Parawissenschaft

Aus Atlantisforschung
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Kritische Bemerkungen zur Definition und Verwendung eines
umstrittenen Begriffs

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Abb. 1 Ley-Linien. Die Erforschung magnetisch lokalisierbarer Leys und Spiralen, wie an den Rollright Stones in England, gilt als typisch 'parawissenschaftliche' Thematik.

(bb) Bei dem Begriff "Parawissenschaft" handelt es sich um ein nebulöses, wissenschaftstheoretisch nicht präzise greifbares 'Mehr oder weniger'-Synonym für den Terminus "Grenzwissenschaft" [1], das im deutschen Sprachraum erst in den 1980er Jahren, vor allem durch die Aktivitäten der 'Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP)' popularisiert wurde. [2]

Zur Verdeutlichung der Diffusität dieses Begriffs seien hier zunächst mehrere gängige [3] Definitionen bzw. Begriffsbeschreibungen mit kommentierenden Anmerkungen des Verfassers genannt. Beginnen wir dazu mit denjenigen, die diesen Begriff besonders gerne und häufig verwenden:

  • Bei der zur Skeptikerbewegung gehörenden "GWUP" hieß es über Parawissenschaft 1996: "Mit diesem Begriff bezeichnet man Aussagesysteme, bei denen der mehr oder minder starke Verdacht besteht, daß es sich um eine Pseudowissenschaft handelt. Der Verdacht kann sich als richtig oder falsch herausstellen, d.h. es ist auch möglich, dass es sich bei einzelnen Parawissenschaften um Protowissenschaften handelt, also um erst im Entstehen begriffene neue Wissenschaftsdisziplinen" [4]

Diese kurze, an der Vorstellung einer generellen, zweifelsfreien Definier- und Unterscheidbarkeit von "Wissenschaft" und "Pseudowissenschaft" orientierte, Aussage stellt Parawissenschaft also als eine, nur vage mit der Bezeichnung "Aussagesystem" charakterisierte, Entität dar, die als potentiell ("mehr oder weniger starker Verdacht") "pseudowissenschaftlich" dargestellt wird.

Sie orientiert sich am vorgeblichen Anspruch der GWUP, Parawissenschaften wissenschaftlich zu untersuchen (womit Außenstehende fast zwangsläufig die Vorstellung verbinden werden, entsprechende Untersuchungen dienten dem Ziel der Feststellung, ob es sich bei Parawissenschaften jeweils um 'wissenschaftliche' oder 'unwissenschaftliche' "Aussagesysteme" handelt. Dies ergibt sich auch aus einer weiteren, leicht modifizierten, GWUP-Definition, die 1997 von Edgar Wunder [5] für eine Publikation dieser Vereinigung formuliert wurde.

  • Nach dieser Definition versteht man unter Parawissenschaften allgemein "Aussagensysteme, die explizit oder implizit den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder auf Überprüf- beziehungsweise Belegbarkeit mit Methoden der Wissenschaft stellen, bei denen jedoch der mehr oder minder starke Zweifel besteht, ob sie diesen Anspruch auch einlösen können". [6]

Halten wir kurz fest, dass Wunder hier zunächst den despektierlichen, terminologisch der Kriminologie und Jurisprudenz zuzurechnenden Begriff "Verdacht" aus der ersten Definition durch den wertungsfreien Ausdruck "Zweifel" ersetzt hat, und dass jetzt deutlich wird, dass es sich bei den infrage kommenden "Aussagensystemen" um solche handelt, die einen "Anspruch auf Wissenschaftlichkeit" erheben, oder "mit Methoden der Wissenschaft" überprüfbar bzw. belegbar sein sollen. Dieser Definition folgend, soll also die Möglichkeit bestehen, die Berechtigung der hier formulierten Ansprüche auf wissenschaftlicher Basis zu verifizieren oder zu falsifizieren. Bevor wir uns anhand einer weiteren, aktuellen GWUP-Definition von "Parawissenschaft" mit der Frage beschäftigen, was man dort unter dieser Bezeichnung versteht, hier zunächst als Alternative eine lexikalische Begriffsbestimmung:

