Das derzeitige Seevölker-Paradigma

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von unserem Gastautor Dr. Horst Friedrich (1990)

Abb. 1 Die Reliefs an den Wänden des Tempels von Medinet Habu liefern vielfältige und teilweise verwirrende Hinweise auf die ethnische Vielfalt der sogenannten 'Seevölker' - Hinweise, die sowohl das derzeitige Seevölker-Paradigma als auch den alternativen 'germanischen' Interpretations-Ansatz von J. Spanuth infrage stellen.

Einen ausgezeichneten Überblick über leicht von einander abweichende Varianten des derzeitigen Seevölker-Paradigma findet man bei Helck (1962, 1979), Strobel (1976) und im LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE (Bd. 5, 1984) unter dem Stichwort SEEVÖLKER. Wir finden hier ein Szenario, das sich im Rahmen der bisherigen ägyptologischen Chronologie bewegt und für die Seevölker eine Herkunft aus dem nordöstlichen Mittelmeerraum (spätmykenische Ägäis-Südküste Kleinasiens - Zypern) - d.h. also aus von Ägypten geringstmöglich entfernten Gegenden - postuliert.

Ein irgendwie gearteter Zusammenhang mit der Dorischen Wanderung wird nicht ausgeschlossen. [...] Das von Spanuth (1953 etc.) vorgetragene Szenario einer nordwesteuropäischen Herkunft der Seevölker - insbesondere der in den Inschriften von Medinet Habu hervorgehobenen PRST/PLST, SKR/ TKR und DNN - hat der Verfasser in der Spezialliteratur nirgends erwähnt gefunden. An diesem Paradigma - und an der Art, wie man unter Ausschluß von nicht hinein passenden, aber deutlich vor Augen liegenden Fakten zu ihm gelangte - mahnt manches zur Vorsicht. Schon vom Grundsätzlichen her sind sich die Anhänger des konventionellen Szenarios nicht einig, ob es sich bei den Seevölkern um eine echte Völkerwanderung etwa nach Art der späteren germanischen Völkerverschiebungen oder um begrenzte Piratenaktionen, vergleichbar etwa mit den späteren maurischen Seeräuberangriffen, gehandelt hat.

Nun zeigen aber die Wandreliefs von Medinet Habu (Abb. 1) zumindest die PRST/PLST, SKR/ TKR und DNN als so gleichartig bewaffnete und bekleidete, fast möchte man sagen uniformierte, und als so diszipliniert kämpfende Krieger, daß von Seeräubern wohl überhaupt keine Rede sein kann und von einer Völkerwanderung auch nur in dem Sinne gesprochen werden darf, als man darunter ein gut organisiertes Unternehmen mit richtigen Heeres- und Flotteneinheiten versteht.

Die Wiedergabe der ägyptischen Seevölker-Namen und die "Identifizierung" der verschiedenen Seevölker-Gruppen mit in das gegenwärtige Szenario passenden nordost-mediterranen Völkern erscheint oft sehr willkürlich und schlecht begründet; hierzu weiter unten mehr. Nur als ein typisches Beispiel: im Hinblick auf das oben Gesagte die DNN mit einem sonst völlig obskuren südostanatolischen Volk gleichzusetzen, erscheint dem Verfasser als kaum diskutabel; eine Gleichsetzung mit den Danaern, selbst mit dem Tyros benachbarten israelitischen Stamm Dan oder auch den Danann der altirischen Überlieferung [vergl.: Atlantis - eine Spurensuche in Irland; d. Red.] wäre weniger anfechtbar.

Abb. 2 Diese Matrix zeigt die Namen der verschiedenen Seevölker in ihrer ägyptischen oder ägyptisierten Form (ohne Vokale) sowie der Pharaonen, während deren Herrschaft sie erwähnt wurden. (nach: W. Helck, 1962, und H. Friedrich, 1990)

Die meist mit Aqijawascha, Aquawas, Ekewesh oder dergl. wiedergegebene Seevölker-Gruppe wird von den Anhängern des konventionellen Szenarios gewöhnlich mit den Achäern identifiziert; "befremdend" nennt das LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE die zu dieser "Identifizierung" wohl kaum kompatible explizite Angabe der ägyptischen Inschriften, daß die Krieger dieser angeblichen Achäer und vielleicht auch anderer Seevölker-Gruppen beschnitten waren. Im Gegensatz zu den mit heller Hautfarbe dargestellten PRST/PLST, SKR/ TKR, DNN und WSS sind in den Wandreliefs von Medinet Habu die TRS und SRDN mit braunroter Hautfarbe - ähnlich etwa amerikanischen Indianervölkern - abgebildet; d. h. wer die TRS mit den Etruskern-Tyrsenoi und die SRDN mit den alten Sardiniern oder alternativ mit den um Sardes lebenden Lydiern identifiziert, hätte vorher zu beweisen, daß diese Völker von braunroter Hautfarbe waren.

