Maltas erstaunliche Jungsteinzeit

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von Ferdinand Speidel

Abb. 1 1) Hypogäum Hal Saflieni und Tarxien Tempel; 2) Ggantija Tempel und Xaghra Steinkreis in Gozo; 3) Hagar Qim und Mnajdra; 4) Ta Hagrat und Skorba; 5) Borg-in-Nadur und Höhle Ghar Dalam; 6) Bugibba-Tempel und Tal Qadi

Wer Malta besucht und historisch - und besonders prähistorisch - interessiert ist, wird sich über die große Zahl an entsprechenden Fundstätten wundern. Die beiden Inseln des Archipels, Malta und Gozo, erlebten offensichtlich eine staunenswerte Kulturblüte in der Jungsteinzeit. Die von menschlicher Präsenz geprägte prähistorische Zeit wird nach kalibrierten C14-Daten in drei Epochen unterteilt:

  • Frühneolithische Periode: 5.200 bis 4.100 v.Chr.
  • Tempelperiode: 4.100 bis 2.500 v.Chr.
  • Bronzezeit: nach 2.500 bis ca. 800 v.Chr.

Die frühneolithische Phase ist dokumentiert durch Funde in der Höhle Ghar Dalam und die früheste Tempelanlage Skorba. Sie findet viele Parallelen in Sizilien und anderen Teilen Italiens.

Eine einmalige und eigenständige Entwicklung bescheinigen die Archäologen den beiden Inseln während der Tempelperiode. Der Beginn des Baus der großen Anlagen (Abb. 1) wird auf etwa 3.600 v.Chr. festgelegt, was sie nach Aussagen der Wissenschaftler zu den ältesten freistehenden Monumenten der Welt macht. Zu ihrem Bau wurden vor allem die auf den Inseln vorkommenden Kalksteine aus Globigerinen und Korallen verwendet. Zur Herstellung von Artefakten, wie z.B. Steinbeilen, wurden allerdings auch Steine wie Obsidian, Flint usw. aus Sizilien, Kalabrien und dem italienischen Alpenraum eingeführt. Ihre Bearbeitung stellte besondere Anforderungen an die Verarbeiter.

Abb. 2 Der große Innenraum des Hypogäums von Hal Saflieni

Die an den Ausgrabungen teilnehmenden Wissenschaftler, darunter der bekannte britische Archäologie Colin Renfrew, bestätigten den Menschen dieser Jungsteinzeitkultur, dass es zur Erstellung ihrer Monumente ein hohes Maß an Kreativität, technischer Organisation und der Fähigkeit zur Mobilisierung von Arbeitskräften für die Planung und Durchführung der Arbeiten bedurfte. Die Erbauer mussten hierzu erfahrene Architekte und ausgezeichnete Fachkräfte gewesen sein, die das Potential der Rohstoffe kannten und mit den Fertigkeiten der Bearbeitung und des Transportes ausgestattet waren.

Diese Kultur Maltas wird von der Wissenschaft als singulär eingeordnet, da sich nirgendwo sonst vergleichbare Monumente nachweisen lassen. So erstaunlich die Tatsache ist, dass zwei kleine Inseln wie Maltas und Gozo eine solche Konzentration prähistorischer Monumente aufweisen, so unerklärlich ist auch das Ende der Tempelkultur, die um 2.500 v.Chr. plötzlich verschwand. Es fällt auf, dass diese Anlagen an ihren Orten sehr häufig paarweise, in manchen Fällen auch in größerer Zahl, errichtet wurden, wie aus der Darstellung unten zu sehen ist.

Das wohl bekannteste und beeindruckendste dieser Monumente ist das Hypogäum von Hal Saflieni (Abb. 2), etwas südlich von Valletta. Mit seiner „negativen“ Architektur ist es bis zu einer Tiefe von fast elf Metern in den gewachsenen Fels gegraben worden, nach Aussagen der Wissenschaft geschah dies mit Stein- und Hornwerkzeugen. Wie die überirdischen Tempel verfügt auch das Hypogäum über einen Trilithon, einen Eingang aus zwei senkrechten und einem waagrechten Stein. Es wird angenommen, dass es vor allem als Begräbnisstätte und als Kultstätte verwendet wurde, und zwar von 3.800 bis 2.500 v.Chr. Bei den Ausgrabungen fand man Gebeine von etwa 7.000 Menschen. Leider, aber auch aus verständlichen Gründen, ist das Fotografieren verboten (deshalb hier Fotos von Wikimedia Commons). Das wohl bekannteste Artefakt aus dem Hypogäum ist die „Schlafende Dame“ (Bild) (jetzt im Archäologischen Museum in Valletta).

