ATLANTIS WAR SIZILIEN - Vom Mythos zur Realität - Teil I

Aus Atlantisforschung
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von unserem Gastautor Axel Hausmann

Vor langer Zeit soll ein „Reich von Atlantis“ als frühe Hochkultur im westlichen Mittelmeer existiert haben, bevor das sagenhafte Königreich des Atlas plötzlich im Meer versank. So jedenfalls schrieb der griechische Philosoph Platon [1] um -350 in zwei Abhandlungen mit Namen Timaios und Kritias. Dabei stützte sich Platon auf Manuskripte des Athener Staatsmanns Solon, der um -570 eine bezeugte Ägyptenreise unternahm und dort von Priestern von dem vor langer Zeit untergegangenen Reich hörte.

Abb. 1 Platon, der Verfasser des Atlantisberichts

Das legendäre Atlantis faszinierte die Menschen seit der Antike. Nach Platons Tod haben Wissenschaftler und Laienforscher immer wieder versucht, es zu lokalisieren. Trotz unzähliger Spekulationen zu diesem Thema gelang es aber nicht, das Reich des mythischen Königs zu finden. So blieb es nicht aus, dass es kaum eine Insel auf der Erde gibt, die nicht schon einmal als Atlantis bezeichnet worden ist. Im Widerspruch zu Platons Angaben wurde Atlantis zwischen dem Chinesischen Meer und Mexiko genauso vermutet wie in Sibirien oder in Südamerika. Verwunderlich ist, dass niemals dort gesucht wurde, wo Platon selbst jene mythische Insel Atlantis angesiedelt hat, nämlich zwischen Italien und Nordafrika.

Eine Untersuchung der verschiedenen Hypothesen macht deutlich, dass die einzelnen Forscher immer nur die für ihre Lokalisation gerade passenden Aussagen des Philosophen herausgriffen, um die Richtigkeit ihrer Annahme zu beweisen, jedoch alle die Angaben negierten, die nicht zu ihren Spekulationen passten. Will man sich ernsthaft mit Atlantis befassen, so muss man Platons Überlieferung als Ganzes akzeptieren, so wie das Heinrich Schliemann mit Homers Troja tat. Greift man dagegen nur Teilaspekte heraus, so begibt man sich geradewegs ins Reich der Spekulation.

Die beiden Bücher Platons stellen zwar die genaueste schriftliche Überlieferung der Antike dar, auf die sich gewöhnlich jede Atlantisforschung stützt, doch vermitteln auch die Historiker Herodot [2] und Diodor von Sizilien [3] Kenntnisse von Atlantis. Außerdem hat es im antiken Griechenland auch eine mündliche Überlieferung von Atlantis und den Atlantern gegeben, die sich in zahlreichen Mythen widerspiegelt. Da alle diese Quellen ausgeschöpft sind, muss sich eine erfolgreiche Atlantisforschung zusätzlich auf andere Hilfsmittel stützen. Dazu gehören, neben den in den letzten Jahrzehnten erheblich angewachsenen Kenntnissen über die Frühgeschichte der europäischen Kulturen, besonders die modernen naturwissenschaftlichen Methoden der Datierung. Als außerordentlich erfolgreich erwies sich auch die metrische Analyse frühzeitlicher Bauwerke, die Erkenntnisse über die Transmission von kulturellen Errungenschaften vermitteln. Schließlich können geophysikalische und paläoastronomische Methoden herangezogen werden.

Abb. 2 Stierfang mit Netzen nach Platon, Kritias 11 - Pelasgischer Goldbecher aus Vaphio. Archiv A. Hausmann

Die Atlantisforschung entwickelte sich in den letzten Jahren erneut zu einem Objekt wissenschaftlicher Überlegungen, jedoch auch zum Stoff für zahlreiche esoterische Spekulationen. Lässt man letztere außer Acht und konzentriert sich auf die ernsthafteren Untersuchungen, so existieren zur Zeit außer meiner Theorie, dass Atlantis bei Sizilien lag [4], nur noch vier weitere Hypothesen, die sehr verschiedene Aussagen über die Lage des untergegangenen Atlantis machen. Ich will sie kurz zusammenfassen. Die Theorien unterscheiden sich bezüglich der zeitlichen Einordnung der atlantischen Zivilisation und durch die Ursache des Untergangs der Insel Atlantis nämlich deutlich voneinander:


1. Atlantis bei den Azoren

Diese Theorie geht ursprünglich auf den Jesuitenpater Athanasius Kircher zurück, der im 17. Jahrhundert die moderne Atlantisforschung mitbegründete und das gerade entdeckte Amerika mit Atlantis identifizierte. Kirchers Thesen wurden von Otto Muck [5] wieder aufgegriffen und durch das Katastrophenszenario eines Planetoideneinschlags am Ende der Eiszeit scheinbar naturwissenschaftlich begründet: Als Folge des Einschlags des kleinen Himmelskörpers im Küstengebiet des Staates Carolina im Osten der USA, soll der aus dem Meeresboden aufragende Atlantische Rücken an der Nahtstelle der amerikanischen und der europäischen Kontinentalplatten explodiert sein. Als Konsequenz davon sei ein „Atlantischer Kontinent“ am 5. Juni -8498 im Atlantik versunken. Die Atlanter waren nach dieser Hypothese mittelsteinzeitliche Jäger und Vorfahren der Indianer. Unsere heutigen geologischen Kenntnisse und auch die chronologischen Vorstellungen von der Frühgeschichte der Menschheit widerlegen diese Hypothese, die zudem im Widerspruch zu Platon steht.


