Die 'Grünen Kinder' von Woolpit

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Ein krypto-anthropologisches Rätsel der 'etwas anderen Art'

Abb. 1 Die 'Grünen Kinder' von Woolpit. Ihre Hautfarbe, die seltsame Kleidung und ihr verwirrender "Reisebericht" beschäftigen seit achthundert Jahren den Forscher-Geist und die Phantasie derjenigen, die ihre Geschichte kennengelernt haben.

(bb) Unsere Geschichte beginnt im mittelalterlichen England, in der Gemeinde Woolpit (Abb. 3) bei Suffolk. "In diesem kleinen, nahe Bury St. Edmunds gelegenen Ort", schreibt der Grenzwissenschafts-Journalist Lars A. Fischinger, "soll sich im Jahr 1154 [1] unter der Regierung von König Stephan etwas sehr Obskures zugetragen haben." Die erstaunliche Geschichte, mit der Fischinger sich beschäftigt, wurde im Jahr 1200 n. Chr. von dem britischen Chronisten William von Newburgh [2] für die Nachwelt aufgezeichnet. "Er berichtet, dass in den Tagen König Stephans zwei Kinder aus dem Nirgendwo in Woolpit erschienen, die eine fremde Sprache sprachen und grüne Haut hatten. (Abb.1) Newburgh stand diesen Berichten sehr skeptisch gegenüber, aber er entschloss sich, diese fantastische Geschichte dennoch zu notieren." [3]

Fischinger zitiert W. von Newburgh, wie folgt: "Ich darf nun nicht unterlassen, von einem Wunder zu berichten, wie man es seit Beginn der Zeit noch nicht vernahm, welches unter König Ste-phan geschehen ist. Ich selber habe lange gezögert, daran zu glauben, obwohl viel Volk großes Geschrei darum machte. Und ich hielt es für lächerlich, eine Sache hinzunehmen, für die doch kein Grund sprach, oder doch nur sehr dunkle Gründe. Bis ich vom Gewicht so vieler Zeugen überwältigt war, dass ich das wohl glauben und bewundern musste, was mein Verstand vergeblich zu begreifen oder zu erreichen trachtet [...]

Es gibt in England ein Dorf, das etwa sieben oder acht Kilometer von dem ehrwürdigen Kloster des seligen Königs und Märtyrers Edmund entfernt liegt, wo man gewisse Gräben aus uralten Zeiten sehen kann [...]. Es geschah zur Zeit der Ernte, als die Erntearbeiter das Korn einsammelten, dass aus diesen beiden Gründen ein Mädchen und ein Junge hervor krochen, die am ganzen Körper grün und in unbekannter Farbe und Stoffart gekleidet waren. Sie liefen verstört auf dem Feld herum, bis die Bauern sie mitnahmen und in das Dorf brachten, wo alles Dorf zusammenlief, sich das Wunder zu betrachten." [4]

Ein zweites Zeugnis dieses Vorfalls, auf das Fischinger gestoßen ist [5], stammt von Ralph von Coggeshall [6], dem Abt eines etwa fünfzig Kilometer vom Ort des Geschehens entfernten Klosters in Essex. Der Zeitgenosse von Newburghs notierte damals: "Niemand konnte ihre Sprache verstehen. [...] Man setzte ihnen Brot und andere Nahrung vor, wovon sie aber nichts anrührten, obwohl der Hunger sie plagte, wie das Märchen später zugab. Als aber frisch geschnittenen Bohnen mit Stielen ins Haus gebracht wurden, machten sie eifrig Zeichen, dass man sie ihnen geben solle. Sie öffneten sie Stiele statt die Schoten. Als sie aber die Bohnen nicht fanden, weinten sie. Mitleidig öffneten die Anwesenden die Schoten und zeigten ihnen die Bohnen, die sie mit großer Freude aßen. Lange Zeit nahmen sie keine andere Nahrung zu sich. Der Junge war immer matt und niedergeschlagen, und er starb nach kurzer Zeit. Das Mädchen erfreute sich stets guter Gesundheit, und nachdem sie sich an verschiedene Nahrung gewöhnt hatte, verlor sie die grüne Farbe." [7]

Abb. 2 Die kleine englische Gemeinde Woolpit in Suffolk, wo die 'Grünen Kinder' vermutlich zwischen 1135 und 1154 n.Chr., zur Zeit König Stephens, aufgetaucht sind.

