Die 'unlesbaren' Schriften

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Rätselhafte Glyphen der Vorzeit

von unserem Gastautor Reinhard Habeck (2001)

Abb. 1 Ein Fragment der sumerischen 'Geier-Stele' (ca. 2450 v.d.Z.) mit den typischen Keilschrift-Zeichen der Sumerer (zur Vergrößerung bitte einfach das Bild anklicken!)

Wenn man fragt, wer Schriftzeichen wann und wo erfand, erhält man von den Lehrbüchern die Antwort - die Sumerer, um 3500 v. Chr. in Mesopotamien. Stimmt das wirklich?

Mittlerweile gibt es berechtigte Zweifel daran, dass die Sumerer wirklich die Ersten waren, die die Schrift erfanden. Neue Funde machen ihnen den Vorrang streitig. Eine Hand voll Tontafeln mit schlichten Inschriften wurden in einem Königsgrab bei Abydos, 400 km südlich von Kairo, entdeckt. Da sich im Grab die irdischen Reste von Pharao Skorpion I. befinden, lassen sich nach bekannter Königsabfolge die Tafeln auf etwa 3300 v.Chr. datieren. Damit dürfte es sich um die ältesten entzifferten Texte handeln.

Nach bisheriger Auffassung der Wissenschaft entstanden lesbare Symbole zuerst als Keilschrift (Abb. 1) bei den Sumerern im heutigen Irak um 3000 v. Chr. Doch der genaue Zeitpunkt ist umstritten. Die Ägypter waren, so scheint es zumindest, schneller als sie. Die ägyptischen Tontafeln zeigen Strichzeichnungen von Tieren und Pflanzen. Jedes Symbol bezeichnet eine Silbe wie im Bilderrätsel und listet Steuerzahlungen an den Pharao in Form von Stoffen und Ölen auf. [1]

Doch der Ursprung der Schrift reicht viel weiter in die Vergangenheit zurück. Zumindest die gedankliche Fähigkeit zum Schreiben war bereits vor mehr als 50.000 Jahren gegeben. Die Frage ist nur, wo und aus welchem Anlass der Anstoß dazu kam. Nachfolgend ein Überblick über weltweit "unlesbare" Schriften, die nach wie vor auf eine Entzifferung warten. Solange keine wissenschaftlich gesicherten Übersetzungen vorliegen, kann über ihren Inhalt nur spekuliert werden. Manche Fundsachen zeigen aber, dass es kulturelle Verbindungen über die Kontinente gegeben hat und eine Deutung als schriftliche Hinterlassenschaft unbekannter Hochkulturen nahe legt. Erinnerungen an Atlantis?

300.000 Jahre Ritzsymbole

Als die ältesten Datstellungen menschlicher Gedanken werden von manchem Prähistoriker die etwa 500.000 Jahre alten rätselhaften Ritzmuster auf polierten Tierknochen von Bilzingsleben in Thüringen gedeutet. Sie sind von Frühmenschen so regelmäßig angebracht worden, dass sie nicht bei alltäglichen Arbeiten entstanden sein können. Beispielsweise ist auf einem 40 cm langen Schienbeinrest eines Elefanten ein Bündel von sieben genau zusammenlaufenden Linien sichtbar. Auf einem anderen Knochen sind 14 solcher Linien in gleichmäßigem Abstand erkennbar und bei einem weiteren Knochenfragment sieben Linien. Der Fußwurzelknochen eines Elefanten wurde mit Ritzlinien in Gestalt eines doppelten Rechtecks mit feiner Schraffierung versehen. Auf einem Tierknochen wollen deutsche Prähistoriker sogar eine Gravierung erkannt haben, die einen Löwen zeigt. Die Ornamente von Bilzingsleben werden wegen des ungewöhnlich hohen Alters in der Fachwelt allerdings nicht als Kunstwerk anerkannt und schon gar nicht als "Informationssymbole". Was aber bedeuten sie dann?

Eiszeitliche "Höhlenschriften"

Alexander Marshack vom Peabody Museum of Archaeology and Ethnology in Harvard hat Ritzzeichnungen auf Mammutknochenfunden untersucht und die Theorie aufgestellt, dass diese Gravuren nicht nur Vorläufer einer Schrift sind, sondern tatsächlich eine Form prähistorischer Symbolschrift darstellen, die als Mondkalender diente.

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Abb. 2 Die 'Kiesel aus dem Azilien', Beispiele schriftähnlicher
Symbole aus der Steinzeit. Was haben sie zu bedeuten?

Ein weiteres Indiz für eine solche "Höhlenschrift" liefern Kiesel und andere Steine, die in Mas d'Azil und weiteren Höhlen Frankreichs, Spaniens und Nordafrikas gefunden wurden. [2] Sie zeigen Symbole, deren Bedeutung bis heute unklar geblieben ist. Einige der handflächengroßen Stücke sind mit komplexen übereinander gelagerten Strichmustern überzogen. Manche Forscher wollen darauf Abbilder modisch gekleideter Menschen erkennen. [3] Sagenhaft ist ihr Alter: Zwischen 15.000 und 33.000 Jahre.

