Entdeckte das Dampfschiff „Jesmond“ eine temporäre Insel im Atlantik?

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von unserem Gastautor Ferdinand Speidel

Nur ein Aprilscherz?

Die Geschichte einer von einem britischen Schiff im Jahr 1882 entdeckten Insel westlich von Madeira und südlich der Azoren (Abb. 1) wurde schon vielfach diskutiert und findet, wie viele andere, mehr Ablehnung als Zustimmung. Zuweilen wird auch vermutet, dass es sich um einen Aprilscherz handelt, da die Veröffentlichung in der „New Orleans Picayune“ und eine ähnliche Meldung eines anderen Schiffes in der „New York Post“ am oder nach dem 1. April 1882 erfolgte.

Zu diesem Thema gibt es sehr interessante Beiträge auf zwei der archivierten Seiten (Seite 1 und Seite 2) der nicht mehr betriebenen Homepage ATLANTISITE.COM. Dort sind zwei englischsprachige Artikel zu finden, die ursprünglich 1955 und 1956 im Journal 'Atlantis' von Egerton Sykes dokumentiert wurden. [1]

Der erste Artikel gibt eine Zeitungsmeldung wieder, wie sie am 28. April 1882 vom „Odebolt Reporter“ in Iowa erstveröffentlicht [2] und danach von der New Orleans Picayune übernommen wurde. Der zweite ist ein Bericht eines britischen Journalisten namens L.D. Hills, der sich 1956 auf Spurensuche nach Kapitän Robson und seinem Schiff „Jesmond“ begab. Setzt man die Korrektheit der Recherche von Hills voraus, so ergeben sich gute Argumente für die zumindest teilweise Richtigkeit dieser kuriosen Meldung. Hier zunächst die Zeitungsmeldung aus dem Jahr 1882:


Kapitän Robson´s Entdeckung

Arthur Louis Joquel II, New Orleans Picayune

Abb. 1 Die Position der angeblich im Jahr 1882 von Kapitän Robson und der Crew der Jesmond entdeckten Phantominsel im Atlantik

Gestern kam das britische Dampfschiff Jesmond unter Kapitän Robson von Messina mit einer Ladung Früchte in diesem Hafen (New Orleans) an. Er sagt, als er etwa 200 Meilen (320 km) westlich von Madeira war, wurde seine Aufmerksamkeit von einer seltsamen Erscheinung angezogen. Das Wasser war dunkel und schlammig, und es war mit toten Fischen bedeckt, soweit das Auge reichte. Es waren verschiedene Arten, er bemerkte unter anderem Meeräsche und Barsch. Bald nachdem er dieses Gebiet erreichte, bemerkte er am Horizont voraus schwachen Rauch. Früh am nächsten Morgen wurde der Kapitän vom Zweiten Offizier geweckt und informiert, dass auf der Route des Schiffes Land voraus gesichtet wurde. Über diese Information war er sehr überrascht, denn er wusste, dass in diesem Teil des Atlantiks kein Land war. Als er jedoch an Deck ging, sah er, dass die Meldung richtig war. Die schwachen Konturen einer Insel, unterbrochen von Bergspitzen, waren ohne die Verwendung eines Fernglases sichtbar. Das Wasser war noch trüber als am vorherigen Tag und die Schicht toter Fische noch dicker. Kapitän Robson erachtete es als ratsam, Messungen machen zu lassen, erwartete aber nicht Boden zu erreichen, da die Karten eine Tiefe von 2.000 bis 3.000 Faden (ca. 3.600 bis 5.400 m) in diesem Teil des Atlantiks zeigten. Die Messungen waren eine Zeit lang ohne Ergebnis, aber plötzlich zeigten die Leinen Boden bei 50 Faden (ca. 90 m). Bei etwa 4 Leagues (ca. 20 km) Entfernung von der Insel ankerte die Jesmond bei 7 Faden Tiefe (ca. 13 m). Die Position der Insel war 28 ° und 40´ West und 25° Nord. [3]

