Punt, das unentdeckte Land

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Überlegungen zum legendären Goldland nach einer privaten Forschungsreise ans Rote Meer im Jahr 2016

von unserem Gastautor Frank Grondkowski

Abb. 1 Eine Karte des Roten Meeres. Von seiner Ostküste aus machten sich ägyptische Schiffe vor Jahrtausenden zu Handelfahrten nach Punt auf. Aber wo lag dieses sagenhafte 'Goldland'?

Archäologen fanden am Roten Meer (Abb. 1) Überreste von Booten, die einmal mehr beweisen, dass die Ägypter zur Zeit der Pharaonen schon regen Seehandel betrieben hatten. Die Wissenschaftler von den Unis Boston und Neapel fanden in fünf Höhlen südlich der ägyptischen Stadt Safaga Reste von Tauen sowie Planken, die beim Beladen der Boote benutzt worden sein sollen. Laut Altertümerverwaltung in Kairo entdeckten die Archäologen außerdem Überreste mehrerer Kisten. Eine davon ist besonders interessant, gibt sie doch einen Hinweis auf ein sagenumwobenes, bis heute unbekanntes Goldland. Auf ihr sind, wie es heißt, Hieroglyphen zu lesen, die übersetzt so viel bedeuten, wie "Wunder des Landes" - neben einem beschädigten Schriftzug, den ägyptische Forscher als den Namen von Pharao Amenemhet III. identifiziert haben wollen.

Und so hoffte ich, 80 Kilometer südlich von Hurghada und 60 Kilometer nördlich von al-Qusair Überreste dieser Grabungen zu finden. Das Wadi Gasus, welches sich von der Arabischen Wüste zum Roten Meer hin öffnet, war nur Dank einheimischer Hilfe und viel Glück zu entdecken. Trotz der Koordinaten: 26° 34' 0" N, 34° 1' 60" E ohne GPS und Ortskenntnis ein schwieriges Unterfangen. Letztlich zeigte mir ein altes verrostetes Ortsschild mein Ziel an. Standen hier auch James Burton und Sir John Gardner Wilkinson, bevor sie Anfang des 19. Jahrhunderts in der Nähe zwei mit Hieroglyphen versehene Stelen entdeckten? Die erste dieser Stelen wurde von einem Beamten namens Chnumhotep im ersten Jahr der Herrschaft des Sesostris I. aufgestellt.

Abb. 2 Die Mündung des Wadi Gasus ins Rote Meer. Hier suchte Frank Grondkowski 2016 nach Spuren des Handels mit Punt.

Die zweite Stele berichtet von der Expedition eines Kapitäns namens Chentchtaywer im 28. Jahr des Regnums von Amenemhet II. (etwa 1842 bis 1795 v. Chr.). Sie erwähnt, wie seine Schiffe, nach einer sicheren Reise aus Punt kommend, am Hafen von „Saww“ anlegten. Den antiken Hafen konnte man etwa zwei Kilometer südlich mittels einiger altägyptischer und römischer Fundstücke lokalisieren. Sie ergaben, dass Saww eindeutig als Mersa Gawasis identifiziert werden kann und dass zur Zeit des Mittleren Reiches von hier aus Handelsschiffe nach Punt absegelten und schließlich auch wieder landeten.

Als gesichert gilt, dass dieses Land existiert haben muss und dass die Ägypter schon ab der 5. Dynastie (etwa 2490 bis 2475 v. Chr.) Handel mit Punt trieben. Der Palermostein nennt für das letzte Regierungsjahr des Pharao Sahures die Ankunft von Handelsgütern aus dem Land Punt, was impliziert, dass zu dieser Zeit eine Expedition dorthin entsandt wurde. Der Stein beinhaltet eine dementsprechende Einkaufsliste: 8000 Einheiten des duftenden Baumharzes Myrrhe habe der Pharao empfangen, ferner Elektron und eine Legierung aus Gold und Silber. Das Land des Goldes, des Silbers und des Weihrauches galt wohl als so mystisch, dass die Ägypter ihm auch den Namen „Ta netjer“ gaben – „Land der Götter“. Und so entsandten die Pharaonen Ägyptens von der 5. Dynastie bis zur Regierungszeit Ramses III. (1183 bis 1152 v. Chr.) immer wieder Handelsexpeditionen dorthin. Diejenigen, die den Weg zurück an den Nil fanden, brachten so atemberaubende Schätze mit, dass die Herrscher an den Wänden ihrer Grabkammern und Tempel für die Ewigkeit davon berichteten.

