Kryptowissenschaft

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Diskussion

Abb. 1 Die so genannten Kryptowissenschaften behandeln solche deviante Forschungsgebiete und -bereiche, die sich mit außergewöhnlichen Gegenständen (z.B. mit biologischen bzw. bio-physikalischen, technologischen, historisch-geographischen oder archäologischen Anomalien) beschäftigen, deren Existenz von schulwissenschaftlicher Seite vorwiegend bestritten oder ignoriert wird. Bekanntetes Beispiel ist die Kyrypto-Zoologie, die sich mit putativen Tierarten wie dem Chupacabra (Bild) befasst.

(red) Neben mehr oder weniger diffusen Begriffen wie 'Parawissenschaft' und 'Protowissenschaft' stellt auch der Ausdruck Kryptowissenschaft (alt. Schreibw.: Krypto-Wissenschaft) sowohl im allgemeinen als auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch eine terminologisch heute [1] zunächst höchst unklare Bezeichnung für Aussagensysteme (Lehren, Forschungsgebiete, Ideengebäude etc.) dar, die aufgrund ihrer Devianz in Bezug auf den Normenkatalog der Schulwissenschaft von dieser abgegrenzt werden sollen, ohne per se als „Nicht-Wissenschaft“, „Anti-Wissenschaft“ oder „Pseudowissenschaft“ charakterisiert zu werden.

So versucht etwa Michael Kling eine Begriffsbestimmung auf methodologischer Ebene und in Abgrenzung zu so genannter „Parawissenschaft“: „Sollte ich einen Phänomenkomplex untersuchen, der von der >Schulwissenschaft< (noch) nicht anerkannt ist, dann nennt sich das Kryptowissenschaft (im Unterschied zu Parawissenschaft, die mit nichtwissenschaftlichen Methoden arbeitet).[2]

Die Problematik einer derartigen Begriffsbestimmung liegt auf der Hand: Auch wenn es verlockend - weil so einfach - erscheint, eine Klassifizierung von Kryptowissenschaften anhand der von ihnen verwendeten Methoden bzw. unter Berücksichtigung von deren Akzeptanz aus Sicht schulwissenschaftlicher Forschung vorzunehmen, ist eine Unterscheidung von „Kryptowissenschaft“ und „Parawissenschaft“ unter Berücksichtigung nur dieses Kriteriums kaum möglich.

Wie wir in unserem Beitrag zu letztgenannter Form von „Quasiwissenschaft“ deutlich machen [3], herrscht nämlich auch in Bezug auf so genannte Parawissenschaften alles andere als definitorische Eindeutigkeit, wie sie aus methodologischem Blickwinkel einzuordnen sind. Betrachten wir z.B. die allgemein aufgrund ihrer Forschungsgegenstände als „Parawissenschaft“ deklarierte Parapsychologie, so stellen wir schnell fest, dass die dort gängigen Forschungsmethoden sich eindeutig an den Normen und Standards universitärer Wissenschaft orientieren [4] – was nichts daran ändert, dass ihr wissenschaftlicher Status nach wie vor umstritten ist. Klings Definition von Kryptowissenschaft erscheint also zunächst als unzureichend und ist allenfalls von didaktischem Wert.

Auch der Polyhistor Dr. Alois Reutterer scheitert letztlich bei einem – im übrigen durchaus interessanten – Versuch zur Abgrenzung von 'Wissenschaft' und so genannter 'Pseudowissenschaft' an einer eindeutigen Begriffsbestimmung zu den Kryptowissenschaften, über die er im Kontext seiner Abhandlung schreibt: „Ein schwieriger Fall sind die Kryptowissenschaften, die sich mit Dingen und Ereignissen befassen, deren Existenz von der Wissenschaft nach genauen Recherchen nicht anerkannt wird, für die es jedoch Zeugenaussagen gibt, z.B. für UFOS oder das Ungeheuer von Loch Ness.[5]