Die "Inschrift von La Pasiega"

Die steinzeitlichen Kieselsteine mit schriftähnlichen Zeichen sind nicht die einzigen Funde, die die Gemüter von Wissenschaftlern und Laien erregen. Der gleichen Problematik begegnen wir auch bei bestimmten Felszeichnungen, weil die Bilder und Symbole in ihrer Deutlichkeit an Vorläufer der Schrift erinnern. [4]

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Abb. 3 Eine mysteriöse "Inschrift" aus der Höhle von La Pasiega in Nordspanien

Einer Reihenfolge bildhafter Symbole, die in der Höhle von La Pasiega in Nordspanien gefunden wurde, wird schriftartiger Charakter zugesprochen. Aufgrund von "Kultgeräten", die in der Höhle lagen, wird angenommen, dass hier ein heiliger Platz bestanden hat, dessen Blütezeit etwa um 12.000 v.Chr. datiert wird. Die inschriftartigen Gravuren befinden sich auf der linken Seite einer Felswand, wo sich der Zugang zur galerieartigen Haupthöhle verengt. Wegen ihres besonderen Platzes haben manche Archäologen den Inhalt der Zeichen als Verbot interpretiert, in den heiligen Bezirk des Kultraumes einzudringen. Spekulationen über die "Lesung" der "Inschrift von La Pasiega" haben sich in verschiedenen Mutmaßungen niedergeschlagen, die mindestens ebenso mysteriös sind, wie das Original selbst.

Geheimnisvolle Ritzsymbole aus Megalithgräbern in Portugal

Erstaunen haben gravierte Steine ausgelöst, die aus Megalithgräbern in Alvão, Portugal stammen. Die Steine sind durchbohrt und waren ursprünglich in den rund 6000 Jahre alten Grabkammern an Stäbchen aufgehängt. Anthropologen nehmen an, dass sie mit einem Totenkult zusammenhängen, wenngleich gänzlich ungeklärt ist, ob es sich bloß um magische Symbole oder doch um schriftähnliche Zeichen handelt. Manche Forscher vermuten eine verschollene Mittelmeerschrift und erinnern an die Funde von Mas d'Azil [...] Aber auch hier weigern sich Wissenschaftler wegen des hohen Alters der Funde von einer "Höhlenschrift" zu sprechen. Solchen Fortschritt traut man unseren steinzeitlichen Vorfahren nun doch nicht zu, begnügt sich lieber mit der "Erklärung", es handele sich lediglich um "spielerische Kritzeleien". Überzeugt das wirklich? Bei der Strenge des Totenkults, der in den Megalithgräbern vorherrscht, fragt man sich nämlich, wieso ein Angehöriger dieser Kultur in einer Grabkammer seiner Ahnen spielerisch Kritzeleien hätte anbringen sollen.


Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Reinhard Habeck (©) wurde seinem Buch "Atlantis - Der verschollene Kontinent" (Abb. 4) entnommen (S. 93-95 und 107-108; Auszüge aus Kapitel XI, "Die >unlesbaren< Schriften"), das 2001 in der Taschenbuchreihe Rätselhafte Phänomene des Tosa-Verlags veröffentlicht wurde. Bei Atlantisforschung.de erscheint er im Nov. 2013 mit freundlicher Genehmigung des Autors in einer redaktionell bearbeiteten (Links und Illustration) Online-Fassung.

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Über vermutliche, noch weitas frühere und dreidimensionale 'Datenträger' für den Handel im alten Orient heißt es bei William R. Corliss: "Archäologen sind lange durch eine große Anzahl von kleinen, gebrannten Ton-Objekten irritiert worden, die man im Nahen Osten entdeckt hat.

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    Denise Schmandt-Besserat von der University of Texas at Austin glaubt, dass diese kleinen geometrischen Formen
    (Abb. 5) (Kegel, Kugeln, Scheiben, etc.) tatsächlich im Geschäftsleben verwendeten Symbole waren, um Anzahl und Art der Handelswaren (Schafe, Öl, etc.) anzuzeigen. Im Allgemeinen weniger als ein Zoll [ca. 2,54 cm; d.Ü.] groß, wurden diese Objekte offenbar in hohlen Ton-Kugeln versiegelt, um schon gegen 8500 v.Chr. als Lieferscheine zu dienen. Dies war 5000 Jahre bevor zweidimensionale Tontafeln zum Schreiben eingeführt wurden." (Quelle: o.A., "From Reckoning to Writing", in Scientific American, August 1977, S. 58; nach: William R. Corliss, "First writing may have been three-dimensional", in Science Frontiers No. 1, September 1977 (Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  2. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: William R. Corliss, "Die Kiesel aus dem Azilien"
  3. Red. Anmerkung: Als Beispiel hierfür die Skizze einer solchen Darstellung auf einer paläolithischen Steintafel aus Frankreich:
    Frankreich 6.jpg
    Das Fundstück stammt aus der Höhle von La Marche bei Lussac-les-Châteaux und wurde auf ein Alter von ca. 17.000 Jahren datiert. Quelle: Luc Bürgin, "Geheimakte Archäologie", bettendorf, 1998, Seite 213)
  4. Red. Anmerkung: Der spanische Prähistoriker Prof. Ribero-Meneses entdeckte in der nordspanischen Höhle von El Castillo Anzeichen dafür, dass die dort während der 'Altsteinzeit' lebenden Menschen bereits vor mehr als 30.000 Jahren über ein Schriftsystem verfügten.

Bild-Quellen:

1) Sting bei Wikimedia Commons, unter: File:Stele of Vultures detail 02.jpg
2) William R. Corliss, The Azilian Pebbles, bei Science Frontiers Online
3) Bildarchiv Atlantisforschung.de
4) ebd.
5) William R. Corliss, "First writing may have been three-dimensional", in Science Frontiers No. 1, September 1977.