Über die Bedeutung: "Atlantis" (Teil II)

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von Leo Frobenius (1911)

Abb. 1 Zufluchtsorte atlantischer Kultur; Berberburg am Felsrande des Bassira (Wiedergabe einer Farbenstudie von Hermann Frobenius [1])

Was die alten Berichte von geistiger und sozialer Kultur Nordwestafrikas und der Atlanten erzählen, läßt sich bislang schwer durch Funde erhärten, aber in dem Bericht über die bronzenen Mauern der Stadt in Atlantis haben wir tatsächliches, handfestes, greifbares Material. Hier können wir eine Entwicklungslinie verfolgen vom alten Atlantis - bis in die Jetztzeit. Nicht, als ob die Bronzeplatten der Mauern der Poseidonstadt im Original wieder aufgefunden wären! - Mit der Erhaltung solcher Bronzeplatten hat es seine eigene Bewandtnis. Wenn je ein Sieger eine solche Bronzestadt eroberte, war wohl das erste, daß er die Bronze herabriß, heimschleppte und - umgoß. Die Leichtigkeit des Umgießens ist das Unglück der Bronzeforschung, und auch von den Platten, die Homer zufolge an den Wänden des Phäakenpalastes prankten, ist leichter in irgendeinem heutigen, zum hundertsten Male umgegossenen Gegenstande etwas zu finden, als im Schutt des Palastes selbst.

Aber der Gedanke ist oft haltbarer und dauerhafter als die Materie. Der materiell denkende Mensch der Neuzeit wird diese Tatsache nicht ohne weiteres glauben können und hinnehmen. Hier ist aber einmal wieder der Beweis dafür. Als die nordischen Kauffahrer den Weg des Hanno und wer weiß wie vieler der Geschichte entschlüpften Nachfolger fuhren, trafen sie in Nordwestafrika auf eine Stadt, die hieß Benin. (Abb. 2) Die Chroniken vermelden, daß die Architektur dieser Stadt, zumal des Königspalastes, vielfach mit Bronze prunkte. Einige Berichte sprachen von den messingenen Mauern. Sie fanden im wesentlichen so wenig Beachtung wie die Bronzemauern des alten Atlantis. Als ich am Anfang der neunziger Jahre dem alten Bastian in Berlin von Bremen aus offiziell ein Gesuch einreichte, man möchte mich mit den nötigen Mitteln ausstatten, um die Bronzeplatten von Benin aufzusuchen, lehnte er kopfschüttelnd ab. Nicht einmal er glaubte daran. Die Absage wurde mir ein wesentlicher Beleg bedauernswerter Ungläubigkeit auch fachmännischer Leitung, denn einige Jahre später stürmten die Engländer das bisher verschlossene Benin und fanden unter Schutt und Lehm in allen Winkeln aufgespeichert die ganze eminente Pracht. Und der Nachfolger Bastians mußte dann ungeheure Summen aufwenden, um einen Teil dieser Schätze zu erwerben, deren Einheimsung mir wahrscheinlich ziemlich leicht und ohne Hunderttausende gelungen wäre.

Abb. 2 Zeichnung der Stadt Benin eines britischen Offiziers aus dem Jahr 1897

So sind denn in gewissem Sinne Benin und Atlantis für mich mehr, als für irgendeinen anderen, identisch und gleichwertig geworden als Vertreter ererbter Reihenfolge in Kulturbesitz, Kritik und Kulturhöhe. Nicht als ob ich so närrisch wäre, anzunehmen, die Mauern Benins erhöben sich auf den Trümmern der alten Poseidonburg, oder der Bronzeschatz Benins sei das fortgeschwemmte Mauerprunkwerk der alten Atlanten! Nein, aber diese Idee einer Mauerkrönung mit solchem Stoff, der Metallschmuck der Erdmauer, das ist gleiche Verwandtschaft, und darin besteht die Erschaft Benins aus atlantischer Herkunft. Jodoch außer dem Problem der technischen und formalen Übereinstimmung wollen wir uns auch klar darüber bleiben, daß Angaben älterer Schriftsteller mehr Wahrheit und Sicherheit bergen, als der skeptische Moderne glaubt. Troja ward wiedergefunden, Benin ward bestätigt, Atlantis und sein Wesen soll und kann wieder entdeckt werden.