Die Erfassung und Beschreibung der Forschungsgegenstände und -gebiete von Kryptowissenschaft bleibt bei Reutterer seltsam unpräzise. Deutlich wird hier lediglich, dass es sich bei ihnen um Phänomene handelt, die seitens der Universitätswissenschaft "nicht anerkannt" werden, wobei wir es an dieser Stelle dahingestellt sein lassen wollen, ob die zugrunde liegenden Meinungsbildungsprozesse tatsächlich stets auf "genauen Recherchen" beruhen, wie von Reutterer unterstellt wird. Jedenfalls kann die Frage, ob es "Zeugenaussagen" für bestimmte Phänomene gibt, keinesewegs ein adäquates Kriterium zur Begriffsbestimmung von Kryptowissenschaft darstellen. Immerhin gibt es auch "Zeugenaussagen" für physikalisch nicht, oder zumindest nur schwer zu greifende, Ereignisse wie Spuk, Poltergeist- oder Marien-Erscheinungen sowie andere Phänomene, die entweder in den Bereich der konventionellen Psychologie, der Parapsychologie (die Reutterer separat, nicht im Kontext von Kryptowissenschaft, abhandelt) oder den der Religion einzuordnen sind.

Der Wissenschaftssoziologe Steve William Fuller stellt den Begriff Kryptowissenschaft dagegen in einen, wenn auch reichlich diffusen, wissenschaftsgeschichtlichen Kontext, indem er feststellt: „Die Besetzungsliste in der Geschichte des Rollen [-spiels] in der Wissenschaft wäre unvollständig ohne die Kryptowissenschaft, d.h. Disziplinen, deren Aktivitäten – nach eigenen Angaben derjenigen, die sie praktizieren – nicht wissenschaftlich sind, welche aber nichtsdestotrotz Außenstehenden als mit einem derzeitigen Modell von Wissenschaft konform erscheinen.[6]

Fuller verkennt unserer Auffassung nach völlig den Umstand, dass im grenzwissenschaftlichen Umfeld gerade die 'real existierenden' Kryptowissenschaften (insbesondere explizit die Kryptozoologie als prominenteste dieser Disziplinen [7]) einen Anspruch auf 'Wissenschaftlichkeit' erheben. Seine Vorstellung bezüglich Kryptowissenschaft weicht offenbar stark von dem ab, was 'landläufig' darunter verstanden wird, aber immerhin gemahnt uns seine Aussage daran, dass eine Definition quasiwissenschaftlicher Aussagensysteme - also auch von Kryptowissenschaft - letztlich nur im Rahmen wissenschaftsgeschichtlicher Betrachtung erfolgen kann. Sie muss also nicht zuletzt historische Zustandsformen und Entwicklungsprozesse von Wissenschaft und deren Paradigmata berücksichtigen.

So stellte auch die US-amerikanische CRYPTO SCIENCES SOCIETY die paradigmatische Devianz von Kryptowissenschaften ins Zentrum einer Definition, die sich aus ihrer Grundsatzerklärung ableiten lässt. Darin spricht sie von Kryptowissenschaft zusammenfassend als dem „Studium aller Aspekte von Wissenschaft, welche sich nicht in die akzeptierten Paradigmen moderner Wissenschaft einpassen." [8] Explizit als Beispiele für kryptowissenschaftliche Disziplinen oder Forschungsgebiete werden in diesem Zusammenhang genannt: „Ufologie, Parapsychologie, Kryptozoologie und alle artverwandten Themen.[9]

Bewusste und begründete Abweichung von schulwissenschaftlichen Paradigmen alleine erscheint als Kriterium zur definitorischen Erfassung von Kryptowissenschaft bzw. Kryptowissenschaften allerdings noch nicht ausreichend, denn schließlich gilt dieses Kriterium, mehr oder weniger stark ausgeprägt, für alle Bereiche grenzwissenschaftlicher oder 'alternativer' Forschung.

Ein weiteres notwendiges Definitions-Kriterium liefert uns hier die Anomalistik, die – nach Marcello Truzzi (1935-2003) - „zwischen kryptowissenschaftlichen und parawissenschaftlichen Anomalien[10] folgendermaßen unterscheidet: „Kryptowissenschaftliche Behauptungen beziehen sich auf außergewöhnliche Dinge oder Objekte (z.B. ein Yeti oder ein UFO), wogegen parawissenschaftliche Behauptungen sich auf außergewöhnliche Prozesse oder Beziehungen zwischen ansonsten ganz gewöhnlichen Dingen beziehen (z.B. Behauptungen zu >Gedankenübertragung< oder einer Beziehung zwischen der Stellung der Planeten und menschlichen Charaktereigenschaften).[11]

Wir können somit abschließend im Rahmen einer versuchsweisen Definition feststellen, dass es sich bei den so genannten Kryptowissenschaften offenbar um solche grenzwissenschaftlichen, also vor allem auf paradigmatischer Ebene von universitärer Mainstream-Forschung ("Schulwissenschaft") abweichenden, Forschungsgebiete und -bereiche (abstrakt: Aussagensysteme) handelt, die sich mit außergewöhnlichen Gegenständen (z.B. mit biologischen, technologischen, historisch-geographischen oder archäologischen Anomalien) beschäftigen, deren Existenz - oder Authenzität - von schulwissenschaftlicher Seite vorwiegend bestritten oder ignoriert wird.