  • Dem britischen Lexikon Collins zufolge handelt es sich bei Parawissenschaft (orig.: parascience) - ins Deutsche übersetzt - um "das Studium von Gegenständen, die außerhalb des Bereichs traditioneller Wissenschaft liegen, weil sie nicht durch [eine] akzeptierte wissenschaftliche Theorie erklärt oder durch konventionelle wissenschaftliche Methoden überprüft werden können." [7]

Wie wir sehen, unterscheidet sich die Definition im Collins ganz wesentlich von den beiden vorhergehenden. Zunächst ist festzuhalten dass der hier vorausgesetzte Antagonismus von "Parawissenschaft" und "Wissenschaft" anders gefasst wird, indem Parawissenschaft "traditioneller Wissenschaft" gegenübergestellt wird. Implizit wird damit vorausgesetzt, dass durchaus unterschiedliche Ausformungen des 'Wissen produzierenden Systems' "Wissenschaft" existieren [8], wobei hier unter "traditioneller Wissenschaft" offenbar das zu verstehen ist, was im Bereich der Wissenschaftssoziologie und Wissenschafts-Kritik als "Schulwissenschaft" bezeichnet wird.

Ein weiterer, ganz entscheidender Unterschied dieser Definition zu den vorausgehenden besteht darin, dass hier die Nicht-Überprüfbarkeit mit dem Instrumentarium konventioneller Wissenschaft als Kriterium von Parawissenschaft bezeichnet wird. Die Unvereinbarkeit dieser Definitionen ist offensichtlich: Wenn es per se nicht möglich sein soll, Parawissenschaften bzw. ihre Aussagen "durch konventionelle wissenschaftliche Methoden" zu überprüfen (Collins), macht es auch keinen Sinn, auf sie bezogen einen "Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder auf Überprüf- beziehungsweise Belegbarkeit mit Methoden der Wissenschaft" (GWUP, 1997) vorauszusetzen.

Im Fall der GWUP erscheint es zur Abwechslung aber auch angebracht, IHREN Anspruch 'unter die Lupe' zu nehmen, so genannte Parawissenschaften "wissenschaftlich" zu untersuchen. Betrachten wir dazu eine aktuelle, höchst erstaunliche und aufschlussreiche, Definition des Begriffs Parawissenschaft, die auf den offiziellen Internet-Seiten der GWUP zu finden ist. Dort erklärt uns ein Dr. Martin Mahner:

Abb. 2 Bei den "Skeptikern" der GWUP werden Begriffe wie 'Parawissenschaft' und 'Pseudowissenschaft' als reine 'Verbalkeulen' eingesetzt, um damit Andersdenkende rhetorisch niederzuknüppeln. (Bild: Karikatur auf die Methoden der GWUP; zum Vergrößern einfach das Bild anklicken.)
  • "Eine Parawissenschaft (gr. para: neben) ist ein außerhalb der Wissenschaften (aber nicht unbedingt außerhalb des Universitätsbetriebes) angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruhen. Damit kann der Anspruch eines solchen Erkenntnisunternehmens, verlässliches Wissen über Welt oder Mensch zu erlangen oder erlangt zu haben, nicht eingelöst werden. Demgegenüber können andere nichtwissenschaftliche Erkenntnisbereiche, wie etwa die Alltagserkenntnis, durchaus verlässliches Wissen produzieren. Wird neben dem einfachen Erkenntnisanspruch auch der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben, bezeichnet man eine Parawissenschaft als Pseudowissenschaft." [9]

Mit dieser neuen Definition wird deutlich, dass Parawissenschaft aus "skeptischer" Sicht lediglich ein erweiterndes Quasi-Synonym zum Ausdruck Pseudowissenschaft darstellt. Mahner erklärt dies im folgenden auch selber ganz deutlich: "In der Alltagssprache sowie in der internationalen Literatur ist das Wort >Pseudowissenschaft< (engl. pseudoscience) häufiger anzutreffen als >Parawissenschaft<, wobei es je nach Kontext im engeren oder weiteren Sinne verwendet wird. >Parawissenschaft< ist daher eine neuere, an die Bezeichnung >Parapsychologie< angelehnte Wortbildung, die es erlaubt, den Begriff >Pseudowissenschaft< auf seine engere Bedeutung zu beschränken. Für welche Terminologie man sich letztlich entscheidet, spielt keine Rolle, solange die Begriffe sinnvoll und konsistent definiert sind." [10]

