Der Wissenschaftswahn - Buchbesprechung

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eine Rezension von Dr. Horst Friedrich

Abb. 1 Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn, 491 Seiten, Hardcover, München (O.W. Barth Verlag), 2012

Dem Rezensenten kam beifälliges Schmunzeln auf, als er bei der Lektüre dieses beachtenswerten Werkes feststellen konnte, daß hier ein inzwischen sehr bekannter (wenngleich für den "Mainstream" abweichlerischen) Berufswissenschaftler zu praktisch den gleichen Schlussfolgerungen bezüglich der wahren Natur unseres zeitgenössischen Wissenschaftsbetriebs kommt, wie er (der Rezensent) selbst sie schon 1996 in seinem Buch "Einer Neuen Wissenschaft den Weg bahnen!" [1] gezogen hatte.

Rupert Sheldrake (Abb. 2) beschränkt seine Kritik allerdings auf die Mainstream-Naturwissenschaft. Der Titel seines englischsprachigen Originalwerkes ist THE SCIENCE DELUSION (Abb. 3) [2], und "science" kann ja auf Englisch sowohl die Wissenschaft im allgemeinen, als auch speziell die Naturwissenschaften meinen. Der Rezensent hatte dagegen seine Kritik von 1996 (respektive erweiterte Neuauflage von 2006) keineswegs nur an der derzeitigen Mainstream-Naturwissenschaft, sondern auch zu unserem ganzen zeitgenössischen Mainstream-Wissenschaftsbetrieb geübt.

Doch zurück zu diesem ungemein verdienstvollen Werk! Zweifellos hat Sheldrake mit ihm bleibendes Verdienst erworben. Wie einst die Rom-Kirche hat heute unser ganzes Mainstream-Wissenschaftssystem eine "General-Reformation" dringend nötig, insbesondere wegen der seit der "Aufklärung" anhaltenden Materialismus-Ideologie. Sheldrake´s Untertitel nennt die Sache klar beim Namen: "Warum der Materialismus ausgedient hat"! Es ist ein klar erkennbarer Tatbestand: unsere naturwissenschaftliche Materialismus-Scholastik hält heute nur noch die Weiterentwicklung unserer Naturwissenschaften auf. Diese Geisteshaltung gehört ganz klar in den Papierkorb der Weltgeschichte.

Eine nette Bestätigung der Richtigkeit von des Rezensenten ewigen Ceterum-Censeo-"Predigens" finde ich übrigens in Sheldrakes Vorwort: "Die alles verändernde Gelegenheit meinen Blick zu weiten, kam mit einem Forschungsstipendium an der Harvard University, wo ich Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften studieren konnte". Schon längst gehörte die Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaft zum Pflichtfach für alle Naturwissenschaftsstudierenden gemacht, aber der orthodoxe Mainstream ahnt offenbar die Gefahr, nämlich das geistige Veränderungspotential, das von einer solchen Maßnahme ausgehen würde. Doch nun zum Inhalt des Buches:

Abb. 2 Rupert Sheldrake kritisiert in seinem jüngsten Buch aus dem Jahr 2012 dogmatisches und ideologisches Denken in der Naturwissenschaft

Schon Sheldrake´s quasi Fazit im Vorwort (S.13) ist aufschlußreich: "Ich habe das Leben eines Wissenschaftlers geführt und bin ein entschiedener Verfechter des wissenschaftlichen Ansatzes. Es verstärkt sich bei mir jedoch die Überzeugung, dass die Naturwissenschaften einiges an Spannkraft, Vitalität und Neugier eingebüßt haben. Ihrer Kreativität stehen dogmatisches und ideologisches Denken, ängstlicher Konformismus und institutionelle Schwerfälligkeit im Wege. ... Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich glaube, dass die Naturwissenschaften spannender und mitreißender sein werden, wenn sie sich über die Dogmen hinwegsetzen, die dem forschenden Geist Grenzen setzen und die Phantasie hinter Gittern halten".

Köstlich hier schon ein paar Leseproben aus der Einleitung ("Die zehn Dogmen der modernen Naturwissenschaft"):

  • "In diesem Buch vertrete ich die Ansicht, dass die Naturwissenschaft ausgebremst wird" (S. 15).
  • "Der wohl größte Wahn der Wissennschaften besteht in der Annahme, sie wüßten bereits die Antworten" [auf wesentliche Fragen] (ebenda).

Nicht minder Klartext Sheldrake´s Abschnitt "Das naturwissenschaftliche Glaubensbekenntnis" (S.16-18). Daraus nachfolgend auch ein paar Punkte: "Hier nun die zehn zentralen Glaubenssätze, die sich die meisten Wissenschaftler ungeprüft zu eigen machen [hier nur eine Auswahl; HF]:

  • Materie besitzt grundsätzlich kein Bewusstsein ... Menschliches Bewusstsein ist pure Täuschung, vorgespiegelt vom stofflichen Geschehen im Gehirn.
  • Die Naturgesetze stehen ein für alle mal fest.
  • Evolution ist ohne Richtung oder Ziel.
  • Biologische Vererbung ist ausschließlich materieller Natur.
  • Der Geist, unser Denken und Fühlen, sitzt im Kopf und ist nichts als Gehirnaktivität.
  • Unerklärliche Phänomene wie Telepathie sind reine Einbildung."
Abb. 3 Das Cover der englischsprachigen Original-Ausgabe von Rupert Sheldrakes jüngstem Werk

Zusammenfassend schreibt Sheldrake: "Diesees Glaubensbekenntnis setzte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Naturwissenschaft durch und gilt jetzt als gesicherte Erkenntnis. Vielen Wissenschaftlern ist nicht bewusst, dass der Materialismus eine bloße Annahme darstellt...".