Die Namen der verschiedenen Seevölker sind - in ihrer ägyptischen oder ägyptisierten Form, nota bene ohne Vokale - hauptsächlich aus Inschriften und dem Papyrus Harris aus der Zeit der Pharaonen Ramses II., Merenptah und Ramses III. bekannt. Im einzelnen nennen diese drei Pharaonen nach Helck (1962) die in der nebenstehenden kleinen Matrix (Abb. 2) mit einem x bezeichneten von insgesamt neun Seevölker-Namen. Um nicht zu verwirren, sondern die ägyptische Schreibweise korrekt wiederzugeben, hat der Verfasser hier für diese Völkernamen nur die Konsonanten verwendet.

Die modernen Versuche einer vokalisierten Wiedergabe dieser Völker findet der Leser in der nachfolgend [im Anhang; d. Red.] gegebenen Auflistung. Grapow (1921) schreibt hierzu: "Unsere künstlichen Vokalisationen, die grundfalsch sind und die Worte nur aussprechbar machen sollen, müßte eigentlich jedesmal der ja allein bekannte Konsonantenbestand beigefügt werden". Nach dem gleichen Autor können überdies die ägyptischen Konsonanten teilweise zur Wiedergabe mehrerer fremder Laute dienen: ein N oder R kann auch L sein, ein S ein SCH, ein K ein Q oder G, ein T ein D und umgekehrt, ein T und D ein S oder weiches Z.

Es ist also für unsere Zwecke sehr wichtig, immer daran zu denken, daß die in der Spezialliteratur zu finden - den modernen Wiedergaben der Seevölker-Namen zwar keine gänzliche Erfindung der Ägyptologen, aber doch jeweils nur eine willkürlich - je nach Szenario - ausgewählte unter einer ganzen Reihe voneinander stark abweichender Versionen darstellen. So könnten sich hinter den drei Konsonanten TRS statt der Etrusker- Tyrsenoi etwa das phönizische Tyros ebensogut verbergen wie das auch heute noch umrätselte Tarschisch.

Der mit den vielfältigen altmediterranen Völkern vertraute Leser wird sich bei der Durchsicht der folgenden Auflistung sicherlich manche Gedanken machen. Die von Strobel (1976) geäußerte Meinung, die vielfältigen modernen Wiedergabemöglichkeiten der ägyptischen Seevölker-Namen stellten letztlich für die Verifizierung, d.h. wohl für die Identifizierung dieser Völker kein Problem dar, will dem Verfasser jedenfalls unerklärlich optimistisch erscheinen.


Anhang

PRST/PLST: Pulosathu (Petrie, 1897); Pw'-r'-s'-t, Peleset = the later Philistines (Breasted, 1906); Perset, Pelset = Philistines (Grapow, 1921); Prst = Philstines (Bilabel, 1927); Peleset (Edgerton & Wilson, 1935); pulśata (pu-l-śa-ta) Philistines (Helck; 1962, 1979); Peleset, plśtw, prśtw, Philistines = Pelasgians? (Strobel; 1976); plšt = Philistines (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Peleset = Philistines (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

SKR/TKR: Zakkaru = connected with Teukroi (Petrie, 1897); T'-k-k'-r', Thekel = the later Sikeloi? (Breasted, 1906); Zeker, Zakkari = not Teukrians (Grapow, 1921); Takkala (Bilabel, 1927); Thekker (Edgerton & Wilson, 1935); śikkar, siqqar, Sikar, śi-ka-r (Helck; 1962, 1979); Tek(k)er, tkr = Teukrians? (Strobel; 1976); Tjeker, tkr = connected with Cyprus/Crete (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Sakar = later founders of Tyre (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

DNN: Daanau (Petrie, 1897); D'-y-n-yw, Denyen = Danaoi (Breasted, 1906); Denen, Denjen (= babylon. da-nu-na? Danaoi?) (Grapow, 1921); Dainu (Bilabel, 1927); Denye(n) (Edgerton & Wilson, 1935); da-nù, da-nù-na (Helck; 1962, 1979); Denyen (Strobel; 1976); Danuna (dnn) = later migrating to SE Anatolia (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Denen = later migrating to Cyprus (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