2. Atlantis in der Nordsee nahe bei Helgoland

Nach einer Idee von Jürgen Spanuth [6] soll Atlantis in Folge einer Sturmflut im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im Wattenmeer versunken sein. Die Atlanter waren nach dieser Hypothese bronzezeitliche Vorfahren der Germanen, die als so genannte „Seevölker“ bis nach Ägypten vordrangen und von Pharao Ramses III. -1180 besiegt wurden.

Abb. 3 Die Caldera-Felsen von Thera

Die vorgetragene zeitliche und geografische Zuordnung des Inselstaates Atlantis steht bei dieser Hypothese im Widerspruch zu den gegenwärtigen Kenntnissen über die Bronzezeit in Europa und zu Platons Aussagen.


3. Atlantis auf der Vulkaninsel Santorin im Ägäischen Meer

Diese Vorstellung wurde von dem griechischen Archäologen Spyridon Marinatos [7] vertreten, der seit 1967 die Ausgrabungen der pelasgischen Siedlung Akrotiri auf der Insel Santorin leitete, wo ein vorzeitliches Kultzentrum entdeckt worden war. Die Atlanter waren nach dieser Hypothese identisch mit dem untergegangenen Volk der Minoer, dessen kulturelles Zentrum Kreta war. Santorin wurde tatsächlich durch einen Ausbruch des dortigen Vulkans Thera zerstört. Probleme bereiteten dieser Theorie jedoch die geografische Lage dieses angeblichen Atlantis sowie die zeitliche Zuordnung der Ereignisse in Platons Bericht zu den historischen Fakten der minoischen Kultur. Nach neueren Erkenntnissen brach der genannte Vulkan nämlich einige Jahrhunderte vor dem Untergang der minoischen Kultur aus, ohne diese zu zerstören.


4. Atlantis bei Troja

In jüngster Zeit wurde diese Hypothese von Eberhard Zangger [8] vertreten. Die in Platons Bericht genannten Ur-Athener als Widersacher der Atlanter waren nach Ansicht dieses Autors identisch mit den achäischen Griechen auf dem Peloponnes. Den zeitgleichen Untergang von Griechen und Trojanern, Zanggers Atlantern, soll eine lokale Überschwemmung nach einem Dammbruch um -1159 bewirkt haben. Außergewöhnlich heftige Niederschläge als Folge der Eruption des Vulkans Hekla in Island werden aber als eigentliche Ursache der Katastrophe angesehen. Es gibt auch in diesem Fall unüberwindbare geografische und zeitliche Diskrepanzen zu Platons Beschreibung. Entscheidender ist allerdings, dass umfangreiche Untersuchungen bei Troja diese Hypothese widerlegten.

Abb. 4 Platon widmete den Atlantisbericht der Göttin Athena (Athene), vermutlich um die Authentizität des Inhalts zu unterstreichen.

Die genannten vier unterschiedlichen Hypothesen lokalisieren Atlantis immerhin in Europa und die Autoren sind sich darüber einig, dass der Bericht Platons auf einer historischen Überlieferung beruhen muss. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, betont doch Platon dreimal in der kurzen Passage über Atlantis, dass die Form der Geschichte, wie er sie erzählen will, auf Manuskripte des Athener Staatsmanns Solon zurückgehe. Sie sei im Übrigen seit alter Zeit auch stets mündlich überliefert worden. Daneben lässt Platon einfließen, dass sie einst anlässlich eines im Oktober stattfindenden Festes zu Ehren des Gottes Dionysos vorgetragen wurde, jetzt aber als Lobgesang für die Göttin Athena erzählt werden soll. Offenbar will der Philosoph dem Leser der Schrift durch die Anrufung der Gottheiten ganz deutlich machen, dass es sich keinesfalls um eine von ihm erfundene Handlung für den Dialog handelt! In derselben Absicht lässt Platon auch den als Wahrheitssucher bekannten Philosophen Sokrates den Wahrheitsgehalt der Erzählung betonen.

Aus dem Text der beiden Atlantiserzählungen Platons wird deutlich, dass der Philosoph offenbar zwei unterschiedlich alte Quellen verwendet hat. Sie mögen beide auf Solon zurückgehen, doch scheint die Überlieferung vom Untergang der Insel Atlantis im Buch Timaios älter zu sein. Sie schildert Ereignisse, die sich offensichtlich lange vor dem Beginn der ägyptischen Hochkultur zutrugen.

