Sergio Frau

Aus Atlantisforschung
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...und sein 'Atlantis auf Sardinien': Eine Bilanz nach zehn Jahren

Abb. 1 Der Journalist Sergio Frau lokalisierte im Jahr 2002 Atlantis auf Sardinien.

(bb) Der italienische Jounalist Sergio Frau (*8. Dez. 1948 in Rom), ein Mitbegründer und langjähriger Redakteur (Leiter des Kultur-Ressorts) der Tageszeitung La Repubblica, erlangte zeitweilig einige internationale Aufmerksamkeit durch die Veröffentlichung seines Buches "Le Collone d'Ercole: Un’inchiesta" (2002) [1], das 2008 auch in deutscher Sprache unter dem Titel "Atlantika:Eine detektivische Untersuchung des antiken Mittelmeerraums. Wo standen die Säulen des Herkules? Wer baute die geheimnisvollen Nuragen? Wo lag das sagenhafte Atlantis?" erschien. In dieser äußerst voluminösen Abhandlung - die Originalfassung auf Italienisch umfasst 800 (!) Seiten, die deutschsprachige Ausgabe 'nur' 455 Seiten - lokalisiert er Atlantis auf der Mittelmeerinsel Sardinien, und die Atlantier identifiziert er mit den Angehörigen der dortigen, bronzezeitlichen Nuraghenkultur

Sergio Frau vertitt darin die Auffassung, dass eine katastrophische Überschwemmung diese mysteriöse Kultur des prähistorischen Sardinien vernichtet habe, welche nach den Nuraghen benannt wurde, zahlreichen megalithischen Rundtürmen (Abb. 2), die ihre Angehörigen der Nachwelt hinterlassenen haben. Nach Fraus Meinung sollen einige der Überlebenden dieser Katastrophe auf des Festland Italiens ausgewandert sein, wo sie die Kultur der Etrusker begründeten, während andere als jene 'Seevölker' bekannt wurden, die das Alte Ägypten angriffen. [2]

Eine zentrale Rolle spielt in Sergio Fraus Atlantis-Theorie seine alternative Lokalisierung der Säulen des Herakles an der Straße von Sizilien (zwischen Tunesien und Sizilien). Dies begründet er unter Bezugnahme altgriechischer Autoren wie Herodot und Dikaiarchos, und erklärt, dass erst Eratosthenes die Säulen des Herakles etwa 250 v.d.Z. literarisch von dort nach Gibraltar 'verlegt' habe.

Abb. 2 Eine der weit prähistorischen 'Nuraghen' auf der Insel Sardinien (Foto: Anton)

S. Fraus Buch sorgte nach seimem Erscheinen für einigen 'Rummel' (alleine in Italien verkaufte es sich ca. 30.000 mal), was aber vor allem mit der Popularität des Autors in Journalisten-Kreisen und mit seinen offenbar ausgezeichneten Beziehungen zur UNESCO zu tun hatte, die angeblich auch das Erscheinen seines Buchs in deutscher Sprache finanziell unterstützte, und deren französische Kommission 2005 seine "verblüffenden und gleichzeitig faszinierenden Thesen" anerkannt haben soll. [3] Journalistische Literaturkritiker lobten das Buch 'in den Himmel', u.a. in Paris und Rom wurden auf seinen Arbeiten basierende Ausstellungen präsentiert [4], und auch in der scientific community fand Frau eine Reihe von Befürwortern.

So wird etwa der tunesische Altertumsforscher Azzedine Beschaouch, angeblich "einer der wichtigsten Archäologen des Mittelmeerraums und UNESCO-Ratsmitglied" [5], folgendermaßen zu S. Fraus Atlantis-Publikation zitiert: "Man kann heute keine Untersuchung mehr durchführen, ohne dieses Buch zu berücksichtigen", [6]. und auch der bekannte italienische Geologe Mario Tozzi stützt in vielen Punkten Sergio Fraus Annahmen. [7] Der große Durchbruch scheint dem Journalisten aber - das darf man inzwischen als gesichert betrachten - in der Wissenschaftsgemeinde nicht gelungen zu sein; eine Feststellung, die sowohl für seine Aussagen zu Atlantis und für seine Seevölker-Hypothese als auch für seine Annahmen zur Herkunft der Etrusker gilt.

Abb. 3 Sergio Fraus von der Kritik hochgelobtes Atlantis-Buch wird inzwischen im Internet-Handel 'verramscht'.

Im atlantologischen Lager hat Sergio Frau mit seinem Buch allerdings noch weniger Freunde und Anhänger, wie etwa Silvio Diego Novo [8], und Giuseppe Mura [9] gefunden, was aber keineswegs nur fachliche Gründe haben dürfte (eine kritische Dekonstruktion der Frau´schen Thesen aus Sicht konservativer Atlantisforschung hat z.B. Thorwald C. Franke vorgelegt. [10]); vielmehr hat Frau sich in Kreisen der Atlantisforscher vor allem deshalb ziemlich unbeliebt gemacht, weil er die seiner Publikation vorausgegangen Arbeiten anderer Forscherkollegen zu Sardinien schlichtweg ignoriert oder sogar verschwiegen hat. So hatte etwa der US-Amerikaner Robert Paul Ishoy mindestens zwei Jahre vor dem Erscheinen von Fraus Buch im Internet eine ganz ähnliche Theorie zur Lösung des Atlantisproblems präsentiert [11], und bereits im Jahr 1982 hatte Sergio Fraus Landsmann Paolo Valente Poddighe zum ersten mal Sardinien als Atlantis identifiziert - der Frau postwendend Plagiarismus vorwarf. Auch seine Lokalisierung der Säulen des Herakles soll Frau von einem Kollegen, dem italienischen Geschichtsprofessor Rosario Vieni, 'übernommen' haben, der ihm ebenfalls ein Plagiat unterstellt.