Kapitän Robson beschloss, das eigenartige Land zu untersuchen, die Jolle wurde herabgelassen und der Kapitän und einer seiner Offiziere wurden zu der Insel gerudert. Die Landung erfolgte an der niedrigen Westküste, wo ein bequemer Anlegeplatz für die Jolle gefunden wurde. Der Kapitän und Mitglieder der Mannschaft stiegen mit einiger Schwierigkeit den Abhang hoch. Das Vorgebirge hatte einige Meilen Länge und grenzte an eine ausgedehnte Fläche, die sanft zu einer weit entfernten Bergkette hin anstieg, von wo leichte Rauchsäulen aufstiegen. Der Boden war mit Bimsstein und vulkanischem Schutt bedeckt und hatte keinerlei Vegetation. Es war eine trostlose Gegend, wo man kein lebendes Wesen sah. Der Kapitän und seine Begleiter gingen landeinwärts, stellten aber bald fest, dass der Weg durch gähnende Abgründe versperrt war. Deshalb beschlossen sie, zum Strand zurückzukehren und die Insel dort zu untersuchen. Bei der Untersuchung eines Felsens, der zerbrochen und wie von einer gewaltigen Erderschütterung verdreht war und Gesteinstrümmer freilegte, machte einer der Matrosen eine überraschende Entdeckung. Als er das Ende eines Bootshakens in das lose Gestein warf, zog er eine steinerne Pfeilspitze hervor. Dadurch angestachelt wurde die Suche fortgeführt und weitere Steingegenstände wurden entdeckt.

Neue Insel.jpg
Abb. 2 Zur Veranschaulichung hier eine Aufnahme der 'Landschaft' auf der kleinen Insel,
die Ende September 2013 vor der Küste Pakistans im Arabischen Meer aufgetaucht ist.

Es wurde eine große Ausgrabung vorgenommen und festgestellt, dass die Öffnung zwischen die zerfallenen Resten einer massiven Mauer führte. Eine Reihe von Gegenständen wurden ausgegraben, wie ein Bronzeschwert, Ringe, Hämmer, Darstellungen von Köpfen und Figuren von Vögeln und Tieren, und zwei Vasen oder Krüge mit Fragmenten von Knochen und einen fast kompletten Schädel. Das Eigenartigste, was hervorgebracht wurde, schien eine Mumie zu sein, die in einem Steinkasten war. Sie war derart von vulkanischen Ablagerungen verkrustet, so dass sie kaum von dem Fels selbst zu unterscheiden war. Sie hatten große Schwierigkeiten, den Sarkophag zu befreien. Er wurde schließlich ganz herausgenommen und mit den Fossilien zum Dampfschiff transportiert. Kapitän Robson hätte seine Untersuchung gerne fortgesetzt, aber das Wetter entwickelte sich ungünstig, und er konnte keine weitere Zeit mehr bei der Insel verlieren und fuhr zu diesem Hafen (New Orleans) weiter.

Er ist der Meinung, dass die neue Insel durch Vulkantätigkeit aus dem Meer gehoben wurde, und dass die Fische durch giftige Gase des Vulkans getötet wurden. Der Kapitän meint, dass das neue Land ein Teil des immensen Rückens ist, der im Atlantik besteht, und von dem die Azoren und Kanaren ein Teil sind. Er zeigte gerne die Fossilien und merkwürdigen Gegenstände, deren glücklicher Finder er war. Die geschnitzten Köpfe waren vom Stil ägyptischer Skulpturen, die sich durch den Schleier oder Haube auszeichnen. Die Urnen und Vasen sind kugelförmig mit großen Öffnungen, und es befinden sich hieroglyphische Inschriften darauf. Die Klingen der Äxte und Pfeil- oder Speerspitzen sind stumpf und gezackt. Das Schwert ist ein gerades Bronzeschwert mit einem Kreuzgriff. >Das ist die Mumie<, sagte der Kapitän und deutete auf das, was der Reporter für einen langen Steinblock gehalten hatte. Bei genauer Prüfung des deckellosen Kastens konnten die Konturen eines menschlichen Körpers durch die Schicht von Schlacke und Bims wahrgenommen werden. Die Schicht muss mit großer Sorgfalt entfernt werden. Kapitän Robson gibt an, die Gegenstände nach seiner Rückkehr nach Liverpool dem Britischen Museum in London zu schenken.


