Die Geschichte der Aktion »Gripp contra Atlantis« (6)

Reaktionen auf die 'Diskussion' in Kiel

von Pastor Jürgen Spanuth (editiert von Bernhard Beier)

Abb. 1 Sowohl die von den Kieler Professoren um Gripp und Weyl organisierte bzw. gesteuerte 'Atlantis-Diskussion' in Schleswig als auch jene in Kiel waren alles andere als seriöse Foren für einen wissenschaftlichen Diskurs, sondern sie hatten den Charakter kirchlicher Inquisitions-Verfahren. (Bild: Autodafé auf der Plaza Mayor in Madrid am 30. Juni 1680; Gemälde von Francisco Rizi, 1683)

Man muss sich schon die Frage stellen, warum Jürgen Spanuth überhaupt an der, im vorausgegangenen Abschnitt seines Papiers behandelten, Veranstaltung im Audimax der Universität Kiel teilnahm. War es nicht naiv von ihm anzunehmen, dass die Veranstalter - namentlich der Einlader, Professor Dr. Richard Weyl - diesmal ihre Zusagen ihm gegenüber einhalten würden? Verkannte Spanuth, trotz der einschlägigen Erfahrungen, die er anlässlich des 'Scherbengerichts' auf Schloss Gottorp mit seinen universitären Kontrahenten gemacht hatte, völlig den Charakter dieser neuerlichen Inszenierung? Oder meine er vielleicht, durch sein persönliches Auftreten vor der Kieler 'Inquisitoren'- Riege Schlimmeres verhindern zu können? Er selber äußerte sich in "Die Geschichte der Aktion »Gripp contra Atlantis«" nicht zu seinen diesbezüglichen Motiven, sondern beschränkte sich auf die Vorstellung einer Auswahl der Reaktionen von Akademikern, die sich ihm gegenüber schriftlich zu der zweiten öffentlichen 'Diskussion' im Rahmen des Atlantis-Streits äußerten: "Auch nach dieser 'Diskussion' erhielt ich zahlreiche Zuschriften, darunter viele von Fachgelehrten der verschiedensten Wissenschaftsgebiete.

So schrieb Herr Professor Dr. von Stokar [1] am 11.11.1954: >Wenn Gripp sie beschimpft, sind Sie in allerbester Gesellschaft. Nehmen Sie ihn und seine Clique nicht ernst! Bitte streiten Sie nicht, gehen Sie ihren Weg unentwegt weiter! Er ist richtig! Sie, der 'kleine Landpastor', sind auf eine Idee gekommen, die eigentlich Wissenschaftler hätten haben müssen, mich eingeschlossen!< [...] Dr. R. Schneidermann schrieb: >Es war Theater, weiter nichts. Es war eine Spekulation auf die Professorengläubigkeit, weiter nichts. Es war der sittlich bedenkliche Versuch, im Zeitalter der Massenpsychose wissenschaftliche Streitfragen durch einen Aufmarsch zu lösen, weiter nichts. Und darum werden die 'Atlantisdiskussionen' von Schleswig und Kiel einmal als Entartungserscheinungen der Wissenschaft unrühmlich in die Geschichte eingehen<. ('Wissenschaft missbraucht!' Eine Klarstellung zum Atlantisstreit, R. Schneidermann, 1954, S. 10).

Herr Professor Dr. Stechow, Leipzig, schrieb: >Wer sich nicht schämt, bei diesen skandalösen 'Diskussionen' mitgewirkt zu haben, hat kein Gewissen!< (Brief vom 5.5.54). Professor Dr. C. Heinz [2] schrieb: >Was haben Sie eigentlich von Gripp erwartet? Warum sind Sie überhaupt zu dieser Veranstaltung gegangen? Wer Gripp in seiner wissenschaftlichen Laufbahn verfolgt hat, der weiss, dass er sich nie gescheut hat, sich des Plagiats, der Verleumdung und des Rufmords zu bedienen!< (Brief vom 3.2.54)" [3]

Abb. 2 Dem hier abgebildeten SS-Standartenführer Christian Hansen (1904-1975) gegenüber soll der Vorgeschichtler Herbert Jankuhn erklärt haben, er habe sich nur deshalb an den Aktivitäten der professoralen Kieler Spanuth-Gegner beteiligt, weil er "von diesen Leuten abhängig" sei.