Abb. 3 Der Autor Frank Grondkowski (rechts) mit einem ebenso freundlichen wie ortskundigen Ägypter, der ihm half, das Das Wadi Gasus zu erreichen

Ein solcher Bericht über eine Expedition nach dem Goldland ist im Totentempel der Königin Hatschepsut (1479 bis 1458 v. Chr.) in Deir al-Bahari zu finden. Die ursprünglich bunt bemalten Reliefs schildern eine dreijährige Schiffsexpedition in das sagenhafte Land, um von dort märchenhafte Dinge mit nach Hause zu holen. Die abgebildete Flora und Fauna ist voller Hinweise auf ein Reiseziel irgendwo in Afrika. Die Fische sind naturgetreu dargestellt, darunter auch Rochen, sodass Biologen sie dem Roten Meer und dem Indischen Ozean zuordnen können. Wo genau lag es nun, dieses sagenhafte Land der Reichtümer? Überliefert sind zwar Listen aller möglichen Pretiosen, aber keine Wegbeschreibung, keine Landkarte, nicht ein einziger Hinweis auf die genaue geographische Lage. Irgendwann während des Neuen Reiches (ab 1550 v. Chr.) ging das Wissen um den Weg dorthin verloren, und Punt verschwand im Reich der Legenden. Die Suche nach diesem 'Land der Götter' wurde zu einem Puzzlespiel, an dem sich Forscher bis heute versuchen.

Abb. 4 Abbildung eines ägyptischen Handelsschiffs auf der Fahrt nach Punt im Totentempel der Königin Hatschepsut

Hier verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Mythos. Einerseits die detaillierten Darstellungen und die namentliche Nennung des Landes; andererseits existiert ein altägyptischer Papyrus aus der Zeit der 12. Dynastie, auf welchem Punt als surrealer Ort darstellt wird. Diese Erzählung auf dem Papyrus Sankt Petersburg 1115 ist wie folgt überliefert: Der Berichterstatter erzählt von einer Expedition, die Schiffbruch erlitt, den er als einziger überlebte. Er war auf einem großen Schiff mit 120 tapferen und fähigen Männern unterwegs zu den königlichen Minen, als das Schiff von einem Sturm erfasst und zerschmettert wurde. Eine Welle trug den Erzähler an die Küste einer Insel, während alle seine Kameraden starben. Drei Tage und Nächte verbrachte er dort alleine und verzweifelt. Dann versuchte er, etwas zu essen zu finden und stellte fest, dass auf der Insel alles Benötigte im Überfluss vorhanden war. Da war nichts, was es dort nicht gab. Er brachte ein Brandopfer als Dank für die Götter dar. Plötzlich sah sich der Gerettete dem Herrn der Insel gegenüber:

Abb. 5 "Doch eines Tages fiel ein Stern auf die Insel herab und alle starben in Flammen." Verweist diese Stelle der Erzählung auf dem Papyrus Sankt Petersburg 1115 auf ein protohistorisches Impakt-Ereignis?


Da hörte ich einen donnernden Lärm,
und ich dachte: das ist die Woge des Meeres;
Bäume splitterten, die Erde bebte.
Da enthüllte ich mein Gesicht,
und sah: eine Schlange war es, die da kam.
Sie war 30 Ellen lang,
ihr Bart war größer als zwei Ellen.
Ihre Glieder waren goldbedeckt,
ihre Augenbrauen aus echtem Lapislazuli,
und sie war nach vorne aufgerichtet.


Die Schlange fragte den Schiffbrüchigen, wie er hergekommen sei: Wer hat dich hergebracht, wer hat dich hergebracht, Kleiner? Sie drohte ihm: Wenn du zögerst, mir zu sagen, wer dich zu dieser Insel brachte, so werde ich dafür sorgen, dass du dich als Asche wiedererkennst, geworden zu einem, den man nie gesehen hat. Als der Verängstigte allerdings nicht sofort antworten konnte, tat ihm die Schlange nichts, sondern verschleppte ihn in ihre Behausung. Hier konnte er nun antworten und berichtete von seiner Situation. Die Schlange beruhigte ihn schließlich: er solle sich nicht fürchten, er sei auf der Insel des Ka [1] gelandet und prophezeite ihm, wenn er vier Monate auf der Insel verbracht habe, werde ein Schiff kommen und ihn heim bringen.