Abb. 3 Das Fragment der 'Magna Mater', hier noch in situ im Tempel von Tarxien. Inzwischen befindet es sich im Archäologischen Museum in Valletta. (Foto: Berthold Werner)

Nicht weit entfernt vom Hypogäum liegt der Tempel von Tarxien, der eigentlich aus vier baulich miteinander verbundenen Tempeln besteht. Er wurde zwischen 3.250 und 2.500 vC genutzt. Leider war die Anlage wegen Erhaltungsmaßnahme bei meinem Besuch geschlossen (wie übrigens auch eine Reihe anderer Stätten). Von dort stammt die Kolossalstatue der „Magna Mater“ (Abb. 3), einer ursprünglich etwa drei Meter hohen Statue, die jetzt ebenfalls im Archäologischen Museum von Valletta zu sehen ist. (Bild)

Auch die kleine Nachbarinsel Gozo, gut mit einer Fähre erreichbar, verfügt bei dem Ort Xagħra über zwei prähistorische Bauwerke, den Xagħra-Steinkreis ('Brochtorff Circle'), der ähnlich dem Hypogäum unterirdisch angelegt war, zu dieser Zeit aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich, und über das Ġgantija, einen Doppeltempel, der etwa 3.800 v.Chr. errichtet und später erweitert wurde. Wie fast alle maltesischen Tempel verfügen die beiden von Ġgantija über jeweils zwei hufeisenförmigen Doppelkammern.

Abb. 4 Ein stark in Mitleidenschaft gezogener Bereich der heute überdachten Megalith-Anlage von Ħaġar Qim (Foto: Ferdinand Speidel)

Einen weiteren Höhepunkt stellt der Besuch der beiden Tempel von Ħaġar Qim (Abb. 4) und Mnajdra dar, die an der Südküste Maltas liegen. Im Gegensatz zu der älteren Anlage von Ġgantija sind diese beiden durch Zeltkonstruktionen vor Witterungseinflüssen geschützt. Der ursprüngliche Bau von Ħaġar Qim geht auf 3.600 v.Chr. zurück, insgesamt wurde die Anlage bis 2.500 v.Chr. genutzt. Der größte Stein, der hier genutzt wurde erreicht eine Höhe von 3 m und eine Breite von 6,40 m.

Was besonders interessant erschien, waren zwei aufrecht stehende Steine (Bild), die im oberen und unteren Teil jeweils zwei 6 bis 7 cm große Löcher haben, die nach innen in einem Bogen scheinbar aufeinander zustreben und den Eindruck erwecken, als seien sie miteinander verbunden. Mein Versuch, dies mit dem Einwurf eines kleinen Steins zu prüfen, scheiterte. Offensichtlich hatten andere vor mir den Test durchgeführt, vielleicht auch mit zu großen Steinen, denn mit der Hand konnte ich eine Ansammlung erfühlen. Der gegenüber stehende Stein verfügte nur noch über die Löcher im unteren Teil, verursacht wohl durch Erosion oder Abbruch eines Teils des Steines. (Bild).

Abb. 5 Ein Blick ins Innere der Tempelanlage von Mnajdra (Foto: Ferdinand Speidel)

Verlässt man Ħaġar Qim, sieht man am Ende eines abwärts in Richtung Meer führenden Weges den Tempel von Mnajdra (Abb. 5). Es handelt sich ebenfalls um einen Doppeltempel, dessen Bau vor 5.800 Jahren erfolgte. Besonders imponierend erscheint hier ein riesiger Torbogen (Bild), der jedoch zu einem Teil dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel.

Nicht weit von dem Komplex Ħaġar Qim und Mnajdra entfernt, findet man mit etwas Glück einen von fünf oder sechs Orten in Malta und Gozo mit den so genannten „Cart ruts“, deren bekanntester wohl die „Clapham Junction“ ist (Bild). Nach der jüngsten wissenschaftlichen Auslegung handelt es sich dabei um Spuren, die durch schlittenähnliche Transportfahrzeuge mit „Steinkufen“ in den Kalksteinboden eingefräst wurden. Ihre Entstehungszeit wird in das 1. Jahrtausend v.Chr. datiert.

Abb. 6 Ein tatsächlich einzigartiges Artefakt: Dieses Miniatur-Modell eines maltesischen Megalith-Tempels wurde in der Anlage von Ta’ Ħaġrat entdeckt.

