Das verschollene Labyrinth der Ägypter

Aus Atlantisforschung
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Herodots Bericht über ein rätselhaftes architektonisches Wunderwerk

von unserem Gastautor Stefan Erdmann

Abb. 1 Eine römische Büste des Herodot (in der Villa Corsini, Castello - MIBAC)

Herodot stammte aus Halikarnassos, einer Stadt in der Südwestecke Kleinasiens. Das politische Geschehen seiner Zeit war sehr unruhig, was vielleicht ein Grund dafür war, daß er zu einem reisenden Historiker wurde. So bereiste er ganz Kleinasien, Italien, Sizilien, Südrussland, Zypern, und Syrien. In Babylonien hielt er sich längere Zeit auf. Im Jahre 448 vor Christus erreichte er Ägypten, das Land der Pharaonen. Vor ihm bereiste damals sein Landsmann, der Naturphilosoph Hekataios (etwa 550-480 v.Chr.) das Land der Ägypter.

Herodot notierte während seines Aufenthaltes in Ägypten alles, was ihm von seinen verschiedenen Gesprächspartnern berichtet wurde. Er war nie ein reiner Historiker. So berichtete er auch oft über die Geographie und Topographie der besuchten Gegenden: "Jede Geschichte muß in ihrem geographischen Raum betrachtet werden, und jeder geographische Raum hat seine Geschichte."

Zur Zeit Herodots gab es zwischen den Ägyptern und den Griechen intensive Handelsbeziehungen. Artaxerxes I. (465-424 v.Chr.), der das Land am Nil regierte, schickte ägyptische Knaben zum Sprachunterricht nach Griechenland; umgekehrt kamen auch griechische Landsleute in das Land der Pharaonen, um dort zu leben und zu arbeiten. Herodot sprach kein Ägyptisch, so war er stets in Begleitung eines Dolmetschers. Unter den verschiedenen Gesprächspartnern waren wohl die wichtigsten Priester aus Memphis, Theben und vor allem aus Heliopolis.

Noch abenteuerlicher wird es bei Herodot, wenn wir uns seine Berichte über ein zum Teil unterirdisches Labyrinth vor Augen führen:

Abb. 2 Der deutsche Archäologe Carl Richard Lepsius soll im Jahr 1843 die Überreste jenes uralten Labyrinths wiederentdeckt haben, das Herodot so anschaulich berschrieb. Dies erscheint jedoch ebenso zweifelhaft wie die ihm zugeschriebene Entdeckung der Ruinen von Saïs.

"Ich habe es noch gesehen [das Labyrinth]; es übersteigt alle Worte. Wenn man in Griechenland die ähnlichen Mauerbauten und andere Bauwerke zusammennähme, so stecken in ihnen noch nicht so viel Arbeit und Geld wie in diesem einen Labyrinth. Dabei ist doch der Tempel von Ephesos und der auf Samos recht ansehnlich. Gewiß übertrafen schon die Pyramiden jede Beschreibung, und jede von ihnen wog viele große Werke der Griechen auf; das Labyrinth aber überbietet sogar die Pyramiden.

Es hat zwölf überdachte Höfe, deren Tore einander gegenüberliegen, sechs im Norden, sechs im Süden, alle dicht nebeneinander. Ringsum alle läuft eine einzige Mauer, Zwei Arten von Kammern sind in diesem Gebäude, unterirdische und darüber oberirdische, zusammen dreitausend, je tausendfünfhundert von beiden Arten. Durch die oberirdischen Räume bin ich betrachtend selbst gegangen und spreche aus eigener Erfahrung; von den Kammern unter der Erde habe ich mir nur erzählen lassen. Denn die ägyptischen Aufseher wollten sie auf keinen Fall zeigen, sie erklärten, dort befänden sich die Särge der Könige, die dieses Labyrinth von Anfang an gebaut hatten, und die Särge der heiligen Krokodile.

So kann ich von den unteren Kammern also nur sagen, was ich gehört habe; die oberen, die ich mit eigenen Augen sehen konnte, sind ein geradezu übermenschliches Werk ... An die Ecke am Ende des Labyrinths stößt eine vierzig Klafter große Pyramide an, in die riesige Figuren eingehauen sind. Ein unterirdischer Gang führt in das Innere der Pyramide ... Doch ein noch größeres Wunderwerk bietet der sogenannte Moeris-See, an dessen Ufern dieses Labyrinth errichtet ist ... daß er ein Menschenwerk und künstlich gegraben ist, sieht man deutlich. Denn in der Mitte des Sees stehen zwei Pyramiden, die fünfzig Klafter hoch aus dem Wasser hervorragen und ebenso tief hineinreichen. Auf beiden Pyramiden steht ein Kolossalbild aus Stein, eine auf einem Thron sitzende Figur..." [1]

Abb. 3 Die geographische Lage von Al-Fayyūm in Ägypten, wo einige Archäologen das große Labyrinth vermutet haben

Die Beschreibungen von Herodot hinterlassen eine Flut von Fragen. Ein Labyrinth, noch überwältigender als die Pyramiden selbst? Allen Spekulationen zum Trotz berichtet er immer wieder, daß er die oberirdischen Kammern selbst gesehen hat. Seine Berichte von den unterirdischen Kammern hinterlassen bis heute nichts als große Fragezeichen. Gibt es sie tatsächlich?

Einige Archäologen sind heute der Meinung, das geheimnisvolle Labyrinth sei bereits im Jahre 1843 durch den deutschen Archäologen Richard Lepsius (Abb. 2) (1810-1884) entdeckt worden. Dabei soll es sich um die Grabpyramide des Pharaos Amenhotep III. (12. Dynastie, 1844-1797 v.Chr.) und umliegende Ruinen handeln, die Lepsius seinerzeit nahe der heutigen Oase Al-Fayyūm (Abb. 3) lokalisierte.

Bei dem Vergleich mit Herodots Beschreibung des unterirdischen Labyrinthes ist davon auszugehen, daß es sich bei den alten Ruinen bei Al-Fayyūm aber nicht um das besagte Labyrinth handelt. Von den überdachten Höfen, den über tausend Räumen, riesigen Figuren und der kollossalen Figur aus Stein ist in Al-Fayyūm nichts entdeckt worden.


Anmerkungen und Quellen

Abb. 4 Das Frontcover von Stefan Erdmanns, 2005 erschienenem Buch "Geheimakte Bundeslade"

Dieser Beitrag von Stefan Erdmann (©) wurde seinem 2005 erschienenen Buch "Geheimakte Bundeslade" (Abb. 4) entnommen. Redaktionelle Bearbeitung des Textes durch Atlantisforschung.de. Die Veröffentlichung dieser Online-Fassung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Fußnote:

  1. Quelle: Herodot, Historien, zit. nach Stefan Erdmann, "Den Göttern auf der Spur", Fichtenau, 2001, S 264 ff.

Bild-Quellen:

1) Sailko bei Wikimedia Commons, unter: File:Arte romana, erodoto, II sec dc..JPG
2) Andro96 bei Wikimedia Commons, unter: File:Carl Richard Lepsius (1810-1884).jpg
3) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: al-Fayyūm
4) Bild-Archiv Atlantisforschung.de