Teilweise von wissenschaftgeschichtlich weitaus größerem Interesse als die obigen Stellungnahmen aus dem Kreis von Jürgen Spanuths akademischen Freunden und Unterstützern, insbesondere aber in Hinsicht auf die notwendige Aufarbeitung der im Raum stehenden Vorwürfe gegen mehrere am so genannten 'Atlantis-Streit' beteiligte Fachwissenschaftler, was wissenschaftliches Fehlverhalten betrifft, sowie den Missbrauch seiner Funktionen ihm Rahmen der 'Entnazifizierung' an der Universität Kiel durch Prof. Karl Gripp [4] angehend, sind Spanuths folgende Ausführungen:

"Die Herren, die sich von Gripp zu dieser Aktion pressen ließen, haben selbst folgendes von sich gegeben: Der Inhaber des Landkarten-Verlages, Gerhard Falk, Hamburg, hat mir am 20.5.1961 folgendes Mitgeteilt: >Ich habe mit Professor Stocks, einem alten Freund Gripps, gesprochen und habe ihm gesagt: 'Der Überfall auf Spanuth war eine Schweinerei! Wie konnten Sie den auch vom Hydrographischen Institut festgestellten Wall auf dem 'Steingrund' von 3-4 m Höhe in eine Ebene von 700 m, also im Verhältnis 3 oder 4 zu 700, einzeichnen?' Stocks antwortete mir: 'Es s o l l t e j a k e i n Wall erscheinen!'< [5]

Der frühere Standartenführer der Leibstandarte, Christian Hansen (Abb. 2), Bredstedt, hat bei mehreren Unterredungen zu seinem alten SS-Kameraden Obersturmbannführer Professor Dr. Jankuhn gesagt: >Was da geschehen ist, ist ein Skandal, wie konntest Du Dich dazu hergeben, dabei mitzumachen?< Jankuhn antwortete Hansen: >Was sollte ich machen? Ich bin von diesen Leuten abhängig. Ich m u s s t e mit den Wölfen heulen! Ja, es gibt Schweine!< [6]

Professor Dr. Sprockhoff, der seine eigenen früheren Veröffentlichungen verfälschte (siehe meine Entgegnung S. 111 f., vor allem Abb. 1, 4, 6, 7), hat zu Herrn Röschmann, der neben ihm saß, noch während der 'Diskussion' in Schleswig die oben [...] zitierte Äusserung getan! Der Leiter der Seefahrtschule in Lübeck, Dr. Meint Harms, der bei der 'Diskussion' in Kiel zugegen war, gab eine Broschüre nach dieser 'Diskussion' heraus, in der er u.a. schrieb: >Nicht unbedingt vorauszusehen war, dass diese Atlantishypothese zu einem Aufstand des inneren Schweinehundes in geradezu klassischer Form führen würde!< (1954, S. 31) Andere Stellungnahmen sind in meiner Entgegnung S. 9 abgedruckt." [7]

Bemerkenswert erscheint zudem, dass die Veranstalter der Aktion in Schloss Gottorp und der Kieler 'Diskussion' vom 4. November 1953 offenbar im Nachhinein bemüht waren, eine dauerhafte, detaillierte sowie evidente Dokumentation von Ablauf und Inhalten beider Veranstaltungen zu verhindern. Dazu Jürgen Spanuth: "Bei beiden 'Diskussionen' in Schleswig und in Kiel wurden von allen Referenten Tonbandaufzeichnungen gemacht. Ich habe in jedem Fall, als mir das mitgeteilt wurde, gebeten, diese Tonbänder für einige Tage zur Verfügung gestellt zu bekommen. Sowohl Herr Ingwersen, Schleswig, als auch Herr Professor Weyl, Kiel, haben mir das zugesagt. Auch diese Zusagen wurden n i c h t eingehalten. Beide Tonbänder wurden gelöscht, bevor sie mir übersandt wurden und ich die Möglichkeit hatte, sie auf ein anderes Tonband zu überspielen!

Ich habe dann mit Hilfe von zwei Stenogrammen beider 'Diskussionen' und mit Hilfe der von Professor Dr. Weyl herausgegebenen Broschüre 'Atlantis enträtselt?' [8] [...] meine Entgegnung: '...und doch: Atlantis enträtselt!' [9] geschrieben. Zu meinem Bedauern Hat der Unionsverlag, Stuttgart, mein Manuskript auf etwa ein Drittel seines ursprünglichen Umfangs kürzen lassen. Ich hatte meine Entgegnung v o r der Drucklegung einer Reihe von Fachgelehrten vorgelegt. Diese Herren und Fachgelehrte, die meine Entgegnung später lasen, waren ausserordentlich erschüttert von dem Umfang der Fälschungen, Unterschiebungen und Verleumdungen, die ich Herrn Gripp und seinen Helfern nachweisen konnte.