Die Insel des Kapitän Robson...

Kommentierte Zusammenfassung der Recherche von L. D. Hills, 1956

Abb. 3 Der rote Stern zeigt die Position 31°25 N und 28°40 W, bei der die Jesmond angeblich eine Insel vorfand und wo sich offensichtlich unter der Meeresoberfläche ein Bergmassiv erhebt. Die Koordinaten liegen in etwa bei dem Hyeres Seamount, etwas südwestlich von dem bekannteren Cruiser Tablemount.

Nun zum Bericht von L.D. Hills. Hills war ein britischer Journalist, Mitglied der National Union of Journalists, der Mitte des 20. Jahrhunderts die meisten Zeitungsleute des Landes angehörten. Sehr bemerkenswert ist seine Definition des Journalismus:

Unser Geschäft sind Fakten, es ist unsere Arbeit, Neuigkeiten so präzise wie möglich zu erhalten und unsere Fakten mit jeder möglichen Methode zu prüfen. Im Prinzip läuft es so: Nachdem der Herausgeber den >Winkel< bestimmt hat, weitet der Überarbeiter die Teile aus, die im Handlungsstrang die Entscheidung des Herausgebers zum Ausdruck bringen, und der blaue Stift des Sub-Herausgebers schlachtet den Rest. Der Reporter sendet die Fakten ein, die Wahrheit, so nahe er an sie herankommt. Was `rausgeschmissen wird, kann auf die Sicht des Herausgebers hinsichtlich des Leserinteresses zurückgehen, auf den Wettbewerb mit anderen Nachrichten oder auf die Politik des Eigentümers. Aber es ist das, was die Pubs der Fleet Street mit >Insider Stories< füllt."

Das 'zwischen den Zeilen' anklingende Wort „Zensur“ hätte Hills kaum treffender umschreiben können. [4]

Hills berichtete 1956 über seine Suche nach Details zu der mysteriösen Insel von Kapitän Robson. Zu diesem Zweck nahm er auch Kontakt zu den Eignern der „Jesmond“ [5], der Firma Watts, Watts & Company auf. Doch dort stieß er auf ein Hindernis:

Das Büro der Firma wurde 1940 bei einem deutschen Luftangriff zerstört, wobei die Akten der Reederei über 150 Jahre vernichtet wurden, darunter auch das Logbuch der Jesmond. Die Firma schrieb alle ihre pensionierten Kapitäne an, um jemanden zu finden, der Kapitän Robson kannte. Gründe nannte man nicht, sicher ist aber, dass sie keinem mythischen Schiff hinterherjagten." [6]

Der Korrespondent des Odebolt Reporter hatte seine Geschichte eingesandt, aber die Redaktion saß bis zum 28. April über dem Artikel. Das heißt nicht, dass die Jesmond am 27. einlief. Sie kam am 1. April 1882 in New Orleans an und legte am 6. wieder ab und erreichte die Themse in England am 19. Mai 1882. Berichte über ihre Sichtung sind nach 74 Jahren in England noch immer vorhanden. Dabei sprechen wir von einem wichtigen Zeitraum, der mit dem Institut für Ozeanographie und dem Hydrographen der Admiralität geprüft wurde.

Abb. 4 In etwa so dürfte auch die S.S. Jesmond ausgesehen haben (Bild: Der Schoner Norseman im Jahr 1888)

Die Jesmond stieß Ende Februar oder Anfang März auf dem Weg nach New Orleans auf die gefundene Insel, [und] das zu einer Zeit als eine weitausladende Drift von plötzlich warmem oder vergiftetem Wasser über den Atlantik lief. Sie bedeckte schätzungsweise 7.500 Quadratmeilen (etwa 19.000 qkm) mit bis zu einer Million Tonnen toter Fische. An einer Stelle waren es für ein Schiff 69 Meilen (ca. 110 km), die es von 6.00 Uhr morgens bis 5.00 Uhr nachmittags durch tote Fische zu durchqueren hatte, und nie hat sich dergleichen zuvor oder seither ereignet. [...] Es war dieses Ereignis, das die Ostküste der USA 1882 mit einem Teppich von >Platt-Fisch< bedeckte...“