Anmerkungen und Quellen

  1. Anmerkung: Bereits der Ursprung des keineswegs enzyklopädisch und eindeutig definierten Begriffs Kryptowissenschaft scheint ungeklärt. Vermutlich kam er erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts auf, und offenbar wurde er traditionell einerseits - als einfaches Determinativkompositum aus dem darin enthaltenen Präfix (Determinans) krypto- und dem Determinatum 'Wissenschaft' - in der im Grundsatz wertungsfreien Bedeutung 'Geheimwissenschaft' verwendet. Andererseits taucht er aber auch in Form einer Akteurs-Floskel als pejorativ-despektierliche Bezeichnung für (angeblich) undurchschaubare oder sogar minderwertige Wissenschaft auf; so z.B. in Bezug auf die Soziologie bei: Eckehard Binas et al. (Hrsg.), "Hypertransformation - Görlitzer Beiträge zu regionalen Transformationsprozessen 3", Peter Lang, 01.02.2008 S. 145. Für zusätzliche terminologische Verwirrung sorgt schließlich, dass er bisweilen auch als Quasi-Synonym zu Kryptologie laienhafte Verwendung fand. So etwa bei: Walter Wiora, "Der musikalische Ausdruck von Ständen und Klassen in eigenen Stilen", International Review of the Aesthetics and Sociology of Music, Vol. 5, No. 1, IMS Symposium Zagreb 1974: Contributions to the Symposium (Jun., 1974), pp. 91-112
  2. Quelle: Μісhаеl Кling, „Re^2: Theologie und Wissenschaft“ (Rechtschreibungsfehler durch uns korrigiert; d. Red.), bei: wer-weiß-was
  3. Siehe: Parawissenschaft - Kritische Bemerkungen zur Definition und Verwendung eines umstrittenen Begriffs (bb)
  4. Siehe z.B.: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Parapsychologie (Stand: 15.10.09)
  5. Quelle: Dr. Alois Reutterer, „Wissenschaft und Pseudowissenschaft“, unter: 4. Kriterien einer guten (erfahrungswissenschaftlichen) Theorie --- Jüngster Abruf der Seite: 26.04.2012; d. Red.
  6. Quelle: Steve Fuller, „Social epistemology“, Indiana University Press, 2002, S. 183; im Original lautet der Text: „The cast of characters in the history of science role would not be complete without cryptoscience, that is, a discipline whose activities are – by the practioners´ own accounts – not scientific, but which nevertheless seem to outsiders as conforming to a current model of science.
  7. Siehe im Internet etwa: Kryptozoologie Online - Auf der Suche nach verborgenen Tieren
  8. Quelle: The Constitution of the Crypto Science Society (PDF-File, 34, 64 KB); bei: CRYPTO SCIENCES SOCIETY – METROPOLITAN STATE COLLEGE OF DENVER (abgerufen: 5. Nov. 2009; nicht mehr online). Im englischsprachigen Originaltext lautete die entsprechende Passage: „The purpose of the Crypto Science Society shall be to study all aspects of science which do not fit into the accepted paradigms of modern science. The Crypto Science Society will also make the findings of those studies available to the public. Specific areas of interest to the Crypto Science Society include Ufology, Parapsychology, Cryptozoology, and all related topics.
  9. Quelle: ebd.
  10. Siehe: Marcello Truzzi: Zetetic Ruminations on Skepticism and Anomalies in Science. In: Zetetic Scholar, No. 12/13, S. 7
  11. Quelle: Marcello Truzzi, „Was ist Anomalistik?“ (1999); bei: Gesellschaft für Anomalistik


Bild-Quelle

(1) EVEREST - CAREER EDUCATION NETWORK, unter: KNOW YOUR SPOOKS!