"Ein schönes Märchen", mag jetzt mancher Skeptiker vorschnell einwenden, wobei Märchen in etwa so zu definieren wäre: "Märchen kann wohl als eine bewußt phantastische Erzählung verstanden werden, in der Logik, Naturgesetz und ein spezifisch historisches Milieu unwesentlich sind. Insofern will Märchen auf keinen Sachverhalt in Natur und Gesellschaft hindeuten." [8] Tatsächlich läßt sich die Sache nicht so leicht vom Tisch wischen - und möglicherweise wird in diesem Fall sogar ganz explizit auf einen konkreten "Sachverhalt in Natur und Gesellschaft" hingedeutet.

Schließlich haben wir es hier mit einer quellenmäßig gut belegten Überlieferung zu tun (sogar der Name des Mannes, der die Kinder in seine Familie aufnahm, wurde festgehalten: Richard de Calne aus der nahegelegenden Ortschaft Wikes. Außerdem wurde die Legende von den 'Grünen Kindern' in Woolpit fester Bestandteil der lokalen Tradition. Eine Abbildung von ihnen ziert noch heute das örtliche Kirchenbanner (immerhin war die Angelegenheit ja "kirchenamtlich" bestätigt) und auch ein Gasthaus dieses Namen zeigt den Brauchtums-Charakter der Legende. (Abb. 2) Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dieser phantastisch anmutenden Geschichte um eine reine Erfindung handelt, ist also vergleichsweise gering.

Wenn die beiden seltsamen Findelkinder aber offensichtlich historische Personen waren, dann macht es auch durchaus Sinn, die scheinbar skurrilen Aussagen näher unter die Lupe zu nehmen, die ihnen zugeschrieben werden. Dabei steht im Vordergrund die Frage nach ihrer Herkunft. Dazu erfahren wir bei Lars Fischinger: Das seltsame Mädchen, das den Namen Agnes Barre annahm [9] und später sogar geheiratet hat, wurde, nachdem es die englische Sprache gelernt hatte, immer wieder von den neugierigen Menschen nach seiner Abstammung befragt bzw. woher es und sein Bruder eigentlich gekommen seien. Dazu gab die Kleine "an, sie stamme aus einem fernen Lande in dem alles, auch die Menschen, grün war. Sonnenlicht wie hier in Woolpit gab es dort nicht, sondern es herrschte immer Zwielicht." [10]

Abb. 3 In der britischen Gemeinde Woolpit lebt auch heute noch die Erinnerung an die mysteriösen "Grünen Kinder" fort, die dort vor etwa 800 Jahren aufgetaucht sein sollen.

Wir können feststellen, dass diese Aussage bereits Interpretationen - des Mädchens, ihrer Zuhörer oder der Chronisten - enthalten muss, denn wie wir bereits gehört haben, legten die Kinder bei ihrem mysteriösen Transport nach England keine messbare Entfernung zurück. Das heißt, die Bezeichnung der seltsamen Welt im grünen Zwielicht, aus der sie nach eigenen Aussagen stammten, als "fernes Land" ist hoch spekulativ, denn faktisch war es beiden unmöglich, ihre Heimat geographisch zuzuordnen. Vermutlich handelt es sich bei dieser Formulierung eher um den hilflosen Versuch, etwas zu beschreiben, was sich dem eigenen Begriffsvermögen entzog.

Auch Ralph von Coggeshalls Version der Aussage hilft uns kaum weiter. Der fromme Herr Abt scheint nämlich die ihm bekannten Fakten zum Lobe seiner Religion kräftig verbogen zu haben. So soll das fremde Mädchen, bei Ralph von Coggeshall auf die Frage nach ihrer Herkunft ausgesagt haben: "Wir kommen aus St. Martins-Land [11], das ist bei uns der größte Heilige [...] Eines Tages hüteten wir die Herde unseres Vaters auf dem Feld, als wir einen großen Lärm hörten, so als ob hier alle Glocken in St. Edmunds gleichzeitig läuteten. Uns wurde dunkel vor den Augen. Plötzlich fanden wir uns auf euren Kornfeldern wieder." [12]

