Formale Aspekte zur Frage der Wissenschaftlichkeit von J. Spanuths Arbeit

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Abb. 1 Das Cover von J. Spanuths Erstlingswerk. Vor seinem Erscheinen legte er das Manuskript mehreren Fachwissenschaftlern zur Prüfung vor

(bb) Jürgen Spanuth betrachtete seine atlantologische Tätigkeit explizit als wissenschaftliche Forschungsarbeit, deren publizistische Umsetzung in Form und Struktur festgelegten Kriterien zu genügen hatte, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Für den klaren Vorsatz, mit seiner Theorie einem wissenschaftlichen Diskurs genüge zu tun, spricht auch die Tatsache, dass er sein atlantologisches Erstlingswerk - "Das enträtselte Atlantis", 1953 - (Abb. 1) zwar durchaus allgemeinverständlich (und in sofern 'populär-wissenschaftlich') formulierte, aber insgesamt als wissenschaftlich gehaltene Arbeit konzipierte, deren Stringenz er vor ihrem Erscheinen durch professionelle Fachleute überprüfen ließ.

Dazu hatte hatte der Pastor sein Manuskript Jahr 1952 vorab mehreren professionellen Fachwissenschaftlern zur Prüfung vorgelegt. Wer alles ein solches Exemplar zur Prüfung erhielt, wird sich vermutlich nicht mehr rekonstruieren lassen [1], aber immerhin zwei dieser Expertisen werden bei G. Gadow erwähnt. So erklärte etwa Prof. Dr. P. Paulsen in seinem Gutachten vom 1.6. 1949: "Nach eingehender Kenntnisnahme der wissenschaftlichen Arbeiten von Herrn Pastor J. Spanuth und nach Prüfung des Manuskriptes für ein Buch über das Thema >Enträtseltes Atlantis< erkläre ich hiermit, daß es sich dabei um sehr bedeutsame und wissenschaftlich wertvolle Forschungen handelt, die in jeder Hinsicht unterstützt werden sollten." [2]

Und Prof. Dr. Hermann Rose bescheinigte Spanuth in einer Mitteilung vom 31.7. 1952: "Ich habe das Manuskript des Herrn Pastor Spanuth über das Thema Atlantis gelesen, mich sehr über seine schöne und klare Darstellung gefreut und sie am 25. 7. meinem Nachfolger, Herrn Professor Dr. F.K. Drescher-Kaden, ebenfalls zur Durchsicht vorgelegt. Er hat sie mir heute zurückgegeben und mir ebenfalls versichert, daß er in ihr eine vorzügliche Leistung kennengelernt hat." [3]

Auch in späteren Arbeiten behielt Spanuth die betreffenden, einmal erreichten Standards bei, und war nicht zu diesbezüglichen Konzessionen bereit. So schrieb er etwa zu Wünschen aus seiner Leserschaft, eine Art vereinfachter, gekürzter 'Volksausgabe' seines Buchs von 1965 [4] ohne Appendix herauszubringen: "Es ist nicht möglich, alle diese Wünsche zu erfüllen. Der wissenschaftliche Apparat, also alle Zitate und Quellenangaben, ist nicht zu vermeiden. Die Lösung des Atlantisrätsels, die ich in meinen Büchern vorgelegt habe, ist so unerwartet und überraschend, daß ich mir den Vorwurf der Phantasterei zuziehen würde, wenn ich nicht jede These meines Buches durch die Forschungsergebnisse vieler Fachleute auf dem jeweils besprochenen Gebiet untermauert wird." [5]

Der Verfasser kommt somit, was die Wissenschaftlichkeit der Arbeiten des Holsteiners angeht, ZUNÄCHST weitgehend zum gleichen Schluss, wie er auch bei Wikipedia gezogen wird: "Es wird Spanuth folglich nicht gerecht, wenn er gelegentlich als dilettantischer Privatgelehrter oder versponnener Pseudohistoriker aus dem rechten Lager bezeichnet wird. Immerhin hat er auch Archäologie studiert, und an seinem überaus umfangreichen archäologischen und historischem Fachwissen und auch der fundierten altsprachlichen Bildung ist ohnehin nicht zu zweifeln. Seine Thesen mögen umstritten und überholt sein, aber seine Arbeitsweise folgte durchaus wissenschaftlichen Standards und sollte daher nicht leichtfertig als Pseudowissenschaft eingestuft werden." [6]

Wie wir jedoch inzwischen wissen, haben weder frühe Expertisen, noch später vorgebrachte, in der Sache wohlfundierte, Meinungen von schul-, grenz- und populärwissenschaftlicher Seite zugunsten seiner Seriosität als Forscher und der Diskussions-Würdigkeit seiner Ergebnisse Spanuth letztlich vor dem befürchteten Vorwurf der Phantasterei bewahrt. Und in der Tat gibt es offenbar auch berechtigte Kritik an Spanuths Arbeitsweise und es stellt sich die Frage, ob diese tatsächlich immer den hehren Ansprüchen genügte, die er für sich selbst konstatierte.

