archäologen hat, zusammen mit Boas' einflussreicher Ablehnung der Diffusion eine zersetzende Wirkung auf Theorien zu kulturellen Kontakten, Diffusion und Migration innerhalb des nord-amerikanischen archäologischen Paradigma gehabt. Heutzutage werden Theorien, die solche Modelle des Kultur-Austausches unterstützen, häufig wegen eines Mangels an korrespondierenden Evidenzen abgelehnt, und / oder als Angriff auf die indigene Innovativität und Entwicklung betrachtet.

Viele indigene amerikanische Gruppen und Forscher interpretieren Diffusions-Theorien ebenfalls als eine Degradierung der indigenen Völker und der ihnen innewohnenden Fähigkeiten, obwohl nichts an den Diffusions- oder Migrations-Theorien solche Auffassungen nahelegt. Die Akzeptanz weit verbreiteter Diffusion im alten Europa war niemals angebunden an Theorien rassischer Überlegenheit oder Dominanz. Eher liegt dies am Kontext der historischen Entwicklung dieser Theorien in Nordamerika sowie an der Reaktion auf vergangene und gegenwärtige politische Probleme in den Vereinigten Staaten, die weiterhin eine ernsthafte Berücksichtigung von Diffusion und Migration verhindern. Diese allgemeine Ablehnung und politische Pauschalisierung hat sich als nachteilig erwiesen, abgesehen von einer gewaltigen Fülle an Beweisen für das Gegenteil.

Abb. 4 Bearbeitete Mikrolithen sind häufig die einzigen paläolithischen Gebrauchsgegestände, die heute noch aufzufinden sind.

Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Ablehnung von Diffusions- und Migrations-Theorien ist ein generell fehlendes Zutrauen der Scientific community bezüglich der Fähigkeiten und Technologien prähistorischer Menschen. In den vergangenen 40 Jahren haben Archäologen ein Modell der [frühen] Besiedlung Amerikas unterstützt, das gänzlich an ein vorgefasstes Bild von eben diesen Immigranten gefesselt ist. Mit anderen Worten wurden alternative Spekulationen wegen der Annahmen dieser Wissenschaftler über spät-pleistozäne Technologien in Bausch und Bogen verworfen.

Das vorherrschende Modell für die Besiedelung der Neuen Welt besagt, dass etwa vor 13 500 Jahren Großwildjäger aus Asien die Bering-Landbrücke überschritten, auf der Jagd nach Wild den eisfreien Korridor (das heutige Kanada) durchquerten und dann schnell ihren Weg nach Südamerika gingen (innerhalb von 2000 Jahren). Dieses Modell stellt die asiatischen Immigranten als in Fell gekleidete, höhlenmenschenartige Wilde mit wenig technologischen Know-how jenseits simpler Steinwerkzeug-Herstellung vor.

Konsequenterweise würde dieses populäre Bild gleichförmig und weltweit dem Menschen des späten Pleistozäns zugedacht, freilich ohne Unterstützung durch umfassende Evidenzen. Jedenfalls steht diese explizite Annahme in Widerspruch zu substantiellen Evidenzen in anderen Teilen der Welt. Beispielsweise wurde die Möglichkeit, dass die ersten Bewohner der Neuen Welt hochseetaugliche Schiffe besaßen, weitgehend ausgeschlossen.

Jedenfalls gibt es unbestreitbare Evidenzen, dass Seereisen in weitaus ferner zurückliegenden Zeiten stattgefunden haben. Es ist allgemein akzeptiert, dass prähistorische Menschen Australien vor wenigstens 40 000 Jahren erreichten. In solchem Licht scheint es keine Überanspruchung der Vorstellungskraft zu sein, wenn man annimmt, dass 30 000 Jahre später Menschen in Asien über solche maritimen Technologien verfügten. Bis in die jüngsten Jahre hinein wurden solche Vermutungen komplett lächerlich gemacht.

Abb. 5 Archäologische Spuren jahrtausendealter Riet-Schiffe, wie sie heute von Forschern zu experimentellen Zwecken nachgebaut werden, wird man zumeist vergeblich suchen. Das widerlegt jedoch keineswegs ihre prähistorische Existenz!

Archäologen sind empirisch auf handfeste Daten fixiert, die sich wiederum auf unvergängliche Materialien beschränken. Nach Meinung des Autors liegt ein Grund dafür, dass Archäologen fortgesetzt die Fähigkeiten und Technologien früher Menschen unterschätzen darin, dass ihre Interpretation von steinernen Überbleibseln abhängig ist.

Dieses Faktum hat viele Archäologen dahingehend beeinflusst, zu schlussfolgern, dass abgesplittertes Stein-Werkzeug (Abb 4) der primäre, wenn nicht einzige, Werkzeug-Typ war, den spät-pleistozäne Populationen verwendeten. Nur deshalb jedenfalls, weil Lithen [1] im Feld leicht wiederzuentdecken sind, heißt das nicht notwendigerweise, dass abgesplitterte Stein-Werkzeuge die einzigen kulturellen Technologien darstellten, in deren Besitz spät-pleistozäne Immigranten in die Neue Welt waren.

Beispielsweise nimmt man an, dass der Mangel an prähistorischen Artefakt-Überresten in Asien möglicherweise Resultat einer weit verbreiteten Verwendung von Bambus in alten Zeiten sein. Bambus und andere organische Materialien sind schnell aus einer archäologischen Aufzeichnung verschwunden.

Auf diese Diskussion bezogen wird man Flöße oder seetaugliche, aus Riet, Bambus oder anderen vergänglichen Materialien gebaute Schiffe (Abb. 5) schwerlich 'im Feld' entdecken. Dies ist kein Hinweis darauf, dass diese Technologien nicht bei einigen präkolumbischen Bewohnern der Neuen Welt in Gebrauch waren. Tatsächlich legen einige der zwingendsten Evidenzen zur Stützung präkolumbischer Diffusion von Asien nach Amerika transozeanische oder Küsten-Seefahrt nahe.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Michael Arbuthnot (©) erschien online erstmalig unter dem Titel "History of the Decline of Diffusion and Migration Theories" unter http://www.teamatlantis.com/yucatan_test/research_decline.html; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de

  1. Red. Anmerkung: Lithen = 'Steine', Objekte natürlichen oder artifiziellen Ursprungs aus Stein


Bild-Quellen

(1) http://65.40.245.240/gallery/women/wwplns51.gif (nicht mehr online)

(2) AMERICAN ANTIQUARIAN SOCIETY, unter: http://www.americanantiquarian.org/images/guidebook/briefhistory/haven.jpg

(3) DOCUMENTARY EDUCATIONAL RESOURCES, unter: http://www.der.org/films/images/franz-boas.jpeg (Bild nicht mehr online)

(4) Prehisto - L'HOMME PREHISTORIQUE, unter: http://www.ifrance.com/prehisto/outilm126.jpg

(5) Inka's Empire Tours - Luxury Peru Tours & Travel, unter: http://www.inkas.com/tours/jpg_files/jpg_photos/titikaka/totora_reed_vessel.jpg (Bild nicht mehr online)