Spätestens jetzt muss klar werden, dass es Dr. Mahner und der GWUP keineswegs darum geht, die so genannten Parawissenschaften wirklich auf ihre Wissenschaftlichkeit hin zu untersuchen: Die Begriffe Parawissenschaft und Pseudowissenschaft stellen vielmehr in ihren Händen reine 'Verbalkeulen' dar, mit denen sich wirksam auf alles einprügeln lässt, was sie für "illusionäres Denken" halten. Der ohnehin in schulwissenschaftlichen Kreisen pejorativ konnotierte Begriff Parawissenschaft verkommt hier vollends zu einem bloßen 'Etikett', das ohne nähere Prüfung allem 'aufgeklebt' werden kann, was nicht ins scientistische bzw. neo-scholastische Weltbild seiner Verwender passt. Für jeden wirklich in wissenschaftlichen Kategorien denkenden Menschen muss die Subjektivität einer Definition, die ernstlich mit verbalem 'Schwampf' wie "illusionäre[m] Denken" operiert, geradezu 'ins Auge springen'. Und gerade vor dem Hintergrund der Wissenschaftsgeschichte und ihrer Betrachtung lässt sich das Chimärenhafte derartiger Formulierungen unschwer deutlich machen. Bei der University of Malta liefert man uns dazu zwei prägnante Beispiele. Hier das erste:

  • "Im frühen 19. Jahrhundert gehörte es zum Konsens der Wissenschaftler jener Zeit, dass es im Weltraum keine Gesteinsbrocken gebe. Daher wurden alle Entdeckungen oder Beobachtungen niedergegangener, eisenhaltiger Steine von der Hand gewiesen. Wusste doch jedermann, dass dies nur wertloser Aberglaube von Bauern war. Damals bewegten >Meteoriten< sich im selben Bereich von Pseudowissenschaft / Parawissenschaft, wie heute die Entführungen durch UFOs und Yeti-Sichtungen. Doch langfristig fand man heraus, dass die Auffassung des wissenschaftlichen Mainstreams schrecklich falsch war: Meteoriten waren keine Wahnvorstellung. Bedeutende Museen, die ihre >pseudowissenschaftlichen< Meteoriten-Sammlungen Mitte des 19. Jahrhunderts entsorgt hatten, bedauerten ihr voreiliges Handeln. War nun, bevor die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung sich änderte, das Studium von Meteoriten eine Art Pseudowissenschaft? Nein, natürlich nicht. Die Gesteinsbrocken waren real, auch wenn ihre Existenz und ihr Studium als abergäubischer Unsinn verunglimpft wurden. Sie wurden [einfach] außerhalb der Grenzen wissenschaftlich akzeptierter Fakten gehalten. Meteoriten waren >Parawissenschaft<; sie waren noch-nicht-legitimierte Wissenschaft." [11]
Abb. 3 Mitte des 19. Jahrhunderts "wusste" man in der Welt der Wissenschaft, dass keine Steine vom Himmel fallen. Wer etwas anderes behauptete, war - nach heutiger Terminologie - ein echter Para- oder Pseudowissenschaftler.

Wir bemerken hier zunächst die, fast 'zwischen den Zeilen' versteckte, Definition von Parawissenschaft als "noch-nicht-legitimierte Wissenschaft", welche sich offenbar - und das unterscheidet sie von den bisherigen - an einer wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtungsweise orientiert. Allerdings stellt sich uns bei einer derartigen Verwendung des Begriffs die Frage, wo genau die Unterschiede zwischen "Parawissenschaft" und "Protowissenschaft" liegen sollen. Beide Termini würden ja eine im Werden begriffene Vorform "ausgereifter" 'Normalwissenschaft' im Sinne Thomas S. Kuhns [12] beschreiben. Sollten sie also das selbe meinen, wäre einer der beiden schlichtweg überflüssig; sollten sie aber nur ähnlich sein, stellt sich die Frage nach den Unterschieden in ihrer Bedeutung. Haben wir es beispielsweise bei "Parawissenschaft" mit quasi im "Embryonalstadium" befindlicher, bei "Protowissenschaft" dagegen mit "kindlicher" oder "jugendlicher" Wissenschaft" zu tun?