So kritisierte im März 2006) der Autor André Kramer in seinem Essay 'Die Kontroverse um das Helgoländer Kupfer' "eine teilweise schlampige Arbeitsweise" und erklärt:

Abb. 2 Gadows Reprint der Original-Karte aus Sprockhoffs Buch von 1931, die Jürgen Spanuth verfälscht haben soll. (Zur Vergrößerung bitte einfach das Bild anklicken!)

"Auch einige bewusste Manipulationen lassen sich bei Spanuth nachweisen, so gab er zum Beispiel eine Verbreitungskarte über Griffzungenschwerter wieder, die er bei Ernst Sprockhoff - Die Germanischen Griffzungenschwerter. Berlin und Leipzig 1931 [-] entnommen hatte. Um das ganze aber seinen Thesen anzupassen[,] machte er aus der Original Bildunterschrift >Verbreitung des gemeinen Griffzungenschwertes<, wie sie bei Sprockhoff auf Tafel 28 zu lesen ist, >Gemeingermanisches Griffzungenschwert<, was Gadow in seinem Atlantisbuch auf Seite 56 ebenfalls einfach so übernimmt." [7]

Nun mag man Spanuth ja vorhalten, dass er, wie andere Atlantis-Autoren auch, im Einzelfall bei seiner Atlantida-Exegese Platons Angaben und seine eigenen Interpretationen derselben nicht präzise genug getrennt hat [8], und auch seine Übersetzungen der Tempeltexte von Medinet Habu erscheinen bisweilen höchst interpretativ sowie auf die Stützung seiner These zum nordischen Ursprung der so genannten 'Seevölker' zugeschnitten [9]; als Nachweis bewusster Manipulationen des von ihm verwendeten Quellenmaterials ist das von Kramer vorgebrachte Beispiel jedenfalls denkbar ungeeignet und erscheint - mit Verlaub - 'an den Haaren herbeigezogen', wenn man den gesamten Vorgang bei Gadow nachliest.

Gadow präsentiert in seinem erwähnten Buch nämlich nicht nur (auf S. 56) als Reprint Sprockhoffs Original-Karte von 1931 (Abb. 2), sondern er macht auch die Geschichte dieser behaupteten Fälschung transparent, deren Ursprünge in der Rufmord-Kampagne gegen Spanuth zu suchen sind, welche Mitte des 20. Jahrhunderts von einer Wissenschaftler-Gruppe um den Kieler Geologen Karl Gripp inszeniert wurde [10]: "Die Vorgeschichte: Sprockhoff behauptete [...], die Hauptwaffe der >Seevölker< bei ihrem Angriff auf Ägypten >pflege man als >gemeines Griffzungenschwert< zu bezeichnen, nicht dagegen, wie Spanuth unter Änderung der Originalunterschrift [...] angibt, als gemeingermanisch.<

Spanuth empörte sich über diesen Vorwurf - zu Recht, denn Sprockhoffs eigene Veröffentlichung über die >Griffzungenschwerter< trägt den Titel Die g e r m a n i s c h e n [Hervorh. durch uns; d. Red] Griffzungenschwerter. Die von Sprockhoff unterstellte Änderung der Originalunterschrift seiner Verbreitungskarte durch Spanuth hat nie stattgefunden. Vielmehr hatte Sprockhoff einst selbst von einem >massenhaften Vorkommen< dieser >gemeingermanischen Griffzungenschwerter< in Nordeuropa gesprochen und wörtlich ausgeführt:

>Die behandelten Griffzungenschwerter nenne ich germanisch, weil ich mit den meisten Forschern der Meinung bin, daß die Bewohner des nordischen Kreises während der Bronzezeit, wenn nicht die Germanen selbst, so doch ihre unmittelbaren Vorfahren gewesen sind, die man also mit dem gleichen Namen glaubt belegen zu dürfen. Diese allgemein übliche Bezeichnung findet jedoch neuerdings vereinzelt Widerspruch. Man sollte danach für die Bronzezeit noch nicht von Germanen sondern nur von den Vorfahren der Germanen sprechen. Mir erscheint dieses Bedenken überkritisch und ich spreche deshalb einfach von Germanen der Bronzezeit...<" [11]

Weitaus ernster zu nehmen als der oben erwähnte Fälschungs-Vorwurf, den Kramer offenbar ungeprüft kolportiert hat, erscheint dem Verfasser dagegen die, durch umfangreiche Studien des Spanuth´schen Hauptwerks gestützte, Kritik der Arbeitsweise des 'Atlantis-Pastors' durch den Niebüller Heimatkundler und Atlantologie-Kritiker Albert Panten, der sich sehr intensiv mit Spanuths Arbeit und dessen Vorstellung eines 'friesischen Atlantis' befasst hat. [12]

