Lemuria

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Ein Plädoyer für die grenzwissenschaftliche Lemuria-Betrachtung

Abb. 1 Eine esoterische Darstellung von Le(Mu)ria als kontinentale Landmasse. (Karte der Lemurian Fellowship aus den späten 1940er Jahren)

(bb) Sicherlich noch umstrittener als die Existenz eines verschwundenen Vorzeit-Reiches im Atlantischen Ozean ist die Frage nach einer urzeitlichen Hochkultur und ihrem versunkenen Sitz im Pazifik, oder im Indischen Ozean. Nicht nur "engstirnige", konventionelle Schulwissenschaftler, sondern auch wissenschaftskritische Forscher, grenzwissenschaftlich interessierte Menschen und selbst überzeugte Atlantologen, die sonst für spekulative Ansätze und Ideen offen sind, tun sich nicht selten schwer mit dem sagenhaften Lemuria oder Mu. [1] Die Vorstellung, es habe womöglich auch im pazifischen Großraum - auf heute versunkenen Landmassen - prähistorische Kulturen gegeben (von denen bis in die Gegenwart hinein noch viele Mythen und Legenden der dortigen Völker berichten!) scheint allseits 'schwer verdaulich'.

In Stefan Wogawas, bei MYSTERIA 3000 erschienenem, Aufsatz Urkontinent Lemuria - Von der wissenschaftlichen Hypothese zur okkultistischen Spekulation findet sich dazu ein bezeichnendes Zitat eines namentlich ungenannten Sachbuch-Autors. Dieser Anonymus stellt kurz und knapp fest, von allen Legenden über versunkene Kontinente sei "die Geschichte von Lemuria die absurdeste". Wogawa scheint diese Meinung weitgehend zu teilen, deuten doch Struktur, Titel und Tenor seiner Arbeit darauf hin, dass es aus seiner Sicht nur zwei antagonistische Betrachtungsweisen der Lemuria-Hypothese geben kann: eine "wissenschaftliche" und eine "okkulte".

Die "wissenschaftliche" Sichtweise soll nun, Wogawa und dem von ihm zitierten Anonymus folgend, darauf hinaus laufen, diesem dubiosen >Lemuria< jegliche Historizität abzusprechen, die Angelegenheit zum Anathema zu erklären und Forschungen in dieser Richtung als Beschäftigung mit einem "un-" respektive "pseudo-wissenschaftlichen" Gegenstand zu betrachten. In der Tat scheint es ernst zu nehmende Forschung' im eigentlichen Sinne - sei sie nun schul-, populär- oder grenzwissenschaftlicher Natur - seit Jahrzehnten kaum gegeben zu haben. Kein Wunder also, dass Okkultisten und Esoteriker die Lemuria-Hypothese in der allgemeinen Wahrnehmung völlig für sich vereinnahmen konnten.

Typisch für das vorherrschende Lemuria-Bild ist z.B. eine Veranstaltung, über die Wogawa schreibt: "Als im Juni 1999 am Mount Shasta [2] , einem 4300 Meter hohen erloschenen Vulkan in Kalifornien (Abb. 2), ein >Lemuria-Kongress mit Festival< unter dem Titel >Lemuria und die Zeitenwende< stattfand, richtete sich die Veranstaltung vor allem an Esoteriker. Der Mitinitiator Dietrich von Oppeln sieht in Lemuria die >spirituelle Epoche von Atlantis<. Oppeln ist Autor von Büchern wie >Lemuria - Land des goldenen Lichts< und >Die Kristallstädte von Lemuria<, verdient auch mit einer Lemuria-CD am Thema. Eines seiner Bücher ist nach Verlagsangaben ein Werk, in dem Oppeln "in seiner Trance-Reise zeigt, wie in Lemuria und den Kristallstädten gelebt, geforscht und gearbeitet wurde". [3]

Abb. 2 Der Mount Shasta in Kalifornien gilt seit vielen Jahrzehnten in Esoteriker-Kreisen als "geheimer Stützpunkt" überlebender Lemurier in Amerika.