Doch kommen wir zurück zu unserem wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtungsversuch des Definitions-Problems in Sachen Parawissenschaft, und widmen wir uns nun dem zweiten historischen Beispiel, das uns die Forscher der University of Malta vorstellen:

  • "Zur Jahrhundertwende [19./20. Jahrh.] galt die Herstellung von bemannten Flugmaschinen unter Verwendung zeitgenössischer Technologie als Unmöglichkeit. S. Newcomb hatte dies bewiesen, und die Scientific community betrachtete >Flugmaschinen<-Erfinder mit Verächtlichkeit. Demzufolge betrieben Langley und die Gebrüder Wright keine >Wissenschaft<, da die Dinge, die sie versuchten, als unmöglich bekannt waren. Kaum ein Wissenschaftler aus jener Zeit hätte ihre Bemühungen als etwas betrachtet, was mit legitimer Wissenschaft zu tun hat. Doch mit der Zeit erwies sich, dass der Konsens falsch war, und Aerodynamik wurde schließlich in der [wissenschaftlichen] Gemeinde willkommen geheißen. 1900 stand Aerodynamik also außerhalb der Grenzen vernünftiger Wissenschaft, sie war >Parawissenschaft<. Wenn hingegen die Naturgesetze nur ein klein wenig anders gewesen wären, und die Wrights sich zum Narren gemacht hätten, dann wären Flugzeuge noch heute ein Ding der Unmöglichkeit, und ihr Werk würde noch immer als Narretei, als >Pseudowissenschaft< klassifiziert werden." [13]

Wir erkennen jetzt deutlich den Unsinn von Klassifizierungs-Ansätzen in Sachen 'Wissenschaftlichkeit', die ein angeblich "illusionäre[s] Denken" von Forschern als Bewertungskriterium zugrunde legen. In der Wissenschaftsgeschichte wimmelt es nur so von "spinnerten" Ideen, deren Verfechter zunächst vom wissenschaftlichen Mainstream verlacht wurden, um sich schließlich doch mit ihren 'revolutionären' Neuerungen durchzusetzen. Ein interessantes Beispiel liefert uns hierzu etwa Guglielmo Marconi (1874-1937), der Pionier drahtloser Telekommunikation.

Abb. 4 Beispiel Guglielmo Marconi: War dieser Mann bis zum 11.12.1901 ein "Pseudowissenschaftler", und ab dem 12.12.1901 ein "Held der Wissenschaft"?

Als Marconi (Abb. 4) Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Versuchen zur transatlantischen Fern-Kommunikation auf Basis elektromagnetischer Wellen begann, löste er damit in der 'gelehrten Welt', insbesondere aber unter den zeitgenössischen Physikern, zunächst einmal eine Welle des Gelächters aus. Wusste dieser 'arme Irre' denn nicht, dass die Erde eine Kugel ist, und dass Funkwellen sich geradlinig fortbewegen? Wie, bittesehr, sollte es also möglich sein per Funk, durch die für solche Wellen undurchdringliche Erdwölbung hindurch, eine Verbindung herzustellen? Auch Marconi war also - nach heutiger Sprachregelung der GWUP - ein echter "Para-" oder "Pseudowissenschaftler", dessen Arbeit ganz eindeutig auf "auf illusionärem Denken" beruhte. Als es ihm am 12. Dezember 1901 dann doch, mittels der Funkwellen reflektierenden Eigenschaft der (der Wissenschaft bis dahin unbekannten) Ionosphäre gelang, von Cornwall aus eine Empfangsstation in Neufundland zu erreichen, hörte das Gelächter der 'Skeptiker' schlagartig auf, Marconi wurde als 'Held der Wissenschaft' gefeiert, mit Ehrungen überhäuft, und sogar in den Adelsstand erhoben.