So schrieb Professor Dr. Kummer: >Heute sende ich Ihnen Ihre treffliche Entgegnung zurück. Es ist ausserordentlich peinlich, was sich Ihre Gegner erlaubt haben. Ich meine, ein solcher Vorfall sucht seinesgleichen in der Geschichte der Universitäten. Es ist so blamabel, so beschämend, dass man es bedauern muss! Aber es wäre geradezu ein Unheil für die Zukunft der deutschen Wissenschaft, wenn Ihre Entgegnung nicht schnellstens erschiene!< >...Ihre Ausführungen sind so peinlich, so belastend, so aufrührend, dass Sie sich alles Weitere sparen können!< >Der Streit gegen Sie wird in die Geschichte der Wissenschaften eingehen als eine Blamage der Univ. in einer ihrer schwächsten Stunden!< Professor von Stokar schrieb am 2.5.54 einen Brief an Professor Jacob-Friesen, den Stokar mir im Durchschlag zusandte. In diesem fünf Seiten langen Brief, der ein vernichtendes Urteil über die 'Diskussionen' fällt. heisst es u.a.: >Das alles sind doch keine wissenschaftlichen, gut fundierten Entgegnungen, sondern Palaver aufgeschreckter Hühner mit erschütternd tiefem Niveau!< [10] Professor Dr. Heinz schrieb: >Sie haben Mut! Wenn Gripp und seine Gefolgsleute das hinnehmen werden, was Sie ihnen entgegenhalten, sind diese Herren wissenschaftlich für immer erledigt!<" [11]



Fortsetzung: Das vorläufige Ende der Affäre

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Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Zu Walter Stokar von Neuforns Korrespondenz mit Jürgen Spanuth siehe ausführlicher auch: Bernhard Beier, "Eine »illustre Gesellschaft« - Wer waren die (Fach-)Wissenschaftler, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts positiv über J. Spanuths Arbeiten äußerten?" (kommentierte Transkription einer Auflistung von J. Spanuth); zu Dr. von Stokars politischer Vorbelastung im 'Dritten Reich' siehe dort Fußnote 5.
  2. Red. Anmerkung: Vergleiche zu "Prof. Carl Heinz", zu dessen Person wir bisher noch keine weiteren Informationen ermitteln konnten, auch den Abschnitt "Zur Person Karl Gripps und relevanten Bereichen seiner Vita" dieses Beitrags.
  3. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Geschichte der Aktion »Gripp contra Atlantis«" (unveröffentlichtes Manuskript), West-Bordelum, 04. 10. 1964, S. 17-18
  4. Red. Anmerkung: Vergleiche dazu ebenfalls den Abschnitt "Zur Person Karl Gripps und relevanten Bereichen seiner Vita" dieses Beitrags.
  5. Vergl. dazu auch: Theodor Stocks, "Der Steingrund bei Helgoland", in: Deutsche Hydrographische Zeitschrift, Mai 1955, Vol. 8, Issue 3, S. 112–118
  6. Red. Anmerkung: Interessanterweise heißt es bei der deutschsprachigen Wikipedia im Lemma 'Herbert Jankuhn': "Jankuhn wurde 1945 verhaftet und 1948 aus der Haft entlassen. Er forcierte seine Entnazifizierung mit Falschaussagen. So sagte er, dass er nur unter Zwang in die SS eingetreten sei und nie Mitglied in der NSDAP war. Unterstützung erhielt er von Schwantes, der aussagte, dass Jankuhn nur >in ein loses Verhältnis zur SS trat, der er nie angehörte<." (abgerufen: 19. Okt. 2017; Unterstreichung durch Atlantisforschung.de; Quellenangabe bei Wikipedia: Wolfgang Pape, Zehn Prähistoriker aus Deutschland, in: Heiko Steuer (Hrsg.), "Eine hervorragend nationale Wissenschaft", Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 29. de Gruyter, Berlin 2001, ISBN 3-11-017184-8, S. 69 Anm. 28 und 69
  7. Quelle: Jürgen Spanuth, op. cit. (04.10.1964), S. 18-19
  8. Siehe: Richard Weyl, "Atlantis enträtselt?: Wissenschaftler nehmen Stellung zu Jürgen Spanuths Atlantis-Hypothese", Kiel (Verl. Walter Mühlau), 1953 - 79 Seiten
  9. Siehe: Jürgen Spanuth, "...und doch: Atlantis enträtselt!", Stuttgart (Union Verlag), 1955; Neuauflage: Osnabrück (Otto Zeller Verlag), 1980
  10. Red. Anmerkung: Ein weitaus umfangreicheres Zitat aus diesem auf den 2. Mai 1954 datierten Brief von Walter von Stokar an Karl Hermann Jacob-Friesen findet sich am Ende des ersten Teils unseres Beitrags: Eine "illustre Gesellschaft" - Wer waren die (Fach-)Wissenschaftler, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts positiv über J. Spanuths Arbeiten äußerten? (kommentierte Transkription einer Auflistung von J. Spanuth)
  11. Quelle: Jürgen Spanuth, op. cit., (04. 10. 1964), S. 19-21

Bild-Quellen:

1) Enrique Cordero (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:Francisco rizi-auto de fe.jpg
2) pavel70slama.blog.cz, unter: "SS-Standartenführer Christian Hansen"