In typischer Manier wurde hier ein Ort, von dem man nicht einmal wusste, wo genau er sich befand, zu einer christlichen Domäne gemacht und unter das Patronat "St. Martins" gestellt - von dem ihre Bewohner (ihre faktische Existenz vorausgesetzt) mit Sicherheit noch nie etwas gehört hatten. Auch die Aussage des Abtes, die Kinder hätten die Herde ihres Vaters gehütet, bevor sie nach England versetzt worden seien, müssen wir in Frage stellen. Schließlich waren sie, wie wir bereits erfahren haben, Vegetarier, die sich von Gemüse ernährten, kein Brot kannten und sich erst an die (vermutlich schon damals) gewöhnungsbedürftige Nahrung in England anpassen mussten, was scheinbar nur dem Mädchen gelang. Eine Gesellschaft vegetarischer Viehzüchter ist jedoch kaum vorstellbar und wenig glaubwürdig.

Ebenfalls mit 'Vorsicht zu genießen' ist auch eine weitere Bemerkung über das Heimatland der Kinder, die nur in der Version des Abtes vorkommt: "...seine natürliche Grenze war ein großer Fluss, auf dessen anderer Seite man ein anderes Land sehen konnte, das im Sonnenlicht badete." [13] Ein Szenario, wie es sich aus der direkten Nachbarschaft einer "Zwielicht"-Zone und einem Gebiet mit permanenter Sonneneinstrahlung ist denkbar, aber leider unvereinbar mit der Existenz höher entwickelter Lebewesen: solche Verhältnisse könnte es nämlich nur auf einem Planeten ohne Eigenrotation geben, welcher der Sonne (wie etwa Merkur) stets die gleiche Seite zuwendet.

Auf einer solchen Welt würde die Atmosphäre jedoch in unvorstellbaren Orkanen über die Oberfläche jagen, auf der kein menschliches Wesen überleben könnte. Entweder muss also die GESAMTE 'Geographie' in diesem Bericht fiktiv sein (was wir aus den genannten Gründen nicht voraussetzen sollten), oder aber eine der beiden Teil-Informationen ('Dämmerland' / 'Sonnenland') ist unrichtig. Nachdem wir das 'sonnengebadete' Nachbarland als weitere Erfindung des Abtes ansehen dürfen, können wir uns wieder der Frage zuwenden, ob es ein reales Vorbild für die Dämmerwelt der 'Grünen Kinder' gibt und wo wir es zu suchen haben.



Anmerkungen und Quellen

Dieser bisher unveröffentlichte Beitrag von Bernhard Beier wurde bereits im Jahr 2004 verfasst und erscheint im April 2015 bei Atlantisforschung.de. Die meisten zu seiner Erstellung verwendeten Internet-Quellen sind inzwischen nicht mehr online.

Fußnoten:

  1. Anmerkung. Die genaue Jahreszahl scheint bei näherer Recherche durchaus nicht so präzise greifbar: "...in 'Unexplained!' sagt Jerome Clark, dass das Ereignis entweder während des Regnums König Stephens oder seines Nachfolgers, König Henry II stattfand; sowohl Rodney Davies (in 'Supernatural Disappearances') als auch Harold Wilkins (in 'Strange Mysteries of Time and Space') sagen das auch. Paul Harris plaziert die Begebenheit in einem Artikel in Fortean Times Nr.57 eher in die Herrschaftszeit von König Stephen als in diejenige Henry II, und [...] es gibt guten Grund, mit dieser Zuordnung übereinzustimmen. König Stephen's Regun war kurz, und plaziert den Vorfall irgendwann zwischen 1135 und 1154 n.Chr."; Quelle: Garth Haslam, Anomalies - The Strange & Unexplained, unter: "The Green Children of Woolpit"
  2. Quelle: Lars A. Fischinger, "Grüne Kinder ohne Heimat" (nicht mehr online), bei freenet.de
  3. Anmerkung: Nach anderen Quellen hieß der Chronist William of NEWBRIDGE. Newbridges Orginalbericht gab Guilelmus Neubrigens folgendermaßen wieder: "This story is also told by William of Newbridge, who places it in the reign of King Stephen. He says he long hesitated to believe it, but he was at length overcome by the weight of evidence. According to him, the place where the children appeared was about four or five miles from Bury St. Edmund's: they came in harvest-time out of the Wolf-pits; they both lost their green hue, and were baptised, and learned English. The boy, who was the younger, died; but the girl married a man at Lenna, and lived many years. They said their country was called St. Martin's Land, as that saint was chiefly worshiped there; that the people were Christians, and had churches; that the sun did not rise there, but that there was a bright country which could be seen from theirs, being divided from it by a very broad river. As quoted by Picart in his Notes on William of Newbridge. We could not find it in the Collection of Histories, etc., by Martens and Durand, -- the only place where, to our knowledge, this chronicler's works are printed." Quelle: "The green children of Woolpit", William of Newbridge, nach Guilelmi Neubrigensis, Historia, sive Chronica Rerum Anglicarum, Oxon. 1719, lib. i. c. 27
  4. Quelle: Lars A. Fischinger, op. cit.
  5. Anmerkung: Fischinger bezieht sich in seinem Artikel u.a. auf die Recherchen der beiden Paläo-SETI-Forscher Peter Krassa (1938-2005) und Reinhard Habeck.
  6. Originalbericht nach Ralph of Coggeshall: "ANOTHER wonderful thing," says Ralph of Coggeshall, "happened in Suffolk, at St. Mary's of the Wolf-pits. A boy and his sister were found by the inhabitants of that place near the mouth of a pit which is there, who had the form of all their limbs like to those of other men, but they differed in the colour of their skin from all the people of our habitable world; for the whole surface of their skin was tinged of a green colour. No one could understand their speech. When they were brought as curiosities to the house of a certain knight, Sir Richard de Caine, at Wikes, they wept bitterly. Bread and other victuals were set before them, but they would touch none of them, though they were tormented by great hunger, as the girl afterwards acknowledged. At length, when some beans just cut, with their stalks, were brought into the house, they made signs, with great avidity, that they should be given to them. When they were brought, they opened the stalks instead of the pods, thinking the beans were in the hollow of them; but not finding them there, they began to weep anew. When those who were present saw this, they opened the pods, and showed them the naked beans. They fed on these with great delight, and for a long time tasted no other food. The boy, however, was always languid and depressed, and he died within a short time.
    The girl enjoyed continual good health; and becoming accustomed to various kinds of food, lost completely that green colour, and gradually recovered the sanguine habit of her entire body. She was afterwards regenerated by the layer of holy baptism, and lived for many years in the service of that knight (as I have frequently heard from him and his family), and was rather loose and wanton in her conduct. Being frequently asked about the people of her country, she asserted that the inhabitants, and all they had in that country, were of a green colour; and that they saw no sun, but enjoyed a degree of light like what is after sunset. Being asked how she came into this country with the aforesaid boy, she replied, that as they were following their flocks, they came to a certain cavern, on entering which they heard a delightful sound of bells; ravished by whose sweetness, they went for a long time wandering on through the cavern, until they came to its mouth. When they came out of it, they were struck senseless by the excessive light of the sun, and the unusual temperature of the air; and they thus lay for a long time. Being terrified by the noise of those who came on them, they wished to fly, but they could not find the entrance of the cavern before they were caught." Quelle: "The green children of Woolpit", Ralph Coggeshall, nach Thomas Keightley, 1870
  7. Quelle: Lars A. Fischinger, op. cit.
  8. Quelle: mythologia.de, Griechische Mythologie, Dez. 2004 (nicht mehr online)
  9. Quelle: o.A., "Green Children of Olde England", bei: UFO Dimension (nicht mehr online)
  10. Quelle: Lars A. Fischinger, op. cit.
  11. Anmerkung: "Harold Wilkins legt in 'Strange Mysteries of Time and Space' nahe, dass der Name >Martins-Land< die Fehlerhafte Wiedergabe des Namens >Merlins-Land< sei, aber er ist die einzige Quelle für diesen alternativen Namen." Quelle: Garth Haslam, op. cit.
  12. Quelle: Lars A. Fischinger, op. cit.
  13. Quelle: ebd.

Bild-Quellen:

1) geocities.com, unter "greenkids" (nicht mehr online)
2) ebd.
3) Lars A. Fischinger, "Grüne Kinder ohne Heimat" (nicht mehr online), bei freenet.de