Um die Gründe für die Unbrauchbarkeit angeblicher "Bewertungskriterien" wie "illusionäres Denken" zu erkennen, muss man verstehen, dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess keineswegs gleichförming und so zielgerichtet bzw. "vernünftig" verläuft, wie man dies aufgrund der Selbstinszenierung des 'Real existierenden Wissenschaftsbetriebs' (der institutionalisierten "Schulwissenschaft") erwarten möchte. "In Wirklichkeit sind" nämlich, wie es der Wissenschaftshistoriker und -kritiker Dr. Horst Friedrich ausdrückt, "unsere Wissenschaften kollektive Bewußtseinszustände, wo sich alles in einem Zustand des Ewig-Provisorischen, ständiger Evolution und nagenden Zweifels befindet. Überdies sind selbstredend die Dogmen oder Paradigmata vom Zeitgeist abhängig [14], von den vorherschenden >Archetypen<, wie der große C. G. Jung gesagt hätte." [15]

Wir sehen: Ob die "Mehrheit der Wissenschaftler" ein neues Forschungsgebiet, eine unorthodoxe Hypothese bzw. 'ungewöhnliche' Methoden ablehnt, sagt zunächst rein gar nichts über deren Sinn oder Unsinn, respektive über ihre Existenzberechtigung im Kontext wissenschaftlicher Forschung aus; oder, um mit den Worten eines großen 'professoralen Außenseiters' des Wissenschaftsbetriebs, des einstigen Wiener Ordinarius für Geologie, Alexander Tollmann (1928-2007) zu sprechen: "In der Wissenschaft wird nicht abgestimmt!" [16]

Demzufolge sollte bei einer zumindest halbwegs sinnvollen Definition von Parawissenschaften deutlich werden, dass sie nicht zuletzt aufgrund ihrer paradigmatischen Devianz zu charakterisieren sind. Und tatsächlich werden wir auf der Suche nach einer derartigen Definition fündig:

  • Nach Martin Marheinecke sind Parawissenschaften nämlich "Aussagensysteme, die die Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllen, vor allem ihren eigenen Hypothesen gegenüber skeptisch sind, jedoch teilweise von anderen Paradigmen (Denkmustern, Welterklärungsmodellen) ausgehen als die wissenschaftliche Mehrheitsauffassung." [17]

Marheineckes Definition hebt sich allerdings nicht nur aus diesem Grund von den vorausgegangenen ab. Sie sagt nämlich auch aus, dass ein "Aussagensystem", welches als Parawissenschaft bezeichnet werden kann, bereits nachweislich Minimalvoraussetzungen in Bezug auf seine Wissenschaftlichkeit erfüllen muss. Als wesentliches Kriterium hebt er dabei die notwendige Skepsis des Forschenden eigenen Hypothesen gegenüber hervor, durch die sich Wissenschaft von "Glaubenssystemen" unterscheidet. Außerdem impliziert seine Definition - ähnlich der im Collins und im Gegensatz zu den Vorstellungen der "Skeptiker" - dass mehrere Modelle von Wissenschaft existieren, die, trotz näher zu definierender Unterschiede zwischen ihnen, über einen 'Kleinsten gemeinsamen Nenner' als grundsätzlich zusammengehörig zu erkennen sind. [18] Anders als in der Collins-Definition von Parawissenschaft vorausgesetzt, müssten entsprechende Aussagensysteme demzufolge auch unter methodologischen Gesichtspunkten mit der universitären Forschung kompatibel sein. Und - wen wundert´s? - wir finden natürlich auch eine dem entsprechende Definition von Parawissenschaft:

  • Bei Marcel Bohnert heißt es nämlich: "Zu den Parawissenschaften zählen unter anderem Disziplinen wie Astrologie, Parapsychologie, Homöopathie und Psychotronik. [19] Hier geht es vor allem darum, unerklärte Phänomene unter Zuhilfenahme anerkannter wissenschaftlicher Methoden zu untersuchen. Resch beschreibt sie treffend als >die Wissenschaft von den Paranormalen [Grenz-]Phänomenen<[20]. Parawissenschaftler verstehen sich als bewussten Gegenpol zur rein rationalistisch-materialistischen >Normalwissenschaft< und sind einer großen Akzeptanzproblematik innerhalb der >scientific community< ausgesetzt. Dennoch gibt es vereinzelt Institute, Lehrstühle und Vereine, die diese Form der Wissenschaft institutionell verankern." [21]
Abb. 5 War Albert Einstein (1879-1955) ein Parawissenschaftler? Immerhin beschäftigt sich seine Relativitätstheorie mit quasi 'paranormalen' Phänomenen. Oder war er ein Pseudowissenschaftler? Unterstützte er doch Charles Hapgoods Theorie katastrophischer Verschiebungen der Erdkruste, und war von der Historizität rezenter Kataklysmen überzeugt.