Abb. 6 Die Glieder des rätselhaften Schlangenkönigs "waren goldbedeckt" und seine "Augenbrauen aus echtem Lapislazuli...“ Eine Anspielung auf die aus Punt nach Ägypten exportierten Schätze? (Bild: Ein Lapislazuli-Block aus dem Oman)

Die Schlange berichtete nun ihrerseits über ihr eigenes Schicksal - eine 'Geschichte in der Geschichte in der Geschichte'. Sie lebte auf der Insel mit ihren Brüdern und Kindern, insgesamt 75 Schlangen, und dazu noch seine kleine Tochter, die ihm die Liebste von allen war. Doch eines Tages fiel ein Stern auf die Insel herab (Abb. 5) und alle starben in den Flammen. [2] Sie war zufällig nicht dort, doch als sie zurückkam, erkannte sie, dass ihre ganze Familie tot war und sie in Einsamkeit auf der Insel zurückblieb. Nach Beendigung der Geschichte versprach die riesige Schlange abermals, dass der Schiffbrüchige nach Hause zurückkehren werde. Dieser verbeugte sich vor ihr und versicherte, dass er dem Pharao von ihrer Größe und Macht erzählen würde, und dass er Reichtümer als Zeichen der Verehrung schicken werde. Die Schlange lachte ihn aus und sagte, dass sie alle diese Dinge doch schon besitze, sie sei der Fürst von Punt. Wenn der Schiffbrüchige nach Hause käme, könnte er nicht mehr zurück, da die Insel im Meer versinken werde. Es kam so, wie die Schlange gesagt hatte. Als der Schiffbrüchige gerettet wurde, versank die Insel im Meer. Er kehrte zurück mit vielen Schätzen, die ihm die Schlange geschenkt hatte, und brachte sie dem Pharao dar. [3]

Befinden wir uns hier in einem gedanklichen Widerspruch? Die Fakten belegen eine tatsächliche Existenz des sagenhaften Goldlands und die Märchen berichten uns von einem mystischen Ort. Könnte es sein, dass die Expeditionen nach Punt und die wertvollen Güter die Phantasie des einfachen Volkes so beeindruckten, dass sie diese im Reich der Legenden ansiedelten? Ist es Seemannsgarn, wenn der überlebende Seemann von donnernden Lärm, bebender Erde und einer Schlange mit Augenbrauen aus echtem Lapislazuli (Abb. 6) erzählt, um seine Rettung dramatischer darzustellen? Glaubt man der Darstellung im Tempel der Königin Hatschepsut, welche die königliche Familie von Punt beschreibt, wirken die Bewohner wieder sehr menschlich mit Schwächen und Stärken. Diese Inschriften erläutern, dass es sich dabei um Parihu und seine Frau Ati handelt sowie um die zwei Söhne und die Tochter des Paares.

Abb. 7 Die Beziehungen zwischen Ägypten und Punt waren keineswegs nur freundschaftlicher Natur. Im Krieg zwischen dem Reich der Pharaonen und Kush im alten Nubien (Bild) waren die Herrscher von Punt offenbar Alliierte der Kushiten.

In seiner Kleidung unterscheidet sich Parihu nicht wesentlich von den Ägyptern. Auch er ist in eine Art Lendenschurz gekleidet, der bis zu den Knien reicht. Sein Kinn schmückt ein am Ende nach oben gebogener Bart. Am Nil durften lediglich die Götter und die verstorbenen Pharaonen ihren Bart auf diese Art tragen. Parihus Frau Ati ist reich geschmückt. An Hand- und Fußgelenken trägt sie Ringe, um den Hals eine Kette und um den Kopf ein Stirnband. Doch weder der Schmuck noch ihr gelbes Kleid können von der grotesken Hässlichkeit der Herrscherin ablenken. Dicke Fettwülste hängen an ihren Armen und Beinen. Der Rücken biegt sich zu einem krankhaften Hohlkreuz, ihr unförmiges Hinterteil ist dadurch weit herausgestreckt. Die Tochter des Paares ist offensichtlich noch jung, doch auch bei ihr zeigen sich erste Anzeichen von Fettleibigkeit und verkrümmter Wirbelsäule, während ihre Brüder schlank und aufrecht nebeneinander her schreiten.