TRS: Teresh, Tw-ry-š', Tw-rw-š', Ty-w-r-š' (Breasted, 1906); Teresch, Tursa = Tyrsenoi-Etruscans? (Grapow, 1921); Turuša = Etruscans (Bilabel, 1927); turus, Tursa, tu-rú-ša (Helck; 1962, 1979); Tereš, Turuša (Strobel; 1976); Turscha, trš (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Turscha = Tyrrhenians (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

SRDN: Shairadana, Shardana (Sardinia) (Petrie, 1897); Š'-r'-d-n', š-r'-d-n-n', Sherden = Sardinia (Breasted, 1906); Scherden = Sardinians? (Grapow, 1921); Šardana = Sardinians (Bilabel, 1927); Šardin, š()-r-di-n, š()-r-d-n-(a) (Helck; 1962, 1979); Šerden, Sardana (Strobel; 1976); Schirdana (šrdn) = originating from Sardes (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Sardana = Sardinians (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

WSS: Uashashau (Petrie, 1897); W'-š'-š', Weshesh (Breasted, 1906); Weschesch (Grapow, 1921); Wašaša (Bilabel, 1927); Weshesh (Edgerton & Wilson, 1935); wasas, wa-ša-š (Helck; 1962, 1979); Waschasch, wšš (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Wasasa = from Corsica (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

SKLS/SKRS: Shaklusha, Shakalsha = from Sicily (Petrie, 1897); Š'-k-rw-š', Shekelesh (Breasted, 1906); Schekelesch = Sikeloi?, Schekeresch (Grapow, 1921); Šekruša, Šakaruša, Škrš (Bilabel, 1927); Shekelesh (Edgerton & Wilson, 1935); Sakalus, ša-ka-lú-š(a) (Helck; 1962, 1979); Šekeleša = the later Sikuli (Strobel; 1976); Schakalasch, šklš (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984); Sekeles(a) = Sikuli? (Spanuth, 1965, 1977, 1980).

QWS/KWS: Ekwash (Breasted, 1906); Ekewesch = Achaioi? (Grapow, 1921); Achaioi (Bilabel, 1927); 'aquawas (= Achaioi), 'aquajawas, 'a-q-wa-ja-š(a), 'a-q()-ja-wa-š(a) (Helck; 1962, 1979); Aqijawascha (LEXIKON DER ÄGYPTOLOGIE, 1984).

LK/RK: Luka, Rw-kw (Breasted, 1906); Rek (= babylon. Lu-uk-ki?), Lykians (Grapow, 1921); Lukki, Rk = Lykians (Bilabel, 1927); lú-ka, Lukku = Lykians (Helck; 1962, 1979); Lukka (LEXIKON DER äGYPTOLOGIE, 1984)


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich © wurde seinem Buch "Velikovsky, Spanuth und die >Seevölker-Diskussion - Argumente für eine Abwanderung atlanto-europäischer spät-bronzezeitlicher Megalith-Völker gegen 700 v. Chr. in den Mittelmeerraum" (S. 58-62) entnommen, das 1990 (2. Aufl.) im Selbstverlag des Autors in Wörthsee veröffentlicht wurde.


Bild-Quellen

1) Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland"
2) Archiv Atlantisforschung.de (nach: Horst Friedrich, 1990, S. 62)


Verwendete Literatur

Bilabel, F.: "Geschichte Vorderasiens und Ägyptens vom 16.-11. Jahrhundert v. Chr.", Heidelberg, 1927

Breasted, J.H.: "Ancient Records of Egypt, Historical Documents", Vol. III/IV, Chicago, 1906

Edgerton, W.F. & Wilson, J.A.: "Historical Records of Ramses III, The Texts of

Medinet Habu", Vol. I and II, translated with explanatory Notes, Chicago, 1935

Grapow, H.: "Ausgewählte Quellen zur Geschichte, Sprache und Kunst der sogenannten

Mittelmeervölker, A. Ägyptische Quellen, in: Boßert, H.Th.: Altkreta, Berlin, 1921

Helck, W.: "Die Beziehungen Ägyptens zu Vorderasien im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr.", Wiesbaden, 1962

Helck, W.: "Die Beziehungen Ägyptens und Vorderasiens zur Ägäis bis ins 7. Jahrhundert v. Chr.", Darmstadt, 1979

Petrie, F.: "A History of Egypt", London, 1897

Schachermeyr, F.: "Etruskische Frühgeschichte", Berlin / Leipzig, 1929

Spanuth, J.: "Das enträtselte Atlantis", Stuttgart, 1953

Spanuth, J.: "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1977

Spanuth, J.: "Die Philister", Osnabrück, 1980

Strobel, A.: "Der spätbronzezeitliche Seevölkersturm", Berlin / New York, 1976