Nach Bohnert bzw. Resch lässt sich der Begriff Parawissenschaft also (weitgehend) auf solche Forschungsgebiete reduzieren, die sich mit sogenannten "paranormalen Phänomenen" [22] beschäftigen. Insofern gibt es hier eine Begriffs-Überschneidung mit dem Terminus "Paranormologie", der 1969 von Andreas Resch "zur Bezeichnung jener Grenzgebiete der Wissenschaft eingeführt" wurde, "deren Verlaufsstrukturen von den bekannten Naturprozessen bzw. den anerkannten Vorstellungsmustern der Deutung von Welt und Mensch abweichen oder abzuweichen scheinen." [23]

Eine unzulässige (und unzutreffende) Verallgemeinerung ist jedenfalls Marcel Bohnerts Behauptung: "Parawissenschaftler verstehen sich als bewussten Gegenpol zur rein rationalistisch-materialistischen >Normalwissenschaft<". Jedenfalls trifft sie wohl kaum auf Grenzwissenschaften zu, die sich mit keineswegs "paranormalen" Phänomenen befassen, wie etwa Krypto-Zoologie, Krypto-Anthropologie, neo-katastrophistische bzw. alternative Erd-, Menschheits- und Zivilisations-Geschichtsforschung (z.B. Krypto-Archäologie, Atlantologie und Paläo-SETI-Forschung).

Wir können nun, gegen Ende unserer Betrachtung, ganz unzweifelhaft feststellen, dass bei den oben vorgestellten repräsentativen Definitionen des Begriffs Parawissenschaft völlig uneinheitliche Vorstellungen darüber zu Tage treten, womit wir es dabei eigentlich zu tun haben.

Die terminologische "Schwammigkeit" des Begriffs lässt sich aber auch schon bei einer rein etymologischen Betrachtung hinreichend deutlich machen. So "kann die Vorsilbe >Para-<", wie Dr. Horst Friedrich konstatiert, "alles Mögliche bedeuten. Nach dem Collins erstens >beyond< (= jenseits, über ... hinaus), wie bei Parapsychologie, zweitens aber auch >defective< (= fehlerhaft, unvollkommen). Nach dem Duden kann drittens >Para-< auch >gegen< (Paralogie = Vernunftwidrigkeit), ja viertens sogar auch >neben< (etwa in Paraanthropus, Parasit, Parasympathikus) bedeuten. Soll man unter >Parawissenschaften< also nun Disziplinen verstehen, die a) über die üblichen Wissenschaften hinausgehen, b) quasi unvollkommene Vorformen von Wissenschaft sind, c) eine Art >Anti-Wissenschaft< darstellen oder d) die >offizielle< Wissenschaft als >Neben-Wissenschaften< ergänzen (wie paramilitärische Einheiten die regulären Truppen)? Oder alles gleichzeitig?" [24]


Eine Schlussbemerkung

Wie der Verfasser aufzuzeigen bemüht war, stellt der Begriff Parawissenschaft (ebenso wie die Bezeichnung "Pseudowissenschaft", mit der wir uns bei Atlantisforschung.de an anderer Stelle befassen) keinen wissenschaftlich sinnvoll verwendbaren Terminus dar, da er quasi 'je nach Gusto' verstanden und eingesetzt werden kann, wobei sich augenscheinlich die unterschiedlichsten, ja völlig widersprüchliche, Bedeutungen konstruieren lassen. Eine "sinnvoll[e] und konsistent[e]" Definition von Parawissenschaft (gerade im Zusammenhang mit dem komplementären Ausdruck "Pseudowissenschaft") erscheint nur dann möglich, wenn sie nicht in einem wissenschaftlichen, sondern in ideologischem Kontext erfolgt, und zielführend auf die Diskreditierung alternativer Wissenschafts-Modelle bzw. Forschungsrichtungen und -gegenstände ausgerichtet ist. In diesen Sinn stellt der Begriff Parawissenschaft nichts anderes als einen manipulativen "Dysphemismus" dar.