Nicht immer waren die Beziehungen zwischen Ägypten und Punt friedlich und freundschaftlich, wie Forscher 2003 entdeckten: Im Grab des Sobeknakht (etwa 1575 bis 1550 v.Chr.) in Theben fanden sie 22 Zeilen Hieroglyphen. Der Text erzählt ein Kapitel der ägyptischen Geschichte, das Chronisten anderswo im Nilland wohl verschwiegen haben: Die Eroberung Ägyptens durch das Land Kusch schon während der späten 17. Dynastie, nur rund 100 Jahre bevor Hatschepsut am Nil regierte. Kusch, auch als Nubien bekannt, liegt im Süden Ägyptens, im heutigen Nordsudan. Die Inschrift im Grab des Sobeknakht bezeichnet die Kämpfe im Zuge der Invasion aus dem Süden als „die schwersten seit der Zeit der Götter“. Und sie nennt auch den damals wichtigsten Alliierten der Kuschiten: Punt.

Es fällt schwer, die archäologischen Funde und detaillierten Überlieferungen mit den Legenden, Märchen und den überlieferten Beschreibungen zu verbinden, dazu sind die Inhalte zu verschieden. Die Gemeinsamkeiten sind die unsagbaren Reichtümer, die sich auf beiden Seiten wiederholen und die Ähnlichkeit mit anderen Mythen. So setzten Forscher das Land Ophir, aus dem König Salomo sein Gold geholt haben soll ebenso in einen geographischen Zusammenhang mit Punt, wie „Ta netjer“ das Land der Götter. Man könnte versuchen, die Göttergruppe der Kenmeti-Paviane, das Auge des Re, das Wissen über den speziellen Bootsbau oder die Entwicklung der Handelsbeziehungen zu beschreiben, zu hinterfragen und auch miteinander zu verknüpfen, denn das gehört alles irgendwie zum Thema 'Punt'. Doch um die Gesamtheit zu erklären, zu verstehen, oder gar das geheimnisumwitterte Goldland lokalisieren zu können, sollte man Folgendes berücksichtigen: Mythen erheben einen Anspruch auf Geltung für die von ihnen behauptete Wahrheiten und für die Naturwissenschaften ist Realität das, was der wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich ist. Kann man sich wirklich auf nur eine Interpretation festlegen, oder kommt man erst dann zu einer Lösung, wenn man Mythos und Realität verbindet und das Ergebnis akzeptiert?


Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Frank Grondkowski (©) wurde erstveröffentlicht in: Q´PHAZE - Realität anders! Nr. 3 / 2016 Ausgabe 43, 11. Jahrgang. Bei Atlantisforschung.de erscheint er im Juni 2018 in einer redaktionell bearbeiten Online-Fassung.

Fußnoten:

  1. Anmerkung des Verfassers: Der Ka ist in der altägyptischen Mythologie ein Aspekt des Seelischen, der den physischen Tod des Menschen überdauert. Unter den unterschiedlichen Interpretationen des Ka in der Forschung sind die Deutungen als Doppelgänger des Menschen, als sein Schutzgeist und als Personifikation der Lebenskraft hervorzuheben. (Quelle: Wikipedia)
  2. Red. Anmerkung: Diese Erwähnung eines vom Himmel gefallenen, eine Feuersbrunst auslösenden 'Sterns' dürfen wir wohl als mythisierte Überlieferung eines Impakt-Ereignisses interpretieren, was auf harte historische Kerne in der märchenhaft wirkenden Geschichte des Schiffbrüchigen schließen lässt.
  3. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Geschichte des Schiffbrüchigen" (abgerufen: 19. Juni 2018)

Bild-Quellen:

1) Eric Gaba (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Red Sea topographic map-de.svg (Lizenz: Creative Commons, Attribution-Share Alike 4.0 International, 3.0 Unported)
2) Bild-Archiv Frank Grondkowski
3) ebd.
4) Newman Luke (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:C+B-Ship-Fig1-HatshepsuSailingBoat.PNG
5) inquisitr.com, unter: Tunguska Event Meteorite Theory Debunked By Russian Scientists; nach: The Project Avalon Forum, unter: Fresh doubts cast on Tunguska impact theory
6) fr:User:Luna04 (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Lapis lazuli block.jpg (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“)
7) Udimu (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Nubia NASA-WW places german.jpg