Eine notwendige Randnotiz zur Herkunft des Namens 'Lemuria'

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Abb. 1 Der Zoologe Philip Lutley Sclater (1829-1913) gab 1864 dem putativen Urkontinent 'Lemuria' im Indischen Ozean seinen Namen.

(bb) In der esoterischen, aber auch in der atlantologischen Literatur wird bezüglich 'Lemuria' bisweilen zu Unrecht vorausgesetzt, es hndele sich bei dieser Bezeichnung um einen alten – oder sogar uralten – Namen. So stellte etwa Katherine Folliot 1984 in ihrem Buch Atlantis Revisited [1] folgende etymologische Ausdeutung des Begriffs 'Lemuria' vor:

Verschiedene Atlantologen haben behauptet, dass Lemuria nichts anderes gewesen sei als die verlorene Insel Atlantis, und auch wenn ihre Theorie allgemein für abstrus gehalten wurde, so könnte sie doch sehr wohl auf echten Fakten basieren. Das Wort Lemuria ist eine Verfälschung des arabischen Wortes ‘al amur’, das ‘der Westen’, oder ‘das westliche Land’ bedeutet, und man darf vermuten, dass dies der Name war, den mittelalterliche arabische Gelehrte dem ‘westlichen Land’ gegeben haben, das in den erhalten gebliebenen ägyptischen Archiven in Alexandria erwähnt wurde, und von dem es heißt, es sei im Meer versunken. Als Arabien am Ende des Mittelalters seine kulturelle Vorherrschaft verlor, wurde ‘al Amur’ zu ‘Lemur’ deformiert, und später zu ‘Lemuria’, doch das mit diesem inakkuraten Namen bezeichnete Land war aller Wahrscheinlichkeit nach das selbe wie jenes, welches Solon von den ägyptischen Priestern zu Sais als das ‘westliche Land’ von Atlantis beschrieben wurde.”. [2]

Nun mögen das Arabische und seine alten, zum Teil in Vergessenheit geratenen, geographischen Begriffe zwar in mancher Hinsicht für die Atlantisforschung von erheblicher Bedeutung sein [3], aber in Bezug auf Namensgebung und Wortbedeutung von 'Lemuria' (im Indischen Ozean oder im Pazifik) ist es gänzlich irrelevant. [4] Tatsächlich handelt es sich bei 'Lemuria' um einen echten Neologismus, der erst 1864 von dem britischen Juristen und Zoologen Philip Lutley Sclater (Abb. 1) eingeführt wurde. [5] Bei der Wahl seiner Bezeichnung für den vermuteten Urzeit-Kontinent nahm Sclater gezielt Bezug auf die Tierart der Lemuren (Lemuriformes), deren transozeanische Verbreitung er mit dem vormaligen Vorhandensein einer weiteren, großen Landmasse erklären wollte. [6] Der Name dieser possierlichen 'Halbaffen' leitet sich jedoch nicht vom arabischen Wort für 'Westen' ab, sondern von den Lemures, den römischen Totengeistern (Abb. 2), und spielt sowohl auf ihre Nachtaktivität und die von ihren ausgestoßenen, 'unheimlichen' Rufe als auch auf ihre markanten Gesichter mit sehr großen Augen an, die sie 'geisterhaft' erscheinen lassen.

Abb. 2 Die römischen Lemures (alt. Larvae) sind die eigentlichen 'Namensgeber' des hypothetischen Urkontinents.

Über die "nächtlichen Schadensgeister", denen 'Lemuria' letztlich seinen Namen verdankt, bemerkt Lestat de Lioncour (Pseudonym): Lemures "... wurden in der Antike (Römer, Latiner) bösartige Schreckgespenster, numinose Elementale oder Hauchwesen von Verstorbenen genannt, die in späteren Überlieferungen auch als Wiedergänger, also umhergehende Tote verstanden wurden. In der Mythologie finden wir auch andere Namensdeutungen, wie Larven, Maren oder Manen, wobei letztere als gutartige, segensreiche Beschützer von Familie und Heim gelten. Ihnen wird nachgesagt, daß sie vorwiegend im Monat Mai aktiv werden, um ihre Nachkommen und Verwandten zu plagen, denn nach den Legenden über sie, handelt es sich um einst verderbliche, ruchlose Seelen, die zu Lebzeiten schändlichste Taten begangen und aus diesem Grund nicht beigestzt wurden, wie es der traditionellen Sitte gebot.