Der Verfasser möchte daher diejenigen, die sich an Universitäten - gerade im Bereich der Lehre - mit wissenschaftstheoretischen, -soziologischen und -historischen Problemen befassen, dazu auffordern, diese Termini, die sich in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch 'eingeschlichen' haben, gemeinsam mit den Studierenden zu thematisieren und sie sowie ihren Gebrauch einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen.

Außerdem möchte er auch all jenen, die im Bereich explizit grenzwissenschaftlicher Studien und Forschungen aktiv sind, ein Überdenken der Verwendung des Begriffs Parawissenschaft nahelegen. Er empfiehlt ihnen, sich entschieden dagegen zu verwahren, sich bzw. ihre Tätigkeit vermittels einer derart scheinwissenschaftlichen Begrifflichkeit klassifizieren - letztztlich: abqualifizieren! - zu lassen.


Anmerkungen und Quellen

  1. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de das Stichwort "Grenzwissenschaft" (Definition II des Begriffs)
  2. Quelle zu Ursprung und Popularisierung des Ausdrucks "Parawissenschaft": Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Parawissenschaft (Stand: 05.10.09); bei Wikipedia bezieht man sich diesbezüglich auf: Skeptiker-Netzwerk (2008) sowie E. Wunder: Parawissenschaft – was ist das? In: Skeptiker. Band 10, 1997, S. 125–130
  3. Anmerkung: Auf die Erwähnung subjektiver terminologischer 'Neuerfindungen' des Begriffs wurde hier aus nahe liegenden Gründen verzichtet. Als exemplarisch für derartige "Definitionen" von Parawissenschaft sei hier jedenfalls folgendes Beispiel genannt: Parawissenschaft "...versucht unseren Kosmos allumfassend und anschaulich zu beschreiben. Sie integriert auch Phänomene, die von den Naturwissenschaften nicht befriedigend oder überhaupt nicht erklärt werden können. Ich zergliedere in mehrere Kategorien, wobei die Grenzen fließend sind: Paratheologie, Paraphysik, Paramedizin etc. Den Begriff der Parapsychologie benötige ich bei meiner Weltanschauung nicht." (sic!!!; bb) - Quelle: Peter Lay, "Das große Freie Energie Experimentier Handbuch", Franzis Verlag, 2004, S. 110
  4. Quelle: "GWUP - Wir stellen uns vor" (Broschüre der GWUP), Roßdorf 1996, S. 26
  5. Anmerkung: Edgar Wunder hat die GWUP zwischenzeitlich unter Protest gegen die sektiererisch-scheinwissenschaftlichen Umtriebe in dieser Organisation verlassen, und gehört zu den Gründern der Gesellschaft für Anomalistik Zu Wunders Kritik an der GWUP siehe sein Papier: "Das Skeptiker-Syndrom"
  6. Quelle: E. Wunder, ""Parawissenschaft – was ist das?", in: Skeptiker. Band 10, 1997, S. 125–130
  7. Quelle: Collins, Stichwort "parascience"; zit. nach: Reverso Dictionary, unter: "parascience" (Stand: 04.10.09). Im englischsprachigen Original: "the study of subjects that are outside the scope of traditional science because they cannot be explained by accepted scientific theory or tested by conventional scientific methods".
  8. Anmerkung: Der Wissenschaftshistoriker Dr. Horst Friedrich schlug 1997 diesbezüglich vor, "den Begriff von >Quasiwissenschaften< einzuführen. Nach dem DUDEN drückt nämlich die Vorsilbe ,,Quasi-” aus, dass eine Sache etwas nahezu, beinahe, in gewissem Sinne, aber nicht ganz wirklich so, ist." (in: „Parawissenschaften“?, EFODON-Synesis, Nr. 23/1997) Typologisch wäre Quasiwissenschaft somit als wertneutraler Oberbegriff zu verwenden, unter dem sich ALLE Modelle (Theorie) und Ausformungen (Praxis) des 'Wissen produzierenden Systems' Wissenschaft - namentlich: "Schulwissenschaft", "Protowissenschaft", "Grenzwissenschaft" / "Parawissenschaft", "Populärwissenschaft" - ungeachtet jeweiliger definitorischer Unschärfen zusammenfassen lassen. Als einzige Ausnahme müsste dann der (ohnehin wohl umstrittenste) Sonderbereich "Pseudowissenschaft" gelten, da ein explizit als "Nicht-Wissenschaft" zu verstehendes Aussagensystem außerhalb dieses Definitionsrahmens liegen muss.