Als in etwa vergleichbaren Vorgang führt Hills folgendes Ereignis an: "Im November 1720 tauchte in gleicher Weise zwischen den Azoren-Inseln Terceira und Sao Miguel eine Insel auf und wieder unter, die toten Fische waren dort nur lokal zu sehen…

Es gibt noch eine Bestätigung des Zwischenfalls von 1882: "Nicht nur Kapitän Robson berichtete über die Sichtung einer mysteriösen Insel. Kapitän James Newdick fuhr mit seinem Dampfschiff „Westbourne“ während der gleichen Zeitperiode von Marseille nach New York. Er berichtete bei seiner Ankunft in New York über die Sichtung einer Insel bei 25° 30´ Nord und 24° West. Der Bericht Newdick´s erschien in der New York Post am 1. April 1882."

Die über Meilen ausgebreiteten toten Fische aus dem von Robson zuerst berichteten Gebiet wurden auch von anderen Schiffsführern gemeldet, eine Reihe von Zeitungen einschließlich der „New York Times“ berichteten darüber.


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Siehe aber auch das Lemma "The S.S. Desmond" in Frank Josephs "The Atlantis Encyclopedia", Career Press, 2005; sowie:Cayodagyo - a blog of mystery, unter: Ship SS Jesmond adventure and discovery of Atlantis; und den Thread 'Atlantische Artefakte?' beim ask1-Forum (abgerufen: 15.11.2013)
  2. Siehe: Odebolt Reporter, Odebolt, Sac County, Iowa, Freitag, 28. April 1882
  3. Anmerkung des Verfassers: Hier liegt vermutlich ein Übertragungsfehler vor, alle sonstigen Veröffentlichungen nennen die Längenbestimmung mit 31° 25´ Nord.
  4. Red. Anmerkung: Die oben beschriebene, redaktionelle Manipulation von eingereichten Meldungen kann sich - neben den erwähnten Streichungen - auch in willkürlichen Hinzufügungen vollziehen, was wir auch im vorliegenden Fall nicht außer Acht lassen sollten. Möglicherweise beruhte der Originalbericht über Kapitän Robsons Entdeckung auf 'kallharten', solide recherchierten Fakten, wurde jedoch in der Redaktion durch phantasievolle Ausschmückungen ergänzt, um die Meldung sensationeller zu gestalten.
  5. Red. Anmerkung: Zur S.S. Jesmond ergab die Recherche von Hills Folgendes: "Sie war ein eiserner Schrauben-Schoner, das heißt, sowohl mit Segeln als auch mit Dampfmaschinen (gebaut von Wallsend Slipway Co. in New Castle) [versehen]. In Dienst gestellt wurde sie im Dez. 1878 von C. Mitchell & Co. in Newcastle, [sie war] 252 Fuß lang [und] 33 Fuß breit, [hatte] 1495 Tonnen, und sie wurde schließlich nach Japan verkauft und ging in September 1925 als Tomashima Haru verloren. Zu dieser Zeit gehörte sie der Narasaki Kisen K.K. Ihre Signal-Buchstaben [orig.: signal letters; d. Red] waren S.G.L.R."
  6. Red. Anmerkung: ...und auch Kapitän Robson war eindeutig keine fiktive Person. Über ihn heißt es bei Hills: "Captain David Amory Robson wurde am 20. Oktober 1839 in in South Shields geboren, sein Kapitäns-Patent [orig: Master's Certificate] No. 27911 erhielt er im Januar 1872, und er verlegte seine Wohnanschrift 1880 nach Jarrow."

Bild-Quellen:

1) Cayodagyo - a blog of mystery, unter: Ship SS Jesmond adventure and discovery of Atlantis (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

2) ebd.

3) Google Maps / Bildarchiv Ferdinand Speidel (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

4) Donan.raven bei Wikimedia Commons, unter: File:Schooner Norseman.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)