Abb. 3 Eine antike Bronzetafel aus dem Königreich Benin mit Reliefdarstellung eines Kriegers, Helden oder Herrschers. Das Original befindet sich im Staatlichen Museum für Völkerkunde, München.

Nun aber zweigt sich die Arbeitsweise des Ethnologen von der des Historikers nd Prähistorikers ab. Dieser will den Platz und die Trümmer der alten Poseidonburg finden, ihn verlangt danach, die Glieder und den Schädel dieser verstorbenen Größe aus dem Schutt der alten Werkstatt und Heimat aufzufinden. Ganz anders der Ethnologe. Für ihn ist es eine wichtige Tatsache, daß Atlantis außerhalb des Gebietes liegt, über das seit Alters her eine Völkerwelle über die andere im Sturmausbruch hinwegfegte. Atlantis lag nicht im Bereich älterer oder mittelalterlicher, ununterbrochener Umwälzung. Es lag außerhalb der Oekumene unseres modernen geschichtlichen Werdeganges oder wenigstens an deren Rande und hatte somit in Nordafrika ein Einflußgebiet, in dem seine Nachkommenschaft und Erbschaft wenig Zerstörungsgefahren ausgesetzt waren. Auf Deutsch: "Das größere Atlantis", "the greater Atlantis" muß noch bestehen. Aber man verstehe mich recht!

Als ich im Jahr 1905 während der Kongoexpedition vor den wundervollen Plüschgeweben der Pianga, vor den feingliedrigen Skulpturen der Buschongo stand, da wußte ich, daß hier ein Schatz von Erbgut aus der Verwandtschaft Benins und des "größeren Atlantis" gehoben war. Dann arbeitete ich ein Jahr in der Heimat, und aus den Schätzen und Museen schwoll mir die Erbschaft aus Atlantis immer gewaltiger entgegen, bis ich der Flut entfloh in die inneren Länder Afrikas, bis ich die Reise antrat, die auf den nachfolgenden Blättern geschildert ist. Ich begab mich auf den Weg nach Atlantis. Aber ehe der Leser mir auf diesem Pfade folgt, will ich noch kurz auf die Stellung hinweisen, die diese alte Kulturzentrale im Rahmen der älteren Menschheit einnahm.

Da zumal von den Gelbgüssen hier die Rede war, mag man am Schluß dieses Kapitels eine Abbildung betrachten [2], die anzeigt, wie die gegossenen Schwertgriffe vom Benue in Innerafrika der Abstammung nach dem sogenannten Antennengriff der Bronzezeit West- und Nordeuropas gleichen. Bis in anscheinend unwesentliche Kleinigkeiten hinein reicht die Übereinstimmung. Das Schwert und das Messer des größeren Atlantis sind die Nachkommen bronzezeitlicher Waffen. Und die Verbreitung derartiger Wesenszüge, deren lebende Vertreter heute noch im vorbezeichneten Raume im Gebrauch sind, gemahnt uns daran, daß hervorragende Belege älterer Zeit im gleichen Umkreise nachgewiesen wurden.


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag ist eine Transkription des 1. Kapitels ("Über die Bedeutung: >Atlantis<", S. 1-14) aus dem Buch "Auf dem Wege nach Atlantis - Bericht über den Verlauf der zweiten Reise-Periode der D.i.a.f.e. in den Jahren 1908 bis 1910" von Leo Frobenius; erschienen 1911 in Berlin (Vita Deutsches Verlagshaus); nach der digitalisierten Fassung bei Archive.org

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Der Maler und Schriftsteller Hermann Frobenius Jr. (1871–1954) war Leo Frobenius´ Bruder.
  2. Red. Anmerkung: In der vorliegenden Online-Fassung des Buchkapitels ist diese Illustration stattdessen im Teil I des Beitrags als Abbildung 3 zu finden. Ansonsten bitte oben im Text den Link anklicken!

Bild-Quellen:

1) Leo Frobenius, op. cit. (1911), o. S.
2) Jurema Oliveira bei Wikimedia Commons, unter: File:Drawing of Benin City made by an English officer 1897.jpg
3) Daderot bei Wikimedia Commons, unter: File:Relief - Staatliches Museum für Völkerkunde München - DSC08432.JPG (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)