Wir wollen hier dahingestellt sein lassen, ob es sich sich bei Sergio Fraus Versäumnis, in seinem Buch auf besagte Vorarbeiten gebührend hinzuweisen, um bewusstes Plagiat, oder schlicht um das Resultat seiner, aus seinem erkennbaren Desinteresse an den Arbeiten anderer Atlantisforscher resultierenden, Inkompetenz bzw. Ignoranz bezüglich atlantologischer Forschungen handelt. Fakt ist nämlich, dass heute - zehn Jahre nach Erscheinen des Werkes - ohnehin kaum noch ein 'Hahn danach kräht', was er damals geschrieben hat. Sein Buch (das seinerzeit ohnehin vor allem im romanischen Sprachraum erfolgreich war) wird nun im Internet 'verramscht' [12], und die heutige Atlantisforschung konzentriert sich - aus guten Gründen! - immer mehr auf Nordafrika, Iberien und den Atlantischen Großraum (Siehe: Atlantiker). Das von Sergio Frau (et al.!) proklamierte 'Sardinien-Atlantis' bleibt - ähnlich wie Robert Sarmasts, mit einem vergleichbaren PR-Trubel hochgepushte, Atlantis-"Entdeckung" bei Zypern im Jahr 2003 - eine Randnotiz der Atlantologie-Geschichte.

Atlantis findet man eben nicht "en passant" (im Vorbeigehen, beiläufig), wie es Sergio Frau von seinem Journalisten-Kollegen Rolf Pflücke zugeschrieben wurde [13], und es wird auch nicht im Alleingang zu entdecken sein (was Frau offenbar selber für sich in Anspruch nahm), sondern nur auf Basis langjähriger, gründlicher und zielgerichteter Studien im Rahmen einer internationalen kooperativen Forschungsgemeinschaft.


Anmerkungen und Quellen

Einzelverweise:

  1. Siehe: Sergio Frau, "Le Collone d'Ercole: Un’inchiesta", Rom, 2002
  2. Quelle: Tony O’Connell, Frau, Sergio, bei: Atlantipedia.ie (abgerufen: 10.12.2012)
  3. Quelle: Anonymus, Atlantika. Eine detektivische Untersuchung des antiken Mittelmeerraums, bei: sardinien.com (abgerufen: 10.12.2012)
  4. Quelle: Tony O’Connell, op.cit.
  5. Anmerkung: Azzedine Beschaouch ist dort als "Special Advisor to the Assistant Director-General for Culture for Cambodia, the Balkans and Palestine" tätig.
  6. Quelle: Anonymus, Atlantika. Eine detektivische Untersuchung des antiken Mittelmeerraums, bei: sardinien.com (abgerufen: 10.12.2012)
  7. Siehe: Mario Tozzi, "Sardegna o atlantide? Con Mario Tozzi e Sergio Frau" (Video), Teil I, Teil II und Teil III (abgerufen: 10.12.2012)
  8. Siehe: Diego Silvio Novo, "ATLANTIDE IN SARDEGNA?", bei: EdicolaWeb.net (abgerufen: 10.12.2012)
  9. Siehe: Giuseppe Mura, "Atlantide in Sardegna e a Cagliari?", I parte und II parte. Ders.: La Sardegna e il Golfo di Cagliari dalla preistoria alla storia - 1° parte di 2 (alle abgerufen: 13.12.2012)
  10. Siehe: Thorwald C. Franke, "Wertlose Argumentationen entwerten teils wertvolle Grundthesen - Rezension zu Sergio Frau: Le Colonne d'Ercole", bei: atlantis-scout.de, 2009
  11. Siehe: Robert Paul Ishoy, Atlantis Discovered; sowie in deutscher Sprache bei Atlantisforschung.de: Atlantis auf Sardinien (Die These)
  12. Anmerkung: Dies gilt jedenfalls für die deutssprachige Ausgabe. Siehe: Atlantika: Eine detektivische Untersuchung des antiken Mittelmeerraums: Wo standen die ... Nuragen? Wo lag das sagenhafte Atlantis? (Gebundene Ausgabe), bei: amazon.de (abgerufen: 10.12.2012). Anmerkung: Wer als Fachmann Wert auf eine vollständige atlantologische Bibliothek legt, sollte spätestens jetzt einen Kauf erwägen, denn für den Experten findet sich darin, auch bei einer begründeten Ablehnung von Fraus Kernthesen, Einiges an interessanten Detail-Informationen. Dazu hier auch noch einmal der Verweis auf Thorwald C. Frankes Rezension!
  13. Siehe: Rolf Pflücke, "Atlantis - Im Mittelmeer. Ein archäologisches Abenteuer", SWR2 : Feature am Sonntag. Redaktion: Gerwig Epkes. Regie: Günter Maurer. Sendung: 03.02.2008 - 14.05 Uhr - 15.00 Uhr

Bild-Quellen:

(1) Tony O’Connell, Frau, Sergio, bei: Atlantipedia.ie

(2) Anton (Wikipedia), "File:Nurage1rp.jpg", bei Wikimedia Commons

(3) Bild-Archiv Atlantisforschung.de