Ihnen zu Ehren wird am 9. November sowie am 13. Mai das Fest Lemuria gefeiert (n. Ovid), in der Hoffnung, diese Rachegeister zu besänftigen. Ging man davon aus, daß eine verstorbene Person eventuell zu einem Lemuren mutieren könne, war es unter den Römern üblich, rings um die Grabesstätte schwarze Bohnen zu verbrennen, um so der Wiederkehr Einhalt zu gebieten, denn die verbrannte Saat stank beim Verbrennungsprozeß erbärmlichst. Die einzige Möglichkeit einen bereits aktiven Lemuren zu vertreiben, der bereits die anliegende Nachbarschaft heimzusuchen begann, bestand darin, ihn mittels lautem Trommelgetöse zu vertreiben, da sie als hellhörig und besonders geräuschsempfindlich gelten. Man unterscheidet in zweierlei Kategorien von Lemuren, die gutgesinnten Lares und das negative Pendant, die Larvae." [7]

Nach diesem kurzen Ausflug in die Sphären der Dämonologie möchte der Verfasser abschließend noch darauf hinweisen, dass es sich zwar, wie zu zeigen war, bei dem Namen 'Lemuria' um eine moderne Namensschöpfung mit direkter Bezugnahme auf die Zoologie und indirektem Bezug zur Religion der Alten Römer handelt, der Name 'Mu' hingegegen - der bei einer Beschäftigung mit dem Lemuria-Problem von einiger Bedeutung ist - keineswegs eine moderne Erfindung (z.B. von James Churchward) darstellt. Vielmehr haben wir durchaus Grund zur Annahme, dass es sich dabei tatsächlich um eine uralte Bezeichnung handelt, die Hinweise auf eine verschollene Kultur oder ein 'versunkenes' Land liefern könnte. [8] Dies wird der Verfasser zum Gegenstand eines weiteren Beitrags machen.


Anmerkungen und Quellen

  1. Siehe: Katherine Folliot, "Atlantis Revisited", H & B Publications, 1984
  2. Quelle: Katherine Folliot, "Atlantis Revisited", zit. nach: Tony O’Connell, Atlantipedia.ie, unter: Lemuria (A) (Übersetzung ind Deutsche durch Atlantisforschung.de; abgeufen: 06.07.2012)
  3. Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de: Georgeos Díaz-Montexano, Der atlantische Ursprung des Namens "Andalusien"
  4. Anmerkung: Wir dürfen allerdings in der Tat - Folliots Hinweis folgend - darüber nachdenken, ob 'al amur'/ 'Alamuria' / 'Lemuria' womöglich als alternative arabische Bezeichnung für ein westliches 'Atlantis' in Frage kommt. Dazu müssten jedoch Kenner der frühen Literatur Arabiens befragt werden.
  5. Siehe dazu: Philip Lutley Sclater, ‘The Mammals of Madagascar’, in: The Quarterly Journal of Science No. 2/1864, S. 213-219
  6. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de etwa: Der naturwissenschaftliche Ursprung der Lemuria-Idee (bb)
  7. Quelle: Lestat de Lioncour, "Lemuren", Lexikon der Elementargeister und Dämonen K-O, bei: Dämonenwelt-Forum (abgerufen: 06.07.2012)
  8. Siehe dazu z.B. einführend: Mythologische Grundlagen für die Pazifika-Hypothese?, Abschnitt: Churchwards 'Mu' - in australischen und japanischen Mythen? (bb)


Bild-Quellen

(1) Wikimedia Commons, unter: File:PLSclater.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

(2) Lexikon der Elementargeister und Dämonen K-O, bei: Dämonenwelt-Forum