Kurz gefasst nennt Sheldrake (S. 18) den Zweck und die Absicht dieses seines neuesten Werkes: "Ich möchte mich in diesem Buch mit den wissenschaftlichen behauptungen des Materialismus ... auseinandersetzen". Und erläuternd heißt es dazu noch (S.23): "Die Naturwissenschaften werden von zu Dogmen verhärteten und durch machtvolle Tabus geschützten Annahmen behindert, davon bin ich überzeugt".

Alle diese Punkte dienen mehr zur Einstimmung und zum Interesse-Wecken für dieses überaus kompetent geschriebene Werk. Man kann dem Buch nur große Verbreitung wünschen.

Selbstredend ist es im Rahmen einer solchen Rezension nicht möglich, auf Einzelheiten in einzelnen Kapiteln einzugehen. Dennoch möchte der Rezensent besonders auf das 8. Kapitel ("Gibt es Geist nur im Gehirn?") hinweisen. Dort heißt es gleich eingangs: "Materialismus als Lehre besagt, dass nur Materie Realität besitzt. Deshalb ist Geist im Gehirn und geistige Aktivität nichzs anderes als Gehirntätigkeit. Diese Annahme wird durch unsere Erfahrung nicht bestätigt".

Und weiterhin (S. 281-291) 'zerpflückt' Sheldrake sehr gekonnt die schulnaturwissenschaftlichen Behauptungen zur Natur des menschlichen Sehvorganges. Dieses Kapitel, und speziell dieser Teil davon, sollten äußerst gründlich und aufmerksam studiert werden! Man könnte sogar in Kurzform die Schlussfolgerung ziehen: unser Sehvorgang ist der Schlüssel zu unserem Weltbild (wenn wir denn ein realistisches Weltbild wünschen). Es scheint die Sache nämlich klar darauf hinauszulaufen, daß Raum und Materie im Geist existtieren. Das Fazit wäre dann: "Raum" (materielle Dinge, Entfernung) und "Zeit" (Veränderung, Bewegungsvorgänge) existieren im "Geist" (Bewußtsein), und nirgendwo sonst. Gewissermaßen also: der Sehvorgang als Schlüssel zur Welt, in der wir leben.

Auch zu den berüchtigten organisierten 'Skeptikern' des CSI [3] (die ja in der "GWUP" [4] einen deutschen Ableger hat) nimmt Sheldrake übrigens, im Subkapitel "Was die Skeptiker sagen" (S. 331-337) Stellung. Aufschlussreich ist sein Statement (S. 332): "Ich habe viele Begenungen mit 'Skeptikern' gehabt und darüber an anderer Stelle detailliert berichtet. In den meisten Fällen kannten sie die Daten nicht und wollten auch nichts davon wissen". Und er zitiert einen Ihrer Vertreter: Forschungen zur Telepathie seien von Hause aus 'pathologische Wissenschaft'. De facto hält er quasi deren "gut oorganisierten Kampagnen" (S.331) vor, den wissenschaftlichen Fortschritt zu behindern.

Und zu Richard Dawkins [5] sagt er: "Richard Dawkins verkündet schon lange: >Das Paranormale ist Quatsch. Diejenigen, die es uns verkaufen wollen, sind Schwindler und Scharlatane<. ... Aber fördert er mit seinem Kreuzzug wirklich >The Public Understanding of Science<, wie sein Lehrfach an der Oxford University heißt? Ist Wissenschaft etwa als fundamentslistische Glaubensüberzeugung [6] gemeint?" (S. 336).


Anmerkungen und Quellen

  1. Siehe: Horst Friedrich, "Einer neuen Wissenschaft den Weg bahnen!", Hohenpeißenberg, 1996, ISBN 3-9804300-8-1
  2. Siehe: Rupert Sheldrake, "The Science Delusion", Hachette UK, 05.01.2012
  3. Red. Anmerkung: Zu einer kritischen Betrachtung des CSI (Committee for Skeptical Inquiry, vormals: CSICOP) siehe auch: "Skeptiker"-Organisationen: Fallbeispiele, bei: Skeptizismus.de (abgerufen: 01.08.2013)
  4. Red. Anmerkung: Zur GWUP siehe bei Atlantisforschung.de auch: Dr. Horst Friedrich, „Parawissenschaften“? (1997); Ders., "Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus - Rezension" (2009); sowie: Edgar Wunder, "Das Skeptiker-Syndrom"
  5. Red. Anmerkung: Zu Richard Dawkins siehe bei Atlantisforschung.de auch: "Einige Gedanken zum naturalistisch-scientistischen Extremismus" (2009) von von Bernhard Beier und Roland M. Horn
  6. Red. Anmerkung: Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de das Lemma: "Scientismus"