Wenn man Platons Bericht als Wiedergabe eines realen historischen Ereignisses betrachtet, dann mögen zwar einzelnen Details übergangen werden, jedoch nicht die grundsätzlichen Aussagen in Platons Schilderung. Sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen.

  • Der Zeitrahmen: Vor der Bronzezeit in Griechenland, jedoch nach der Erfindung des Ackerbaus mit künstlicher Bewässerung - Früher als die ägyptischen Stadtgründungen im Nildelta
  • Die Lokalisation: Die vulkanische Insel Atlantis lag zwischen Tyrrhenien und Libyen nahe bei den „Säulen des Herakles“ in der Mündung eines „großen Stroms“ und zugleich am Eingang zu einem großen Meeresbecken - Der Hauptort befand sich an der Küste etwa in der Mitte der Insel
  • Die Größe: Es gab eine Ebene mit etwa 300 x 500 km Ausdehnung für Bewässerungslandwirtschaft im Süden der großen Insel Atlantis - Waldreiches Gebirge erstreckte sich im Norden der Insel - Der Hauptort wies eine kreisförmige Struktur auf
  • Das Klima: Subtropisches Klima erlaubte zwei Ernten im Jahr - Es gab Elefanten und Palmen
  • Der Kulturstand: Die Atlanter lebten in einer gegliederten Gesellschaft mit Kasten unter einem König mit Unterkönigen - Sie verfügten über eine Schrift, besaßen Gesetze und kannten die Metallverarbeitung - Die Atlanter waren Seefahrer und konnten von ihrer Insel zum gegenüberliegenden Festland und zu anderen größeren Inseln gelangen - Sie herrschten über ein ausgedehntes Gebiet, das unter anderem auch Süditalien und die Küstenregion von Nordafrika einbezog
  • Die Religion: Hauptgott war ein Sonnengott Poseidon, dessen heiliges Tier war das Pferd - Opfergaben für Poseidon bestanden aus Gold und Bernstein
  • Der Untergang: Ein Versuch atlantischer Krieger, die Länder rings um das östliche Mittelmeerbecken zu erobern, scheiterte, weil Atlantis durch eine Naturkatastrophe vom Meer verschlungen wurde - Der Untergang geschah durch eine Überflutung, die sich innerhalb eines Tages und einer Nacht abspielte - Die Flutwelle vernichtete nicht nur die Armee des Inselstaates Atlantis, sondern setzte auch gleichzeitig küstennahe Landstriche im Gebiet der Ägäis unter Wasser, so dass auch dort viele Menschen ertranken - Die Flut wurde begleitet von Erdbeben und wahrscheinlich von einer heftigen Aktivität der umliegenden Vulkane - Diese geologische Katastrophe verursachte eine scheinbare Abweichung der Gestirne von ihrer gewohnten Bahn am Himmel - Die Vorgänge ereigneten sich 9.000 Jahre vor Solons Besuch in Ägypten und 8.000 Jahre vor der Gründung der altägyptischen Stadt Saïs im Nildelta - Die genannte katastrophale Überflutung erfolgte vor der bronzezeitlichen „Flut des Deukalion

Besonders die Zeitangaben zum Untergang des Inselreiches erweisen sich als problematisch und wo soll schließlich eine Insel mit rund 300 x 500 km² Fläche, also von der Größe der ehemaligen DDR, verborgen sein? Wie kann weiterhin ein Untergang innerhalb eines Tages und einer Nacht erklärt werden?

Jeder Laienforscher wird nur zur Vermehrung der spekulativen Hypothesen beitragen, der diese grundlegenden Fragen nicht befriedigend beantworten kann.


Fortsetzung


Quellen und Anmerkungen

  1. Platon: Spätdialoge. Übers.: Rudolf Rufener, Zürich 1969
  2. Herodot: Neun Bücher der Geschichte. Übers.: Heinrich Stein, Essen 1990
  3. Diodor von Sizilien: Langenscheidsche Bibliothek sämtlicher griechischer und römischer Klassiker, Band 29, Stuttgart 1866
  4. Hausmann, Axel: Atlantis - Die versunkene Wiege der Kulturen, Norderstedt 2000
  5. Muck, Otto: Alles über Atlantis, München 1976
  6. Spanuth, Jürgen: Atlantis - Heimat, Reich und Schicksal der Germanen, Tübingen 1965
  7. Mavor, James: Reise nach Atlantis, Wien 1969; sowie: Luce, J. V.: Atlantis - Legende und Wirklichkeit, Bergisch-Gladbach 1969
  8. Zangger, Eberhard Atlantis - Eine Legende wird entziffert, Augsburg 1996


Bild-Quellen

(1) Wolter Smit, Was This Atlantis?, unter: Plato and Atlantis

(2) Archiv Axel Hausmann

(3) http://www.decadevolcano.net/photos/cd1/santorini_064.JPG (nicht mehr online)

(4) Penn Leary, The Second Cryptographic Shakespeare, unter: http://home.att.net/~mleary/gifs/PALLAS.GIF