Zeitlich gesehen galt mein erster Besuch den Tempeln von Ta’ Ħaġrat (Bild) in dem Städtchen Mġarr und Skorba (Bild), nicht weit davon entfernt. Beide sind nur an drei Tagen geöffnet (Di, Do, Sa). Ta’ Ħaġrat gehört zu den älteren Tempeln und wurde von 3.600 bis 2.500 v.Chr. genutzt. Neben Gegenständen aus Flint, Jaspis und Obsidian (nicht heimischen Steinen) wurde hier auch das Modell eines Tempels 6 mal 5 mal 4 cm gefunden. (Abb. 6) Ähnlich wie in Ta’ Ħaġrat ist auch der Erhaltungszustand von Skorba ziemlich bescheiden. Skorba gehört neben der Höhle Għar Dalam zu den ältesten Siedlungsstätten Maltas, deren Nutzung ab 5.400 v.Chr. nachgewiesen ist.

Ein Besuch des Tempels von Borġ-in-Nadur in Birżebbuġa im Südosten der Insel verlief leider erfolglos, da wie an vielen anderen Stellen ein Kartenverkauf nur an einer behördlichen Stelle, oder wie hier, in dem etwas entfernten Höhlen-Museum Għar Dalam möglich ist.

Abb. 7 Skizze des Fragments der Sternkarte von Tal Qadi, das die astronomischen Fägigkeiten der maltesischen Megalithiker belegt.

Auch der Besuch des Tempels Bugibba im gleichnamigen Ort war nicht möglich, da er auf dem Gelände eines Hotels liegt, wo mir der Zugang verwehrt wurde. Mit dem gleichen negativen Erfolg gekrönt war mein letzter Versuch, den Tempel von Tal Qadi aufzusuchen. Wegen Bauarbeiten waren alle Zugangsstraßen gesperrt. Dieser Tempel ist erwähnenswert, weil dort eine Steinplatte von 29 x 23,5 x 5 cm gefunden wurde, auf der die Menschen jener Zeit ganz offensichtlich Aufzeichnungen über Sterne und den Mond machten, die in den Stein geritzt sind. [1] Die Steinplatte ist ein Fragment einer ursprünglich wahrscheinlich viel größeren Platte, auf der der Himmel von einem zentralen Punkt aus in Segmente unterteilt wurde. Die nebenstehende Abbildung (Abb. 7) ist eine Nachskizzierung eines Fotos der Steinplatte.

Insgesamt erlaubte mir der Malta-Besuch viele interessante Einblicke. Um sie abzurunden, las ich auch einige fachbezogene Literatur. Sie bezeugt Bewunderung für diese singuläre Inselkultur, ihre einmaligen Leistungen, die dahinter steckenden intellektuellen, technischen und organisatorischen Fähigkeiten. An keiner Stelle fand ich dagegen die Frage erörtert, wie groß eine Bevölkerung zu sein hat, die sich auf einer Fläche von 316 km2 unter den damaligen Bedingungen durch agrarische Produktion ernähren muss und wie groß der Anteil des zur maximalen Produktion notwendigen Bevölkerungsteils sein müsste. Die restliche Bevölkerung würde den Teil darstellen, der zum Tempelbau und allen dazu gehörigen Arbeiten verfügbar wäre, und der zugleich aus hochausgebildeten, erfahrenen Fachkräften bestehen würde.

Oder verfügte der Mensch der Jungsteinzeit noch über Fähigkeiten, die uns Heutigen auf dem Weg der Evolution verloren gingen? [2]


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Ferdinand Speidel wurde von ihm im Oktober 2015 für Atlantisforschung.de erstellt.

Fußnoten:

  1. Siehe dazu online: Peter Kurzmann, "Die neolithische Sternkarte von Tal-Qadi auf Malta", 25. Juli 2014, bei: Archäologie Online
  2. Red. Anmerkung: Zu einer weiteren möglichen Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellen lässt, siehe bei Atlantisforschung.de: Stammen die megalithischen Strukturen auf Malta aus der 'Jungsteinzeit'? von Johannes Horn

Bild-Quellen:

1) Bild-Archive Ferdinand Speidel / Atlantisforschung.de
2) A. Pace / A-bg1978 bei Wikimedia Commons, unter: File:Сканирование0018.jpg (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
3) Berthold Werner bei Wikimedia Commons, unter: File:Malta Hal Tarxien BW 2011-10-04 12-42-08.JPG
4-7) Bild-Archive Ferdinand Speidel / Atlantisforschung.de