Carl Friedrich von Baër & Atlantis im 'Heiligen Land'

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Abb. 1 Carl Friedrich von Baërs Karte der 'Welt von Atlantis' aud dem Jahr 1762

(bb) Dass gerade Carl Friedrich von Baër, ein protestantischer Theologe des 18. Jahrhunderts - über den wir ansonsten kaum noch etwas wissen -, es geschafft hat, mit seiner Hypothese von "Atlantis im >Heiligen Land<" (d.h. Kanaan und Palästina) bis in unser heutiges 'Internet-Zeitalter' zumindest in vager Erinnerung zu bleiben, hat weniger mit der Originalität seiner Annahmen oder der Qualität seiner Argumentation zu tun als mit der Tatsache, dass er uns in Form einer recht hübschen Landkarte (Abb. 1) eine besonders plakative Illustration seiner Vorstellungen hinterlassen hat.

Der gebürtige Schwede, der später nach Paris zog, wo er von 1742 bis 1784 als Pastor der Lutheranischen Kapelle in der schwedischen Botschaft tätig war, und der zudem eine Professur auf der Universität zu Straßbourg inne hatte, vertrat, wie Tony O’Connell festhält, die Ansicht, "dass Platos Atlantisbericht eine Verfälschung der Biblischen Geschichte darstelle, und dass Atlantis in Wirklichkeit im Heiligen Land gelegen habe. Er ging sogar noch weiter und versuchte, die Zwölf Stämme Israels mit den zehn Königen der atlantidischen Föderation in Verbindung zu bringen. Auf einer der Karten (Abb. 1) in seinem, 1762 erstveröffentlichten, Buch [1] , platzierte er die Berge des Atlas in den heutigen Jemen, bezeichnete das Rote Meer als Mare Atlanticum, womit er das weitaus jüngere Werk von Jaime Manuschevich vorwegnahm. Darüber hinaus verband Baër den Untergang von Atlantis mit der biblischen Erzählung über die Vernichtung von Sodom and Gomorra." [2] (Abb. 2)

Abb. 2 Neben der Sintflut wurde der Untergang von Atlantis von bibeltreuen Exegeten oft auch mit der Vernichtung der Städte Sodom und Gomorra in Verbindung gebracht. (Bild: The Destruction Of Sodom And Gomorrah, Gemälde von John Martin, 19. Jahrhundert)

Wie bereits angedeutet, war Carl Friedrich v. Baërs Unterfangen, den Atlantisbericht mit den Aussagen des Alten Testaments zu synchronisieren, keineswegs eine Innovation. Bereits im Jahr 1578 hatte der französische Historiker Jean De Serres (Serranus) [3] Platons Atlantis im "Heiligen Land" lokalisiert und nahegelegt, es sei im Verlauf der noachischen Sintflut untergegangen, und im 17. Jahrhundert hatte u.a. auch der britische Theologe Thomas Burnet derartige Vorstellungen - jedoch zumeist nur in Randnotizen im Kontext ihrer Überlegungen zur biblischen Sintflut - aufgegriffen. [4]

Im 18. Jahrhundert schließlich erlebte die - letztlich paradoxe - Idee eines 'alt-tetstamentarisierten' Atlantis im heutigen Israel (Kanaan) und Palästina schließlich noch einmal eine, wenn auch kurzfristige, Blüte. Damals war es zunächst der französische Jurist und Altphilologe Claude-Mathieu Olivier, der 1726 in einer Abhandlung [5] über Platons Dialog "Kritias" die Auffassung vertrat, die Atlantida stelle eine, mit einiger dichterischer Freiheit behandelte, Schilderung von Ereignissen aus der frühesten Geschichte der Juden dar. 1731 reihte sich der bibliophile deutsche Theologe Heinrich Scharbau in den Kreis der 'Bibel-Atlantologen' ein, [6] und 1751 erschien ein Werk des schwedischen Pastors Johannes Jacobi Eurenius (1688-1751), die Atlantica Orientalis [7], "in welcher er Atlantis im Heiligen Land lokalisierte und mit Nachdruck gegen Rudbecks schwedische Lokalisierung [8] argumentierte." [9] Ein weiterer Verfechter der Vorstellung von Atlantis in Palästina war der deutsche Scholar Johann Albert Fabricius (1668-1736). [10]

Carl Friedrich v. Baër war also nur der letzte in einer Reihe von bibelorientierten Atlantida-Exegeten, und seine besonders umfassende Argumentation auf Basis des Alten Testaments entsprach wohl auch nicht mehr dem aufgeklärten Zeitgeist seiner Tage, der es auch in Sachen Atlantisforschung immer weniger notwendig machte, Beweise für die Richtigkeit irgendeiner Annahme auf Basis der 'Heiligen Schrift' zu finden. So kann es auch kaum verwundern, dass Baërs Essay, wie M. Petri bemerkt, "von der zeitgenössischen Kritik eher belächelt" [11] wurde. Natürlich gab es aber auch positive Kritiken, wie etwa die freundliche Rezension des Werkes in den Erlangische[n] gelehrte[n] Anmerkungen und Nachrichten zeigt, wo man Baër u.a. konzedierte: "Es haben schon vor ihm andere Gelehrte eine ähnliche Meinung geäußert; aber in der Art der Beweise ist eine grosse Verschiedenheit." [12]