Pantens Vorhaltungen laufen inzwischen sogar darauf hinaus, dass Spanuth in ganz erheblichem Umfang Junk-Science betrieben haben soll. "Die Untersuchung der Fußnoten bzw. Quellenangaben in Spanuths Büchern zeigt beim Vergleich mit den Original-Materialien deutlich, dass er in großem Umfang unzutreffend bzw. verfälschend zitiert hat", erklärte Panten dem Verfasser im Januar 2010 in einem Telefonat. "So zitierte er beispielsweise wiederholt völlig falsch aus alten friesischen Chroniken, die mir selber vorliegen." Auf die Rückfrage hin, warum dies in den Jahrzehnten zuvor noch niemandem aufgefallen sei, vermutet Panten: "Offenbar haben sich alle Spanuth-Kritiker bisher lediglich mit seinen Texten befasst, den Appendices seiner Schriften jedoch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Außerdem bedarf es natürlich besonderer, hoch spezialisierter Fachkenntnisse, um auf derartige Verfälschungen aufmerksam zu werden." [13]

Sollten sich diese Vorwürfe im Rahmen einer unabhängigen Untersuchung erhärten lassen, so wäre dies in der Tat ein nachhaltiger 'Schlag ins Kontor' für das Lager der Spanuth-Anhänger, denn damit wäre seine Reputation als Forscher definitiv in Frage gestellt. Jedenfalls müssen, gegen Spanuth gerichtete, Vorwürfe einer "schlampige[n] Arbeitsweise" und "bewusste[r] Manipulationen" grundsätzlich sehr differenziert betrachtet werden, da sie zumeist eben nicht - wie bei Panten - aus einer eingehenden Untersuchung der Fakten, sondern lediglich auf - wie bei Kramer - in gutem Glauben übernommenen Tatsachenbehauptungen basieren. Im folgenden Abschnitt wollen wir uns daher mit der 'Qualität' entsprechender Behauptungen befassen, die nicht zuletzt von renommierten Berufs-Wissenschaftlern stammen, und daher besonders nachhaltig zum gängigen Bild von Spanuth als 'Pseudowissenschaftler' beigetragen haben.


Fortsetzung:

Zur "wissenschaftlichen" Rezeption von Spanuths Atlantis/Helgoland-Theorie


Anmerkungen und Quellen

  1. Anmerkung: Zu positiven Stellungnahmen von Fachwissenschaftlern vergl. auch: 'Eine "illustre Gesellschaft" - Wer waren die (Fach-)Wissenschaftler, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts positiv über J. Spanuths Arbeiten äußerten?'
  2. Quelle: Gerhard Gadow, "Der Atlantis Streit - Zur meistdiskutierten Sage des Altertums", Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1973, S. 43
  3. Quelle: ebd., S. 43-46
  4. Siehe: Jürgen Spanuth, "Atlantis - Heimat, Reich und Schicksal der Germanen", Tübingen, 1965
  5. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, Einleitung, S. 10
  6. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: "Jürgen Spanuth", (Abschnitt: "Spanuths Publikationen in rechten Verlagen"), 27. März 2007
  7. Quelle: André Kramer, "Die Kontroverse um das Helgoländer Kupfer", in: MYSTERIA 3000, 15.03. 2006, online unter http://www.mysteria3000.de/wp/?p=203
  8. Anmerkung: So bezeichnete er etwa bei seiner Besprechung des platonischen Atlantisberichts die Hohepriester Sonchis von Theben und Psenophis von Heliopolis als Gesprächspartner Solons auf seiner Ägypten-Reise, ohne dies als eigene, auf Plutarch (46–120 n. Chr.) zurückgehende (und im übrigen historisch oder ägyptologisch durchaus begründbare!), Interpretation auszuweisen.
  9. Vergl. dazu: Horst Friedrich, "Velikovsky, Spanuth und die >Seevölker-Diskussion - Argumente für eine Abwanderung atlanto-europäischer spät-bronzezeitlicher Megalith-Völker gegen 700 v. Chr. in den Mittelmeerraum", 2. Auflage mit ausführlichen aktualisierenden Vorbemerkungen, (im Selbstverlag des Autors) Wörthsee, 1990, S. 80-86.
  10. Vergl. dazu: B. Beier, "Jürgen Spanuth - eine atlantologie-historische Betrachtung", Abschnitte: Zur "wissenschaftlichen" Rezeption von Spanuths Atlantis/Helgoland-Theorie sowie: Streit um Spanuth: Die so genannten 'Atlantis-Gespräche', Atlantisforschung.de
  11. Quelle: G. Gadow, op. cit., S. 51-55; Gadow zitiert aus: Ernst Sprockhoff, "Die germanischen Griffzungenschwerter", Berlin, 1931, Sp. V)
  12. Siehe etwa: Albert Panten, "Atlantis´ Untergang - Der griechische Philosoph Plato und Nordfriesland", Sonderdruck aus Nordfriesisches Jahrbuch 1993, Verlag Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt 1993
  13. Quelle: A. Panten im Telefonat mit B. Beier am 24.01.10


Bild-Quelle

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