  9. Quelle: Dr. Martin Mahner, "Parawissenschaft - Pseudowissenschaft", bei GWUP Die Skeptiker
  10. Quelle: ebd.
  11. Quelle: "Parascience - University of Malta" (Microsoft Powerpoint Präsentation, 364 KB), bei: University of Malta; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de
  12. Siehe: Thomas S. Kuhn, "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen", Suhrkamp 1967
  13. Quelle: "Parascience - University of Malta" (Microsoft Powerpoint Präsentation, 364 KB), bei: University of Malta; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de
  14. Siehe dazu: Thomas S. Kuhn, "Die Struktur Wissenschaftlicher Revolutionen", Frankfurt a. Main, 1967
  15. Quelle: Dr. Horst Friedrich, "Exkurs über Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsgeschichte" (1997)
  16. Quelle: Alexander Tollmann, "Und die Wahrheit siegt schliesslich doch!", Verlag Kritische Wissenschaft, 2003
  17. Quelle: Martin Marheineke, "An den Grenzen der Wissenschaft" (1999)
  18. Anmerkung: Eine kurze und bündige Beschreibung dieses 'Kleinsten gemeinsamen Nenners' lieferte de facto der Duden, indem er Wissenschaft als "argumentativ gestütztes Wissen hervorbringende forschende Tätigkeit in einem bestimmten Bereich" definierte. (Quelle: Duden Deutsches Universalwörterbuch. 2. völlig neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe, Mannheim/Wien/Zürich 1989)
  19. Vergl. Gerald L. Eberlein, "Schulwissenschaft - Parawissenschaft - Pseudowissenschaft", Stuttgart 1991, S. 7
  20. Siehe: Resch 1991, S. 119
  21. Quelle: Marcel Bohnert, „Verlorengegangene Ethik? Betrug und Fälschung in der Wissenschaft“, GRIN Verlag, 2007, S. 8
  22. Anmerkung: Zur Klärung, was bezüglich unseres Diskussions-Gegenstands eigentlich unter "paranormal" zu verstehen ist, hier zunächst die Definition dieses Begriffs bei Wikipedia: "Paranormal als Adjektiv (para = neben, gegen, im Vergleich mit) bezeichnet etwas von der Normalität abweichendes. Umgangssprachlich wird der Begriff im Deutschen oft synonym zu außersinnlich verwendet, also für Phänomene, die in den Augen der Wortverwender wissenschaftlich nicht erklärbar sind." (aus: Wikipedia, Stichwort: Paranormal, Stand: 09.10.09) Der Verfasser stellt dazu fest, dass der erste Teil der Definition lediglich eine Übersetzung des Begriffs ins Deutsche darstellt. Der zweite, bei Wikipedia fälschlicherweise als "umgangssprachlich" deklarierte Wortbedeutung entspricht dagegen ziemlich dem, womit wir es im Kontext von Parawissenschaft zu tun haben. Diese Feststellung erscheint notwendig, da wir ansonsten z.B. auch Albert Einsteins 'Relativitätstheorie' oder die Quantenmechanik als "paranormal" zu bezeichnen hätten.
  23. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Paranormologie (Stand: 05.10.09)
  24. Quelle: Horst Friedrich, "Ist die Alchemie eine Pseudowissenschaft?", in: Karin Figala und Helmut Gebelein (Hrsg.): "Hermetik & Alchemie: Betrachtungen am Ende des 20. Jahrhunderts", Gaggenau 2003, S. 111


Bild-Quellen

(1) William R. Corliss, "Archäologie in Großbritannien: Abweichler von der Parteilinie"

(2) Bildarchiv Atlantisforschung.de

(3) Wikimedia Commons, unter: http://commons.wikimedia.org/wiki/Meteorite

(4) Wikipedia - Die freie Enzyklpädie, Stichwort: Guglielmo Marconi

(5) Wikipedia - Die freie Enzyklpädie, Stichwort: Albert Einstein