Letztlich erscheint es aus atlantologie-geschichtlichem Blickwinkel jedoch so, dass Baër mit seinem Essai von 1762 nur noch die 'getunte' Version eines 'Auslaufmodells' präsentierte, denn es war nicht nur für das 18. Jahrhundert die letzte Publikation dieser Art, sondern setzte insgesamt den Schlusspunkt der Traditionslinie christlich-religiöser, alttestamentarisch orientierter Atlantida-Exegese. Weder im 19. und noch viel weniger im 20. Jahrhundert ließ sich mit einer 'bibeltreuen' Argumentation irgendein 'atlantologischer Blumentopf' gewinnen, was bedeutet, das diese 'Schule' der Atlantisbetrachtung schon gänzlich 'ausgestorben' war, bevor die Atlantologie sich zu einem eigenständigen Forschungsgebiet zu entwickeln begann.





Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Friedrich Carl von Baër, Essai historique et critique sur les Atlantides, Paris, 1762
  2. Quelle: Tony O’Connell, Baër, Carl Friedrich, bei: Atlantipedia.ie, 29. Dezember 2009 (abgerufen: 10.02.2013)
  3. Anmerkung: Serranus´, nach Art von Marsilio Ficino verfasste, Gesamt-Übersetzung von Platons Dialogen ins Lateinische soll übrigens, wie Tony O’Connell an anderer Stelle bemerkt, der berühmten dreibändigen Ausgabe von Platons Werken des Druckers Henri Estienne (latinisiert: Henricus Stephanus) aus dem Jahr 1578 zugrunde liegen, deren Seitenzählung ("Stephanus-Paginierung") noch heute in der Atlantisforschung maßgeblich ist.
  4. Anmerkung: Als Vertreter dieser These [= "Die Atlantiserzählung" wird als historisch wahrer "Bericht über eine antediluviale Kultur" verstanden, "der mit den entsprechenden Kapiteln aus der Genesis übereinstimmte, ohne jedoch deren Aussagen über das göttliche Wirken mit der selben Klarheit wiederzugeben."] im 17. Jahrhundert nennt Manfred Petri - leider nur sehr vage - "zum Beispiel Borchart, Burnet und Génebrard" (Quelle: M. Petri, "Die Urvolkhypothese - Ein Beitrag zum Geschichtsverständnis der Spätaufklärung und des deutschen Idealismus" (Historische Forschungen Bd. 41), Berlin (Duncker & Humblot), 1990, S. 64); zu Thomas Burnet siehe auch online: Phil Jones, "Thomas Burnet’s Sacred Theory of the Earth, Part 2", 8. August 2012 (abgerufen: 11.02.2013)
  5. Siehe: Claude-Mathieu Olivier, "Dissertation sur le Critias de Platon"; in: Continuation des Mémoires de littérature et d'histoire de Mr. de Salengre, Band 1, Teil 1, Paris, 1726. S. 19 ff.
  6. Quelle: Manfred Petri, op. cit., S. 65
  7. Siehe: Joannes Eurenius, Olof Bidenius Renhorn und Carl Fredric Ljungberg, "Atlantica orientalis eller Atlands näs, til des rätte belägenhet beskrifwet för många år sedan : nu tillika med Platonis berättelse därom på swenska och Carl Fr. Ljungbergs Företal...", Strengnäs (Verlag), 1751
  8. Siehe, Olof Rudbeck, Atland eller Manheim, Atlantica sive Manheim, vera Japheti posterorum sedes et patria (Upsala 1675–98, 4 Bände)
  9. Quelle: Tony O’Connell, Eurenius, Johannes Jacobi, bei: Atlantipedia.ie, 25. Mai 2010 (abgerufen: 11.02.2013)
  10. Quelle: Tony O’Connell, "Fabricius, Johann Albert (l)", 23. November 2010, bei Atlantipedia.ie
  11. Quelle: Manfred Petri, op. cit., S. 65
  12. Quelle: Besprechung der deutschsprachigen Version des Essais von Friedrich Carl von Baer in: Erlangische gelehrte Anmerkungen und Nachrichten, Band 32, 1777 (XXXIV. Stück. Dienstags, den 19. August 1777), S. 314-315; nach der von Google digitalisierten Online-Version.

Bild-Quellen:

1) Tony O’Connell, Baër, Carl Friedrich, bei: Atlantipedia.ie
2) Wikimedia Commons, unter: File:John Martin - Sodom and Gomorrah.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)