Neben Lemuria als "okkultem Spektakel" wird auch die Literatur von "gechannelter" und sonstwie auf "übersinnlichen Wegen" erhaltener Pseudo-Geschichte zur pazifischen Primhistorie [4] dominiert, und so kann Wogawa - durchaus zu Recht - feststellen: "Eine Durchsicht aktueller Veröffentlichungen zeigt: Lemuria ist dort meist das verlorene Paradies, der >Garten Eden<, eine frühe Hochkultur auf einem inzwischen versunkenen Kontinent, dessen Bewohner über die phantastischsten Fähigkeiten, mental, bisweilen magisch und/oder technisch, verfügten."[5]

Das unhistorische Klischee von Lemuria und Atlantis als irdischem "Garten Eden" wird seit einigen Jahrzehnten ebenso gerne von Esoterikern wie von "wissenschaftlichen" Kritikern der Annahme versunkener Kontinente und Zivilisationen verwendet. Letzteren geht es dabei zumeist darum, JEDE Überlegung unglaubwürdig zu machen, die im Zusammenhang mit den beiden versunkenen "Fabel-Reichen" die Anfänge menschlicher Zivilisation weit hinter die offiziell zugestandenen Perioden verschiebt: Wer sich mit "Lemuria" beschäftigt, MUSS doch ganz einfach von einem paradiesischen Utopia träumen, oder etwa nicht?

Grundsätzlich gibt es aber auch noch einen dritten Ansatz zur Betrachtung des Lemuria-Komplexes - und der ist grenzwissenschaftlicher bzw. atlantologischer Natur. Immerhin gibt es wohl kaum eine andere alternative Forschungsrichtung, die sich in ähnlich umfänglicher und kontroverser Weise mit dem "Versinken" putativer Landmassen und Zivilisationen beschäftigt hat. Was lässt sich also aus dem Blickwinkel moderner Atlantisforschung, jenseits der prominenten Ideologien wissenschaftlicher und esoterischer "Gurus", zum Thema Lemuria feststellen?

Im folgenden Beitrag wollen wir überprüfen, ob es tatsächlich eine Grundlage für die Annahme versunkener Landmassen und Frühkulturen im pazifischen Großraum gibt, oder ob dies so ausgeschlossen ist, wie es Anhänger konventioneller Wissenschaft stets behaupten. Dazu widmen wir uns zunächst noch einmal einleitend den beiden diametral entgegengesetzten Polen der üblichen Lemuria-Betrachtung: Naturwissenschaft und Esoterik, wobei wir sowohl die wissenschafts-geschichtliche Frage nach dem Ursprung der Lemuria-Idee als auch den Komplex der esoterisch/okkulten Lemuria-Suche unter die Lupe nehmen.

Nachdem wir festgestellt haben, was diejenigen über Lemuria (oder Mu) sagen, die etwas darüber zu wissen vorgeben, nutzen wir das Instrumentarium der Atlantisforschung, und gehen der Frage nach einer mythologischen, geologischen und archäologischen Basis von Lemuria nach. Wir werden dabei, um es vorweg zu schicken, das Lemuria-Problem im Rahmen unserer Betrachtung nicht erschöpfend lösen können - dazu dürften weitaus umfangreichere Studien nötig sein. Eine grundsätzliche Frage sollte sich jedoch mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten beantworten lassen: ist die alternativ-prähistorische Beschäftigung mit "Le(Mu)ria" sinnvoll und legitim, oder verschwendet man lediglich wertvolle Zeit damit?


Fortsetzung:


Zum Thema Lemuria - versunkene Landmassen im Pazifik - außerdem bei Atlantisforschung.de:


Externa:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Anmerkung: Dieses Phänomen wurde bereits in der unterhaltenden Atlantis-Literatur mit köstlicher Ironie persifliert. So bemerkt Lyon Sprague de Camp in einer Rezension zu George Cecil Fosters Roman The Lost Garden (1930): "Die amüsanteste Passage ist die, in welcher die alten Atlantier darüber diskutieren, ob das legendäre Lemuria jemals existierte, wobei sie die Argumente, die heutzutage für oder gegen Atlantis gebraucht werden, ins Feld führen."
  2. Anmerkung: Der Mount Shasta wird in Esoteriker-Kreisen schon länger mit Lemuria in Verbindung gebracht. So z.B. in Frederick Spencer Oliviers 1894 erschienenem Roman "Bewohner zweier Welten", den er unter dem Pseudonym "Phylos der Tibetaner" veröffentlichte. "In dieser Geschichte berichtet der Erzähler, wie er seinen Meister, einen Chinesen mit Namen Quong, auf dem Mount Shasta in Nordkalifornien traf. Quong heilte den Erzähler nicht nur von seinen antichinesischen Vorurteilen, er vermochte auch nur mit einem Wort Bären und Pumas zu zähmen [...] Er führte den Erzähler in einen Orden von Weisen ein, die das Wissen der Vorfahren in ihrem Shasta-Hauptquartier bewahrten." (Quelle: L. Sprague de Camp, Versunkene Kontinente, Heyne, 1977, S. 81) Der Okkultist Edgar Lucien Larkin, "der einige Jahre vor seinem Tode (1924) das Mount Lowe Observatorium in Kalifornien leitete", gehörte zu denjenigen, die Olivers Story für bare Münze nahmen bzw. aufgriffen. Er behauptete, er habe Phylos´ Lemurier vom Mount Shasta durch sein Teleskop beobachtet, "wobei er erspähen konnte, daß ein rundes Tausend von ihnen in einer >Geheimstadt<, die um einen großen, im Maya-Stil gehaltenen Tempel herumgebaut sei, lebte." (Quelle: ebd., S. 82) "1925 schrieb ein Autor namens Selvius >Descendants of Lemuria: A Description of an Ancient Cult in America<, veröffentlicht bei Mystic Triangle, im August 1925, das sich ganz um das mystische Lemurier-Dorf am Mount Shasta drehte. [...] 1931 publizierte Wisar Spenle Cerve ein vielgelesenes Buch mit dem Titel 'Lemuria: The Lost Continent of the Pacific', in dem das Material von Selvius in einer leicht aufgearbeiteten Form auftaucht. Die Lemuria-Mount Shasta-Legende wurde zu einer der wesentlichen Legenden um den Mount Shasta. (1993; 136)." (Quelle: Anonymus, "The Origin of the Lemurian Legend") In der selben Quelle heißt es zudem: "Die Idee eines vergessenen Kontinents (und der nachfolgenden Existenz of Lemuriern auf dem Mount Shasta) bekam schnell einen hohen Bekanntheitsgrad, auch wenn sie nicht so allgemein akzeptiert wurde. 1939 war der Mount Shasta-Botaniker William Cooke in einer Bibliothek in Cincinati, als er gefragt wurde, ob er >irgend etwas über die LeMurier wüsste.< Ein paar Monate später stellte Cooke in einem Artikel des Mount Shasta Herald unter dem Titel "Lights on Mt. Shasta: Evidences Discounted", die Legende in Frage, dass Larkin ein Teleskop benutzt haben könnte, um irgendwelche Strukturen auf dem Mount Shasta zu beobachten. Etwa ein Jahr später, stellte Cooke in einem anderen Artikel im Herald mit dem Titel "Wm. Bridge Cooke Discusses 'Lost Continent' Book," die Existenz eines Lemuria oder Mu in Frage (1941)." (Quelle: ebd.) "Zu guter Letzt nahm", wie wiederum Sprague de Camp bemerkt, "Guy Warren Ballard, alias Godfré Ray King, Begründer des I-AM-Kultes, für sich in Anspruch, seinen Herrn und Meister Saint-Germain auf dem Mount Shasta getroffen zu haben. Saint-Germain ist eine Art Mahatma, entfernt verwandt mit mit dem Comte de Saint-Germain, einem gerissenen Okkultisten und >Industrie-Manager< des 18. Jahrhunderts. Ballard, der vom Verkäufer von Aktien nicht vorhandener Goldminen, die er alten Damen aufschwatzte, zum Okkultisten avancierte, entnahm die Elemente seiner grotesken Mythologie Olivers Buch, der Theosophie, der Christian Science, dem Rosenkreuzertum und den Swami-Lehren, um den so entstandenen Mischmasch auf der geistigen Hochebene eines Comic-Heftchens darzustellen." (Quelle: Sprague de Camp, op. cit., S. 83)
  3. Quelle: Stefan Wogawa, Urkontinent Lemuria - Von der wissenschaftlichen Hypothese zur okkultistischen Spekulation, MYSTERIA 3000
  4. Anmerkung: PRIMHISTORIE = Die 'Geschichte vor der Geschichte', oder: Historie vermuteter prä-holozäner Menschheitskulturen / PRIMHISTORIK = Die Primhistorik ist ein alternativ-historisches (grenzwissenschaftliches) Forschungsgebiet, das sich mit der Möglichkeit entwickelter, spät-eiszeitlicher (oder noch früherer) Menschheitskulturen sowie mit der Beweisführung ihrer vormaligen Existenz und mit ihrer Identifizierung beschäftigt. Geprägt wurde dieser Begriff in den 1970er Jahren durch den französischen Alternativ-Historiker und Paläo-SETI-Forscher Robert Charroux.
  5. Quelle: Stefan Wogawa, Urkontinent Lemuria - Von der wissenschaftlichen Hypothese zur okkultistischen Spekulation, MYSTERIA 3000

Bild-Quellen:

1) The Hutton Commentaries, Inc., Bild vormals online unter: http://www.huttoncommentaries.com/Other/Lemuria/evidence_of_lemuria.htm
2) Blooming Rose Press, online unter: http://www.bloomingrosepress.com/images/1%20sunset%20mt%20shasta.jpg