Claude-Mathieu Olivier

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Abb. 1 Das Palais du Pharo, zeitweilig eines der Hauptgebäude der neuzeitlichen Universität von Marseille, die von Claude-Mathieu Olivier mitbegründet wurde.

(bb) Claude-Mathieu Olivier (* 21. Sept. 1701 in Marseille - † 24. Okt. 1736 ebd.) [1] war ein französischer Jurist und Altertumskundler. Er gehörte zu jenen Gelehrten des 18. Jahrhunderts, die sich ausdrücklich für eine Historizität des platonischen Atlantisberichts aussprachen. Von einer - im engeren Sinne - atlantologischen Argumentation war Olivier jedoch noch weit entfernt. Vielmehr ging es ihm vor allem darum, Platons Bericht ganz im Einklang mit den Aussagen des Alten Testaments zu interpretieren.

Olivier, der zeitweilig auch als Rechtsberater des Parlaments in Paris tätig war, zählte zu den Mitbegründern [2] der neuzeitlichen Universität von Marseille (Abb. 1), die allerdings bereits 1791 - im Verlauf der Französischen Revolution - wieder aufgelöst wurde. Während seines kurzen Lebens verfasste er eine ganze Reihe von seinerzeit teilweise viel beachteten Werken zu antiker Geschichte und Literatur. Während diverse kleinere Schriften von ihm, z.B. ein literarischer Vergleich von Tibullus und Ovid, bald wieder in Vergessenheit gerieten, sind seine Biographie über Philipp von Makedonien [3] und - in atlantologie-historischem Kontext - seine (mehr oder minder) wissenschaftliche Abhandlung über Platons Dialog "Kritias" [4] auch später noch rezipiert worden. In letztgenanntem Papier vertrat er die Auffassung, dass der Atlantisbericht als eine, mit einiger dichterischer Freiheit behandelte, Schilderung von Ereignissen aus der jüdischen Geschichte zu betrachten sei.

Wie Manfred Petri 1990 [5] feststellte, präsentierte Olivier bei seiner Exegese des Kritias in dieser Arbeit (auf den Timaios ging er dort nur gelegentlich zur Untermauerung seiner Annahmen ein) "eine sehr einfache Argumentation", die "sich in erster Linie auf moralische, legislatorische, kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten zwischen Platons Atlantiserzählung und der Heiligen Schrift" stützte. "Die Verzahnung der ägyptischen und istraelitischen Geschichte und die Reisen griechischer Gelehrter (Solon und Pythagoras) nach Ägypten ließen die Kenntnis der Heiligen Schrift [d.h. alttestamentarischen Materials; bb] bei den Griechen wahrscheinlich sein. [6] Auf diese Weise war die Verbindung zwischen den Juden und den Griechen und somit auch eine wesentliche Grundlage für den beabsichtigten Vergleich [zwischen jüdischer Überlieferung und Atlantida; bb] hergestellt" [7], aus welchem sich schließlich Oliviers Kernthese ergab, nämlich "... dass Platon einige Kenntnis der Überlieferung von Brauchtum, Geschichte und Lehre der Juden hatte; und dass er davon einige Züge in seinen Schriften verbreitet hat, wobei er sie seinem Thema anpasste." [8]

Abb. 2 Claude-Mathieu Olivier war fest davon überzeugt, dass Platon einige Kenntnisse von Überlieferung, Brauchtum, Geschichte und Lehre der Juden hatte, die auch seinem Atlantisbericht zugrunde liegen. (Bild: Römische Kopie einer hellenischen Platon-Büste aus dem 4. Jhdt. im Museo Pio-Clementino)

Petri führt weiter aus: "Drei Beispiele sollen zur Erläuterung von Oliviers Argumentation im einzelnen dienen. Die Teilung von Atlantis unter die zehn Söhne Neptuns entsprach der Teilung des Heiligen Landes unter die zwölf Stämme Israels. Die Widersprüche bei den Zahlenangaben wurden mit dem Hinweis beseitigt, zwei israelische Stämme - Ruben und Gad - seien in Ägypten nicht so bekannt gewesen, so daß man dort nur von zehn Söhnen gesprochen habe. [9] Einen starken Beweis sah Olivier in der etymologischen Ableitung der Namen für Neptuns Söhne aus denen der jüdischen Stämme. Die Rückübertragung ins Hebräische wurde durch Platons Bemerkung, es handele sich bei den giechischen Bezeichnungen nur um Übersetzungen, nahegelegt. [10] Allerdings brachte diese Maßnahme sehr gezwungen klingende Ableitungen hervor, die letztlich ebensowenig Beweiskraft hatten wie die folgende, suggestive Argumentation: Platons Bericht über die Selbstverwaltung der Insel nach den Gesetzen Neptuns, die im Tempel eingemeißelt waren, erlaube den Schluß, hierin >les Tables des Commendemens de Dieu gravées de son doigt, & gardée dans son Sanctuaire< [11] in Jerusalem zu erkennen. [12] Das Problem, die Insellage von Atlantis mit dem Festland Palästina in Einklang zu bringen, löste Olivier, indem er Platon hier eine dichterische Freiheit unterstellte, wie man sie schon bei Homer antreffen konnte. [13] Später fügte er jedoch einschränkend hinzu, daß die Lage von Atlantis, >ne se rapporte, ni de près, ni de loin, à la Palestine, & conviendroit mieux à l'Amérique<. [14] Platons Wahl wäre darauf zurückzuführen, daß er wahrscheinlich dunkel von dem neuen Kontinent habe reden hören und ihn, auch zur Hervorhebung des besonderen Charakters des Volkes Israel, zum Schauplatz seiner Erzählung erkoren hatte. Dieser Deutung der platonischen Erzählung von Atlantis folgten später der deutsche Theologe Heinrich Scharbau (1731) [15] und der schwedische protestantische Geistliche Friedrich Carl von Baer (1762) [16]." [17]





Anmerkungen und Quellen

Vorwiegend verwendete Materialien:


Einzelverweise:

  1. Quelle: Charles Knight, "The English Cyclopædia: a new dictionary of universal knowledge", Biography - Volume 4, London (Bradbury & Evans), 1857, Stichwotr: Olivier, Claude-Matthieu (man beachte die dort abweichende Schreibweise des Voramens, die wir zunächst - bei der Erstfassung dieses Beitrags - übernommen hatten.)
  2. Quelle: ebd.
  3. Siehe: Claude-Mathieu Olivier, "Histoire de Philippe Roi de Mecédoine et Père d'Alexandre le Grand", 2 Bände, Paris 1740 (posthum veröffentlicht)
  4. Siehe: Claude-Mathieu Olivier, "Dissertation sur le Critias de Platon"; in: Continuation des Mémoires de littérature et d'histoire de Mr. de Salengre, Band 1, Teil 1, Paris, 1726. S. 19 ff.
  5. Siehe: Manfred Petri, "Die Urvolkhypothese - Ein Beitrag zum Geschichtsverständnis der Spätaufklärung und des deutschen Idealismus" (Historische Forschungen Bd. 41), Berlin (Duncker & Humblot), 1990, S. 64-65
  6. Siehe: Claude-Mathieu Olivier, op.cit. (1726), S. 27 ff. und 30
  7. Quelle: Manfred Petri, op. cit.
  8. Orig.: "...que Platon avait eu par tradition quelque connaissance des Moeurs, de l'Histoire & de la Doctrine des Juifs; & qu'il en a répandu quelques traits dans ses Ecrits en les accomodant à son sujet." Quelle: Claude-Mathieu Olivier, op. cit. (1726), S. 21; nach: Manfred Petri, op. cit., S. 64 (Übersetzung ins Deutsche u. Korrektur der Schreibweise durch Atlantisforschung.de)
  9. Siehe: Claude-Mathieu Olivier, op. cit. (1726), S. 30 f.
  10. Siehe: Kritias 113a; sowie: Claude-Mathieu Olivier, op. cit. (1726), S. 32 ff.
  11. Übersetzung: "...die Gesetzestafeln Gottes [mit den so genannten 'Zehn Geboten'; d.Ü.] eingraviert von seinem Finger, und behütet in seinem Heiligtum..."
  12. Siehe: Claude-Mathieu Olivier, op. cit. (1726), S. 40
  13. Siehe: ebd., S. 23-24
  14. Siehe: ebd., S. 43; zum folgenden vgl. S. 44
  15. Siehe: Heinrich Scharbau, "Observationes sacrae", Lübeck 1731, insbesondere Band II, S. 381 ff.
  16. Siehe: Friedrich Carl von Baer, "Essai historique et critique sur les Atlantides", Paris, 1772
  17. Quelle: Manfred Petri, op. cit., S. 65


Bild-Quellen:

(1) Jef-Infojef, bei: Wikimedia Commons, unter: File:Le Pharo.JPG (GDFL-Lizenz; Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

(2) Marie-Lan Nguyen (2006), bei: Wikimedia Commons, unter: File:Plato Pio-Clemetino Inv305.jpg